Band: Klimt 1918 🇮🇹
Titel: Àmor
Label: Prophecy Productions
VÖ: 12.06.2026
Format: Vinyl / CD / 2-CD-Artbook / Digital
Genre: Skygaze / Shoegaze / Post-Rock / Alternative Rock

Tracklist

01. Dream Core
02. Aventine
03. Nihil Vltra
04. Eros
05. Nexus
06. Un Été Invincible
07. Arcade
08. Àmor
09. Petricore
10. Aftersun
11. Mountain

Besetzung

Marco Soellner – Gesang, Gitarren, Drones, Synthesizer
Claudio Spagnuoli – Gitarren, Rhodes, Synthesizer
Davide Pesola – Bass
Paolo Soellner – Schlagzeug

Gastmusiker:
Domenico Vellucci – Altsaxofon bei »Eros«

Produktion:
Aufnahmen – Claudio Spagnuoli, Room 1918 Studio, Rom
Gesangsaufnahmen – Francesco Conte, The Shelter Room Studio, Rom
Schlagzeugaufnahmen – Giuseppe Orlando, The Outer Sound Studios, Rom
Mixing – Tony Doogan, Castle Of Doom Recording Studios, Glasgow
Mastering – Frank Arkwright, Abbey Road Studios, London
Artwork und Layout – Serifa.com
Art Direction und Design – Paolo Soellner

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Zehn Jahre nach dem Doppelalbum »Sentimentale Jugend« kehren die aus Rom stammenden Klimt 1918 mit ihrem fünften Studioalbum zurück. »Àmor« entstand aus der Erfahrung von Isolation, sozialer Distanz und fehlendem körperlichem Kontakt, richtet seinen Blick jedoch bewusst auf Leidenschaft, Nähe und menschliches Begehren. Musikalisch haben sich Klimt 1918 inzwischen nahezu vollständig von ihren frühen Metal-Wurzeln gelöst. Shoegaze-Gitarren, Post-Rock-Strukturen, Alternative Rock, Dream Pop, Darkwave und vereinzelte elektronische Elemente bilden eine dichte, knapp einstündige Gesamtkomposition. Die Band selbst bezeichnet diesen Stil als Skygaze. Der Begriff beschreibt die Musik durchaus treffend, denn anstelle aggressiver Härte stehen weite Gitarrenschichten, verhallter Gesang und langsam aufgebaute Spannungsfelder im Mittelpunkt. Gleichzeitig besitzt »Àmor« eine bewusst zurückgenommene Produktion, die den Hörer nicht unmittelbar anspricht, sondern Aufmerksamkeit und wiederholte Durchläufe verlangt.

Albumstream:

DREAM CORE: DISTANZ ALS GESTALTUNGSMITTEL

»Dream Core« stellt die zentralen Eigenschaften des Albums bereits ausführlich vor. Mehrere Gitarrenspuren überlagern sich, während Synthesizer und lang gehaltene Drones den Hintergrund ausfüllen. Ein klar abgegrenztes Hauptriff gibt es nicht. Die Komposition entwickelt sich vielmehr durch das Hinzufügen und Entfernen einzelner Klangschichten.

Marco Soellners Gesang steht nicht deutlich vor den Instrumenten. Die Stimme wurde tief in den Mix eingebettet und teilweise so stark mit Hall und Verzerrung bearbeitet, dass sie eher als zusätzliche Klangfarbe denn als klassischer Erzähler funktioniert. Das erschwert zunächst den Zugang, entspricht aber der emotionalen Ausrichtung des Albums. Nähe wird nicht direkt hergestellt, sondern bleibt ein unerfüllter Wunsch.

Trotz der melancholischen Grundstimmung klingt »Dream Core« nicht ausschließlich traurig. In den Gitarren liegt eine aufwärtsgerichtete Bewegung. Die Melodien vermitteln weniger Resignation als eine beständige Suche nach Verbindung. Die Band vermeidet dabei den typischen Aufbau vieler Post-Rock-Kompositionen, bei dem ein ruhiger Beginn zwangsläufig in einem sehr lauten Finale endet.

