Oh Hiroshima - And The Dead Tree Gives No Shelter - cover artwork

Band: Oh Hiroshima 🇸🇪
Titel: And The Dead Tree Gives No Shelter
Label: Pelagic Records
VÖ: 05.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Post-Rock / Alternative Rock / Progressive Rock / Shoegaze

Tracklist

01. Servant of All 02. Meridian 03. Angelos 04. Skeleton Key 05. Tree of Life 06. Broken Sunlight 07. Ivory Town 08. Exit Cloud

Besetzung und Produktion

Jakob Hemström – Gitarren, Bass, Gesang, weitere Instrumente Oskar Nilsson – Schlagzeug, Percussion Ellen Vingren – zusätzlicher Gesang auf „Angelos“ Hanna Ekström – Violine auf „Tree of Life“ Ellen Hemström – Cello Samuel Muntlin – Saxofon Weitere Gastmusiker – Streicher, Bläser, Tasteninstrumente und zusätzliche Klangfarben Oh Hiroshima – Produktion Karl Daniel Lidén – Aufnahmen von Schlagzeug, Bass und elektrischen Gitarren im Studio Gröndahl Magnus Lindberg – Mix und Mastering Weitere Aufnahmen durch Oh Hiroshima in Örebro

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Ein Bandname wie Oh Hiroshima lässt sich nicht beiläufig aussprechen. Am 6. August 1945 explodierte um 8:15 Uhr über der japanischen Stadt Hiroshima die erste im Krieg eingesetzte Atombombe. Die Druckwelle, die unvorstellbare Hitze und die anschließende radioaktive Strahlung verwüsteten die Stadt; bis zum Ende des Jahres starben schätzungsweise 140.000 Menschen. Viele Überlebende litten noch Jahrzehnte unter körperlichen und psychischen Folgen. Der erhaltene Genbaku-Dom steht heute als Mahnmal für die zerstörerische Kraft von Nuklearwaffen und zugleich für die Hoffnung auf dauerhaften Frieden. Der Name Oh Hiroshima trägt diese historische Last zwangsläufig mit sich und eröffnet einen emotionalen Raum zwischen Zerstörung, Erinnerung, menschlicher Verletzlichkeit und dem trotzigen Wunsch, nach der Katastrophe weiterzuleben. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich auch »And The Dead Tree Gives No Shelter«: Die schwedischen Brüder Jakob Hemström und Oskar Nilsson verwandeln gesellschaftliche Hoffnungslosigkeit, Sinnverlust und Zukunftsangst in einen vielschichtigen Post-Rock-Klangkosmos, der den Untergang nicht romantisiert, sondern nach einem belastbaren Weg aus der Resignation sucht.

Full Album Stream: And The Dead Tree Gives No Shelter

DER TOTE BAUM UND DIE VERLORENE ZUKUNFT

Der Albumtitel stammt aus T. S. Eliots modernistischem Gedicht »The Waste Land«. Der tote Baum spendet darin keinen Schatten und bietet weder Schutz noch Erleichterung. Er ist Teil einer ausgetrockneten Welt, in der vertraute Ordnungen zusammengebrochen sind und nur noch Fragmente früherer Gewissheiten zurückbleiben. Oh Hiroshima übertragen dieses Bild auf die Gegenwart. Der tote Baum steht für Lebensweisen, Ideologien und gesellschaftliche Strukturen, die der Welt Bedeutung entziehen, aber keine tragfähige Antwort auf ihre Krisen liefern. Zukunft wird zunehmend als Bedrohung wahrgenommen, Hoffnung erscheint naiv und aus Enttäuschung wächst Zynismus. Wer sich daraufhin vollständig zurückzieht, schützt sich jedoch nicht vor dem Zustand der Welt. Der Rückzug verstärkt die ursprüngliche Verzweiflung. Das Album begnügt sich deshalb nicht mit eleganter Hoffnungslosigkeit. Seine acht Stücke suchen nach Idealen, die den Menschen nicht durch falschen Optimismus beruhigen, sondern ihm eine Richtung geben. Hoffnung wird nicht als Garantie verstanden. Sie ist eine bewusste Entscheidung gegen Apathie. Musikalisch übersetzt das Duo diesen Gedanken in ein Wechselspiel aus Zurückhaltung und Entladung. Helle Gitarrenlinien, zurückgenommene Stimmen und schwebende Klangflächen werden langsam verdichtet, bis Bass, Schlagzeug, verzerrte Gitarren, Streicher und Bläser eine gewaltige Klangbühne errichten. Die großen Ausbrüche wirken nicht wie vorgeschriebene Post-Rock-Pflichtübungen, sondern wie das Ergebnis einer langen inneren Bewegung.

