Tracklist
01. Einstoeingen og Eg – 10:08
02. Et Dyr tok min Hud – 07:48
03. Engler – 09:43
04. Av Guds ville Naade – 09:02
Besetzung
Hoest – sämtliche Instrumente und Gesang
Vier Stücke, 36 Minuten und 41 Sekunden Spielzeit sowie ein ganzer Wald voller Fluchpfähle: Mehr braucht Taake nicht, um die Bergener Nebelmaschine erneut anzuwerfen. Drei Jahre nach »Et Hav av Avstand« veröffentlicht Hoest mit »En Skog av Nidstang« das neunte Studioalbum seines Projekts. Aufgenommen wurde das Werk in bewusster Abgeschiedenheit südlich von Bergen, in den moosbedeckten Wäldern Borgøys. Moderne Studiotechnik und übermäßige Nachbearbeitung sollten dabei nicht den Ton angeben. Stattdessen vertraute Hoest auf Intuition, begrenzte Mittel und jene eigenwillige Mischung aus eisigem Black Metal, schwermütigen Melodien, ruppigem Black ’n’ Roll und überraschenden Abzweigungen, die Taake seit Jahrzehnten von zahlreichen skandinavischen Mitbewerbern unterscheidet.
EIN GANZER WALD AUS FLUCHPFÄHLEN
Der Albumtitel lässt sich sinngemäß als »Ein Wald aus Nidstangen« übersetzen. Eine Nidstange bezeichnet in der altnordischen Überlieferung einen Schand- oder Fluchpfahl, der gegen einen Feind gerichtet wurde. Häufig wird er als hölzerner Pfahl mit einem Pferdekopf und eingeritzter Verwünschung dargestellt. Schon ein einzelnes solches Zeichen sollte Verachtung, Ächtung und Unheil ausdrücken. Hoest belässt es allerdings nicht bei einem Pfahl, sondern stellt gleich einen ganzen Wald davon auf.
Das ist ein ausgezeichnetes Bild für die Wirkung des Albums. Der Wald verspricht Schutz und Abgeschiedenheit, wird hier jedoch gleichzeitig zum Ort unzähliger Drohungen. Hinter jedem Stamm könnte ein weiterer Fluch stehen, und jeder vertraute Weg kann unvermittelt in unbekanntes Gelände führen. Diese Spannung zwischen Rückzug und Bedrohung prägt alle vier Stücke.
Da keine allgemein zugänglichen vollständigen Übersetzungen der Texte vorliegen und Hoest mit sprachlichen Eigenheiten arbeitet, sollte aus den Titeln keine starre Handlung konstruiert werden. Die wiederkehrenden Stimmen, die gequälten Schreie und die ungewöhnlichen Klangfarben geben dennoch genügend Hinweise auf Einsamkeit, Verwandlung, religiöse Bilder und eine Natur, die weder romantisch noch friedlich erscheint. »En Skog av Nidstang« funktioniert deshalb weniger wie eine lineare Erzählung als wie vier unterschiedliche Zustände innerhalb desselben dunklen Geländes.
VOM NEBEL ÜBER BERGEN BIS NACH BORGØY
Die Geschichte von Taake reicht bis 1993 zurück, als Hoest das Projekt zunächst unter dem Namen Thule gründete. Zwei Jahre später erfolgte die Umbenennung in Taake, eine ältere Schreibweise des norwegischen Wortes für Nebel. Spätestens die drei Alben »Nattestid ser porten vid«, »Over Bjoergvin graater himmerik« und »Hordalands doedskvad« etablierten eine Handschrift, die norwegische Black-Metal-Tradition mit auffälligen Melodien, eigenwilliger Rhythmik und einer starken Bindung an Bergen verband.
Hoest blieb über sämtliche Besetzungswechsel hinweg der feste Mittelpunkt. Auch auf dem neunten Album übernimmt er Gesang und sämtliche Instrumente selbst. Diese Arbeitsweise kann leicht zur abgeschlossenen Selbstwiederholung führen, besitzt hier aber einen entscheidenden Vorteil: Riffs, Bassläufe, Schlagzeug und Stimme wirken nicht wie unabhängig aufgenommene Beiträge, sondern wie verschiedene Gliedmaßen derselben Gestalt.
Für die Aufnahmen zog sich Hoest in die Umgebung von Borgøy zurück, eine Landschaft, die auch mit dem norwegischen Maler Lars Hertervig verbunden ist. Die Einschränkung auf grundlegende Werkzeuge und eine konzentrierte Umgebung passt zum Material. Das Album klingt nicht wie ein makellos ausgeleuchteter Neubau, sondern wie ein altes Haus, dessen Räume mit jeder Bewegung ihre Größe verändern. Trotzdem ist dies keine primitive Kelleraufnahme. Die vielen Gitarrenspuren, Stimmen und Übergänge wurden sorgfältig angeordnet, ohne die raue Oberfläche glatt zu polieren.
