Band: Lucid Dreaming 🇩🇪
Titel: Upon The Barricades
Label: El Puerto Records
VÖ: 10.07.2026
Format: CD / Digital
Genre: Heavy Metal / Power Metal 

Tracklist

01. Confederation – 07:25
02. Black and Red and Gold – 05:45
03. The Springtime of Peoples – 06:24
04. Tyrant in Disguise – 06:20
05. Upon the Barricades – 05:29
06. Parliament of Spring – 07:49
07. A Courageous Decision – 06:08
08. Waves of the Danube – 07:37
09. Farewell (Blum’s Last Letter) – 03:18
10. Puppets on Strings – 08:44

Besetzung

Till Oberboßel – Gitarren, Bass und Orchestrierungen
Alex Holzwarth – Schlagzeug

Gastgitarren: Nick Giannakos, Tobias Galmarini, Oliver Rossow, Casey Trask, Thomas Parchem

Gastgesang: Blaze Bayley, Ralf Scheepers, Alessio Perardi, Deon van Heerden, Zak Stevens, Harry Conklin, Giuseppe Cialone, Piet Sielck, Daniel Heiman, Erdmann Görg, Said Khochsima, Siegfried Schüßler, Andreas „Gerre“ Geremia, Harald Piller, Rain Irving, Marius Danielsen, Krsto Balic, George Thomaidis

Produktion: Uwe Lulis

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Geschichte aufarbeiten, ohne nach trockener Lehrstunde zu klingen: Mit »Upon The Barricades«, das am 10. Juli 2026 über El Puerto Records veröffentlicht wurde, verlässt Lucid Dreaming die Fantasywelten der bisherigen Veröffentlichungen und richtet den Blick auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen die Zeit nach Napoleon, die restaurative Ordnung des Deutschen Bundes, der Vormärz, die Revolution von 1848, die Frankfurter Nationalversammlung und das bittere Scheitern der Hoffnungen auf Freiheit, Verfassung und einen geeinten Nationalstaat. Mastermind Till Oberboßel formt daraus eine knapp 65-minütige Metal-Oper, die historischen Anspruch, klassischen Heavy Metal, europäischen Power Metal und eine deutlich US-metallische Schlagseite miteinander verbindet. Dass dieses gewaltige Unternehmen nicht an seiner Gästeliste zerbricht, liegt am homogenen Zusammenspiel aller Beteiligten: Die unterschiedlichen Stimmen erscheinen wie Figuren eines Dramas, während Gitarren, Bass, Schlagzeug und Orchestrierungen den gemeinsamen erzählerischen Rahmen fest zusammenhalten.

Lucid Dreaming – Confederation

Schon die personelle Aufstellung zeigt, dass Lucid Dreaming nicht wie eine gewöhnliche Band funktioniert. Oberboßel übernimmt Gitarren, Bass und Orchestrierungen, Alex Holzwarth sitzt am Schlagzeug, dazu kommen zahlreiche Gastgitarristen sowie ein eindrucksvolles Aufgebot an Sängern. Namen wie Blaze Bayley, Ralf Scheepers, Harry Conklin, Zak Stevens, Piet Sielck, Daniel Heiman, Giuseppe Cialone und Andreas „Gerre“ Geremia wecken zwangsläufig hohe Erwartungen. Das Album präsentiert diese Musiker jedoch nicht als lose Folge prominenter Einzelauftritte. Jede Stimme erhält eine Rolle, einen Standpunkt und eine eigene Farbe innerhalb der Handlung. Die Produktion von Uwe Lulis sorgt gleichzeitig dafür, dass die Wechsel niemals wie harte Schnitte wirken.

Klanglich geht »Upon The Barricades« bewusst einen organischeren Weg. Statt üppiger Keyboardwände bestimmen Gitarren die Marschrichtung. Aufgebaut auf einem soliden Fundament aus treibenden Drums und satter Bassgitarre, entfalten sich zweistimmige Leads, kernige Powerchords, melodische Soli und sparsam gesetzte Orchestrierungen. Holzwarth spielt präzise und druckvoll, bleibt aber beweglich genug, um zwischen Doublebass-Attacken, schweren Midtempo-Passagen und ruhigeren dramatischen Momenten zu wechseln. Der Bass wird nicht unter den Gitarren begraben, sondern verleiht dem Material Gewicht und Kontur. Gerade dieses Zusammenspiel bildet das Rückgrat einer Platte, die trotz vieler Sänger und dichter Arrangements erstaunlich geschlossen klingt.