DIENER ALLER, HERR ÜBER NIEMANDEN

»Servant of All« eröffnet das Album mit einer ethischen Idealfigur. Im Mittelpunkt steht ein Mensch, der sein Leben vollständig in den Dienst anderer stellt und versucht, das eigene Ego hinter sich zu lassen. Das Stück behauptet nicht, dass eine solche absolute Selbstlosigkeit erreichbar wäre. Sie dient vielmehr als Richtung, an der sich menschliches Handeln orientieren kann. Jakob Hemström hatte wesentliche Teile der Komposition bereits einige Alben zuvor geschrieben. Erst im Zusammenhang mit dem neuen Konzept fand das Material seinen richtigen Platz. Das hört man dem Song nicht als zusammengeflickte Archivarbeit an. Im Gegenteil: Der Opener wirkt wie eine präzise Einführung in die gesamte Klangsprache des Albums. Klare Gitarrenfiguren greifen ineinander, während der Bass mit ruhigen Bewegungen den unteren Bereich ausfüllt. Oskar Nilsson setzt zunächst auf Becken, Raum und kontrollierte Akzente. Sein Schlagzeug treibt den Song nicht sofort an, sondern begleitet dessen Wachstum. Hemströms Stimme steht weit hinten im Mix. Sie fungiert weniger als klassischer Frontgesang denn als weitere atmosphärische Ebene. Einzelne Zeilen steigen aus dem Arrangement hervor und werden anschließend wieder von den Instrumenten aufgenommen. Im Verlauf des Songs verdichten sich die Gitarren. Aus den anfangs offenen Flächen entsteht eine massive Wand, die dennoch genügend Transparenz besitzt, um die einzelnen melodischen Linien erkennen zu lassen. Die Musik beschreibt damit genau den ethischen Weg des Textes: Das Individuum verschwindet nicht, ordnet seine Kraft aber einem größeren Zusammenhang unter.

DER MERIDIAN ALS VERBINDUNGSLINIE

»Meridian« konzentriert sich stärker auf Rhythmus, Bewegung und instrumentalen Fluss. Die Komposition durchläuft zahlreiche Abschnitte, wirkt dabei aber nicht wie eine Sammlung lose verbundener Ideen. Jede Veränderung wächst organisch aus der vorherigen Figur heraus. Der Meridian kann als gedachte Linie verstanden werden, die geografische Räume ordnet und miteinander verbindet. Auf dem Album erfüllt der Song eine ähnliche Funktion. Er verknüpft die kontemplative Weite des Openers mit den melodischeren und stärker gesangsorientierten Stücken, die anschließend folgen. Oskar Nilsson spielt hier besonders auffällig. Sein Schlagzeug arbeitet mit verschobenen Betonungen, federnden Rhythmen und einem lebendigen Wechsel zwischen Becken, Toms und kraftvollen Schlägen. Die Gitarren schweben nicht frei über einem einfachen Viervierteltakt, sondern reagieren direkt auf die rhythmischen Bewegungen. Hemströms Bass verleiht der Komposition zusätzliche Tiefe. Er hält nicht ausschließlich Grundtöne, sondern bewegt sich zwischen den Gitarrenlinien und formt einen eigenen melodischen Untergrund. Gerade in den ruhigeren Abschnitten bleibt dadurch eine unterschwellige Spannung erhalten. Der Gesang wird nur sparsam eingesetzt. Das passt zur Funktion des Songs, der seine Aussage weniger über Worte als über Richtung, Wiederholung und stetige Veränderung vermittelt. »Meridian« gehört zu jenen Post-Rock-Kompositionen, die nicht auf einen einzigen gewaltigen Höhepunkt zulaufen. Der Weg selbst ist der eigentliche Kern.