EINSTOEINGEN OG EG: MIT SICH SELBST ALLEIN
Der über zehnminütige Auftakt »Einstoeingen og Eg«, sinngemäß »Der Einzelgänger und ich«, führt langsam in den Wald hinein. Eine verfremdete Stimme und ein hoch liegendes Tremoloriff schaffen zunächst Distanz. Dann bricht Hoests Schrei durch das Arrangement und macht deutlich, dass die vermeintliche Ruhe nur eine dünne Oberfläche besitzt.
Typisch für Taake ist nicht bloß das Tempo, sondern die Art, wie sich die Gitarrenlinien verbiegen. Triller, kleine melodische Haken und schief wirkende Tonfolgen lösen das Stück immer wieder aus dem gewöhnlichen Black-Metal-Galopp. Hoest schreibt keine Riffs, die lediglich Kälte darstellen sollen. Seine Gitarren taumeln, zerren und winden sich, bis aus einer zunächst überschaubaren Figur etwas körperlich Unangenehmes entsteht.
In der Mitte öffnet sich die Komposition. Gesprochene Stimmen treten hervor, während die Gitarren beinahe post-rockartige Weite gewinnen. Dieser Abschnitt bildet keinen bloßen Ruhepunkt vor dem nächsten Angriff. Er verändert rückwirkend die Bedeutung des Beginns: Der Einzelgänger und das sprechende Ich erscheinen nicht unbedingt als zwei Personen, sondern möglicherweise als zwei Seiten desselben Wesens.
Vollständig frei von Längen ist der Auftakt nicht. Einzelne Motive kreisen etwas länger, als es für ihre Entwicklung notwendig wäre. Trotzdem hält Hoest die Spannung durch kleine Veränderungen in Tonlage, Anschlag und Hintergrundstimmen aufrecht. Das Stück ist keine zehnminütige Aneinanderreihung von Ideen, sondern ein bewusst langsamer Eintritt in die innere Logik des Albums.
ET DYR TOK MIN HUD: WENN DAS TIER DIE HAUT ÜBERNIMMT
»Et Dyr tok min Hud« bedeutet »Ein Tier nahm meine Haut« und greift erheblich unmittelbarer an. Das Schlagzeug drängt nach vorne, die Gitarren schlagen schärfer zu und der Bass liegt als dunkle Bewegung im Zentrum. Mit 7:48 Minuten handelt es sich um das kürzeste Stück der Platte – wobei das Wort „kurz“ in diesem Wald natürlich relativ zu verstehen ist.
Der Titel ruft das Bild einer umgekehrten Häutung hervor. Nicht der Mensch wirft seine alte Hülle ab, sondern ein Tier nimmt sie an. Musikalisch passt dazu der Wechsel zwischen kontrolliertem Riffing und zunehmend entfesselten Ausbrüchen. Hoests Stimme klingt nicht wie ein Erzähler, der eine Verwandlung beobachtet, sondern wie etwas, das bereits mitten darin steckt.
Auch hier tauchen eingespielte Stimmen und eine ungewöhnliche instrumentale Farbe auf, die sich nicht eindeutig einem gewöhnlichen Bestandteil der Metalbesetzung zuordnen lässt. Solche Einsprengsel wirken nicht wie nachträglich befestigter Schmuck. Sie lassen das vertraute Klangbild für einen Moment kippen und machen den anschließenden Gitarrenangriff umso wirksamer.
Gegen Ende legen sich mehrere Gitarrenlinien übereinander, ohne zu einem bloßen Geräuschblock zu verschwimmen. Eine Spur zieht nach oben, eine zweite hält das Rhythmusfundament fest und eine weitere scheint quer durch beide Ebenen zu schneiden. »Et Dyr tok min Hud« ist dadurch der direkteste Titel des Albums, verliert aber keineswegs dessen seltsame Beweglichkeit.
ENGLER: SCHWARZE SCHWINGEN UND SCHWERE RIFFS
Der schlichte Titel »Engler« bedeutet »Engel«. Wer deshalb himmlische Chöre und friedliche Erlösung erwartet, ist bei Taake ungefähr so gut aufgehoben wie ein Schneemann in einer norwegischen Sauna. Das Stück beginnt mit einem stetigen, beinahe schreitenden Rhythmus und einer Gitarrenmelodie, die gleichermaßen melancholisch und widerspenstig klingt.
In der ersten Hälfte verbindet Hoest Black Metal mit klassischem Heavy Metal. Mehrstimmig wirkende Gitarrenführungen erinnern in ihrer Beweglichkeit gelegentlich an alte Thin Lizzy, werden jedoch durch Tremolospiel, rauen Klang und Hoests schneidende Stimme in eine deutlich finsterere Form gezwungen. Es ist eine vertraute Stärke von Taake: Ein melodischer Einfall darf offen und eingängig sein, ohne dass dadurch die Bedrohung verschwindet.