CONFEDERATION: DER VORHANG HEBT SICH

Mit »Confederation« eröffnet Lucid Dreaming das historische Panorama in epischer Breite. Die gut siebeneinhalb Minuten funktionieren wie eine Ouvertüre: Ein feierlicher Aufbau trifft auf schwere Riffs, dramatische Gesangswechsel und einen Refrain, der die großen Ambitionen des Albums sofort offenlegt. Inhaltlich befinden wir uns in der Ordnung nach den napoleonischen Kriegen. Die Hoffnung auf Einheit und politische Erneuerung trifft auf Fürstenherrschaft, Restauration und einen lockeren Staatenbund, der viele Wünsche seiner Zeitgenossen unerfüllt lässt.

Die Rollenverteilung ist klug gewählt. Blaze Bayleys unverkennbar dunkles Timbre bringt einen beinahe mahnenden Unterton ein, während Ralf Scheepers mit stählerner Höhe und enormer Durchsetzungskraft dagegenhält. Alessio Perardi und Deon van Heerden ergänzen weitere Perspektiven. Trotz dieser markanten Stimmen bleibt der Song eine Einheit, weil die Rhythmusgruppe jeden Wechsel konsequent auffängt. Holzwarth gibt den dramatischen Passagen Raum, zieht das Tempo an den richtigen Stellen an und führt die Stimmen immer wieder zurück auf denselben musikalischen Boden.

Auch die Gitarren erzählen bereits mit. Harmonische Leads vermitteln Aufbruch, schwere Akkorde lassen die politischen Widerstände spürbar werden, und die orchestralen Elemente markieren Wendepunkte, ohne den Metal-Anteil zu überdecken. So etabliert »Confederation« nicht nur die Handlung, sondern auch die musikalische Grammatik des gesamten Albums: große Melodien, klar voneinander unterscheidbare Charaktere und ein kraftvolles Bandfundament.

SCHWARZ, ROT, GOLD UND DER FRÜHLING DER VÖLKER

»Black and Red and Gold« gehört zu den unmittelbarsten Stücken der Platte. Die Farben der späteren deutschen Nationalflagge werden zum Symbol für Einheit, Freiheit und politischen Aufbruch. Musikalisch setzt Lucid Dreaming auf zupackenden Power Metal mit energischer Doublebass-Arbeit, griffigen Gitarrenfiguren und einem Refrain, der sehr schnell hängen bleibt. Ralf Scheepers klingt hier besonders angriffslustig, Harry Conklin bringt seine charakteristische Mischung aus Pathos und rauer Autorität ein, während Zak Stevens zusätzliche melodische Tiefe beisteuert.

Das Stück demonstriert beispielhaft, was mit homogenem Zusammenspiel gemeint ist. Die Instrumente begleiten die Sänger nicht bloß, sondern reagieren auf ihre unterschiedlichen Ausdrucksweisen. Wenn Scheepers die Höhe sucht, öffnen die Gitarren den Klangraum; wenn Conklin dunkler phrasiert, verdichten Bass und Rhythmusgitarre das Geschehen. Holzwarth hält die Spannung mit rollenden Fills und sauber gesetzten Tempoverschärfungen hoch. Der Song besitzt die Direktheit einer klassischen Metal-Hymne, bleibt aber fest im historischen Verlauf verankert.

Noch größer angelegt ist »The Springtime of Peoples«. Der Titel nimmt den europäischen Charakter der Revolutionen von 1848 auf, und entsprechend erweitert sich das musikalische Bild. Mehrere Stimmen treten miteinander in Dialog, Chöre verstärken den Eindruck einer wachsenden Bewegung, und die Gitarren verbinden europäische Melodik mit härteren US-Power-Metal-Akzenten. Die Komposition wirkt wie eine Menschenmenge, die zunächst aus einzelnen Rufen entsteht und schließlich gemeinsam auf die Straße drängt.