EIN BOTE AUS DER VERGANGENHEIT

»Angelos« stammt ursprünglich aus einer Alternative- und Indie-Rock-Band, in der Jakob Hemström und Oskar Nilsson vor rund zehn Jahren gemeinsam spielten. Die damalige Komposition wurde nie aufgenommen, kehrt nun aber in einer neuen Form zurück. Der griechische Titel lässt sich als „Bote“ oder „Engel“ lesen. Entsprechend besitzt das Stück eine leichtere und verletzlichere Grundstimmung. Der Song wirkt wie eine Nachricht aus einer vergangenen Lebensphase, die Jahre später unter anderen Bedingungen erneut verstanden wird. Ellen Vingren erweitert Hemströms Gesang mit einer zweiten Stimme. Beide werden nicht als klassisches Duett inszeniert, sondern greifen ineinander und erzeugen eine schwebende Harmonie. Die zusätzliche Stimme verleiht dem Stück Wärme, ohne seine melancholische Ausrichtung aufzulösen. Klavier und zurückgenommene Gitarren schaffen zunächst einen offenen Raum. Später wächst die Instrumentierung, bleibt aber deutlich melodischer als auf dem Opener. Oskar Nilsson begleitet diesen Aufbau mit feinen rhythmischen Veränderungen, anstatt den Song durch einen überdimensionierten Schlagzeugausbruch künstlich zu vergrößern. Gerade die Nähe zu traditionelleren Songstrukturen sorgt für Abwechslung. »Angelos« besitzt einen klareren vokalen Mittelpunkt und lässt sich schneller erfassen als die ausgedehnteren Post-Rock-Kompositionen. Trotzdem verfällt das Duo nicht in vorhersehbaren Alternative Rock.

DER SCHLÜSSEL ÖFFNET KEINE EINFACHE TÜR

»Skeleton Key« wurde aus älteren Fragmenten und neu entwickelten Abschnitten zusammengesetzt. Der Universalschlüssel des Titels verspricht Zugang, doch die Musik verweigert eine einfache Tür. Stattdessen führt sie durch wechselnde Räume, die jeweils andere Regeln besitzen. Als ungewöhnliche Inspiration nennt die Band Blood Incantations progressives Werk »Absolute Elsewhere«. Oh Hiroshima übernehmen daraus selbstverständlich keinen Death Metal, wohl aber den Gedanken, stark kontrastierende musikalische Abschnitte in einen zusammenhängenden Fluss zu bringen. Der Song beginnt zurückhaltend und beinahe schwerelos. Gitarren und Gesang wirken weit entfernt, bevor eine härtere rhythmische Bewegung die Atmosphäre aufbricht. Diese neue Energie wird allerdings nicht vollständig ausgereizt. Der Song zieht sich erneut zurück und setzt seinen Weg in einer anderen Klangfarbe fort. Die wechselnden Teile sind handwerklich sauber verbunden. Dennoch erreicht nicht jede Passage dieselbe emotionale Dringlichkeit. Besonders in der Mitte scheint die Komposition kurz vor einer gewaltigen Entwicklung zu stehen, ohne diese Erwartung vollständig einzulösen. Das macht »Skeleton Key« nicht zu einem schwachen Song. Im Albumfluss übernimmt er eine wichtige Funktion, weil er die eher geschlossenen Strukturen der ersten drei Stücke aufbricht. Als Einzelstück bleibt er jedoch weniger prägnant als »Meridian« oder »Broken Sunlight«.

