Chris Laut ist einer der sympathischsten Musiker die ich in all´ den Jahren zum Interview bitten durfte. Der sehr faire Ober-Ohrenfeindt trifft mit seiner Musik den Nerv etlicher Bluesrocker und AC/DC Fans, kann auf eine respektable beruflich-musikalische Vergangenheit zurückblicken und hat zu meinen vielen neugierigen und ausgiebig bis ausufernden Fragen noch eine Menge mehr zu erzählen…Selten an einem Montagmorgen so gute Laune gehabt und mich sinnvoll so lange unterhalten! Legt das neue Werk der Vollgasrocker aus St. Pauli ein und lest selbst…denn wer OHRENFEINDT nicht kennt, hat die Rockwelt verpennt!

Moinsen nach Hämburch, ist´s noch zu früh für „Showtime“?

Moin. Nein das geht, bin schon seit 8 wach.

Na dann sollte das ja kein Problem werden. Also: SHOWTIME! Vielen Dank das du dir für uns (viiieeeel) Zeit genommen hast, steht ja bestimmt derzeit arger Promo- und Interviewtrubel an…

Ja, es geht, es ist alles noch zu bewältigen.

Meine erste Frage die mir schon seit Jahren unter den Fingern brennt:
Entspringt euer Bandname wirklich einem älteren Hörspiel der singenden Herrentorte Helge Schneider?

Ja, das ist wirklich so. Er geht in diesem Stück als Komponist zu einem Musikverlag und stellt sich vor:
„Guten Tag, Ohrenfeindt mein Name. Ich hätte da ein paar Partituren mitgebracht…“ 😀

Ok, damit wäre das geklärt…Kommen wir zum Album „MOTOR AN!“.
Liest Du alle Reviews?

Ja, ich habe ´ne Menge Reviews gelesen, habe auch versucht alle zu lesen. Ist ja immer die Frage, ob man alle gefunden hat oder bekommt aber ich denke, das ich im Großen und Ganzen alle gelesen habe.

Dann wirst du ja auch festgestellt haben, das so ziemlich allen Schreiberlingen euer aktueller Dreher sehr gut gefällt. Was sagst du zu den bisherigen Reaktionen?

Also ich bin sehr zufrieden. Ich habe bis jetzt nirgends gelesen, das es jemanden nicht gefallen hat und das war ja der Plan, es soll ja dem Hörer gefallen.

Machen sich solche Vorschusslorbeeren bereits jetzt auf die Verkaufszahlen bemerkbar, ist z.B. die limitierte Box komplett vorbestellt, gar ausverkauft?

Ja, ich habe noch 2 in meinem kleinen Verkaufslager und beim Label liegen auch nur noch knapp 10 Stück rum, also dann sind die 500 Stück weg. Da kann man irgendwie nicht meckern, es ist ja immer so: zum einen interessiert es was da zu hören ist, und zum anderen, was drin in so ´ner Box ist…will sagen: die Beilagen sozusagen, die das ganze abrunden, müssen auch stimmen. Letztes Mal hatten wir den Boxhandschuh der ganz ok war und diesmal ist es diese Zündkerze und danach sind die Leute regelrecht verrückt.

Sind OHRENFEINDT eigentlich eine richtige gefestigte Band oder ist es eher Chris Laut mit bekannten und befreundeten Musikern?

Hahaha, das ist eine gute Frage…
Mein Bestreben ist schon, das OHRENFEINDT eine richtige Band ist, aber wenn eine Band solange läuft, hast du immer Verwirbelungen in der Geschichte. Der eine geht mal studieren und steigt aus (so ist´s in der Anfangsphase gewesen), oder es wird jemand zum 2. Mal Vater und nun geht diese Mucke nicht mehr, oder es geht zeitlich nicht, oder ich kann´s mir nicht leisten,…denn grade am Anfang, bevor du Geld verdienst, musst du ja erst mal ordentlich Geld reinstecken.
Bevor du davon lebst, lebst du dafür!

Da sagen dann manche Leute mit der Zeit, ich habe ´nen anderen Lebensplan…

Und als wir dann ins Profilager wechselten, da wurde die Sache mit Dennis Henning ja stabil von 2004 – 2013, Stefan hat´s 5 Jahre gemacht, Flash Ostrock war 3 ½ Jahre dabei…und mit der Zeit kamen auch Abnutzungserscheinungen, wie du sie vllt. auch von Beziehungen kennst;
Du verliebst dich, beschließt mit ihr alt zu werden und 10 Jahre später merkst du: Ahhhh, irgendwie haben wir nicht mehr das, was wir mal hatten und vllt. finden wir es auch nicht mehr wieder…so das es 2013 nochmal ´nen Wechsel gab…aber das Streben nach einem Bandkonstrukt ist definitiv da.

Wo kommen Keule und Andi her. Kommen sie aus anderen Bands oder sind´s gänzlich unbekannte „Frischlinge“ im Rock´n´Roll Circus?

Keule hat schon in ich weiss nicht wievielen Bands gespielt, ist damit ein alter Hase.
Ich habe ja auch ´ne AC/DC Coverband gemacht und unser „Etat-Angus“ hatte keine Zeit also brauchte ich jemanden der diese Position spielt und fragte im Freundes- und Bekanntenkreis, ob jemand Jemanden kennt, der einen kennt…und Jörg Sander (Gitarrist bei Udo Lindenberg, hat auf dem „Auf die Fresse ist umsonst“-Album auch ein Solo eingespielt) sagte:
„Ich kenn´da einen, ein ganz verrückter Typ, ich geb´dir mal die Nummer“…und das war Keule. Ist jetzt schon ein paar Jahre her.

Als es jetzt darum ging die Band neu zu besetzen stand Keule natürlich bei mir ganz oben auf der Liste und das hat sich dann auch so ergeben.

Dazu ein dickes Dankeschön an Thorsten Mewes von DIE HAPPY der zwischendurch gut 1 Jahr bei uns aushalf und sich alles von OHRENFEINDT raufzog, letztendlich aber es zeitlich nicht mehr mit DIE HAPPY unter einem Hut bekommen hat.

