Tracklist
01. Invocation Of The Dreamer
02. Corpsebloom Garden
03. Grief’s Reverie
04. Beneath The Scythe
05. Gilded Chambers
06. Tomb Of Roses
07. Carrion King
08. Benediction Tones
Besetzung
Phil Pendergast – Gesang, Gitarre
Ben Hutcherson – Gitarre, Gesang
David Small – Bass
Zach Coleman – Schlagzeug
Produktion:
Aufgenommen im Flatline Audio, Westminster, Colorado
Produktion, Mixing und Mastering – Dave Otero
Artwork – Christopher Remmers
Bandfotografie – Brock Marlborough
Über Nuclear Blast Records erschienen, trägt das fünfte Studioalbum von Khemmis keinen geheimnisvollen Titel und benötigt auch keinen erklärenden Untertitel: »Khemmis« soll die Essenz der amerikanischen Band auf den Punkt bringen. Fünf Jahre nach »Deceiver« verbinden die Musiker aus dem Umfeld der Denverschen Metal-Szene ihre monumentalen Doom-Riffs, harmonisierten Doppelgitarren, melodischen Klargesänge und vereinzelten Growls mit einer neu entdeckten Spielfreude. Das selbstbetitelte Album ist als eine Art Heavy-Metal-Ritual angelegt, das bei der beschwörenden »Invocation Of The Dreamer« beginnt und mit den feierlichen »Benediction Tones« endet. Dazwischen stehen Tod, Verfall, Trauer und Gräber neben aufsteigenden Melodien, klassischen Metal-Galopps und Refrains, die nicht im dunklen Keller bleiben, sondern nach großen Bühnen verlangen. Der stärkere Fokus auf kompakte Songs macht die Platte zugänglicher als frühere Werke, nimmt ihr gelegentlich aber auch jene langatmige, hypnotische Schwere, mit der Khemmis einst ganze Doom-Landschaften aus dem Boden stampften.
OHNE UMWEGE UND SCHNÖRKEL DIREKT ZUR SACHE!
Der Titel »Invocation Of The Dreamer« klingt nach einer langsam aufsteigenden Nebelwand, doch Khemmis verzichten auf minutenlanges Herantasten. Ein kurzer Ausbruch aus Blastbeats und ein heiserer Schrei schleudern den Hörer unmittelbar in das Album. Erst danach formieren sich die typischen Bestandteile: schwere Riffs, harmonisierte Gitarren, der klare Gesang von Phil Pendergast und die tiefen Growls von Ben Hutcherson.
Der Song ist eine kompakte Standortbestimmung. Die Gitarren greifen ineinander wie zwei Klingen, die dieselbe Bewegung aus unterschiedlichen Winkeln ausführen. Während eine Spur das schwere Fundament hält, steigt die andere in melodische Höhen. Diese Verbindung aus Doom-Gewicht und klassischem Heavy-Metal-Glanz gehört seit Jahren zu den wichtigsten Erkennungsmerkmalen der Band.
Pendergasts Gesang klingt melancholisch, aber nicht kraftlos. Seine Melodien tragen eine gewisse Verwundbarkeit, während die Instrumente darunter mit beträchtlicher Masse arbeiten. Hutchersons harsche Stimme wird gezielt eingesetzt und bildet keinen dauerhaften Gegenpol. Sie erscheint wie eine Kreatur, die nur für wenige Augenblicke aus dem Untergrund hervorkommt.
Eine besondere Rolle spielt der neue Bassist David Small. Sein Instrument bleibt nicht unter den beiden Gitarren begraben. Ein beweglicher Basslauf im Mittelteil verleiht dem Song zusätzliche Spannung, bevor die Doppelgitarren erneut zum Höhenflug ansetzen. Small wirkt nicht wie ein später hinzugefügter Ersatzmann, sondern wie ein Musiker, der die rhythmische Architektur der Band tatsächlich erweitert.
