Tracklist
01. Ghost
02. Drone
03. Aozora
04. Animation
05. Conversations
06. Reanimation (feat. Guthrie Govan)
07. All It Takes (2025 Remastered Version)
08. Remote Self Control
09. Opal
10. Salva
Besetzung
Ian Kenny – Vocals
Drew Goddard – Guitar
Mark Hosking – Guitar
Jon Stockman – Bass
Steve Judd – Drums
Progressive Musik ist selten leicht zu konsumieren, was in der Natur der Sache liegt. Bei dem künstlerischen Schaffen mancher Bands reicht es nicht, lediglich an der Oberfläche zu kratzen. Es verlangt, ja fordert nahezu eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Material. KARNIVOOL gehören ganz klar zu dieser Gattung. Mit „In Verses“ bescheren uns die Australier nach einer Pause von dreizehn Jahren mit einem neuen Album. „Endlich!“ hört man die eingefleischte Fan-Community ausrufen. Der Vorgänger „Asymmetry“ (2013) galt unter zahlreichen Fans und Rezensenten als stilistischer Höhepunkt von KARNIVOOL. Und dann waren sie auf einmal weg – nicht von den Bühnen, aber vom Studio.
Best of both worlds: Zwischen komplexer Schwere und grooviger Leichtigkeit
Manche Prog-Bands machen es einem einfacher, indem sie komplexe Rhythmen mit einprägsamen Melodien, Riffs oder Hooklines versehen, die auch für Laien zugänglich sind. Andere Bands komponieren bewusst Stücke, die nur mehr als Ausgeburt der komplexesten Musiktheorie erkennbar sind. KARNIVOOL oszillieren zwischen diesen Polen und gehen beim Songwriting definitiv einen mannigfaltigen Weg. Fernab von 08/15 Songstrukturen bildet sich ein dichtes Klanggeflecht, das besonders im Instrumentalbereich manchmal direkter, manchmal subtiler, aber immer komplex daherkommt. Dies zeigt sich zum Einen in den Gitarren, die oftmals mit absolut konträren Rhythmen und Soundeffekten arbeiten, aber immer als kohärente Einheit auftreten, wie es exemplarisch in „Aozora“ zu Hören ist.
Facettenreichtum der Saiteninstrumente
Wenn es die Komposition verlangt, kulminiert es aber auch gerne in fetten Unisono-Riffs wie beispielsweise in den beiden Openern „Ghost“ und „Drone“. Auch das wunderbare Gastsolo von Gitarrengott Guthrie Govan in „Reanimation“ setzt auf Qualität statt Quantität: gefühlvolle Melodieführung statt stumpfem Gefrickel. Zum Anderen komplimentiert natürlich auch die Rhythmusfraktion den Sound ungemein. Jon Stockmans Basslines, welche den nötigen Wumms beitragen – besonders wenn die beiden Gitarristen Drew Goddard und Mark Hosking in höheren Tonlagen spielen – oder in ruhigeren Momenten einfach eine Sättigung geben („Conversations“).
Lebendige Grooves und Vocal-Lines runden das Klangbild ab
Last but definitely not least ist Steve Judds diffiziles Drumming besonders hervorzuheben. Gespickt mit geschickten Polyrhythmik-Beats und einer schier unendlichen Menge an Ghostnotes hat das Schlagzeugspiel trotzdem immer einen gemeinsamen Nenner: Groove. Und dieser zieht sich quer durch das ganze Album, ja sogar durch das gesamte Schaffenswerk der Band: KARNIVOOL grooven einfach. Ob im gängigen 4/4-Takt („All It Takes“) oder in beispielsweise unkonventionelleren 7/4-Takten („Animation“) – KARNIVOOL grooven einfach. Die Songs sind wie gesagt weniger von gängigen Strukturen geprägt, sondern viel eher von Atmosphäre, wellenförmigem Auf-und Abbau sowie einem dramaturgischen roten Faden. Und viel davon ist der grandiosen Vocal-Inszenierung von Sänger Ian Kenny zuzuschreiben. Dieser hat auch nach all den Jahren nichts von seiner Range oder seinem Gefühl eingebüßt. Seine Vocal-Lines öffnen die Strukturen, machen sie zu- und eingänglich.
Glasklare, erdige Produktion, die mehrmaliges Hören belohnt
All das funktioniert natürlich auch nur, wenn der Mix stimmt. Und zum Glück kann „In Verses“ mit einer glasklaren und zugleich erdigen Produktion aufwarten, die jedem Detail den nötigen Entfaltungsfreiraum gibt ohne dafür Wucht einbüßen zu müssen. Mit über einer Stunde Spielzeit und dem beschriebenen dichten Songwriting ist „In Verses“ definitiv nicht einfach nebenbei zu konsumieren. Aber jeder Hördurchgang offenbart neue Details und baut den Wiedererkennungswert Stück um Stück aus. Die Genialität liegt in der Symbiose aus Schwerfälligkeit und Leichtigkeit. Und das ist eine sehr belohnende Erfahrung, wozu definitiv nicht jede Band im Stande ist.
Fazit: KARNIVOOL knüpfen zwar unverkennbar an ihre früheren Werke an, vielleicht besonders an „Sound Awake“ von 2009, zeigen anno 2026 mit „In Verses“ aber doch auch eine ausgereiftere Facette.