Statt eines großen Ausbruchs entstehen mehrere kleinere Steigerungen. Das Schlagzeug von Paolo Soellner hält diese Entwicklung zusammen, ohne einen starren Rockrhythmus vorzugeben. Becken, Toms und kontrollierte Akzente bilden eine bewegliche Grundlage für die Gitarren.

Der Einstieg ist atmosphärisch stark, macht aber zugleich deutlich, dass »Àmor« keine Sammlung unmittelbar eingängiger Songs sein möchte. Die zahlreichen Details liegen teilweise weit im Hintergrund. Wer das Album nur beiläufig hört, nimmt zunächst vor allem eine gleichmäßige Klangfläche wahr. Erst bei höherer Lautstärke oder mit Kopfhörern werden die einzelnen Gitarren- und Synthesizerspuren vollständig erkennbar.

AVENTINE: POST-ROCK OHNE ERZWUNGENEN HÖHEPUNKT

»Aventine« setzt den schwebenden Charakter des Openers fort, arbeitet jedoch stärker mit einer klaren Gesangsmelodie. Die Gitarren bleiben zunächst zurückhaltend und bilden einen gleichmäßigen Hintergrund. In der zweiten Hälfte öffnet sich die Komposition und erhält mehr rhythmische Bewegung.

Die Stimme ist erneut stark in die Instrumente integriert. Einzelne Wörter verlieren dadurch an Bedeutung, während Klangfarbe und Betonung in den Vordergrund treten. Diese Art des Gesangs erinnert an Dream Pop und Shoegaze, bei denen die Stimme nicht zwangsläufig über dem Arrangement stehen muss.

Besonders gelungen ist das Zusammenspiel zwischen Davide Pesolas Bass und dem Schlagzeug. Der Bass beschränkt sich nicht auf lange Grundtöne, sondern bewegt sich melodisch durch die Akkordfolgen. Dadurch erhält der Song einen festen inneren Puls, obwohl die Gitarren bewusst auf klare rhythmische Konturen verzichten.

Auch »Aventine« steuert nicht auf eine gewaltige Schlusssteigerung zu. Die Band baut Spannung auf, löst sie jedoch nicht in einem üblichen Post-Rock-Crescendo auf. Stattdessen entsteht eine eingängige, beinahe mitsingbare Melodie, die unter den Gitarrenflächen erhalten bleibt.

Diese Zurückhaltung wirkt zunächst ungewöhnlich. Mehrfach entsteht der Eindruck, der Song müsse nun lauter, schneller oder härter werden. Klimt 1918 entscheiden sich jedoch konsequent gegen diese erwartbare Lösung. Dadurch bleibt die Nummer kontrolliert und emotional offen.

NIHIL VLTRA: DRINGLICHKEIT UND GITARRENDICHTE

»Nihil Vltra« erhöht die Intensität. Die Gitarren treten stärker in den Vordergrund, das Schlagzeug arbeitet mit festeren Akzenten und die Gesangslinien wirken dringlicher. Der Titel verwendet die lateinische Formulierung für „nichts darüber hinaus“, wobei das U bewusst als V geschrieben wird.

Die Komposition beschäftigt sich musikalisch mit Grenzzuständen. Ruhigere Passagen stehen neben stark verdichteten Gitarrenwänden. Dabei geht es nicht um einen klassischen Gegensatz zwischen leise und laut. Selbst die zurückgenommenen Abschnitte enthalten zahlreiche übereinanderliegende Spuren.

Claudio Spagnuoli und Marco Soellner teilen die Gitarrenarbeit so auf, dass einzelne Linien nur selten vollständig isoliert auftreten. Akkorde, Drones, Leadfragmente und Rückkopplungen verbinden sich zu einem Gesamtklang. Diese Arbeitsweise erinnert an Slowdive und Ride, besitzt aber eine schwerere Grundierung.

