Tracklist
01. Wallow – 13:28
02. Out Of Nothing – 05:34
03. Darkest Heir – 05:34
04. Slow Down Son – 03:22
05. Rise – 06:14
06. Awakening The Spirit – 07:06
07. Dusting My Coat – 03:54
Besetzung
Sylvain Auclair – Gesang, Bass & Texte
Thomas Brodeur – Schlagzeug, Percussion & Sound Design
Sébastien Cloutier – Piano, B3, Wurlitzer, Synths, Mellotrons & zusätzliche Keyboards
Simon L’Espérance – Gitarren, Synths, Percussion, Keyboards & Loop Programming
Weitere Infos:
Musik komponiert von Simon L’Espérance
Lyrisches Konzept, Melodien & Vocal Production von Sylvain Auclair
Produziert von Karcius zwischen den Wintern 2023 und 2025
Aufgenommen im Wild Studio, Saint-Zénon, im Oakfloor Studio, Sainte-Sophie, und in den Homestudios in Montréal, Québec, Kanada
Engineered by Simon L’Espérance
Mixed by Simon L’Espérance & Karcius
Mastered by Tony Lindgren at Fascination Street Studios, Schweden
Cover Artwork by Michael Cloutier
Graphic Design by Felipe Quinzaños
Verlust, Selbstbetrug und Wiedergeburt, das sind unter anderem die Themen, welchen sich Karcius auf ihrem neuen Prog Rock Opus widmen. »Black Soul Sickness« ist dabei kein Album, das seine Gefühlswelt mit Samthandschuhen anfasst. Die Kanadier aus Montréal setzen auf große Bögen, dunkle Innenräume und eine Musikalität, die technisch stark ist, aber nie nach reiner Leistungsschau riecht. Anders gesagt: Hier wird nicht geproggt, damit jemand im Musikladen anerkennend über Taktarten murmelt. Hier wird geproggt, weil die Songs diesen Raum brauchen.
Der Albumtitel sitzt wie ein Nagel im Holz. »Black Soul Sickness« handelt von seelischer Verseuchung, alten Mustern, Schuld, Trauer und dem zähen Weg zurück ins Licht. Das klingt nach schwerem Gepäck, und genau das ist es auch. Doch Karcius vermeiden den großen Jammerlappen-Moment. Die Band baut Druck auf, lässt Luft, schiebt den Bass weit nach vorne, gibt den Keyboards Farbe und setzt Sylvain Auclairs Stimme so ein, dass zwischen zerbrechlicher Wärme und rauer Kante immer genug Spannung bleibt. Prog mit Herz, Hirn und gelegentlich kräftigem Tritt vors Schienbein – kann man machen. Sollte man sogar.
(Hört hier »Black Soul Sickness« von Karcius)
DER LANGE FALL INS INNERE
Mit »Wallow« stellen Karcius gleich zu Beginn klar, dass sie keine halben Sachen liefern wollen. Über dreizehn Minuten lang wächst der Song von nachdenklicher Intimität zu massiver Prog-Rock-Wucht heran. Piano, Gitarre, Bass und Stimme tasten sich zunächst durch eine Atmosphäre aus Regen, Schlaflosigkeit, Erinnerung und Geisterpräsenz. Später wird daraus ein schwerer, vielschichtiger Brocken, der sich nicht hetzen lässt, aber nie in Selbstverliebtheit versinkt. Für einen Opener ist das mutig. Für einen Prog-Opener ist es fast schon höflich kurz. Andere Bands hätten daraus direkt eine Doppel-LP mit Bonusflöte gemacht.
Lyrisch ist »Wallow« der emotionale Kern des Albums. Es geht um Trauer, Schuld, familiäre Bruchlinien und die Frage, wie man mit Gesichtern weiterlebt, die nicht verschwinden wollen. Tochter, Vater, Bruder – die Rollen wirken wie Schatten in einem Raum, aus dem niemand einfach herauskommt. Der Song kreist um alte Lügen, alte Wunden und dieses quälende Wiederaufstehen, obwohl man innerlich längst wieder gefallen ist. Karcius übersetzen das nicht in platte Dramatik, sondern in einen langen, atmenden Spannungsbogen. Großes Kino, aber ohne Popcorn.