Keule wurde dann gefragt, ob er den Job nicht ganz übernehmen will, und die Antwort war:
„Klar, habe ich Bock drauf!“ So kam Keule an Bord! Andi hat hier in Hamburg in vielen lokalen Bands mitgespielt und ausgeholfen, hat auch ´ne feste Band (Plenty Of Nails). Ich habe offiziell ´nen Trommler gesucht (u.a. auch via Facebook, das tat ich auch bereits bei der Gitarristensuche), und bekam so um die 50 Antworten, die zum Teil auch aus dem Ausland kamen…ich hatte da Bewerber aus Kanada, aus den Niederlanden…man wundert sich, wer denn alles in so ´ner Band aus Hamburg spielen will (was einem auch ein gutes Gefühl gibt), und ich habe dann gesagt, dass ich jemanden aus Hamburg haben will.
Es ist einfach besser, wenn man irgendwie schnell zusammenkommen kann, wenn zum Beispiel etwas wichtiges zu besprechen ist…
Irgendwie geht immer alles, doch dazu musst du schon einiges an Aufwand und Organisation aufbringen und viel Geld ausgeben, nur um etwas zu besprechen. Und es dauert halt, kannst nicht mal schnell sagen: Los Jungs, Kaffee trinken, es gibt was zu beschnacken! Deswegen möchte ich lieber mit Leuten zusammenarbeiten, die nur ´ne Armlänge entfernt sind, anstatt auf ´nem anderen Kontinent leben.

Und dann lief ich so durch Hamburg, ging auf Konzerte und sah mich mal um, traf den Andi in 2 verschiedenen Bands und dachte mir: So…der könnte passen, habe ihn dann gefragt, mit ihm geprobt und zack: passte es auch! Andi ist jetzt seit 2013 dabei, eigentlich seit dem Release von „Auf Die Fresse..“, welches ja noch vom jetzigen TORFROCK Drummer Stefan Lehmann eingezimmert wurde (vielen Dank und Respekt auch an ihn, weil er einsprang und das Album auf den Punkt treffend eingetrommelt hat) und Keule ist so gesehen seit 2014 dabei.

Ich las, das du sämtliche Songs bis zum Eintritt von Keule und Andi, allein geschrieben hast. Ist das so?

Ja, bis auf den Song „Egal“ vom „Auf die Fresse…-Album“, bei dem ich Henny Wolter (u.a. NITROGODS, THUNDERHEAD) im Studio bat, mir auszuhelfen was auch super geklappt hat.

Ein sehr erfahrener Musiker, den ich in meiner Not fragte, ob er mal bei mir auf´m Album die Gitarre spielen kann.
„Kein Ding, mach ich“ war die Antwort dieses wirklichen coolen Typen; er kam, sah und machte einen wirklich geilen Job. Er hatte noch ´nen Song übrig für´s Album und wir hörten uns die Nummer an…geile Nummer, nehmen wir!
Es gab zu dem Text ´ne Rohfassung, den haben wir dann zusammen zu Ende entwickelt…soll heißen:
Henny hat den Song komponiert und den Text haben wir gemeinsam verfasst…und das ist der einzige Song auf´nem OHRENFEINDT Album, der nicht komplett aus meiner Feder stammt, bis halt zum aktuellen Album.
Ich habe mir immer gewünscht, als Band gemeinsam Songs zu schreiben / zu komponieren doch das wurde in den vorigen Bandkonstellationen nie wirklich so angenommen, wahr genommen. Es wurde nix zugeliefert.
Es dauert ja bei mir immer ungefähr 1 Jahr bis so´n Album fertig ist, von dem Moment an wo du beschließt, neue Songs zu schreiben. So ungefähr verlief es diesmal auch, jeder setzte sich im August / September 2014 für ca. 2 Monate hin, schrieb und komponierte. Wir gingen dann gemeinsam in den Proberaum (was davor ja nicht wirklich notwendig war) und haben dann an den Songs gefeilt, haben unsere Ideen weiterentwickelt und im Endeffekt entstanden dabei 7 Songs aus meiner Feder und 5 Songs die wir zusammen geschrieben haben, was ich sehr schön finde, weil das der Platte den richtigen Geschmack gibt. Es ist eine hörbar echte, Bandplatte. Nicht nur Chris, um den ein paar Leute spielen…und auch wenn sie fest zur Band gehörten, ist es doch ein ganz anderes Gefühl.

Hahaha, das war meine nächste Frage…seid ihr nun eine Band die sich regelmäßig im Proberaum trifft und jammt bis was steht oder schiebt ihr euch Files zu…

Das Ding ist, mir ist jede Methode recht, die funktioniert. Ob nun backstage, ´ne Stunde vorm Auftritt in München, wo jemanden beim Klimpern ein Riff einfällt, der nächste den Beat dafür parat hat…oder jemand daheim ´ne Idee hat und sie dem Nächsten als Datei rüberschiebt…oder man zusammen im Proberaum sitzt -eigentlich sind wir ja ´ne Band die nicht probt weil wir soviel und kontinuierlich über´s Jahr hinweg spielen und wir wohl mehr spielen als manche Band probt- deswegen haben wir unseren Lagerraum zu einem temporären Proberaum umfunktioniert, dann jammen wir und die nächsten Ideen sind da…
Mir sind so ziemlich alle Methoden recht, die zum Ziel führen.

Wie läuft das bei dir mit dem Songwriting, sprudelst du regelrecht über vor Ideen, hast du genug im Hinterkopf?

Ehrlich gesagt, das ist so phasenweise unterschiedlich…es gibt solche Monate, da denke ich überhaupt nicht ans Songschreiben, weil ich ja ganz andere Sachen im Kopf habe…
Wir sind ja ´ne Band, die sich z.B. keinen Manager leistet also musst du die viele Arbeit selbst bewältigen. Dann ist der Kopf halt nur da um Buchhaltung zu machen, Gigs und Touren vorzubereiten, die Autos dafür anmieten, usw… Und dann gibt es wieder so´ne Phasen wo ich ständig neue Ideen habe, die ich dann auch sofort festhalte. Wirklich, das ist sehr sehr unterschiedlich.

Und wie funktioniert das bei dir mit den Texten? Setzt du dich ins nächste Cafe, beobachtest deine Umwelt?

Das kommt sicherlich auch mal vor, aber es ist bei mir die Inspiration. Ich brauch so´nen Funken, der das auslöst…mal ist es die Plakatwand an der ich vorbeilaufe und eine Zeile lese die mir gefällt und mir auch einfällt, was man daraus alles machen kann. Und wenn es letztendlich nicht die Zeile ist, dann ist es vielleicht die nächste Zeile, die man dann benutzt.
Ich weiß nicht wie das andere machen, aber für mich funktioniert das am besten, wenn ich 1,2,3 Schlagwörter habe, einen Spruch, eine Bemerkung aus einem Gespräch hängen bleibt…wenn diese Worte eine gewisse Kraft haben dann entsteht meist etwas daraus. Der Rest ist dann Handwerk. Reine Trainingssache denn wenn man das inzwischen so viele Jahre macht, entwickelt man für sich die „Werkzeuge“ und Mechanismen die man dafür braucht und funktionieren.