DER BAUM DES LEBENS UND DER PREIS DER ERKENNTNIS

»Tree of Life« ist die einzige Komposition, die vollständig neu für dieses Album entstand. Inhaltlich greift sie die Geschichte des Gartens Eden auf und beschäftigt sich mit Sterblichkeit sowie dem Verlust der Unschuld. Der Baum des Lebens steht im direkten Gegensatz zum toten Baum des Albumtitels. Während dieser keinen Schutz mehr bieten kann, trägt der Baum des Lebens die Vorstellung von Wachstum, Kontinuität und einer Existenz jenseits des Todes. Doch der Zugang zu diesem Ideal bleibt dem Menschen verwehrt. Erkenntnis und Sterblichkeit sind miteinander verbunden. Der Mensch gewinnt Bewusstsein, verliert dadurch aber die ursprüngliche Unschuld. Er erkennt seine Endlichkeit und muss fortan mit dem Wissen leben, dass jede Erfahrung und jede Beziehung begrenzt ist. Musikalisch erhält das Stück eine folkige Färbung. Hanna Ekströms Violine trägt eine melancholische Melodie, die sich zunächst vorsichtig in das Arrangement einfügt. Später wächst sie gemeinsam mit Gitarren, Schlagzeug und weiteren Streichern zu einem der emotionalsten Höhepunkte des Albums. Oskar Nilsson führt die Steigerung mit großer Geduld. Die Drums werden nicht einfach lauter, sondern erhalten zusätzliche Bewegung. Bassdrum, Snare und Becken erweitern Schritt für Schritt den Raum, bis sich die gesamte Band erhebt. Der Song stellt nicht die Frage, ob der verlorene Garten zurückerobert werden kann. Er fragt vielmehr, wie sich trotz Sterblichkeit und verlorener Unschuld sinnvoll leben lässt. Die Antwort liegt erneut nicht in Verdrängung, sondern in der bewussten Annahme der eigenen Begrenztheit.

ZERBROCHENES SONNENLICHT

»Broken Sunlight« entstand auf der alten Nylonsaitengitarre von Jakob Hemströms Großmutter. Dem Instrument fehlte sogar eine Saite. Aus dieser materiellen Unvollständigkeit entwickelte sich ausgerechnet einer der direktesten und geschlossensten Songs des Albums. Der Titel beschreibt ein Licht, das die Welt nicht mehr vollständig erreicht. Es wird gebrochen, zerteilt und nur noch in einzelnen Strahlen wahrgenommen. Trotzdem bleibt es Licht. Die Hoffnung ist beschädigt, aber nicht verschwunden. Genau diese Idee bildet das emotionale Zentrum des Songs. Eine zunehmend fragmentierte Wirklichkeit kann den Menschen in Resignation treiben. Er kann jedoch versuchen, einen kleinen, verletzlichen Rest von Hoffnung festzuhalten, selbst wenn dieser keine umfassende Erlösung verspricht. Die Gitarrenfigur besitzt einen sofort erkennbaren Rhythmus. Sie bewegt sich in kurzen Stopps und erneuten Anläufen, während der Bass den Groove verstärkt. Hohe gleitende Töne, die mit einem gestrichenen Kontrabass erzeugt wurden, erweitern das Klangbild um eine beinahe fremdartige Farbe. Hemströms Stimme steht stärker im Vordergrund als auf den ersten beiden Songs. Zum ersten Mal in der Bandgeschichte wird der Songtitel ausdrücklich im Text gesungen. Diese direkte Benennung passt zur Komposition, die ihre zentrale Aussage nicht hinter zu vielen abstrakten Ebenen versteckt. Der Refrain besitzt Größe, ohne aufdringlich zu wirken. Gitarren, Bass und Schlagzeug werden kraftvoller, behalten aber ihre rhythmische Präzision. Die Band errichtet keine beliebige Lautstärkewand, sondern lässt Melodie und Groove gemeinsam anwachsen.