Der Song zeigt außerdem, dass die früheren Metal-Einflüsse der Band nicht vollständig verschwunden sind. Sie äußern sich nicht mehr durch harte Riffs oder aggressiven Gesang, sondern durch die körperliche Wirkung der tiefen Gitarren und die dichte Dynamik.

»Nihil Vltra« gehört zu den stärkeren Titeln der ersten Albumhälfte, weil die Atmosphäre mit einer deutlich erkennbaren rhythmischen Entwicklung verbunden wird. Die Komposition bleibt weit und offen, besitzt aber mehr Kontur als die beiden vorherigen Stücke.

EROS: DAS SAXOFON ERWEITERT DIE KLANGFARBE

Der Titel »Eros« verweist unmittelbar auf Liebe, Begehren und körperliche Anziehung. Die Musik setzt diese Themen nicht mit einem offensichtlichen Rockrhythmus oder übertrieben erotischem Gesang um. Stattdessen wirkt der Song angespannt und stellenweise fast unruhig.

Die Gitarren erzeugen eine dunklere Atmosphäre als bei »Aventine«. Der Bass bleibt beweglich, während das Schlagzeug mit kontrollierten Verschiebungen arbeitet. So entsteht eine unterschwellige Unruhe, die dem Thema eine komplexere Bedeutung gibt. Begehren wird nicht ausschließlich als angenehmer Zustand dargestellt, sondern ebenso als Drang, Unsicherheit und fehlende Kontrolle.

Den wichtigsten zusätzlichen Akzent setzt Domenico Vellucci am Altsaxofon. Sein Instrument wird nicht als dekoratives Solo verwendet. Die Saxofonlinien entwickeln eine eigene melodische Stimme, die zeitweise gegen die Gitarren arbeitet und anschließend wieder in die Gesamtfläche eingebunden wird.

Das Saxofon verleiht »Eros« einen beinahe urbanen Charakter. Es erinnert stellenweise an die experimentelleren Seiten von Post-Punk und Art Rock, ohne dass der Song seine Shoegaze-Basis verliert. Gerade weil dieses Instrument nur in einem Stück des Albums eingesetzt wird, bleibt seine Wirkung besonders deutlich.

Die Nummer zählt zu den individuellsten Kompositionen des Albums. Sie verändert die bisher etablierte Klangsprache, ohne wie ein Fremdkörper zu wirken. Gleichzeitig hätte das Saxofon im weiteren Verlauf noch einmal aufgegriffen werden können. Eine spätere Rückkehr dieses Motivs hätte dem Album einen zusätzlichen inneren Zusammenhang gegeben.

NEXUS: RHYTHMISCHE BEWEGUNG UND POPMELODIE

»Nexus« besitzt einen der auffälligsten Bassläufe des Albums. Davide Pesola gibt der Komposition eine fast tanzbare Bewegung, während die Gitarren weiterhin stark verhallt und flächig bleiben. Diese Verbindung aus rhythmischer Direktheit und atmosphärischem Klang gehört zu den überzeugendsten Momenten von »Àmor«.

Die Synthesizer erinnern teilweise an Popproduktionen der Achtzigerjahre. Dennoch wirkt der Song nicht wie eine bewusste Retroübung. Die Band übernimmt keine festgelegte New-Wave-Schablone, sondern verbindet die elektronischen Farben mit ihrer modernen, stark verdichteten Gitarrenproduktion.

Marco Soellners Gesang tritt etwas klarer hervor als bei den vorherigen Stücken. Die Melodie bleibt leicht verständlich und gibt der Komposition einen deutlicheren Wiedererkennungswert. Gerade im Mittelteil zeigt sich, dass Klimt 1918 durchaus eingängige Refrains schreiben können, auch wenn diese nicht nach üblichen Popstrukturen aufgebaut sind.

Der Song behält seine Bewegung über mehr als sechs Minuten bei. Kleinere Veränderungen in Schlagzeug, Bass und Gitarrenschichtung verhindern, dass der Grundrhythmus statisch wirkt. Besonders die letzten Minuten zeigen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel der vier Musiker.