War es für dich wieder an der Zeit dem Verein FC St. Pauli zu huldigen oder ist das eine für dich / von dir selbst auferlegte Pflicht?

Hehe…das ist inzwischen so´n Running Gag geworden… 😉
Wenn das mal nicht so wär auf Platte, dann ist es halt so, dann fällt einem grade nix dazu ein…
Aber es ist so.
St. Pauli ist nun mal der Platz an dem ich lebe, arbeite und der FC St. Pauli ist nun mal der Verein mit dem ich schon immer als Fan eng verbunden bin, so wie andere halt ihren BVB oder FCB oder 1.FC Köln hoch halten…
Wenn du viele viele Jahre Fan deines Vereins bist, dann ist der ja auch in deinem Herzen, und dann ergibt sich das bei mir irgendwie automatisch, das ein Song damit zu tun hat.

Nur Dauerkarte oder auch Mitglied?

Nee, ich habe nur ´ne Dauerkarte.
Ich bin, was Vereinsmitgliedschaften angeht, immer etwas kritisch aber das ist so eine innere Haltung von mir, ich bin nicht gern Mitglied in einem Verein.

Gibt es auf dem aktuellen Album Songs oder Texte bei denen du dir wünschst, das sich der Hörer damit mehr, bzw. intensiver mit auseinandersetzt?

Das ist immer schwer zu beantworten…
Ich wurde vor kurzem gefragt, welches denn nun mein Lieblingssong auf dem Album ist und ich antwortete:
„Die ersten 12!“ 😉
Frag´mal ´ne Mutter von Vierlingen, welches Kind sie zuerst bei ebay reinsetzen soll…und wenn du so´n Album veröffentlichst, bist du Vater von Zwölflingen und ich kann nicht sagen, ob ich einen Song mehr oder weniger lieb hab´… Es kommt später beim Proben das Gefühl auf, welchen Song du lieber in der Liveshow spielst…weil sie vielleicht besser in die Dramaturgie der Show passen oder nicht passen, auf Platte besser funktionieren und umgekehrt…gibt auch Songs die live besser funktionieren als auf Platte…

Steht das auch für die kompletten Werke aus der Vergangenheit oder gibt es Songs bei denen du dir denkst oder dich fragst, ob man die vielleicht hätte besser machen können oder sagst du ausnahmslos, die sind und bleiben so wie sie sind?

Nee…das gibt’s ja immer! ´Ne Platte ist ja immer eine Momentaufnahme…deswegen ja auch immer der klassische Satz:
„Das ist das beste Album das wir je gemacht haben“…und das stimmt ja auch in dem Moment! Wenn ich es noch besser hätte machen können, hätte ich es auch besser gemacht. Und das vorige Album habe ich ja auch genauso gut gemacht, wie ich in der Lage war es zu diesem Zeitpunkt zu machen, denn das ist ja immer der Ansatz:
Ich will in dem Moment ja immer das Beste abliefern, was ich kann, insofern ist der Satz auch richtig. Das ist das Beste was ich in diesem Moment abliefern konnte.
Aber in den nächsten 1,2,3,4 Jahren, wenn ich vielleicht wieder 1-2 neue Tricks auf dem Bass lerne oder neue Gesangswege beschreite, ´ne geilere Textidee habe oder oder oder…dann fließt das natürlich ins nächste Album mit ein und deshalb ist es schwierig in der Retrospektive zu sagen:
„Hach, den Song hätte man besser nicht so gemacht!“
In dem Moment als du ihn gemacht hast, war es ja ´ne gute Idee, sonst hättest du ihn ja nicht so gemacht. Ich finde es auch kontraproduktiv, es bremst einen aus wenn man nur zurück guckt und sich sagt: „Ach hätte ich das bloß anders gemacht, und hätte ich das bloß anders gemacht,…“
Es ist positiv mal zurück zu schauen und wenn einem mal was auffällt, das man etwas verbessern kann, dann mach ich das auch.

Gibt es ´ne OHRENFEINDT Ideen-Jukebox, gesammelte Werke oder landen auf jedem Album ausschließlich frische Ideen?

Grundsätzlich eigentlich eher frische Ideen…also ich speichere schon meine Ideen für mich ab, in meinem Kopf. Ich bin nicht so der Typ der zu jeder Möglichkeit ein Riff / eine Idee in sein Handy singt oder gar Dateien anlegt.
Es gibt Leute, die arbeiten so und das ist auch gut wenn es funktioniert, aber für mich funktioniert das nicht.
Ich habe das alles in meinem Kopf und brauche nur schnell die Gitarre zur Hand um diese Idee auszubauen.
Aber, es gibt immer wieder ´nen Song den wir mal in der Vergangenheit hatten und aus irgendwelchen Gründen nicht auf´s Album gepasst hat. Von der Spielzeit her, oder in den Ablauf der Platte nicht passte…und dann ging das Ding erst mal auf Halde.
Auf „MOTOR AN!“ ist´s „Betriebsfest“, ein sehr sehr alter Song von mir den ich schon lang in der Schublade hatte und immer wieder mal machen wollte, aber der wurde irgendwie nie fertig. Lange dran rumprobiert, gemerkt: das ist es noch nicht ganz!
Und nun kamen noch 1,2 Ideen dazu und der Song wurde reif!

Knappe 21 Jahre OHRENFEINDT!
Was ist deine Bilanz wenn du auf 6 Studioalben, div. Singles & EP´s, div. Livescheiben und unzählige Gigs zurückblickst? 21 Jahre, in denen es mit der Band eigentlich nur aufwärts geht und nun lauter als je zuvor eure Anhängerschaft mit neuen Songs beglückt? Was denkst und fühlst du dabei? Wie erklärst du dir das, was bedeutet das für dich, und kannst du von deiner Musik leben?