Der Auftakt zeigt außerdem, wie stark Khemmis ihr Material gestrafft haben. Frühere Alben eröffneten Räume, in denen sich einzelne Riffs über lange Strecken entfalten konnten. »Invocation Of The Dreamer« komprimiert diese Wirkung auf weniger als fünf Minuten. Dadurch geht etwas Hypnose verloren, dafür gewinnt der Song an unmittelbarer Schlagkraft.
BLÜTEN AUF VERWESENDER ERDE
»Corpsebloom Garden« trägt seinen Gegensatz bereits im Titel. Schönheit und Verfall stehen nicht nur lyrisch nebeneinander, sondern bestimmen auch die Musik. Die Gitarren schleppen sich zunächst mit majestätischer Schwere vorwärts, während Pendergasts Gesang über dem düsteren Fundament beinahe tröstlich wirkt.
Der Refrain öffnet das Stück und lässt für einen Moment Licht in die verwesende Gartenlandschaft. Diese Wechselwirkung beherrschen Khemmis ausgezeichnet. Ihre Melodien mindern die Härte nicht, sondern geben ihr eine emotionale Richtung. Ein schweres Riff kann körperlich beeindrucken, doch erst die darüberliegende Melodie macht es erinnerungswürdig.
Hutchersons Growls gehören hier zu den stärksten des Albums. Sie werden nicht als obligatorischer Extrem-Metal-Stempel eingesetzt, sondern verschärfen die bedrückendsten Abschnitte. Wenn sich die klare Stimme zurückzieht und die harschen Vocals übernehmen, scheint der Boden unter den blühenden Pflanzen aufzubrechen.
Das Stück entwickelt mehrere Bewegungen, ohne sich in technischen Umwegen zu verlieren. Langsame Doom-Passagen wechseln mit beschleunigten Rhythmen und melodischen Gitarrenantworten. Die Übergänge wirken natürlich, weil jedes neue Element aus dem vorherigen Motiv hervorgeht.
Small und Zach Coleman bilden dabei ein belastbares Fundament. Der Bass erhält genügend Raum für eigene Linien, während das Schlagzeug den Song vorantreibt, ohne die Gitarren zu überrollen. Besonders Colemans Beckenarbeit gibt den melodischen Öffnungen zusätzliche Breite.
»Corpsebloom Garden« gehört zu jenen Liedern, die den selbstbetitelten Charakter des Albums rechtfertigen. Doom Metal, traditioneller Heavy Metal, Growls und große Gesangsmelodien stehen in einem Verhältnis, das sofort nach Khemmis klingt.
TRAUER MIT ERHOBENEM SCHWERT
»Grief’s Reverie« behandelt Trauer nicht als stilles Verharren, sondern als Bewegung. Die Gitarrenlinien besitzen eine beinahe triumphale Farbe, während der Gesang weiterhin von Verlust und innerer Schwere geprägt bleibt. Dieser Widerspruch erzeugt eine emotionale Spannung, die sich durch das gesamte Album zieht.
Pendergast trägt den Song mit einer seiner stärksten Gesangsleistungen. Seine Stimme bleibt klar und kontrolliert, wirkt aber nie glatt. In den höheren Passagen scheint sie kurz vor dem Brechen zu stehen, ohne tatsächlich die Kontrolle zu verlieren. Diese leichte Unsicherheit gibt den Melodien ihre menschliche Wirkung.
Die Gitarren von Pendergast und Hutcherson arbeiten besonders eng zusammen. Harmonien erinnern an Thin Lizzy, Iron Maiden und die melodische Seite von Judas Priest, werden jedoch auf ein wesentlich schwereres Fundament gesetzt. Statt einer schnellen NWOBHM-Fahrt entsteht ein gepanzerter Zug, der seine Melodien durch eine Landschaft aus Asche trägt.
Die harschen Stimmen erscheinen nur punktuell. Diese Zurückhaltung ist sinnvoll, da der Song seine größte Wirkung aus dem Kontrast zwischen instrumentaler Masse und klarem Gesang bezieht. Ein permanenter Growl-Angriff hätte die melancholische Offenheit zugeschüttet.