DIE STADT IM ELFENBEINTURM

Das instrumentale »Ivory Town« spielt mit dem Begriff des Elfenbeinturms. Dieser steht für geistige oder gesellschaftliche Abgeschlossenheit: einen scheinbar sicheren Ort, von dem aus die Wirklichkeit betrachtet wird, ohne mit ihren konkreten Folgen in Berührung zu kommen. Aus dem Turm wird eine ganze Stadt. Der Rückzug ist damit nicht mehr nur eine individuelle Haltung, sondern ein gemeinschaftlicher Zustand. Menschen leben nebeneinander in einer künstlichen Sicherheit und verlieren dabei den Kontakt zu jener Welt, die außerhalb ihrer Mauern weiter zerfällt. Musikalisch verzichtet die Band vollständig auf Gesang. Klare Gitarren, zurückhaltende Tasteninstrumente und eine sanfte Rhythmik schaffen einen Moment der Ruhe. Das Stück wirkt nicht wie ein eigenständiger dramatischer Höhepunkt, sondern wie eine notwendige Öffnung vor dem Finale. Gerade diese Funktion erfüllt »Ivory Town« überzeugend. Nach der großen emotionalen Bewegung von »Tree of Life« und »Broken Sunlight« erhält der Hörer Zeit, das bisher Gehörte wirken zu lassen. Als isolierte Komposition bleibt der Song allerdings vergleichsweise unscheinbar. Sein Wert liegt vor allem in der Albumdramaturgie und im Übergang zu »Exit Cloud«.

DIE TÜR IN DEN WOLKEN

»Exit Cloud« wurde von einem Kunstwerk inspiriert, das eine unerreichbare Tür inmitten gemalter Wolken zeigt. Die Tür verspricht einen Ausgang, doch sie kann nicht erreicht werden. Flucht, Erlösung und Übergang bleiben als Möglichkeit sichtbar, entziehen sich aber dem direkten Zugriff. Der Song beginnt vergleichsweise unmittelbar. Schlagzeug und Gitarren besitzen früh mehr Kraft als auf vielen anderen Stücken. Trotzdem ist dieser erste Angriff lediglich der Ausgangspunkt für eine wesentlich größere Entwicklung. Nach und nach erweitert sich das Arrangement. Streicher, Cello, Saxofon und schließlich eine Kirchenorgel treten hinzu. Das Saxofon ist erstmals auf einem Song von Oh Hiroshima zu hören und verleiht dem Finale eine neue, menschlich atmende Stimme. Die Kirchenorgel vergrößert den Raum bis an seine Grenzen. Ihr Klang trägt kulturelle Vorstellungen von Transzendenz, Tod, Gemeinschaft und spiritueller Erhebung in die Komposition hinein. Oh Hiroshima nutzen diese Bedeutung, ohne daraus religiösen Triumph zu formen. Oskar Nilsson steigert das Schlagzeug zu einem seiner kraftvollsten Auftritte. Die einzelnen Schläge verlieren trotz der wachsenden Instrumentierung nicht ihre Kontur. Gemeinsam mit dem Bass hält er die immer größer werdende Klangwand auf einem standfesten Fundament. Der Abschluss wirkt zugleich euphorisch und gefährdet. Die Musik erhebt sich, doch die Tür bleibt unerreichbar. Hoffnung existiert nicht als bequemes Ende, sondern als Kraft, die den Menschen trotz der fehlenden Gewissheit weitergehen lässt.

JAKOB HEMSTRÖM ZWISCHEN FRAGMENT UND GESAMTBILD

Jakob Hemström verantwortet Gitarren, Bass, Gesang und einen großen Teil der zusätzlichen Instrumentierung. Seine wichtigste Stärke liegt im Umgang mit Klangschichten. Einzelne Gitarrenlinien besitzen häufig nur wenige Töne, gewinnen im Zusammenspiel aber eine enorme räumliche Wirkung. Hemström setzt Verzerrung nicht permanent ein. Klare und leicht angezerrte Gitarren erhalten genügend Zeit, eine Atmosphäre aufzubauen. Wenn die schweren Akkorde schließlich einsetzen, besitzen sie dadurch tatsächliches Gewicht. Auch sein Bassspiel verdient Aufmerksamkeit. Das Instrument bleibt im Mix deutlich hörbar und stabilisiert die offenen Gitarrenflächen. Besonders auf »Meridian« und »Broken Sunlight« trägt der Bass aktiv zur melodischen und rhythmischen Entwicklung bei. Gesanglich bewegt sich Hemström bewusst außerhalb klassischer Rock-Frontmann-Ästhetik. Seine Stimme klingt zurückhaltend, melancholisch und gelegentlich beinahe körperlos. Auf manchen Passagen fügt sie sich so tief in die Atmosphäre ein, dass einzelne Worte schwer verständlich bleiben. Das passt zur schwebenden Wirkung der Musik, nimmt den Texten jedoch stellenweise Präsenz. Wenn Hemström deutlicher und unmittelbarer singt, wie auf »Angelos« oder »Broken Sunlight«, gewinnt das Album eine zusätzliche emotionale Nähe.