Hmmm…. Naja, es ist mein Lebenswerk wenn du so willst. Ich habe das angefangen, da war ich ungefähr 30, als ´ne Hobbygeschichte und hätte damals nie erwartet, das daraus mehr wird. Ich hatte damals noch ´nen Day-Job und habe Musik eher zum Ausgleich gemacht, so wie es viele tun. Habe ´nen Job und brauchst ein Hobby um im Kopf auch wieder klar zu werden; der eine geht Tennis spielen, der andere fährt Autorennen und ich habe eine Band gegründet.
Es hat ja auch lange gedauert…wir haben ja erst nach 9 Jahren das 1. Album rausgehauen, bis dahin war es halt Hobby. Dann hat sich dieses Hobby zum Beruf entwickelt, ich habe halt einfach gemerkt, das da noch mehr geht…
Es war schon ein Kindheitstraum von mir, von Musik zu leben doch ich habe mich davor nicht getraut, bzw. ich habe vorher nicht geglaubt, dass es geht. Dann stehst du halt mal vor dieser Weggabel das noch mehr gehen würde, wenn 1-3 Mosaiksteinchen zur richtigen Zeit an die richtigen Stellen fallen und dir das genug Sicherheit gibt, das du den Flachköpper ins unbekannte Wasser machen kannst… Entweder es klappt oder du holst dir ´ne blutige Nase und kannst deinem alten Day-Job wieder nachgehen, bleibst dann auf der Musik-als-Hobby-Schiene. Oder du machst es gar nicht, wirst aber dann nie erfahren, ob es geklappt hätte. Und ich bin so der Typ der sagt:
„Ich probier´s zumindest mal…“
Das habe ich dann auch gemacht und 2003 erschien dann das Album „Schmutzige Liebe“. Von da an bekam es so eine Art Eigendynamik…
Du machst ein Album, die Plattenfirma investiert Zeit und Geld in dich, du entwickelst dich, lernst unendlich viel aus dem Geschäft dazu, mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger auch „blutig“…je nach dem, wieviel Glück du hast und auch Engagement du reinsteckst, siehst genau hin wie dieses Geschäft so funktioniert, mit wem du reden musst, welche Wege du gehen MUSST um bestimmte Ziele zu erreichen….und dann merkst du halt:
Ok, es läuft, mal kuck´n ob nicht nicht noch mehr läuft! 😉
Und so ging es dann halt irgendwie immer weiter.
Von meiner Musik kann ich zum Glück schon seit einer ganzen Weile leben, im Prinzip so seit Mitte der 2000er, und das ist ein großartiges Gefühl…
Der Kern der ganzen Geschichte ist:
Du hast Musik in dir, die raus will – du hast Texte in dir, die raus wollen! Das schreibst du auf, bringst das auf ´nen Tonträger und es gibt genug Leute, denen das auch etwas bedeutet. Menschen, denen das was du erschaffst, in irgendeiner Form für deren Leben etwas gibt. So das sie dann die Platte kaufen, zum Konzert kommen und ein Shirt kaufen und dir damit ermöglichen, das du so weitermachen kannst.
Das ist ein Traum. Ein Traum von seiner Musik leben zu können. Das schaffen nur die wenigsten Bands und ich bin jeden Tag auf´s neue dankbar, das wir halt Fans haben die uns das ermöglichen.
Dazu muss man auch sagen:
Die Fans sind diejenigen, die eine Band tragen. Es sind diejenigen, die am Ende des Tages meine Miete zahlen und meinen Kühlschrank voll machen und wenn die das nicht täten, könnte ich nicht in der Form Musik machen. Ich werde auch nicht müde das in Interviews zu wiederholen:
Ein Fan, der in ein Konzert von mir kommt, schenkt mir einen Tag seines Lebens; der hat sich damit befasst wo wir spielen, Ticket(s) organisiert, der fährt mit seinen Kumpels irgendwo hin, muss u.U. Mitfahrgelegenheit suchen, ggf. ´nen Babysitter ranholen, An- und Rückfahrtzeit von vllt. 1-? Stunden, noch im Konzertsaal ein Stündchen rumstehen und einen Haufen Geld ausgibt, wofür er auch viele Stunden hart gearbeitet hat. Und damit das fair bleibt, muss ich sozusagen mit diesen 2 Stunden Konzert komprimiert ihm das wiedergeben, was er an Stunden mir geschenkt hat, damit es ein fairer Deal ist und der Fan sagt:
„Schön war´s“ und nicht: „hat nicht weh getan, muss ich aber nicht wieder haben…“
Das ist unser Anspruch: Derjenige der zu einem OHRENFEINDT-Konzert kommt, oder ´ne Platte kauft oder ein T-Shirt, der muss auch einfach zufrieden sein! Und offensichtlich kriegen wir das bei genügend Menschen hin, die uns wiederum ermöglichen das auf dem hohen Level weiter zu tun, ggf. sogar einen Level weiterbringen.

Seit wann machst du Musik und welche Instrumente beherrschst du noch außer den Bass?

Ich habe 1977 angefangen. Da habe ich Mundharmonika in einer Bluesband gespielt, dazu spiele Bass und Gitarre. Gitarre nicht wirklich gut, aber gut genug um Songs drauf zu schreiben. Ich singe und so ganz rudimentär kann ich auch Klavier spielen, aber es reicht zum komponieren – so als öffentliche Veröffentlichung will das keiner sehen 😀

Warst Du schon immer beruflich im Blues und Rock´n´Roll involviert oder hast du in deiner Karriere auch andere Bands und Genre kennengelernt, die dich u.U. weiterbrachten?

Ich habe mit dieser Bluesgeschichte angefangen, danach habe ich so eine Metalkapelle gemacht. Da kamen grad so Bands wie Judas Priest & Iron Maiden hoch, New Wave Of British Heavy Metal nannte man das damals so, sowas habe ich dann auch ´ne Weile gemacht…dann habe ich irgendwie so´ne Sleazerockgeschichte gemacht, zwischendurch auch noch so´n Jazz-Duo gemacht…ich hab schon eine Menge komisches Zeug gemacht. Ich habe eine AC/DC Coverband gemacht, ich hab ´ne ABBA Coverband gemacht,..
Also ich bin da auch eigentlich relativ offen für verschiedene Dinge und wenn mich ein Projekt reizt, dann mache ich das einfach mal. Und wenn ich denke, das ist jetzt ausgereizt, dann lasse ich es wieder. Und wenn nicht, mache ich weiter…

Ihr seid bereits in diesem Jahr ordentlich auf Tour unterwegs gewesen, wird es für dieses Jahr noch ´ne Rutsche Dates geben?

Ja, wir sind tatsächlich ab dem 16. Oktober wieder unterwegs und spielen dann bis auf wenige Unterbrechungen bis Mitte Januar. Der Beginn ist in Kiel,..(Die genauen Daten entnehmt bitte der Bandhomepage oder FaceBook, oder,…), im Januar sind wieder dann wieder klassisch gewohnt in Bremen…und dann ist ja da noch der Jahres-Abschluss-Gig im Hamburger Grünspan am 26.12.2015. Das ist immer eine ganz besondere Show, da lassen wir uns immer was einfallen, da lassen wir es überraschend krachen. Da fahren wir entweder monstermäßiges Licht auf, oder wir haben einen Stargast, oder oder oder…
Wovon wir vorher auch gar nicht viel verlauten lassen wollen, denn es soll ja auch eine Überraschung sein. Das ist immer ein sehr nettes Ding, der Grünspan ist dann relativ voll, es kommen immer besonders viele Gäste die uns jahrelang begleiten und nicht aus Hamburg stammen, sondern aus Köln, Leipzig, München, Zwickau,… die sich einfach sagen: Das gönnen wir uns, Weihnachten mit OHRENFEINDT, und dann bleiben alle über Silvester in Hamburg.