Der Refrain besitzt eine fast hymnische Größe. Er klingt nach einer Arena, obwohl das Grundgefühl weit entfernt von unbeschwerter Euphorie bleibt. Trauer wird nicht überwunden, sondern in eine Form gebracht, die sich gemeinsam tragen lässt.
Genau darin liegt eine der besonderen Fähigkeiten von Khemmis: Die Band kann niederschmetternde Themen so vertonen, dass sie nicht ausschließlich nach unten ziehen. Die Musik hebt das Gewicht an, ohne es zu leugnen.
UNTER DER SENSE GALOPPIERT DER METAL
Mit »Beneath The Scythe« rückt der traditionelle Heavy Metal weiter in den Vordergrund. Ein galoppierender Rhytmus, aufsteigende Gitarrenharmonien und ein großer Refrain lassen den Doom-Anteil zeitweise in den Hintergrund treten. Die Sense schwingt nicht langsam über ein Kornfeld, sondern wird von einem gepanzerten Reiter durch die Nacht getragen.
Der Song gehört zu den zugänglichsten Stücken des Albums, ohne an Gewicht zu verlieren. Die Gitarren besitzen genügend Tiefe, um nicht in bloßen Retro-Metal umzuschlagen. Gleichzeitig erlauben sich die Musiker mehr Geschwindigkeit und heroische Gesten als in vielen älteren Kompositionen.
Pendergasts Gesang steht deutlich im Mittelpunkt. Seine Linien sind melodisch, eingängig und auf große Wirkung angelegt. Im Refrain treffen sich Melancholie und Kampfgeist. Das Ergebnis erinnert stellenweise an Epic Doom, besitzt aber ebenso Elemente des klassischen Power und Heavy Metal.
Die Soli gehören zu den Höhepunkten des Songs. Pendergast und Hutcherson spielen nicht gegeneinander, sondern führen ein melodisches Gespräch. Eine Gitarre steigt auf, die andere antwortet mit einer leicht veränderten Linie. Technische Fähigkeiten werden gezeigt, bleiben aber der Komposition untergeordnet.
Auch Small erhält einen auffälligen Moment. Sein Bass bewegt sich kurz aus der Rolle des Fundaments heraus und zeigt, dass die neue Besetzung tatsächlich neue Möglichkeiten eröffnet. Die Rhythmussektion klingt beweglicher und weniger ausschließlich auf massive Langsamkeit ausgerichtet.
Der Song könnte langjährige Doom-Puristen spalten. Wer von Khemmis vor allem ausgedehnte, erdrückende Kompositionen erwartet, erhält hier einen vergleichsweise direkten Heavy-Metal-Hit. Wer die Band schon immer wegen ihrer melodischen Gitarren und großen Refrains schätzte, dürfte »Beneath The Scythe« dagegen schnell zu den Favoriten zählen.
DIE VERGOLDETE KAMMER BRENNT
»Gilded Chambers« beginnt mit einem Schlagzeugausbruch, der beinahe aus dem Hardcore oder Punk stammen könnte. Coleman setzt ein energisches D-Beat-artiges Muster, bevor die Gitarren den Song in vertrauteres Heavy-Metal-Gelände ziehen. Dieser Einstieg wirkt wie ein Tritt gegen eine kostbar verzierte Tür.
Die Strophen treiben wesentlich direkter als der Großteil des bisherigen Albums. Das Riff besitzt eine kantige, fast rockige Energie. Gleichzeitig bleibt die melodische Seite erhalten. Pendergasts Stimme schwebt über dem schnellen Fundament, während Hutcherson mit raueren Einsätzen zusätzliche Schärfe einbringt.