»Out Of Nothing« zieht danach kompakter an. Der Song arbeitet stark mit Spannung und Entladung: akustische Momente, drängende Rhythmen, dunklere Gitarren und ein Refrain, der nicht billig ist, aber sofort greift. Inhaltlich geht es um Verdrängung, toxische Abhängigkeit und den Versuch, aus einem Nichts etwas zu machen, das am Ende trotzdem nur leer zurückbleibt. Die Nummer hat diesen typischen modernen Prog-Zug, bei dem Melodie und Druck sauber ineinandergreifen. Da wird nicht gefrickelt, da wird gebaut. Und zwar mit tragenden Wänden.
DIE KRANKHEIT HAT SYSTEM
»Darkest Heir« ist der härteste Moment des Albums und zeigt, dass Karcius durchaus Zähne haben. Die Gitarren werden kantiger, der Bass arbeitet bedrohlich weit vorne, die Drums drücken stärker, und die Stimme bekommt mehr Schmirgelpapier. Thematisch geht es um vererbte Dunkelheit, zerstörerische Muster, gesellschaftliche Ketten und den Moment, in dem man erkennt, dass der Feind nicht nur draußen steht. Der dunkelste Erbe ist nicht irgendeine finstere Gestalt am Horizont, sondern das, was man selbst weiterträgt, wenn man nicht endlich hinsieht.
Gerade hier zeigt sich, wie clever Karcius ihre Texte musikalisch rahmen. Die aggressiveren Passagen sind nicht bloß Härte um der Härte willen, sondern wirken wie das Aufbrechen einer inneren Kruste. »Darkest Heir« hat Wucht, ohne stumpf zu werden, und Komplexität, ohne sich im eigenen Labyrinth zu verlaufen. So darf moderner Heavy Prog klingen: kontrolliert, düster, mit genug Kanten, um sich daran nicht nur gedanklich zu schneiden.
»Slow Down Son« nimmt anschließend massiv Tempo heraus und funktioniert wie ein warmer Raum nach einem Gewitter. Der Song ist kurz, reduziert und fast tröstend. Inhaltlich steht hier das Heimkommen im Mittelpunkt: jemand, der zu viel gesehen hat, soll endlich zur Ruhe kommen dürfen. Piano, dezente Rhythmik und eine fast spirituelle Schlichtheit machen daraus einen der emotionalsten Momente der Platte. Wer hier noch auf das nächste Instrumentalduell wartet, hat den Punkt verpasst. Manchmal reichen wenige Töne, um mehr zu sagen als zehn Minuten Tastengewitter.
AUFSTEHEN TUT WEH
Mit »Rise« wird die Platte wieder breiter und rockiger. Der Song kreist um Schmerz, Verantwortung, alte Fehler und die Entscheidung, sich der eigenen Angst nicht länger zu entziehen. Das ist kein platter Motivationssong für Fitnessstudio-Playlists. Hier geht es nicht um „Du schaffst alles, Bruder“, sondern um das deutlich unangenehmere Eingeständnis, dass Aufstehen manchmal bedeutet, ein Stück mehr von sich selbst zu verlieren. Musikalisch verbinden Karcius bluesige Gitarrenfarben, schweren Groove und einen Refrain, der groß genug ist, ohne ins Kitschregal zu kippen.
»Awakening The Spirit« ist danach der zweite große Fixpunkt des Albums. Jazzige Untertöne, symphonische Prog-Farben, warme Vocals, organische Steigerungen und ein starkes Zusammenspiel aus Gitarre und Keyboards machen den Song zu einem Höhepunkt. Inhaltlich öffnet sich hier der Blick vom individuellen Schmerz hin zu Gemeinschaft, Sinnsuche und Heilung. Das Stück erzählt von Bewegung, Erinnerung und dem Moment, in dem eine Gemeinschaft den Außenseiter nicht wegstößt, sondern aufnimmt. Nach all der seelischen Finsternis wirkt das wie ein Fenster, das endlich aufgeht. Frische Luft, aber immer noch mit ein paar Staubflocken im Licht.