Coole Sache, kann man das nicht mit einer Jubiläumsshow in Verbindung bringen?

Das haben wir Anfang des Jahres gemacht, wir hatten da unsere 20 Jahre Jubiläumstour am laufen. Bandgründung hatten wir im Dezember also hätte es noch nicht auf der Herbsttour gepasst, deshalb nahmen wir uns dem auf der Frühjahrstour 2015 an und überlegten uns, das wir die Fans über die Setlist abstimmen lassen sollten und dann haben wir diese Umfrage gemacht und auch gestaunt, was so die Hits der Fans sind…man hat ja selbst ein anderes Gefühl für die Songs → betriebsblind! Und plötzlich hast du da eine Liste von 20-25 Songs, die vielleicht schwierig in diese Dramaturgie einer Liveshow einzubringen sind, weil du plötzlich 4 oder 5 Balladen dabei hast, sowas passiert dann eben auch 😀
Aber trotzdem glaube ich, haben wir das auf unserer Jubiläumstour ganz gut hingekriegt!

Wer postet eigentlich fleißig die News, etc. auf Facebook, bist du das persönlich oder habt ihr da ´nen Band-Intimus der das erledigt? Dasselbe gilt übrigens auch für eure ansehnliche und informative Homepage…

Nee, das machen alles wir selbst. Die Homepage mache ich und auf Facebook teilen sich das Andy und ich…Keule postet auch immer munter auf der Seite…das ist relativ gleich verteilt.

Eure Musik ist ja nicht nur hörbar von den Australiern beeinflusst, der geneigte Fan hört ja auch Sounds „Purple´scher“ Art, ein bißchen Led Zeppelin, Slash, die anderen Australier, `ne Menge Blues, aber auch hardrockende bis metallische Ansätze,…trotzdem nennen euch die meisten der Fans die „deutschen AC/DC“. Was ist aus deiner Sicht der Hauptgrund dafür, euch doch ausschließlich mit Angus & Co. in einem Atemzug zu nennen?

Da gibt es mehrere Gründe. Das eine ist halt meine Stimmenfarbe. Das zweite ist, das wir halt viele Songs in der Machart haben, die von AC/DC stammen könnten und der Mensch braucht ja auch immer ein einfaches Etikett zum vergleichen. Man kann auch sagen:
„die klingen wie eine Mischung aus…“ und 15 Bands nennen doch bei der 8. Band spätestens hat jeder abgeschaltet 😀
Dann sagst du lieber „wie AC/DC auf deutsch“ und dann weiß jeder, wo die Richtung hingeht! Ich klinge nun mal so´n bißchen danach und Stimme ist ja das, was Du immer so als erstes wahr nimmst. Ich glaube, wenn du mal Leute fragst die sich nicht beruflich mit Musik befassen, gern Musik hören aber sich nicht wirklich tief reinknien, dann hören die immer zuerst auf die Stimme.
Niemand dieser Hörer wird sagen:
„Oh, die Gitarre klingt aber eher nach einer LesPaul und die klingt eher nach einer runtergestimmten Fender…“
Das machen die nicht, das machen Menschen die sich für Gitarrensound interessieren. Aber der normale Konsument, Verbraucher, Hörer, Fan, macht das nicht. Der hört sich die Mucke an, entweder berührt ihn das oder nicht und da ist, glaube ich, der größte Transporteur immer die Stimme des Sängers.
Meine Stimme klingt halt nach AC/DC, ich denke, da kommt es letztendlich her.

Auf dem Album „Schwarz auf Weiss“ ist der Song „Wenn die Sonne untergeht“. Auf der Single „Sie hat ihr Herz an St. Pauli verloren“ gibt es die Nummer mit dem Sänger von In Extremo im Duett.
Aus meiner Sicht ist das der so ziemlich düsterste, ja melancholischste Song in eurer Diskografie. Wie kam es dazu, ist zu dem Zeitpunkt irgendetwas persönliches oder wegweisendes bei dir vorgefallen um mit Michael „Das letzte Einhorn“ Rhein diese großartige Nummer aufzunehmen?

Nein, gar nicht.
So was kann natürlich auch passieren. Bei „Valerie“ (2011, „Schwarz auf Weiss“) zum Beispiel, gibt es eine reale Hintergrundgeschichte… Aber bei „Wenn die Sonne untergeht“…
Ich fand die Zeile einfach gut!
Da habe ich tatsächlich irgendwie irgendwo gesessen und gesehen, wie die Sonne untergeht und da fiel mir so ein: ist ja eigentlich ´ne geile Zeile:
„Wenn die Sonne untergeht“
Der schöne Tag ist vorbei…das war so die Idee, die Essenz hinter dem Song.
Dazu hat´s dann noch ein düsteres Riff gebraucht und dann habe ich Michael mal auf dem Kiez getroffen (wir kannten uns von diversen Festivals wo wir uns über´n Weg gelaufen waren) und habe ihn einfach gefragt:
„Kannst du dir vorstellen, das du was mit mir als Duett zusammen singst?“
Er meinte, ich soll´s ihm vorspielen; wir gingen zu mir, ich spielte ihm den Song auf der akustischen Gitarre vor und er sagte:
„Ja, mache ich!“
So, das war jetzt erst Mal so gesagt!
Ein paar Monate später im Studio habe ich dann überlegt, ob ich ihn jetzt deswegen einfach mal so anrufen kann. Die haben ja auch immer genug zu tun, und wahrscheinlich hat er vor allem jetzt auch besseres zu tun ,als zu ´ner kleinen Hamburger Band ins Studio zu fahren und da jetzt mal eben seine Zeit dafür zu opfern um den ganzen Tag im Studio zu stehen.
Gut, wenn du nicht fragst, kriegste auch keine Antworten. Ich rief dann an und fragte:
„Michael, ist das noch on, machst du das“?
„Ja klar“, und dann tauchte er 2-3 Tage später hier im Studio auf und hat das fantastisch auf´s Band genagelt. So geil, das wir dann beschlossen, wir machen nicht nur die Duett-Version sondern auch 2 einzelne Versionen (eine mit ihm, eine mit mir) weil seine Version einfach unfassbar gut ist.
Da merkst du, warum In Extremo so groß sind…weil die einfach einen Sänger haben der das so unfassbar mit einer unbeschreiblichen Essenz transportieren kann, was dieser Song auch braucht und darum habe ich auch gesagt, Hut ab und Respekt das der Micha das so gemacht hat.
Da ist auch nie Kohle hin- und hergegangen, das war einfach ein Akt der Freundschaft, das er gekommen ist und diesen Song eingesungen hat. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.