OSKAR NILSSON LENKT DIE WELLEN

Oskar Nilsson versteht das Schlagzeug nicht als reine Begleitung langsamer Gitarrensteigerungen. Seine Rhythmen strukturieren die Songs und bestimmen, wann eine Passage schweben, schreiten oder körperlich zuschlagen soll. Besonders seine Beckenarbeit fällt auf. Statt dauerhaft einen breiten Rauschteppich zu erzeugen, setzt Nilsson Ride, Crash und kleinere Akzente gezielt ein. Dadurch bleiben selbst die ruhigen Abschnitte in Bewegung. In den großen Höhepunkten schlägt er kraftvoll, verliert aber nicht die Kontrolle. Bassdrum und Snare besitzen genügend Druck, während die zahlreichen zusätzlichen Instrumente über ihnen anwachsen. Sein Spiel sorgt dafür, dass die opulenten Arrangements nicht in reiner Atmosphäre zerfließen. Auf »Meridian« zeigt Nilsson seine rhythmische Vielseitigkeit, während »Tree of Life« und »Exit Cloud« seine Fähigkeit zur langfristigen Steigerung hervorheben. Er denkt nicht in einzelnen beeindruckenden Fills, sondern in der Dramaturgie des gesamten Songs. Die Verbindung zwischen den beiden Brüdern ist entsprechend eng. Hemströms Gitarren geben nicht allein die Richtung vor; Nilssons Schlagzeug beeinflusst, wie die Melodien wahrgenommen werden. Dieses gegenseitige Reagieren macht aus dem Studioalbum eine lebendige Bandaufnahme.

ZEHN GÄSTE, ABER KEIN ORCHESTRALER SELBSTZWECK

Das Album ist die bislang aufwendigste Produktion der Band. Neben dem Duo wirkten zehn weitere Musiker mit. Streicher, Saxofon, Orgel, zusätzliche Stimmen und andere Klangfarben erweitern die klassische Besetzung. Diese Gäste werden nicht eingesetzt, um jeden Song möglichst groß erscheinen zu lassen. Viele Beiträge bleiben zunächst im Hintergrund und treten erst hervor, wenn die jeweilige Komposition sie benötigt. Ellen Vingrens Stimme gibt »Angelos« eine zweite emotionale Perspektive. Hanna Ekströms Violine trägt die folkige und elegische Seite von »Tree of Life«. Cello, Saxofon und Kirchenorgel machen »Exit Cloud« schließlich zum weitesten und klanglich ambitioniertesten Stück. Gerade die Zurückhaltung überzeugt. Das Album verwandelt sich nicht in symphonischen Bombast und behandelt die Gäste nicht wie kostspielige Dekoration. Jedes zusätzliche Instrument erhält eine klar erkennbare Aufgabe innerhalb des Spannungsbogens.