Der Refrain ist bewusst groß und beinahe übertrieben melodisch gestaltet. Seine mehrstimmigen Gesänge bewegen sich nahe an Power Metal und klassischem Hard Rock. Diese Entscheidung kann als befreiend oder als zu süßlich empfunden werden. Die Band nimmt das Risiko jedoch vollständig an und versucht nicht, den melodischen Überschwang hinter zusätzlichem Lärm zu verstecken.
Im Mittelteil fällt der Song plötzlich in sich zusammen. Akustische oder sauber gespielte Gitarren öffnen einen stilleren Raum, während Bass und Schlagzeug die Spannung halten. Anschließend baut sich die schwere Wand erneut auf. Dieser Wechsel wirkt nicht wie ein aufgesetzter Progressive-Metal-Trick, sondern wie eine kurze Atempause in einer ansonsten ausgesprochen beweglichen Nummer.
»Gilded Chambers« zeigt die neu gewonnene Spielfreude besonders deutlich. Die Band scheint hörbar Freude daran zu haben, verschiedene Elemente zusammenzuwerfen und zu prüfen, ob sie unter dem Gewicht ihrer eigenen Gitarren bestehen bleiben.
Nicht jeder Abschnitt sitzt vollkommen bruchlos. Der sehr helle Refrain steht deutlich gegen die härteren Strophen, und die vielen Wechsel lassen den Song zunächst weniger geschlossen wirken. Nach mehreren Durchläufen offenbart sich jedoch ein bewusst gebauter Spannungsbogen.
DAS GRAB DUFTET NACH ROSEN
»Tomb Of Roses« kehrt zu jener dunklen Romantik zurück, die Khemmis besonders gut beherrschen. Eine neoklassisch gefärbte Einleitung und zurückhaltende Gitarren schaffen zunächst eine beinahe zerbrechliche Atmosphäre. Danach setzt ein kräftiges Riff ein und zieht den Song aus der Stille.
Die Komposition lebt von ihrem Wechsel zwischen Verletzlichkeit und Widerstand. Pendergasts Gesang klingt sehnsüchtig, während die Gitarren darunter immer wieder neue Kraft sammeln. Der Tod erscheint nicht ausschließlich als Niederlage, sondern auch als letzte Form der Verweigerung.
Die harmonisierten Leadgitarren gehören zu den schönsten Momenten des Albums. Sie steigen nicht einfach über das Riff, sondern tragen einen eigenen melodischen Gedanken. Dabei erinnern sie an klassische Heavy-Metal-Duos, ohne die schwere Grundstimmung aufzugeben.
Hutchersons harsche Stimme wird erneut sparsam eingesetzt. Wenn sie erscheint, zerreißt sie die kontrollierte Melancholie für wenige Augenblicke. Gerade weil die Growls nicht dauerhaft präsent sind, entfalten sie eine stärkere Wirkung.
Die Rhythmusgruppe arbeitet unauffälliger als bei »Gilded Chambers«, aber nicht weniger wirkungsvoll. Colemans Schlagzeug gibt den ruhigen Passagen genügend Raum und erhöht den Druck erst dann, wenn die Gitarren vollständig einsetzen. Smalls Bass bewegt sich zwischen den Akkorden und sorgt für zusätzliche Tiefe.
»Tomb Of Roses« ist eines der emotionalen Zentren der Platte. Der Song vereint die melodische Zugänglichkeit des neuen Materials mit der schwermütigen Atmosphäre früherer Veröffentlichungen. Hier ist die Straffung kein Verlust, sondern eine Konzentration.
DER AASKÖNIG FORDERT SEIN REICH
»Carrion King« ist der längste Song des Albums und zugleich dessen extremster Moment. Blastbeats, schwarzmetallische Schärfe und tiefe Growls eröffnen eine Komposition, die zunächst deutlich wilder wirkt als das vorangegangene Material.
Nach dem aggressiven Beginn fällt der Song in eine getragenere Doom-Bewegung. Pendergasts klarer Gesang erzeugt einen fast tröstlichen Gegensatz zur verwesenden Bildwelt. Gerade diese Reibung lässt die Musik bedrohlicher wirken, als es ein durchgehender Extrem-Metal-Angriff könnte.