Lucid Dreaming vermeiden dabei das naheliegende Problem vieler Metal-Opern: Die zahlreichen Sänger werden nicht nacheinander vorgeführt, sondern dramaturgisch verzahnt. Mal widersprechen sich die Stimmen, mal verstärken sie einander, mal klingt der Chor wie die Verdichtung eines gemeinsamen politischen Willens. Das Stück verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese aber mit zahlreichen Details – von kurzen Gitarrenantworten über rhythmische Verschiebungen bis zu den sauber in den Song eingebetteten orchestralen Farben.

TYRANNEN, AUFSTAND UND BARRIKADEN

Mit »Tyrant in Disguise« wird das Album härter und unruhiger. Die revolutionäre Hoffnung bekommt eine Gegenkraft, und Lucid Dreaming übersetzen diese Bedrohung in schärferes Riffing, ruppigere Gesangspassagen und stellenweise extreme Beschleunigungen. Andreas „Gerre“ Geremia bringt eine raue, beinahe bellende Präsenz ein, die einen wirkungsvollen Gegenpol zu den klaren Power-Metal-Stimmen von Giuseppe Cialone, Erdmann Görg und Siegfried Schüßler bildet. Kurze Blastbeat-Ausbrüche lassen die Lage eskalieren, ohne dass der Song seine melodische Linie verliert.

Gerade hier erweist sich die Produktion als großer Gewinn. Uwe Lulis lässt die Gitarren kräftig zupacken, trennt die einzelnen Stimmen aber sauber genug voneinander, damit das dramatische Wechselspiel verständlich bleibt. Bass und Schlagzeug schieben mit beträchtlichem Druck, während die Soli nicht als technische Pflichtübungen, sondern als emotionale Zuspitzungen erscheinen. »Tyrant in Disguise« ist einer der kantigsten Momente der Platte und verhindert, dass das historische Drama in pausenlosem Wohlklang erstarrt.

Der Titelsong »Upon the Barricades« nimmt das Tempo zunächst zurück. Akustische Farben und getragene Passagen schaffen Raum, bevor die Gitarren wieder schwerer einsetzen. Der Song beschreibt nicht allein den sichtbaren Kampf auf der Barrikade, sondern auch die persönliche Entscheidung, sich einer scheinbar übermächtigen Ordnung entgegenzustellen. Daniel Heiman, Erdmann Görg, Siegfried Schüßler, Gerre und Giuseppe Cialone beleuchten diese Situation aus verschiedenen Blickwinkeln.

Im direkten Vergleich mit den hymnischsten Stücken des Albums braucht der Titelsong etwas länger, um sich festzusetzen. Seine Stärke liegt weniger im sofortigen Refrain als in der Atmosphäre und dem allmählichen Spannungsaufbau. Die ruhigen und schweren Abschnitte greifen sauber ineinander; besonders die Rhythmusgruppe hält den Song zusammen, wenn die Gesangscharaktere wechseln. Dadurch wird die Barrikade nicht bloß zur heroischen Kulisse, sondern zum Ort von Zweifel, Mut und unabsehbaren Folgen.

DAS PARLAMENT UND EINE MUTIGE ENTSCHEIDUNG

»Parliament of Spring« führt in die Frankfurter Paulskirche und damit in das politische Zentrum des Albums. Till Oberboßels persönliche Verbindung zu Frankfurt ist in der sorgfältigen Behandlung dieses Kapitels deutlich spürbar. Die knapp acht Minuten setzen weniger auf unmittelbare Schlachtenmalerei als auf Debatte, Hoffnung und das Ringen um eine tragfähige Ordnung. Harry Conklin, Piet Sielck und Harald Piller verleihen den unterschiedlichen Positionen Kontur. Ihre Stimmen klingen nicht beliebig austauschbar: Conklin bringt Würde und Pathos, Sielck energische Klarheit, Piller eine weitere markante Färbung in das parlamentarische Stimmengewirr.