DYNAMIK STATT DAUERLAUTSTÄRKE

Die grundlegenden Aufnahmen von Schlagzeug, Bass und elektrischen Gitarren entstanden gemeinsam mit Karl Daniel Lidén im Studio Gröndahl. Weitere Instrumente wurden anschließend von der Band und ihren Gästen in Örebro aufgenommen. Magnus Lindberg übernahm zum dritten Mal in Folge Mix und Mastering. Seine Arbeit ist entscheidend für die Wirkung des Albums. Die ruhigen Passagen dürfen tatsächlich leise, offen und fragil bleiben. Gleichzeitig besitzen die Höhepunkte genügend Lautstärke und Tiefe, um körperlich zu treffen. Viele moderne Produktionen komprimieren den Unterschied zwischen Zurückhaltung und Entladung so stark, dass die angeblich gewaltigen Höhepunkte kaum größer erscheinen als der Aufbau. Auf »And The Dead Tree Gives No Shelter« bleibt diese Differenz erhalten. Gitarren, Bass und Schlagzeug besitzen auch in den dichtesten Passagen eine klare Position. Streicher, Bläser und Tasteninstrumente erweitern den Raum, ohne das Kerntrio aus Gitarre, Bass und Schlagzeug zu verschlucken. Die Produktion klingt sauber, aber nicht steril. Gerade Nilssons Schlagzeug bewahrt seine natürliche Körperlichkeit. Hemströms Gitarren dürfen rauschen, ausklingen und in den Hall hineinbrechen. Dadurch bleiben die Songs menschlich, obwohl ihre Arrangements teilweise gewaltige Dimensionen annehmen.

ZWISCHEN HOFFNUNG UND VERTRAUTEN FORMELN

Die große Stärke des Albums liegt in seiner Geschlossenheit. Titel, Texte, Dramaturgie und Instrumentierung behandeln denselben Konflikt aus unterschiedlichen Perspektiven: Wie lässt sich in einer beschädigten Welt leben, ohne in Zynismus, Apathie oder naive Beschwichtigung zu fliehen? »Servant of All« formuliert ein ethisches Ideal. »Tree of Life« betrachtet Sterblichkeit und verlorene Unschuld. »Broken Sunlight« hält an einem beschädigten Rest von Hoffnung fest, während »Ivory Town« den abgeschlossenen Rückzug vorbereitet. »Exit Cloud« zeigt schließlich eine Tür, die sichtbar, aber nicht erreichbar ist. Musikalisch besitzt die Platte zahlreiche Details, die sich erst nach mehreren Durchläufen vollständig erschließen. Rhythmische Verschiebungen, zusätzliche Streicherlinien, kleine Bassbewegungen und versteckte Gitarrenmelodien verhindern, dass die langen Stücke nur auf einen einzelnen Höhepunkt reduziert werden. Dennoch arbeitet das Duo weiterhin mit bekannten Post-Rock-Mechanismen. Ruhige Gitarren werden schrittweise verdichtet, das Schlagzeug öffnet den Raum und am Ende wächst eine große Klangwand. Nicht jeder Song kann dieses Prinzip gleichermaßen überraschend gestalten. »Skeleton Key« und »Ivory Town« besitzen im Albumkontext klare Aufgaben, bleiben als Einzelstücke jedoch hinter den stärksten Kompositionen zurück. Auch einzelne atmosphärische Passagen könnten etwas kompakter ausfallen. Die besten Momente rechtfertigen die Geduld allerdings deutlich. »Meridian«, »Tree of Life«, »Broken Sunlight« und insbesondere »Exit Cloud« zeigen eine Band, die ihre etablierte Sprache nicht aufgibt, aber durch Progressive Rock, Alternative Rock und orchestrale Instrumentierung sinnvoll erweitert.

FAZIT:

»And The Dead Tree Gives No Shelter« ist ein vielschichtiges und hervorragend produziertes Post-Rock-Album über Sinnverlust, gesellschaftliche Resignation und die notwendige Suche nach tragfähiger Hoffnung. Jakob Hemström und Oskar Nilsson verbinden fragile Gitarren, präzise Rhythmik und zurückhaltenden Gesang mit Streichern, Saxofon und Kirchenorgel, ohne ihre Musik in orchestralen Selbstzweck zu verwandeln. Nicht jeder Abschnitt entkommt den vertrauten Genreformeln, doch die starke Dramaturgie und das gewaltige Finale machen das Werk zu einer eindringlichen Auseinandersetzung mit der Frage, wie man einen toten Baum hinter sich lässt, obwohl der nächste schützende Schatten noch nicht zu erkennen ist.

Musikvideo: Meridian

Internet

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