Tracklist
01. Space Heater
02. Ærlig Talt
03. Stellar Suicide
04. Freak Flag
05. Hundromshelvete
06. Ain’t Home No More
07. Tusen Takk
08. Radiophobia
09. Forventninger
10. Holy Ghost
11. Kipu Kivi
12. Anti-Nation Blues
Besetzung
Timo Silvola – Gesang, Banjo, Gitarre
Hanna Fauske – Gesang, Bass
Tony Gonzalez – Gitarre, Chor
Viktor Kristensen – Schlagzeug, Percussion
Oh man wie geil ist denn das bitte? »True Norwegian Blackgrass« klingt schon auf dem Papier wie ein Witz, den sich jemand nach drei Bier, zwei Darkthrone-Platten und einem Banjo-Workshop ausgedacht hat. In der Praxis ist das zweite Album von Twin Serpent aber deutlich mehr als eine schräge Genre-Pointe. Das Quartett aus Trondheim nimmt Country, Punk, Bluegrass, Garage Rock, Folk und ein bisschen norwegische Schwarzmetall-Aura, wirft alles in einen rostigen Güterwaggon und lässt das Ding mit brennenden Achsen durch die Prärie des Nordens rumpeln.
Dabei ist »True Norwegian Blackgrass« kein Black-Metal-Album im klassischen Sinne. Wer Blastbeats, Leichenbemalung und Satan im Wohnzimmer erwartet, wird hier vielleicht erst einmal ratlos am Met-Horn nuckeln. Stattdessen gibt es verzerrte Banjos, kratzige Duett-Vocals, schrägen Humor, viel Punk-Attitüde und diese angenehm kaputte Energie, die irgendwo zwischen Kneipenschlägerei, Scheunenfest und okkulter Lagerfeuerandacht pendelt. Das klingt nach Chaos, ist aber erstaunlich geschlossen. Twin Serpent wissen offenbar sehr genau, was sie da tun. Sie tun es nur so, als hätten sie vorher alle Bedienungsanleitungen angezündet.
(Hört hier »True Norwegian Blackgrass« von Twin Serpent)
Schon »Space Heater« macht klar, dass hier niemand vorsichtig die Tür öffnet. Der Song stolpert nicht ins Album, er springt mit Stiefeln voran hinein. Punkige Hektik, Garage-Rock-Rauheit, kehlige Stimmen und ein rhythmischer Vorwärtsdrang, der eher nach entgleisendem Zug als nach gemütlichem Country-Abend klingt. Der Titel wirkt fast ironisch: warm wird einem tatsächlich, allerdings eher so, wie einem warm wird, wenn plötzlich jemand im Saloon die Möbel anzündet.
Mit »Ærlig Talt« zeigt sich dann direkt die andere Seite der Band. Der Song ist verspielter, schräger und melodischer, ohne seine kantige Grundhaltung zu verlieren. Timo Silvola und Hanna Fauske funktionieren als vokales Doppelgespann hervorragend. Dieses Wechselspiel aus rauem Druck und hellerer, eigenwilliger Melodieführung hält die Platte zusammen, selbst wenn musikalisch gerade wieder Banjo, Punkgitarre und nordischer Wahnsinn um denselben Barhocker kämpfen.
»Stellar Suicide« bringt die kosmische Komponente ins Spiel. Schwarze Löcher, Selbstauflösung, Existenzgrübeln – das klingt zunächst nach Progressive-Metal-Konzeptalbum mit drei Bonustracks über Quantenphysik. Bei Twin Serpent wird daraus aber ein kompaktes, treibendes Stück zwischen Folk Punk und Noir-Garage, das düster funkelt und trotzdem nach vorne geht. Genau hier liegt eine der Stärken des Albums: Die Band kann große Themen anreißen, ohne sich selbst zu ernst auf dem Altar der Bedeutungsschwere zu opfern.
BANJO, BIER UND DUNKLE ECKEN DES INTERNETS
»Freak Flag« ist der offensichtliche Hit der Platte. Der Song kommt mit Trainbeat-Galopp, Cow-Punk-Drive und einem Refrain, der sich direkt festbeißt. Inhaltlich geht es aber nicht nur um schrille Selbstbehauptung, sondern um die dunkleren Seiten digitaler Begierden, verzerrte Körperbilder, Pornografie-Normalisierung und die Frage, was das Netz mit Menschen macht, wenn aus Freiheit plötzlich Verwertung wird. Das klingt in der Theorie schwer, wird hier aber mit so viel Energie und Trotz serviert, dass man gleichzeitig nachdenken und mit dem Stiefel aufstampfen kann. Genau so muss ein guter Außenseiter-Song funktionieren.
»Hundromshelvete« dreht die Schraube noch einmal in Richtung kaputter Folk-Punk-Exzentrik. Der Song wirkt wie ein Betrunkener, der sehr genau weiß, wo er hinwill, aber unterwegs unbedingt noch drei Laternen umarmen muss. Gitarren, Rhythmus und Vocals geraten in eine herrlich schiefe Bewegung, die nicht planlos wirkt, sondern bewusst aus der Spur fährt. »Ain’t Home No More« nimmt danach Tempo heraus und zeigt die verletzlichere Seite von Twin Serpent. Liebe, Verlust und emotionale Kälte stehen im Raum, ohne dass die Band dafür plötzlich zum Lagerfeuer-Kitsch mutiert. Das Stück ist rau, melancholisch und gerade deshalb einer der stärkeren Momente.