»Nexus« gehört zu den zugänglichsten Titeln des Albums. Die Band muss dafür weder die atmosphärische Dichte reduzieren noch ihre charakteristische Produktion aufgeben. Der Song beweist, dass Shoegaze und Post-Rock auch mit klaren Hooks und rhythmischer Energie funktionieren können.

UN ÉTÉ INVINCIBLE: ALTERNATIVE ROCK IM VORDERGRUND

Der französische Titel »Un Été Invincible« lässt sich als „ein unbesiegbarer Sommer“ übersetzen. Musikalisch gehört die Nummer zu den direkteren Stücken des Albums. Schlagzeug und Bass treten deutlicher hervor, während die Gitarren stärker mit abgegrenzten Akkorden arbeiten.

Die Komposition erinnert an Alternative Rock der späten Achtziger- und Neunzigerjahre. Einflüsse von The Cure, U2 und Tears For Fears sind erkennbar, werden aber durch die dichte Produktion und die zahlreichen elektronischen Details verändert.

Der Song besitzt eine leichtere Oberfläche als »Nihil Vltra« oder »Eros«. Unter dieser Zugänglichkeit bleibt jedoch die für Klimt 1918 typische Melancholie erhalten. Der Sommer erscheint nicht als dauerhaft unbeschwerte Zeit, sondern als Erinnerung an einen Zustand, der bereits im Moment seines Erlebens begrenzt ist.

Elektronische Akzente sorgen für zusätzliche Abwechslung. Sie werden nicht als dominante Beats eingesetzt, sondern unterstützen die rhythmische Struktur. Dadurch erhält die Nummer einen modernen Charakter, ohne sich vollständig vom organischen Bandklang zu entfernen.

»Un Été Invincible« ist innerhalb der langen Albumlaufzeit wichtig. Der direktere Aufbau durchbricht die bisherigen schwebenden Strukturen und gibt dem Hörer einen klarer geführten Song. Im Gesamtbild wirkt die Nummer weniger experimentell, dafür aber besonders wirkungsvoll.

ARCADE: KOMPAKTER DREAM POP

Mit »Arcade« folgt der kürzeste und kompakteste Song der ersten Albumhälfte. Die Gitarren klingen heller, der Rhythmus ist übersichtlich und die Gesangsmelodie bleibt stärker im Vordergrund. Dadurch nähert sich die Band dem Dream Pop an.

Der Titel weckt Assoziationen an Spielhallen, künstliches Licht und digitale Erinnerungen. Die Musik besitzt entsprechend eine leicht nostalgische Klangfarbe. Synthesizer und Gitarren verbinden sich zu einer glatten Oberfläche, die jedoch durch kleine rhythmische und harmonische Verschiebungen aufgebrochen wird.

Im Vergleich zu den längeren Stücken verzichtet »Arcade« auf eine ausführliche Entwicklung. Die Band konzentriert sich auf wenige tragfähige Motive und bringt den Song nach gut vier Minuten zu einem klaren Abschluss. Diese Disziplin wirkt innerhalb des Albums erfrischend.

Marco Soellners Stimme bleibt weiterhin stark verhallt, ist aber verständlicher als in »Dream Core«. Der Song zeigt erneut, dass seine Gesangsleistung nicht ausschließlich anhand technischer Kraft bewertet werden sollte. Entscheidend sind Tonfarbe, Zurückhaltung und die Einbindung in das Arrangement.

»Arcade« gehört nicht zu den komplexesten Kompositionen der Platte, besitzt aber einen hohen Wiedererkennungswert. Gerade aufgrund seiner Kürze und klaren Struktur bleibt der Song nach dem ersten Durchlauf leichter im Gedächtnis als einige der ausgedehnten Stücke.