Spielst du lieber auf der großen Bühne oder bevorzugst du Clubs?

Das ist immer so ´ne Frage, die kann man gar nicht so richtig beantworten, also ich nicht so richtig beantworten.
Ich spiele gern.
Ich muss sagen, ich mach auch Solo-Auftritte und dann sitze ich mit meiner akustischen Gitarre auf ´ner Geburtstagsfeier wo jemand 50 geworden ist und seine Freunde dafür zusammengeschmissen haben. Dann sitze ich da, spiele in einer kleinen Kneipe vor 20-30 Leuten irgendwo in der Lüneburger Heide, und das ist supergeil und macht unfassbar Spaß.
Dann stehst du wiederum als Support von den Toten Hosen vor 25.000 Leuten auf ´ner 40 Meter Bühne…
Solange da Leute stehen, die mir das Gefühl geben, das das, was ich mache nicht für´n Arsch ist und sie irgendwie bewegt oder berührt oder es ankommt…bin ich ich irgendwie immer happy.
Ich will nur raus und spielen. 🙂

Gibt es Shows die dir ein Leben lang ganz besonders im Kopf bleiben weil sie eben besonders gut oder besonders scheiße waren?

Ja, gibt es sicherlich… Es gibt so 2,3 Shows wo so viel schiefgelaufen ist wo du dir sagst:
„Ohh…das möchte ich so nicht mehr erleben“! Das sind meist Dinge im organisatorischen Bereich, nicht mal im Bühnenbereich. Nach so vielen Jahren Bühnenerfahrung kannst du irgendwelche Pannen noch irgendwie auffangen, was dann technisch schiefgeht…
Wir hatten mal in Augsburg ´ne Show, das war vor ca. 2 Jahren, noch mit Thorsten Mewes…
Da gab es halt ´nen Stromausfall mitten in der Show. Komplett zappenduster im Saal, nix ging mehr. Wir haben auch immer 1-2 Akustik-Gitarren an Bord, falls wir doch mal unterwegs an irgendwelchen Ideen rumbasteln und jammen wollen.
Thorsten sprintete also hinter die Bühne um die Gitarren zu holen und ich habe in der Zeit Gedichte von Torfrock´s Klaus Büchner aufgesagt… 😀
Wir waren ja eine ziemlich lange Zeit mit Torfrock unterwegs gewesen und der Klaus Büchner liest zwischen den Songs immer ein paar kleine Gedichte vor und die sind richtig witzig.
3 davon habe ich noch zusammenbekommen und die Leute ganz gut unterhalten. Dann kam Thorsten auch schon mit den Gitarren wieder und irgendwie ging es dann ohne Mikrofon, ohne alles, weiter! Das heißt: die Leute sind ganz dicht nach vorn gerückt und wir haben uns dann auf die Bühnenkante gesetzt und ein bisschen mit den Akustik-Gitarren die Songs gejammt. So was vergisst man nicht.
Du vergisst aber auch nicht, wenn dich In Extremo zu ihrer Jubiläumsshow einladen, und du spielst dann vor 10.000 Leuten und das Lustige war, das wir eigentlich sofort nach der Show weiter mussten, da wir noch eine Show in Bayern hatten… Also in Erfurt nach der Show sofort runter von der Bühne, 10 Autogramme gegeben und in den Bus gesprungen, ab nach Bayern wo wir eine Festivalshow als Headliner hatten und waren dann genau in dem Moment hinter der Bühne angekommen, als die Band vor uns „Thank You, Good Night“ gesagt hat. Das war mit der ganz heißen Nadel genäht, so was behältst du natürlich auch im Kopf. Du behältst im Kopf wenn dich die Toten Hosen mitnehmen und du spielst vor 25.000 Leuten. Das muss man sich mal überlegen, das ist eine mittlere Kreisstadt die als Publikum vor dir steht, so von der Menge her…
Du gehst da raus auf die Bühne und sagst:
„Yeah“
Und 25.000 Leuten rufen zurück:
„YEAH“
Das ist hammergeil, da flattern dir die Hosen…
Dann hast du solche Shows, wo viele ganz andere Dinge um dich herum passieren…
Wir hatten mal eine Show in Bremen wo schon viel von der Organisation her schiefgelaufen ist. Die Dame die die Show betreuen sollte, ist krank geworden und derjenige der das dann übernommen hat, hat sich nicht richtig gekümmert. 3 Tage vor der Show hat er mich gefragt, ob wir noch Plakate haben…
„Entschuldige mal, ihr habt noch nicht plakatiert? Da weiß doch keiner, das wir kommen?“
Dementsprechend war das dann leider auch eine schwach besuchte Show. Das war schon sehr ärgerlich aber wir spielen für die Leute, auch wenn nicht sehr viele da sind. Man kann sie ja nicht dafür bestrafen, das andere nicht gekommen sind. Aber ist halt schon blöd wenn du mit 300-400 Leuten rechnest und „nur“ 80 sind da…trotzdem spielst du deine Show und gibst einfach alles.
Hinterher gab es noch ein bißchen Trouble mit dem Club, wg. der Plakataktion…und dann kommt so ein Typ an, ich schätze mal Ende 50 / Anfang 60, und sagte mir, er hat seit 20 Jahren MS. Eine der beschissensten Krankheiten die man so haben kann und in Schüben auftritt. Er hat aber seit 7 Jahren keinen Schub mehr und die Ärzte haben dafür keine Erklärung. Keine Veränderungen bei Medikamenten oder Mengen…nichts!
Aber er erklärt mir „das Geheimnis“… Seit 7 Jahren kennt er OHREFEINDT, seit 7 Jahren geben wir ihm Lebensfreude und dafür wollte er sich jetzt mal bedanken.
Und da stehst du erstmal recht fassungslos da…auch jetzt wird’s noch feucht um die Augen weil mich das so tief berührt hat…
Wenn das alles ist, was ich als Musiker erreicht habe, das dieser eine Mensch keinen MS Schub mehr hat, dann bin ich komplett zufrieden.