Mit »Tusen Takk« folgt ein kurzer, zunächst fast zurückgelehnter Track, der aber nicht lange gemütlich bleibt. Twin Serpent spielen gern mit Brüchen, und genau diese kurzen Explosionen halten das Album lebendig. »Radiophobia« zieht anschließend die Zügel wieder an und bringt eine apokalyptischere Note hinein. Hier riecht es weniger nach Heuboden, mehr nach verstrahltem Roadmovie. Der Song ist einer der druckvolleren Beiträge und beweist, dass die Band auch dann funktioniert, wenn der Punk-Anteil stärker nach vorne rückt.
TRUE NORWEGIAN SELTSAMKEIT
»Forventninger« bringt wieder diese nordische Volkslied-Nähe ins Spiel, allerdings elektrisch aufgeladen und mit schiefer Kante. Das Stück zeigt, dass Twin Serpent ihre Herkunft nicht als Folklore-Postkarte behandeln, sondern als Klangfarbe. Es geht nicht darum, ein paar traditionelle Elemente dekorativ über Punkrock zu streuen. Die Band lässt diese Einflüsse tatsächlich in den Songs arbeiten. Das macht »True Norwegian Blackgrass« eigenständig und verhindert, dass der Begriff Blackgrass nur wie ein lustiger Sticker auf der Plattenhülle klebt.
»Holy Ghost« ist einer der rundesten Songs des Albums. Der Song hat Energie, Melodie, diesen leicht gospelhaften Schmutz unter den Nägeln und genug hymnische Kraft, um live vermutlich bestens zu zünden. Wenn diese Platte irgendwo den Punkt findet, an dem Scheunenfest, Punkclub und dunkle Kapelle kurz dieselbe Tür benutzen, dann hier. »Kipu Kivi« geht danach stärker in eine melancholische Richtung. Finnische Sprache, bedrohliche Untertöne und ein reduzierterer Folk-/Country-Schatten geben dem Stück eine andere Farbe. Das ist kein Durchhänger, sondern ein wichtiger Ruhepol, bevor der Abschluss noch einmal seine Botschaft in den Staub ritzt.
»Anti-Nation Blues« beendet das Album mit politischem Unterton, Blues-Groove und einer gewissen trotzig-müden Haltung. Der Song ist weniger wild als manche Nummer zuvor, aber als Finale stimmig. Nach all dem Krach, dem Humor, der Rebellion und dem schrägen Genre-Hopping bleibt am Ende ein Stück, das nicht auf große Explosion setzt, sondern auf Haltung. Twin Serpent sind keine Band, die Parolen glattbügelt. Sie lassen den Dreck dran. Gut so.
KLANG, CHARAKTER UND WIRKUNG
Produktionstechnisch klingt »True Norwegian Blackgrass« angenehm lebendig. Das Album wurde nicht steril poliert, sondern behält seine rauen Kanten. Banjo, Bass, Gitarren, Schlagzeug und die beiden Stimmen bekommen genug Raum, um sich gegenseitig anzurempeln, ohne dass alles in einem einzigen Kneipenknäuel verschwindet. Gerade bei so einem Stil-Cocktail ist das wichtig. Eine falsche Mischung, und das Ganze kippt entweder in alberne Genre-Parodie oder in unhörbares Durcheinander. Twin Serpent balancieren erstaunlich sicher auf dieser wackeligen Holzbrücke.
Natürlich ist diese Platte nichts für jeden Tag und jeden Geschmack. Wer mit Country grundsätzlich nur Zahnarztmusik für Pick-up-Werbung verbindet oder bei Banjo sofort an unfreiwillige Familienfeiern denkt, braucht vielleicht zwei Durchläufe mehr. Auch der Black-Metal-Anteil liegt eher in Atmosphäre, Haltung und Ästhetik als in musikalischer Orthodoxie. Das kann enttäuschen, wenn man aufgrund des Titels eine frostige Prügelplatte erwartet. Wer aber offen für schrägen Folk Punk, Garage-Rotz, Bluegrass-Twang und dunkle Außenseiterromantik ist, bekommt hier ein Album, das mehr Eigencharakter besitzt als viele sauber sortierte Genreplatten.
FAZIT:
»True Norwegian Blackgrass« ist ein wunderbar eigenwilliges, ruppiges und erstaunlich liebenswertes Album. Twin Serpent nehmen Country, Punk, Bluegrass, Folk, Garage Rock und Lo-Fi-Black-Metal-Ästhetik, vermengen alles mit nordischem Humor, politischem Biss und einer ordentlichen Portion Kneipenwahnsinn – und kommen damit erstaunlich weit. Das hätte auch ganz furchtbar in die Hose gehen können. Stattdessen klingt es, als hätte jemand eine völlig bekloppte Idee gehabt und dann tatsächlich genug Songwriting-Verstand besessen, sie durchzuziehen.
Die stärksten Momente sind »Space Heater«, »Freak Flag«, »Ain’t Home No More«, »Radiophobia«, »Holy Ghost« und »Kipu Kivi«. Nicht alles ist sofort eingängig, nicht jede Ecke sitzt perfekt, und wer musikalische Ordnung liebt, wird zwischendurch vermutlich nach einem Notausgang suchen. Aber genau diese Unordnung macht den Reiz aus. »True Norwegian Blackgrass« ist kein Album, das in die Reihe treten will. Es steht lieber daneben, trägt Schlamm an den Stiefeln, ein Banjo über der Schulter und grinst, als hätte es gerade Darkthrone zum Square Dance eingeladen.