ÀMOR: DAS KONZENTRIERTE ZENTRUM

Der Titelsong »Àmor« ist mit weniger als vier Minuten die kürzeste vollständige Komposition des Albums. Dennoch fasst er das grundlegende Konzept besonders präzise zusammen. Körperliche Nähe, emotionale Entfernung und ein nicht vollständig erfüllbares Verlangen stehen im Mittelpunkt.

Die Gitarren arbeiten erneut mit lang gehaltenen Tönen und dichtem Hall. Anders als bei »Dream Core« wird die Komposition jedoch nicht über mehrere Entwicklungsstufen geführt. Der Song bleibt konzentriert und verwendet seine wenigen Motive sehr gezielt.

Das Schlagzeug tritt in den Hintergrund und lässt den Drones sowie den Stimmen mehr Platz. Dadurch entsteht ein ruhiger, beinahe schwereloser Charakter. Gleichzeitig bleibt unter der Oberfläche eine beständige Spannung erhalten. Der Titelsong vermittelt keine erfüllte oder abgeschlossene Vorstellung von Liebe.

Die bewusste Kürze ist eine Stärke. Klimt 1918 verzichten darauf, das zentrale Thema durch eine besonders lange oder pathetische Komposition hervorzuheben. »Àmor« wirkt eher wie eine verdichtete Aussage innerhalb des größeren Zusammenhangs.

Als einzelner Song besitzt die Nummer weniger rhythmische Dynamik als »Nexus« oder »Un Été Invincible«. Im Albumverlauf bildet sie jedoch einen wichtigen Ruhepunkt vor dem deutlich längeren »Petricore«.

PETRICORE: ITALIENISCHE SPRACHE UND LANGE ENTWICKLUNG

»Petricore« bezeichnet den Geruch, der entsteht, wenn Regen auf lange trockenen Boden trifft. Der Begriff passt zur sinnlichen und körperbezogenen Ausrichtung des Albums. Gleichzeitig ist die Nummer der einzige reguläre Song, in dem Marco Soellner überwiegend auf Italienisch singt.

Mit mehr als sieben Minuten ist »Petricore« der längste Titel der Standardausgabe. Die Band nutzt diese Zeit für eine langsame Entwicklung. Drones, Gitarrenflächen und zurückhaltende Rhythmusarbeit werden schrittweise verdichtet, ohne in einen großen abschließenden Ausbruch überzugehen.

Die italienische Sprache verändert die Wirkung des Gesangs. Marco Soellner klingt unmittelbarer und weniger abstrakt als in den englischsprachigen Stücken. Selbst wenn die Stimme weiterhin stark in den Mix eingebettet bleibt, besitzt sie eine andere rhythmische und emotionale Natürlichkeit.

Die Gitarren verweilen teilweise lange auf einzelnen Akkorden und Klangflächen. Diese Wiederholungen können eine hypnotische Wirkung entwickeln, verlangen aber Geduld. Der Song gehört zu jenen Stellen, an denen die bewusste Langsamkeit des Albums sowohl Stärke als auch Schwäche wird.

Mit konzentriertem Hören entfalten sich zahlreiche kleine Veränderungen. Eine zusätzliche Gitarrenlinie, ein veränderter Beckenschlag oder eine neue Synthesizerfläche verschieben die Stimmung, ohne die Grundstruktur vollständig zu verändern. Bei oberflächlichem Hören kann die Nummer dagegen gleichförmig erscheinen.

»Petricore« ist einer der emotionalsten Titel des Albums, erreicht seine Wirkung aber nicht sofort. Die Komposition steht exemplarisch für die Arbeitsweise von Klimt 1918: Atmosphäre und allmähliche Veränderung sind wichtiger als ein klarer Refrain oder ein unmittelbar erkennbarer Höhepunkt.

AFTERSUN: LEICHTIGKEIT MIT MELANCHOLISCHEM KERN

»Aftersun« bringt nach dem langen und nachdenklichen »Petricore« mehr rhythmische Leichtigkeit zurück. Die Gitarren klingen teilweise heller und besitzen einen leicht twangenden Ton. Bass und Schlagzeug entwickeln einen lockeren, beinahe unbeschwerten Groove.