Ich las, du bist ein sehr sozial engagierter Mensch, wofür bringst du dich ein?

Wir engagieren uns für Viva con Agua (www.vivaconagua.org), das ist eine Organisation von ehem. St. Pauli Spielern gegründet, die Geld sammelt um Brunnen für Menschen zu bauen, die Wasserhähne nur aus dem Märchen kennen.
Hier in Mittel-Europa haben wir mit Wasser keinen Stress. Hast du Durst oder musst Duschen oder brauchst Wasser für deinen Kaffee, dann gehst du an den Hahn und gut ist. Es gibt aber leider immer noch Menschen die mit 10-20 Liter Brackwasser mal eben 30-60 Kilometer in Kanistern auf dem Kopf durch die Wüste wackeln und das dann noch zuhause abkochen müssen.
Und da gibt es Firmen die Brunnen bauen und die wir gern unterstützen. In den letzten Jahren konnten wir mit Hilfe der Fans bummelig 10.000-15.000 Euro einsammeln. Beim Merch steht eine Spendendose die sich immer freut, gefüttert zu werden!
Und ebensoviel Geld haben wir gemeinsam zusammenbekommen für Sternenbrücke (www.sternenbruecke.de), einem Kinder-Hospiz hier in Hamburg und die machen auch so eine Arbeit, die, glaube ich, für normale Menschen nicht wirklich fassbar ist…
Dort kommen Kinder hin, deren nahes Ableben auf Grund von schweren Krankheiten absehbar ist und die Sternenbrücke unterstützt in dieser schweren Zeit auch die Eltern.
Wir, OHRENFEINDT, sind sehr stolz auf unsere Fans, die diese Idee von uns mittragen und sagen:
„Weil ihr uns darauf gestoßen habt, finden wir das unterstützenswert, und deshalb machen wir das auch.“
Auch die immer mehr um sich greifende Fremdenfeindlichkeit ist ein Thema das wir in vollem Zug noch 2 Stunden besprechen können, nur soviel:
Warum gibt es die meiste Fremdenfeindlichkeit in einer Gegend Deutschlands, wo doch nur die wenigsten Fremden leben?

Es folgte ein minutenlanges angeregtes und interessantes Gespräch über die Idiotie die sich derzeit leider in einigen Teilen Deutschlands bei Angsthasen und Ahnungslosen breit macht, weil die fehlende Unterstützung und Aufklärung der Politik und gewisse hetzerische Medien die Menschen regelrecht blind macht / dermaßen abstumpfen lässt, das es sogar wieder zu brennenden Häusern kommt. Lösungswege gibt es aber letztendlich nur, wenn man in dem Wort „Wir“ auch das Wort „Geben“ sieht, und das man / Frau nicht gleichzeitig geliebt werden kann und regieren MUSS!

Anderes Thema, mal bitte wieder zu den angenehmeren Dingen des Lebens:
Ich las, du bist glücklich verheiratet. Wie funktioniert das mit deinem Bandleben. Weiß sie vom Tralafiti-Leben on the road, zieht sie mit dir am selben Strang?

Wenn sich eine Frau mit einem Berufsmusiker einlässt, der viel tourt, sollte sie auch wissen worauf sie sich da einlässt. Sie sollte schon wissen: der Mann ist viel weg. Es kann also sein, das sie ihn mal 18 Tage am Stück nicht sieht. Ausser, sie fährt mit und das kann für mich nur funktionieren, wenn sie an Bord auch ´nen Job hat.
Es gibt Bands die nehmen Frau, Kinder, Freunde, Bruder und Onkel mit Tanten auf Tour aber ich arbeite lieber konzentriert mit kleiner Mannschaft.
Und meine Frau hat halt ´nen ganz anderen Day-Job, deswegen fährt sie auch nicht mit und muss damit leben, das sie mich so einige Tage im Jahr nicht zu Gesicht bekommt. Da muss auch genug Vertrauen da sein, denn als Musiker bekommst du auch immer so einige Angebote…wo die Frau auch wissen muss, wie du mit den Angeboten umgehst….

Ehrlich, es gibt noch Groupies? 😀

Jaaa…und die wird es wohl auch immer geben.
Es gibt Menschen, die schmeißen sich an einen ran, weil sie auch gern dort wären…was ja irgendwie Macht, Ruhm, Geld bedeutet…die wollen nicht an den Menschen, die wollen einfach nur an die Macht oder wenigstens an ihr teilhaben. Und ´ne Bühne ist ja doch in dem Sinne ein Attraktivitätsmagnet…
Das selbe gilt auch für Politiker, Sportler, DJ´s, Barleute, Schauspieler,…
die sind nicht wirklich an den Menschen im Rampenlicht interessiert, die wollen nur das selbe sein…

Macht macht attraktiv… 😉
Ich las auch, du trinkst keine Alkohol und rauchst nicht. Wie kommt das?

Puh…ich konnte nie was damit anfangen, obwohl: 10 Jahre lang habe ich auch geraucht…das war so die berühmte Gruppendynamik…mit dem Alkohol war es ähnlich; aber da habe ich schnell gemerkt, das das nicht meins ist. Ich mag den Geschmack nicht, ich mag den Geruch nicht (bei Rotwein oder Bier wird mir sogar schlecht), ich mag nicht was er in meinem Körper mit meinem Körper anstellt und ich mag die Art des Rausches nicht. Das alles gibt mir überhaupt gar nix, das ist alles was mir Null gefällt. Mitte 20 wusste ich dann genau, das das in meinem Leben überhaupt keinen Platz hat.

Betrifft es nur Alkohol und Nikotin…

Nein, auch sonst halte ich mein Leben komplett substanzfrei.

Das hat ja auch was Gutes… 😉

Ja, man behält zum Beispiel seinen Führerschein… 😀
Man kommt nicht in die Verlegenheit blöde Entscheidungen zu treffen, spart sich die eine und andere Kneipenprügelei…wobei einem nüchtern auch genug Blödsinn einfällt 😉

Behältst du diesen vorbildlichen und gesunden Aspekt auch bei der Nahrung im Auge, bist du Vegetarier, Veganer, oder…?