Im weiteren Verlauf verwandelt sich das Stück mehrfach. Traditioneller Heavy Metal, Death-Doom und melodische Passagen greifen ineinander. Die Übergänge bleiben verständlich, obwohl »Carrion King« mehr unterschiedliche Räume durchquert als die meisten anderen Titel.
Hutcherson liefert seine brutalsten Gesangspassagen des Albums. Seine Growls besitzen eine tiefe, fast körperliche Wirkung und drücken die Musik weiter nach unten. Im späteren Verlauf erinnern einzelne Momente an die monumentale Schwere von Triptykon oder klassischen Death-Doom.
Coleman setzt erstmals in der Bandgeschichte besonders deutlich auf Blastbeats. Diese werden nicht zum Dauerzustand, sondern markieren einen Kontrollverlust, bevor sich der Song erneut sammelt. Der Wechsel macht die schnellen Abschnitte wirkungsvoller und bewahrt die Doom-Basis.
Der Titel zeigt, was auf dem Album manchmal fehlt: eine längere Entwicklung, in der sich Motive verwandeln und Stimmungen nicht bereits nach wenigen Minuten auflösen müssen. Obwohl auch »Carrion King« keine dreizehnminütige Doom-Suite ist, lässt die zusätzliche Laufzeit mehr Raum für Spannung.
Gleichzeitig bleibt die Komposition fokussiert. Kein Abschnitt wirkt ausschließlich zur Verlängerung eingesetzt. Der Aaskönig erhebt sich, verwüstet sein Reich und verschwindet wieder, bevor sich die Wiederholungen abnutzen.
DER SEGEN KLINGT WIE EIN ABSCHIED
»Benediction Tones« schließt das Heavy-Metal-Ritual mit einem feierlichen, aber nicht versöhnungslosen Finale. Der Titel verweist auf Segensklänge, doch die Musik bleibt von Dunkelheit und innerer Unruhe durchzogen.
Ein melodisches Gitarrenmotiv eröffnet den Song und wird nach und nach von der gesamten Band aufgenommen. Das Riff besitzt Gewicht, bewegt sich aber nicht in der erdrückenden Langsamkeit klassischer Funeral-Doom-Kompositionen. Stattdessen entsteht ein majestätischer Mittelfluss.
Pendergasts Gesang erreicht erneut große Höhen. Der Refrain wirkt beinahe hymnisch und könnte bei Konzerten von einem ganzen Saal mitgetragen werden. Hinter der zugänglichen Melodie bleibt jedoch eine melancholische Spannung bestehen.
Die Gitarrenarbeit vereint sämtliche Stärken des Albums. Schwere Akkorde, harmonisierte Leads, kurze Soli und melodische Gegenbewegungen werden zu einem geschlossenen Ganzen. Nichts klingt überfüllt, obwohl zahlreiche Details gleichzeitig arbeiten.
Der Song erfüllt seine Rolle als Abschluss, weil er nicht versucht, die Platte mit einem plötzlichen Stilbruch zu übertrumpfen. Stattdessen fasst er ihre Sprache zusammen: Doom-Schwere, traditioneller Heavy Metal, emotionaler Klargesang und ein letzter Blick in die extremere Tiefe.
Das ausklingende Ende lässt das Ritual langsam verschwinden. Kein harter Schlussstrich beendet die Platte. Die Gitarren ziehen sich zurück, als würden die letzten Töne noch über einer nächtlichen Berglandschaft schweben.
EIN ALBUM ALS EIGENE VISITENKARTE
Selbstbetitelte Alben tragen häufig den Anspruch, eine Band vollständig zu definieren. Bei »Khemmis« ist diese Entscheidung nachvollziehbar. Die acht Songs enthalten nahezu sämtliche Merkmale, die den Stil der Amerikaner seit dem Debüt geprägt haben.