Die Melodie erinnert an Jugend, Sommer und zurückliegende Erfahrungen. Allerdings verfällt der Song nicht in einfache Nostalgie. Die positive Bewegung wird von einer spürbaren Melancholie begleitet. Das Vergangene erscheint schön, weil es nicht wiederholt werden kann.

Der kompakte Aufbau kommt der Nummer zugute. »Aftersun« hält sich nicht lange mit atmosphärischen Einleitungen auf und erreicht schnell seine zentrale Melodie. Innerhalb der zweiten Albumhälfte sorgt das für einen notwendigen Wechsel.

Die Gitarren sind weiterhin stark geschichtet, lassen dem Rhythmus aber mehr Platz. Dadurch wird deutlich, wie wichtig Pesolas Bass für den Gesamtklang der Band ist. Er gibt den Songs nicht nur Tiefe, sondern häufig auch ihre erkennbare Bewegung.

»Aftersun« gehört gemeinsam mit »Nexus« und »Arcade« zu den unmittelbarsten Titeln der Platte. Der Song verbindet eingängige Melodik mit der zurückhaltenden Produktion, ohne dass eine Seite die andere vollständig verdrängt.

MOUNTAIN: EIN KONTROLLIERTER ABSCHLUSS

»Mountain« beendet das Album mit einem stärker an klassischem Alternative Rock orientierten Song. Die Gitarren bleiben atmosphärisch, sind aber klarer voneinander getrennt. Der Rhythmus besitzt eine ruhige, gleichmäßige Bewegung.

Die Komposition wirkt im Vergleich zu »Petricore« oder »Dream Core« übersichtlicher. Melodie, Gesang und Rhythmus stehen in einem ausgeglicheneren Verhältnis. Dadurch erhält das Album einen zugänglichen Abschluss, ohne seine bisherige Klangsprache zu verlassen.

Ein großes Finale findet nicht statt. Die Band fasst ihre Motive zusammen und lässt das Album kontrolliert ausklingen. Diese Entscheidung entspricht der gesamten Dramaturgie. »Àmor« arbeitet selten mit vollständiger Auflösung und vermeidet eindeutige emotionale Schlusspunkte.

In »Mountain« finden sich noch einmal Elemente aus Dream Pop, Post-Rock, Shoegaze und Achtzigerjahre-Alternative-Rock. Die Gitarren bilden einen weiten Hintergrund, während der Gesang die letzte erkennbare Melodie trägt.

Als Abschlusstitel ist die Nummer funktional und stimmig, gehört aber nicht zu den größten Höhepunkten der Platte. Die emotionale Wirkung entsteht vor allem aus ihrer Position nach fast einer Stunde Musik. Für sich allein bleibt »Mountain« etwas unauffälliger als »Nexus«, »Eros« oder »Petricore«.

LIEBE ALS ABWESENHEIT UND KÖRPERLICHES BEDÜRFNIS

»Àmor« entstand während einer Zeit, in der körperliche Nähe eingeschränkt und gesellschaftliche Isolation für viele Menschen Teil des Alltags war. Klimt 1918 reagieren darauf nicht mit einem Album über Einsamkeit im engeren Sinne. Stattdessen schreiben sie über Berührung, Begehren und den Wunsch nach unmittelbarer Verbindung.

Diese thematische Ausrichtung bestimmt auch den Klang. Die Musik wirkt warm und einladend, bleibt aber durch die weit zurückgesetzten Stimmen und die stark verhallten Instrumente auf Abstand. Der Hörer nimmt Nähe wahr, kann sie jedoch nicht vollständig erreichen.

Damit besitzt die Produktion eine konzeptionelle Funktion. Die Distanz ist kein technischer Fehler, sondern Teil der Aussage. Dennoch darf bezweifelt werden, ob jede Entscheidung dem Album musikalisch zugutekommt. Mehrere Melodien und instrumentale Details hätten bei einer etwas klareren Abmischung stärkere Wirkung entfalten können.