Nein, tatsächlich gehöre ich schon zu den Fleischessern solange ich nicht tagtäglich 1 Kg davon vertilgen muss…
Ich achte da schon drauf, bewusst Fleisch zu essen. Wir haben da ´nen Fan, der ist Förster in Brandenburg der mir auch alle Jubeljahre ein Stück Wild zukommen lässt, was er im Rahmen der Hege selbst geschossen hat. Das schmeckt auch ganz anders als das, was du bei Penny kaufen kannst und billiger als Katzenfutter ist. Natürlich ist das Fleisch dann scheiße weil es nicht aus einer artgerechten Zucht kommen kann, vollgestopft mit diversen Präparaten ist, usw.
Ich versuche auch komplett Schweinefleisch zu vermeiden, weil mir das Schwein genetisch zu nahe am Menschen ist, das hat für mich schon etwas kannibalisches…

Deine Meinung zur Zukunft der Musik würde mich noch interessieren, sprich:
Verkauf, Vertrieb, Plattenfirmen,…wie stehst du zu illegalen Downloads, wird es auch weiterhin physische Tonträger geben…

Illegale Downloads, machen wir uns nichts vor, sind Diebstahl, klare Sache. Auch wenn du deinem Kumpel ´ne CD brennst, ist das eine Form von Diebstahl, Unterschlagung, was auch immer…!
Andererseits ist das ja auch der unvermeidliche Lauf der Dinge…Seitdem man CD´s 1:1 beinahe soundgetreu kopieren kann, wird’s halt so betrieben! Da muss man sich dann Gedanken machen, wie man den Diebstahl verhindern, bzw. wenigstens eindämmen kann.
Da bleiben: Konzertkarten!
Kann man zwar kopieren, kommt man trotzdem nicht rein, also lege ich den Schwerpunkt auf Konzerte. Das kann ich mir nicht brennen, und ich kann mir auch das T-Shirt nicht brennen.
Oder den Boxhandschuh, oder die Zündkerze, das Feuerzeug, die Mütze,…
Wir sind in die Charts gegangen und bleiben dort auch glücklicherweise 2-3 Wochen drin-genau so lange, das sich die Produktion bezahlt gemacht hat. Also am Tonträger verdienen WIR eigentlich nichts. Das ist so was wie ´ne rosa und anthrazitfarbene Null.

Also sind CD´s doch „nur“ noch Visitenkarten für Konzerte der Bands?

Wenn du das so siehst, ja, dann sind CD wirklich nur noch vertonte Werbung für Konzerte.
Das heißt, du musst von den Gagen und auch vom Merch leben.
Die Gagen werden auch immer „enger“ weil die Veranstalter auch mehr Kosten haben durch Auflagen der Städte, Gebühren für GEMA und Co. die auch wichtig sind, Werbungskosten, etc…
Und das ist ja der springende Punkt:
Diejenigen die sich CD´s brennen oder runterladen, sparen ja nix.
Das was sie vermeintlich gespart haben, geht ja dadurch wieder an der Ticketkasse verloren, weil die Preise sich nach oben hin anpassen MÜSSEN! Das gilt auch für´s Merch, damit für den Musiker die Gleichung auch wieder stimmt.
Sonst kannst du keine professionelle Musik mehr machen denn du musst wieder zurück in deinen alten Job um über die Runden zu kommen und schaffst die Musik nur wieder nebenbei als Hobby…
Dann gibt es aber auch nicht mehr viele geile neue Musik, bzw. du wirst davon nicht erfahren weil es dann immer so klein und lokal bleibt, weil das Geld für Größeres fehlt.

Wie kaufst du Musik? CD´s, Vinyl, MP3´s…?

Ich kaufe CD´s. Ich bin da ein alter Sack und kaufe CD´s. Andi und Keule sind auch iTunes-Käufer aber ich bin bei den CD´s hängengeblieben.

Siehst du dir daheim auch mal ´ne Konzert DVD / Blu-Ray an?

Ehrlich gesagt: Eher nicht.
Ich bin sowieso nicht der Typ der zuhause viel Musik hört. Das liegt daran, das ich einfach zuviel Musik im Kopf habe, so das mich andere Musik zuhause eher ablenkt.
Musik höre ich eigentlich nur, wenn ich aus dem Haus gehe, in eine Rockkneipe oder auf ein Konzert oder so. Dann höre und genieße ich sie auch aber zuhause greife ich mir lieber die Gitarre und klimpere.

Du gehst auch als Fan zu Konzerten anderer Bands, was oder wer hat dich da in den letzten Jahren irgendwie beeindruckt?

Das ist wohl AC/DC…zu meinem Geburtstag spielten sie in Hannover und ich fand´s großartig, was die Herren auf der Bühne anstellten. Klar merkt und hört man das Alter und wer im Line-Up fehlt, aber das beeindruckt mich, jenseits der 60 und auch 70, 2 Stunden lang so ein Programm fahren zu können.
Motörhead ist auch so ein Beispiel: Klar merkt man, das bei Lemmy gesundheitlich der Ofen aus ist, trotzdem habe ich schon meine Tickets…da ist es auch die Lebensleistung die mich beeindruckt.
Iron Maiden sind ´ne Band, deren Musik ich nie so nah war, aber die konstante Qualität bewundere die sie über Jahrzehnte hing abliefern…Judas Priest…

Ich denke, wir sollten langsam zum Ende kommen, das bedeutet für mich ja jetzt schon unendliche Stunden Schreibmaterial., hahaha… 😀
Was passiert mit den hübschen Blaumännern aus dem aktuellen Clip, wird es die auch im Merch geben?

Hahaha… 😀
Nee, da haben wir nur 2 von machen lassen und überlegen uns noch, wie wir die gewinnspielartig unters Volk kriegen.
Wir möchten mit unseren Fans auch Facebook nutzen um weiter zu wachsen, und da hauen wir ab und an mit ´ner Verlosungsaktion oder „Teil-das-Bild“ Aktion den einen und anderen Goodie raus.

Darf ich noch zum Abschluss um ein paar Worte an die Leserschaft bitten?
Na klar…
Also 1.: Kauft unsere CD´s, geht zu unseren Konzerten und kauft unsere T-Shirts…kauft das auch von anderen Bands…und wenn ihr könnt, kauft das direkt bei den Bands in den Webshops- davon hat ´ne Band immer am meisten und ermöglicht ihr damit die Musik weiter zu machen, die ihr liebt.
2.: Schaut euch doch mal ein bisschen um. Nicht allen geht es so gut wie es euch geht. Selbst wenn es euch vermeintlich schlecht geht, gibt es immer noch jemanden, den es schlechter geht.
Und hier und da kann man mit einem Lächeln, einem über-die-Straße-helfen schon viel Gutes tun. Oder bietet in Bus und Bahn doch einfach mal euren Platz an…
3.: Wenn ihr fahrt, sauft nicht!

Schöne Worte zum Schluss, wir hören und sehen uns auf Tour!

Share.

About Author

Comments are closed.

Diese Website nutzt Cookies. Bitte beachten Sie unsere Datenschutz-Erklärung

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close