Die Doom-Wurzeln bleiben vorhanden, bestimmen aber nicht mehr jede Bewegung. Klassischer Heavy Metal, NWOBHM-Harmonien, Death-Doom, vereinzelte Black-Metal-Ausbrüche und melodische Rockrefrains erhalten mehr Raum. Die Band wirkt weniger daran interessiert, Genregrenzen zu bewachen, als gute Riffs und einprägsame Gesangslinien miteinander zu verbinden.
Dadurch ist »Khemmis« vermutlich das zugänglichste Album der bisherigen Diskografie. Die Songs sind kürzer, die Refrains direkter und die Arrangements klarer strukturiert. Selbst die extremen Momente erscheinen gezielt gesetzt und werden nicht über lange Strecken ausgedehnt.
Diese Konzentration hat ihren Preis. Die hypnotischen Spannungsbögen von »Hunted« oder die langsame emotionale Zersetzung früherer Stücke treten in den Hintergrund. Mehrere Songs bewegen sich außerdem in einem ähnlichen mittleren Tempo und folgen einem vergleichbaren Wechsel aus schweren Riffs, klarem Refrain und harschem Gegenangriff.
Beim ersten Durchlauf können einzelne Stücke deshalb ineinanderfließen. Erst mit wiederholtem Hören treten die Unterschiede deutlicher hervor: Smalls Bassbewegungen, Colemans Rhythmuswechsel, die unterschiedlichen Gesangsschichten und die kleinen harmonischen Entscheidungen innerhalb der Gitarrenarbeit.
Das Album ist somit keine radikale Neuerfindung. Es ist vielmehr eine geschärfte Darstellung dessen, was Khemmis bereits waren – nur kompakter, selbstbewusster und stärker auf den unmittelbaren Heavy-Metal-Effekt ausgerichtet.
DER NEUE BASSIST ÖFFNET DEN UNTERGRUND
Die wichtigste personelle Veränderung ist David Small, der seit 2022 fest zur Band gehört und hier erstmals auf einem vollständigen Studioalbum mitwirkt. Seine Verbindung mit Coleman erweitert die rhythmischen Möglichkeiten spürbar.
Small spielt nicht ausschließlich die Grundtöne der Gitarren nach. Seine Linien bewegen sich durch freie Räume, setzen melodische Gegenpunkte und geben den schnelleren Stücken zusätzliche Elastizität. Besonders bei »Invocation Of The Dreamer« und »Beneath The Scythe« tritt der Bass bewusst aus dem Hintergrund.
Coleman reagiert darauf mit einem beweglicheren Schlagzeugspiel. D-Beats, Blastbeats, klassische Metal-Galopps und schwere Doom-Schläge stehen nebeneinander. Die Drums dienen weiterhin den Songs, wirken aber weniger vorhersehbar als auf einigen älteren Aufnahmen.
Die neue Rhythmussektion gibt den Gitarristen mehr Freiheit. Pendergast und Hutcherson können ihre harmonisierten Leads ausbauen, ohne dass das Fundament an Stabilität verliert. Selbst während längerer Solopassagen bleibt die Musik fest verankert.
Die Spielfreude, von der die Band im Zusammenhang mit dem Album spricht, ist deshalb nicht nur eine schöne Begleitgeschichte. Sie wird in den Interaktionen hörbar. Kleine Bassausbrüche, spontane Schlagzeugideen und entschlossene Tempowechsel vermitteln den Eindruck, dass vier Musiker tatsächlich aufeinander reagieren.
ZWEI STIMMEN ZWISCHEN TROST UND ABGRUND
Die Verbindung aus Pendergasts Klargesang und Hutchersons Growls bleibt ein entscheidendes Merkmal. Beide Stimmen erfüllen unterschiedliche Funktionen, ohne in ein einfaches Schön-und-Biest-Schema zu fallen.