Das Album behandelt Liebe außerdem nicht ausschließlich romantisch. Körperlichkeit, Erinnerung, Einsamkeit und Projektion stehen nebeneinander. Die Songs geben keine eindeutigen Antworten und erzählen keine lineare Geschichte. Sie bilden unterschiedliche emotionale Zustände ab.

Diese Offenheit macht »Àmor« anspruchsvoller als ein gewöhnliches Konzeptalbum. Gleichzeitig fehlt einzelnen Songs dadurch ein klarer inhaltlicher Schwerpunkt. Die Stimme dient häufig als Atmosphäre, wodurch der unmittelbare Zugang zu den Texten eingeschränkt wird.

SKYGAZE ALS EIGENE STILBESCHREIBUNG

Klimt 1918 verwenden den Begriff Skygaze, um ihre Musik von klassischem Shoegaze abzugrenzen. Während der ursprüngliche Genrebegriff auf Musiker verweist, die während des Spielens auf ihre Effektgeräte und Schuhe blicken, soll Skygaze eine offenere und weiter ausgerichtete Klangvorstellung beschreiben.

Auf »Àmor« verbindet die Band Shoegaze-Gitarren mit Post-Rock-Dynamik, Dream Pop, Alternative Rock und Darkwave. Einzelne Basslinien erinnern an New Wave, während die Synthesizer teilweise den Pop der Achtzigerjahre aufgreifen.

Die früheren Metal-Wurzeln sind nur noch indirekt hörbar. Die Gitarren besitzen Gewicht und können eine beträchtliche Dichte entwickeln, doch klassische Metal-Riffs, aggressive Stimmen oder deutlich harte Schlagzeugpassagen fehlen nahezu vollständig.

Für langjährige Hörer ist diese Entwicklung nicht neu. Bereits »Sentimentale Jugend« hatte den Weg in Richtung Shoegaze und Post-Rock deutlich fortgesetzt. »Àmor« geht diesen Schritt konsequent zu Ende und wirkt weniger wie ein Übergangsalbum als eine gefestigte stilistische Aussage.

Vergleiche mit The Cure, Slowdive, Sigur Rós, Dredg, Anathema und den ruhigeren Seiten von Katatonia bieten Orientierung. Dennoch besitzt die Band durch Soellners Stimme, die besondere Bassarbeit und die italienisch geprägte Melancholie eine erkennbare Identität.

VIER MUSIKER UND EIN GEMEINSAMER KLANG

Marco Soellner übernimmt Gesang, Gitarren, Drones und Synthesizer. Seine Stimme bildet keine dominante Führungsebene, sondern wird wie ein weiteres Instrument behandelt. Das passt zur Musik, reduziert aber teilweise die Wirkung der Texte.

Claudio Spagnuoli ist auf »Àmor« erstmals an einem vollständigen Studioalbum der Band beteiligt. Seine Gitarren, Rhodes- und Synthesizerspuren erweitern die bereits dichten Arrangements. Besonders in den ruhigeren Passagen sorgen die Tasteninstrumente für harmonische Tiefe.

Davide Pesola spielt eine zentrale Rolle. Sein Bass bleibt über weite Strecken deutlich hörbar und übernimmt häufig die rhythmische Führung. Bei »Nexus«, »Un Été Invincible« und »Aftersun« verhindert er, dass sich die Musik vollständig in Gitarrenflächen auflöst.

Paolo Soellner arbeitet songdienlich und verzichtet auf technische Selbstdarstellung. Sein Schlagzeugspiel bleibt flexibel genug, um die langen Entwicklungsphasen zu tragen. Beckenarbeit und dynamische Abstufungen sind dabei wichtiger als komplizierte Fills.

Das Zusammenspiel wirkt geschlossen. Kein Instrument versucht, sich dauerhaft in den Vordergrund zu stellen. Diese kollektive Arbeitsweise unterstützt die Atmosphäre, führt aber ebenfalls dazu, dass einzelne Musiker nur selten einen klar abgegrenzten Moment erhalten.