Zum Schluss setzt »Dusting My Coat« noch einmal auf Abschied, Reue und die schmerzhafte Erkenntnis, dass man manche Dinge zu spät versteht. Der Song blickt zurück auf versäumte Worte, verlorene Nähe und den Wunsch, einen letzten Weg gemeinsam zu gehen. Das ist melancholisch, direkt und gerade deshalb effektiv. Karcius verzichten auf ein überladenes Finale und lassen die Platte mit einer Mischung aus Trauer und Würde ausklingen. Kein Triumphmarsch, kein Prog-Zirkus, sondern ein nachdenklicher Schlussakkord. Passt.
KLANG, HANDWERK UND WIRKUNG
Produktionstechnisch ist »Black Soul Sickness« stark aufgestellt. Der Mix ist klar, druckvoll und lässt jedem Instrument seinen Platz. Besonders der Bass bekommt eine Präsenz, die dem Album enorm guttut. Sylvain Auclair ist hier nicht nur Sänger, sondern auch ein tragendes rhythmisches und melodisches Zentrum. Thomas Brodeur spielt technisch stark, aber nie als Dauerbewerbung für einen Drum-Workshop. Sébastien Cloutier setzt die Keyboards geschmackvoll ein, und Simon L’Espérance hält als Gitarrist und Komponist die Architektur zusammen.
Das Entscheidende: Karcius stellen ihre Virtuosität in den Dienst der Songs. Natürlich können diese Musiker spielen. Das hört man nach wenigen Minuten. Aber »Black Soul Sickness« wedelt nicht permanent mit dem Diplom. Die Platte lebt von Stimmungen, Themen und Übergängen. Selbst die längeren Stücke wirken nicht wie zusammengeschraubte Einzelteile, sondern wie konsequent entwickelte Kapitel. Besonders »Wallow«, »Out Of Nothing«, »Darkest Heir« und »Awakening The Spirit« zeigen, wie gut diese Band emotionale Tiefe und progressive Baukunst verbinden kann.
Ganz ohne Einschränkungen geht es trotzdem nicht. Die zweite Albumhälfte bleibt stark, erreicht aber nicht durchgehend die Wucht und Faszination des überragenden Auftakts. Einige Refrain-Wiederholungen wirken etwas direkter, gelegentlich fast zu sehr auf Eingängigkeit gebaut. Das ist kein Beinbruch, aber hörbar. Dafür bleibt das Album kompakt genug, um nicht in Prog-Überlänge zu versinken. Knapp 45 Minuten, sieben Songs, kein Füllmaterial. Danke dafür. Der Prog-Gott muss nicht immer mit dem Zollstock vor der Songlänge stehen.
FAZIT:
»Black Soul Sickness« ist ein starkes, emotional dichtes und hervorragend produziertes Progressive-Rock-Album mit Heavy-Prog-Kante. Karcius verbinden technische Klasse, dunkle Atmosphäre und songdienliches Arrangement zu einem Werk, das weniger auf Schauwerte als auf Wirkung setzt. Die Platte ist introspektiv, aber nicht kraftlos; komplex, aber nicht verkopft; melancholisch, aber nicht weinerlich.
Textlich geht es um seelische Krankheit, alte Schuld, toxische Muster, Verlust, Zusammenbruch und die Möglichkeit, sich trotz allem wieder aufzurichten. Musikalisch wird daraus ein Album, das zwischen intimen Piano-Passagen, kraftvollen Rock-Momenten, schweren Grooves, feinen Keyboardfarben und gelegentlichen metallischen Ausbrüchen pendelt. »Wallow« ist der große Brocken, »Out Of Nothing« der griffige Spannungsbogen, »Darkest Heir« der harte Schlag in die Magengrube und »Awakening The Spirit« der Moment, in dem das Licht wieder durch die Ritzen kommt.
Unterm Strich liefern Karcius ein Album, das Fans von Porcupine Tree, Pain Of Salvation, Caligula’s Horse oder den ruhigeren, düsteren Seiten von Opeth ansprechen dürfte, ohne sich bei diesen Namen anzubiedern. »Black Soul Sickness« ist kein glattgebügeltes Prog-Prestigeobjekt, sondern ein ernsthaftes, schweres und stellenweise packendes Werk über das innere Gift und den mühsamen Weg aus dem Dunkel. Starkes Ding.