Pendergast singt melodisch, melancholisch und zunehmend selbstsicher. Seine Stimme besitzt keine klassische Doom-Theatralik im Stil eines Messiah Marcolin, erreicht aber eine ähnliche emotionale Größe. Besonders in den Refrains von »Grief’s Reverie«, »Tomb Of Roses« und »Benediction Tones« trägt er die Musik weit über das schwere Gitarrenfundament.
Hutcherson erscheint wesentlich seltener. Seine Growls markieren jene Momente, in denen die kontrollierte Oberfläche aufbricht. Bei »Corpsebloom Garden« und »Carrion King« erhält seine Stimme ausreichend Raum, um tatsächlich bedrohlich zu wirken.
Die sparsamere Verwendung der Growls dürfte Hörer ansprechen, denen der frühere Wechsel zu häufig oder zu hart erschien. Gleichzeitig verliert die Platte dadurch stellenweise einen Teil ihrer extremen Spannung. Auf mehreren Songs ist früh absehbar, wann die harsche Stimme einsetzen wird.
Dennoch harmonieren beide Sänger besser als je zuvor. Die unterschiedlichen Ausdrucksformen wirken nicht mehr wie zwei übereinandergelegte Bandidentitäten, sondern wie zwei Perspektiven derselben Erzählung.
DAVE OTERO POLIERT DEN MONOLITHEN
Für Aufnahme, Produktion und Klangbearbeitung kehrten Khemmis zu Dave Otero und dessen Flatline Audio zurück. Die Zusammenarbeit sorgt für eine massive und gleichzeitig klar getrennte Produktion.
Die Gitarren klingen groß, ohne vollständig zu verschlammen. Harmonien bleiben selbst dann nachvollziehbar, wenn mehrere verzerrte Spuren übereinanderliegen. Der Bass erhält genügend Präsenz und die Stimmen sitzen deutlich über dem instrumentalen Fundament.
Das Schlagzeug ist druckvoll und präzise, wirkt jedoch gelegentlich etwas kühl. Vor allem die Bassdrum und einzelne schnelle Passagen besitzen eine moderne, stark kontrollierte Härte, die nicht immer zur organischen Wärme des Epic Doom passt.
Diese Glätte wird teilweise durch die Gitarrentöne ausgeglichen. Die Riffs besitzen eine körnige Oberfläche und ausreichend Schmutz, um nicht nach klinischem Studiometal zu klingen. Besonders die tieferen Passagen drücken mit erheblicher körperlicher Wirkung.
Das Album ist laut und kompakt gemastert. Die enorme Dichte unterstützt die direkte Ausrichtung, lässt aber weniger Luft als bei älteren, räumlicheren Doom-Produktionen. In längeren Hörsitzungen kann die gleichbleibende Klangmasse leicht ermüden.
Dennoch bleibt der Mix übersichtlich. Selbst in den hektischen Abschnitten von »Carrion King« verschwinden weder Bass noch Gitarrenharmonien vollständig. Otero hält den Monolithen zusammen, auch wenn dessen polierte Oberfläche nicht jedem Doom-Puristen gefallen dürfte.
NEUE BILDER FÜR DASSELBE RITUAL
Auch visuell markiert das Album eine Veränderung. Statt der barbarischen Illustrationen von Sam Turner, die mehrere frühere Veröffentlichungen prägten, stammt das neue Ölgemälde von Christopher Remmers.
Das Artwork bleibt im Bereich fantastischer und esoterischer Bildwelten, wirkt aber weniger wie eine klassische Sword-and-Sorcery-Szene. Es unterstützt den rituellen Charakter des Albums und dessen Verbindung aus Tod, Spiritualität und metallischer Erhabenheit.
Diese Veränderung wiederspiegelt die musikalische Ausrichtung. Die bekannte Welt bleibt erhalten, wird jedoch aus einer anderen Perspektive betrachtet. Khemmis brechen nicht mit ihrer Vergangenheit, sondern verändern den Blickwinkel.
Der selbstbetitelte Name, das neue Cover und die kompaktere Musik bilden daher eine zusammenhängende Aussage. Die Band präsentiert keine Rückkehr zu einem bestimmten früheren Album, sondern eine aktuelle Zusammenfassung ihrer Identität.