Nach ungefähr der Hälfte verändert sich das Gewicht. Der Song wird schwerer, die Riffs rücken näher an Black ’n’ Roll und der zuvor ausladende Gang verwandelt sich in ein groovendes Stampfen. Dieser Übergang wirkt vollkommen natürlich, obwohl beide Teile für sich beinahe eigenständige Stücke bilden könnten. Hoest findet eine gemeinsame melodische Ader, die sie miteinander verbindet.
Der Gesang dient dabei stärker als Instrument denn als klar abgegrenzte Stimme über dem Arrangement. Schreie, gedehnte Laute und ferne vokale Schichten sitzen zwischen den Gitarren, statt sich dauerhaft davorzustellen. »Engler« gehört zu den stärksten Kompositionen des Albums, weil Melodie, Atmosphäre und körperlicher Druck ausgewogen bleiben. Die knapp zehn Minuten vergehen hier deutlich schneller als im Auftakt.
AV GUDS VILLE NAADE: DURCH EINE WILDE GNADE
Der Abschluss »Av Guds ville Naade« lässt sich ungefähr als »Durch Gottes wilde Gnade« verstehen. Schon die Formulierung verbindet religiöse Erhabenheit mit etwas Unberechenbarem. Genau diese Reibung bestimmt die folgenden neun Minuten.
Der Beginn besitzt eine eigentümlich offene Weite. Gitarrenlinien scheinen zunächst über leeres Gelände zu ziehen, bevor Schlagzeug und verzerrte Akkorde den Raum enger machen. Nach dem ersten Drittel tauchen fremdartige Stimmen und beinahe opernhafte Laute auf. Sie erscheinen nicht als feierlicher Chor, sondern wie eine beschädigte Liturgie, die aus großer Entfernung durch die Bäume dringt.
Darauf folgen volkstümlich gefärbte Tremolomelodien, schwerer Groove und immer neue Gitarrenverästelungen. Hoest gelingt hier besonders überzeugend, was das gesamte Album versucht: traditionelle norwegische Kälte wird nicht nachgestellt, sondern mit Heavy Metal, Rockrhythmik und progressiver Entwicklung in Bewegung gehalten. Selbst ein beinahe vertrauter melodischer Lauf erhält durch die nächste harmonische Wendung einen schiefen Schatten.
Das Finale entfernt sich schließlich von gewöhnlichen Black-Metal-Strukturen. Kratziger Klargesang, eine frei wirkende Leadgitarre und eine letzte bellende Stimme lassen den Song nicht einfach enden, sondern im Unterholz verschwinden. Eine eindeutige Auflösung bleibt aus. Der Hörer steht weiterhin zwischen den Fluchpfählen und muss den Ausgang selbst suchen. »Av Guds ville Naade« ist damit nicht nur der stärkste Titel der Platte, sondern auch ihr notwendiger Abschluss.
HOEST SPIELT GEGEN SICH SELBST
Dass Hoest sämtliche Instrumente übernimmt, ist mehr als eine Randnotiz zur Besetzung. Seine größte Stärke bleibt die Gitarre. Kaum eine Linie verharrt lange in einer erwartbaren Form. Tremoloriffs werden durch gebogene Töne unterbrochen, melodische Leads verschwinden unter rauen Akkorden und vermeintlich einfache Rockfiguren erhalten durch kleine rhythmische Verschiebungen eine neue Gestalt.
Der Bass erfüllt dabei nicht nur die Aufgabe, den Gitarren zusätzliche Tiefe zu verleihen. Besonders in »Et Dyr tok min Hud« und »Engler« bildet er eine eigenständige mittlere Ebene, an der sich die übrigen Instrumente orientieren. Das Schlagzeug treibt zuverlässig, wirkt im Vergleich zu den Gitarren jedoch weniger differenziert. Einige schnelle Passagen besitzen zwar genügend Wucht, einzelne Schläge und Feinheiten gehen im dichten Klangbild aber unter.
Hoests Stimme ist weiterhin unverkennbar. Sein raues Kreischen trägt Schmerz, Wut und eine beinahe körperliche Anstrengung in sich. Zusätzlich eingesetzte gesprochene, verfremdete und klare Stimmen erweitern die Ausdrucksmöglichkeiten, ohne den Hauptgesang zu verdrängen. Besonders wirkungsvoll ist, dass die Stimme nicht immer auf dem Mix thront. Häufig wird sie Teil der Atmosphäre und scheint aus einer unbestimmten Entfernung zu kommen.