TONY DOOGAN UND FRANK ARKWRIGHT

Für das Mixing verpflichteten Klimt 1918 den schottischen Produzenten Tony Doogan, der unter anderem für seine Arbeit mit Mogwai, Belle And Sebastian und Snow Patrol bekannt ist. Das Mastering übernahm Frank Arkwright in den Londoner Abbey Road Studios.

Der Klang ist entsprechend detailliert und räumlich. Gitarren, Drones, Synthesizer und Stimmen verschmelzen, ohne vollständig ununterscheidbar zu werden. Besonders mit Kopfhörern lassen sich zahlreiche kleine Bewegungen innerhalb des Stereobildes erkennen.

Gleichzeitig wurde ein großer Teil des Materials bewusst weit nach hinten gesetzt. Die Stimme steht selten unmittelbar vor dem Hörer, und selbst die Gitarren wirken teilweise wie aus größerer Entfernung aufgenommen. Diese Entscheidung verstärkt die Themen Sehnsucht und unerfüllte Nähe.

Auf Dauer kann die Produktion jedoch ermüden. Da viele Songs mit ähnlicher räumlicher Tiefe und vergleichbarer Gitarrendichte arbeiten, fehlen gelegentlich deutliche Kontraste. Ein trockenerer Song oder eine Stimme ohne starken Hall hätte das Album klanglich erweitern können.

Die Produktion ist daher zugleich eine der größten Stärken und eine erkennbare Begrenzung. Sie gibt »Àmor« einen unverwechselbaren Gesamtklang, erschwert aber den direkten Zugang zu einzelnen Songs.

GESCHLOSSENHEIT ODER GLEICHFÖRMIGKEIT

Die elf Songs erreichen gemeinsam eine Laufzeit von knapp einer Stunde. Die Band nutzt diese Länge für langsame Entwicklungen, fließende Übergänge und zahlreiche instrumentale Details. Als vollständiges Album besitzt »Àmor« deshalb eine große Geschlossenheit.

Mehrere Stücke gehen beinahe ohne deutlichen Bruch ineinander über. Diese Verbindung unterstützt das Konzept, erschwert aber die Unterscheidung einzelner Songs. Besonders in der ersten Albumhälfte arbeiten mehrere Kompositionen mit ähnlichem Tempo, stark verhallten Stimmen und langsam anschwellenden Gitarrenflächen.

Deutlichere Akzente setzen »Eros« durch das Saxofon, »Nexus« durch den tanzbaren Bass, »Un Été Invincible« durch den Alternative-Rock-Charakter und »Petricore« durch die italienische Sprache. Diese Stücke geben dem Album notwendige Orientierungspunkte.

Die bewusste Zurückhaltung bei klassischen Hooks ist künstlerisch nachvollziehbar. Dennoch hätten zwei oder drei weitere klar erkennbare Refrains die atmosphärische Wirkung nicht zwangsläufig geschwächt. Klimt 1918 zeigen bei »Nexus« und »Arcade«, dass eingängige Melodien problemlos mit dem Skygaze-Konzept vereinbar sind.

Wer sich vollständig auf den Gesamtklang einlässt, erhält ein sorgfältig gestaltetes und emotional geschlossenes Album. Wer stärker auf einzelne Songs, direkte Refrains und deutlich voneinander abgegrenzte Kompositionen achtet, dürfte die lange Laufzeit dagegen als Herausforderung empfinden.

FAZIT:

»Àmor« ist ein atmosphärisch starkes und sorgfältig produziertes Album, das Shoegaze, Post-Rock, Dream Pop und Alternative Rock zu einer eigenständigen Klangsprache verbindet. Die dichte Produktion und der bewusste Verzicht auf viele direkte Hooks lassen einzelne Songs jedoch ineinanderfließen und verlangen mehr Geduld als nötig.

Official Video: Dream Core

Internet

Klimt 1918 - Àmor - CD Review

Vorheriger ArtikelSonic Panda – Silence Is In Vogue