DOOM METAL MIT OFFENEN TOREN
Khemmis werden weiterhin als Doom-Metal-Band bezeichnet, doch das selbstbetitelte Album zeigt, wie unzureichend diese Einordnung geworden ist. Doom bildet das Fundament, aber zahlreiche weitere Stilrichtungen stehen inzwischen auf diesem Untergrund.
Die harmonisierten Gitarren stammen aus der Schule von Thin Lizzy und Iron Maiden. Die monumentalen Refrains erinnern an Epic Doom und traditionellen Heavy Metal. D-Beats, Blastbeats und Death-Doom-Ausbrüche erweitern das Spektrum in härtere Richtungen.
Vergleiche mit Candlemass, Pallbearer, YOB, Spirit Adrift, Grand Magus oder Green Lung sind nachvollziehbar, erfassen aber jeweils nur einen Ausschnitt. Khemmis besitzen inzwischen eine ausreichend deutliche Sprache, um nicht als bloße Verbindung ihrer Einflüsse wahrgenommen zu werden.
Die Band behandelt Melodie und Härte nicht als Gegensätze. Ein großer Refrain muss nicht weniger schwer sein, und ein Growl-Ausbruch muss die melodische Entwicklung nicht unterbrechen. Die besten Songs lassen beide Seiten gleichzeitig arbeiten.
Gelegentlich führt dieser Ansatz zu sehr vielen vertrauten Bausteinen innerhalb eines einzigen Stücks. Galopp, harmonisiertes Solo, Doom-Bremse, Growls und großer Refrain erscheinen mehrfach in ähnlicher Abfolge. Die handwerkliche Qualität bleibt hoch, doch der Überraschungseffekt nimmt in der zweiten Albumhälfte etwas ab.
KOMPAKTER, ABER NICHT KLEINER
Mit rund 42 Minuten ist »Khemmis« für die Verhältnisse der Band ausgesprochen kompakt. Es gibt keine zehn- oder dreizehnminütigen Epen, und selbst der längste Titel bleibt deutlich unter sieben Minuten.
Diese Straffung macht die Platte leicht zugänglich. Kein Song verliert sich in unnötiger Wiederholung, und das Album lässt sich in einem Zug hören. Die acht Titel bilden einen klaren Weg von der Beschwörung bis zum abschließenden Segen.
Gleichzeitig fehlt stellenweise der Mut zur Länge. Doom Metal gewinnt häufig durch Geduld, Wiederholung und das langsame Verändern scheinbar unbeweglicher Riffs. Auf »Khemmis« wird eine Idee oft bereits weitergeführt, bevor sie ihre volle hypnotische Wirkung entfaltet.
»Carrion King« deutet an, wie stark die Verbindung aus neuer Energie und älterer Weite funktionieren kann. Ein oder zwei zusätzliche Kompositionen mit einem vergleichbar langen Spannungsbogen hätten das Album noch abwechslungsreicher gemacht.
Die kompakte Ausrichtung ist dennoch keine bloße Anpassung an verkürzte Aufmerksamkeitsspannen. Sie passt zum erklärten Ziel, ein energiereiches Heavy-Metal-Album zu schreiben. Khemmis wollen diesmal weniger langsam versinken als gemeinsam durch die Dunkelheit marschieren.
FAZIT:
»Khemmis« bündelt Doom-Schwere, klassische Doppelgitarren, große Melodien und gezielte Extrem-Metal-Ausbrüche zu einem ebenso kompakten wie emotionalen Heavy-Metal-Ritual. Die ähnliche Mittellage einiger Songs und der etwas kühle Schlagzeugsound verhindern die Höchstwertung, doch »Invocation Of The Dreamer«, »Beneath The Scythe«, »Tomb Of Roses« und »Carrion King« zeigen eine Band in ausgezeichneter Form. 4,5 von 5 Punkten.