Die geschlossene Arbeitsweise hat allerdings auch eine Grenze. Niemand tritt Hoests Ideen von außen entgegen, weshalb manche Wiederholung länger stehen bleibt, als sie müsste. Ein zweiter Komponist hätte vielleicht an zwei oder drei Stellen früher den nächsten Abschnitt eingefordert. Gleichzeitig würde eine solche Korrektur möglicherweise genau jene eigensinnige Unberechenbarkeit abschleifen, von der Taake lebt.
ROHHEIT MIT DURCHBLICK
Produzent Bjørnar Erevik Nilsen, bekannt durch seine Arbeit mit Vulture Industries, nahm das Album auf und verantwortete den Mix. Øystein G. Brun von Borknagar übernahm das Mastering. Gemeinsam finden sie eine brauchbare Mitte zwischen der notwendigen Rohheit und der erstaunlichen Menge an Details.
Die Gitarren besitzen eine scharfe, durchdringende Oberfläche. Dadurch bleiben selbst dicht übereinandergelegte Melodien nachvollziehbar. Räumliche Effekte verleihen den ruhigeren Stellen Tiefe, während die schnellen Passagen nicht vollständig zu einer schwarzen Wand zusammenfallen. Das Album klingt rau, aber keineswegs zufällig.
Weniger überzeugend fällt die Balance am unteren Ende aus. Die Produktion ist stellenweise kopflastig, und das Schlagzeug kann etwas dumpf wirken. Vor allem während schnellerer Angriffe fehlt gelegentlich jener klare Stoß aus Bass und Trommeln, der die ausgezeichneten Gitarren zusätzlich hätte tragen können. Hoests Stimme sitzt an manchen Stellen sehr weit vorne, was zwar die Intensität erhöht, aber kleinere instrumentale Details verdeckt.
Diese Schwächen zerstören das Klangbild nicht. Im Gegenteil passt eine gewisse Unsauberkeit zur Umgebung, in der die Platte entstand. Dennoch besteht ein Unterschied zwischen erwünschter Rauheit und fehlender Trennschärfe. »En Skog av Nidstang« erreicht diese Grenze mehrfach, überschreitet sie aber nur selten.
VIER LANGE KAPITEL UND EIN ALTES PROBLEM
Mit vier ausgedehnten Stücken folgt das Album derselben Grundform wie der Vorgänger »Et Hav av Avstand«. Die Gesamtspielzeit ist mit weniger als 37 Minuten keineswegs übertrieben. Das Problem liegt deshalb nicht in der Länge des Albums, sondern in der inneren Verteilung einzelner Wiederholungen. Besonders »Einstoeingen og Eg« hätte mit etwas strengerer Kürzung noch stärker gewirkt.
Gleichzeitig braucht diese Musik Raum. Die Übergänge, langsamen Veränderungen und zunächst unscheinbaren Hintergrundlinien würden in gewöhnlichen Vier-Minuten-Songs nicht dieselbe Wirkung entfalten. »Engler« und »Av Guds ville Naade« rechtfertigen ihre Länge vollständig, weil jeder neue Abschnitt die vorherige Stimmung erweitert oder verdreht.
Revolutionär ist das neunte Taake-Album nicht. Tremoloriffs, Frost, Folkmelodien, Heavy-Metal-Leads und Black ’n’ Roll gehören seit Langem zum Werkzeugkasten des Projekts. Entscheidend ist, dass Hoest daraus weiterhin eine sofort erkennbare Sprache formt. Wo viele Bands alte norwegische Black-Metal-Muster bloß konservieren, lässt Taake sie stolpern, taumeln und unvermittelt in andere Richtungen wachsen.
Die Platte gewinnt zudem mit wiederholtem Hören. Beim ersten Durchgang fallen vor allem die scharfen Riffs und seltsamen Stimmen auf. Später werden die verbindenden Melodien, Bassbewegungen und kleinen Veränderungen innerhalb längerer Wiederholungen hörbar. Nicht jeder Weg durch den Wald führt zu einem neuen Ort, aber an den meisten stehen genügend merkwürdige Zeichen, um den nächsten Rundgang zu rechtfertigen.
FAZIT:
»En Skog av Nidstang« ist ein eigenwilliges, atmosphärisch geschlossenes Taake-Album, das norwegische Black-Metal-Kälte mit Heavy-Metal-Melodien, Black ’n’ Roll und überraschend progressiven Entwicklungen verbindet. Hoests unverwechselbare Gitarrenarbeit sowie die starken zweiten Hälften von »Engler« und »Av Guds ville Naade« bilden die Höhepunkte. Einzelne Wiederholungen, ein stellenweise dumpfes Schlagzeug und die etwas kopflastige Produktion verhindern den Schritt zur Höchstwertung. Vier von fünf Punkten.