Musikalisch entwickelt sich das Stück in mehreren Etappen. Ein majestätischer Grundton wird durch härtere Gitarrenpassagen, Chöre und kleine Tempowechsel aufgebrochen. Die Komposition bleibt dennoch nachvollziehbar, weil Bass und Schlagzeug ein verlässliches Zentrum schaffen. Holzwarth spielt nicht pausenlos maximal, sondern setzt Akzente: ein Fill vor dem nächsten Wortwechsel, ein Doublebass-Schub zur Zuspitzung, ein zurückgenommenes Muster, wenn die Handlung Luft benötigt. Diese Disziplin macht »Parliament of Spring« zu einem der erzählerisch stärksten Stücke der Platte.

»A Courageous Decision« steht anschließend auf einem schweren Midtempo-Fundament. Der Bass drückt deutlich nach vorne, die Gitarren setzen breite Akkorde und sirrende Leads darüber. Die Nummer besitzt eine ausgeprägte US-Metal-Tendenz und lebt von ihren kernigen Stimmen. Piet Sielck, Daniel Heiman, Harry Conklin, Erdmann Görg, Said Khochsima und Giuseppe Cialone bilden ein Ensemble, das Entschlossenheit nicht mit naiver Siegesgewissheit verwechselt.

Der Song zeigt besonders gut, wie Lucid Dreaming individuelle Gesangsleistungen in einen Bandklang integrieren. Niemand muss den anderen übertrumpfen. Stattdessen reichen sich die Sänger einzelne Gedanken weiter, während die Instrumentalisten den Spannungsbogen durchgehend kontrollieren. Das Ergebnis wirkt groß, aber nicht aufgebläht. Die Entscheidung erhält musikalisches Gewicht, weil jeder Einsatz auf den vorherigen reagiert.

WELLEN AUF DER DONAU UND BLUMS LETZTER BRIEF

Mit »Waves of the Danube« weitet sich der Blick über Frankfurt hinaus. Die revolutionäre Bewegung erfasst weite Teile Europas, und die Donau wird zum Sinnbild für Aufbruch, Verbindung und politische Erschütterung. Der Song gehört mit mehr als siebeneinhalb Minuten zu den ausladenden Kapiteln des Albums. Rain Irving, Marius Danielsen, Krsto Balic und Harry Conklin setzen unterschiedliche Akzente, während Gitarren und Orchestrierungen eine breite, beinahe filmische Landschaft aufziehen.

Die Melodien fließen hier stärker, ohne an metallischer Substanz zu verlieren. Ein sattes Riff kann direkt in eine weit geöffnete Gesangslinie übergehen, danach zieht Holzwarth das Tempo wieder an. Die Übergänge wirken organisch, weil die Band nicht in isolierten Bausteinen denkt. Bass, Schlagzeug und Rhythmusgitarren bewegen sich als geschlossene Einheit, die Leads setzen darüber gezielte Glanzpunkte. Besonders in diesem Stück zeigt sich, dass Lucid Dreaming ein historisches Konzept nicht mit permanentem Bombast gleichsetzen. Die Größe entsteht aus Dynamik, nicht aus bloßer Lautstärke.

Den stärksten Kontrast setzt »Farewell (Blum’s Last Letter)«. Der kurze, weitgehend akustisch geprägte Song behandelt Robert Blums Abschied vor seiner Hinrichtung. Harry Conklin trägt dieses Kapitel nahezu allein und verzichtet auf die große heroische Geste. Seine Stimme klingt würdevoll, erschöpft und menschlich. Nach den vielstimmigen Debatten und Aufständen wirkt die Reduktion umso stärker.

Als einzelner Song ist »Farewell« weniger spektakulär als die großen Power-Metal-Epen. Innerhalb der Dramaturgie ist er jedoch unverzichtbar. Er zeigt den Preis politischer Überzeugung an einem persönlichen Schicksal und gibt dem Album einen emotionalen Ruhepunkt. Gerade weil Oberboßel die Szene nicht mit Orchester und Chor überfrachtet, bleibt sie im Gedächtnis.

PUPPETS ON STRINGS: DAS BITTERE FINALE

Der fast neunminütige Abschluss »Puppets on Strings« bündelt die musikalischen und inhaltlichen Linien des Albums. Auf die revolutionäre Euphorie folgen Reaktion, Ernüchterung und die Erkenntnis, dass politische Ideale von Machtinteressen, taktischen Manövern und fehlender Einigkeit zerrieben werden können. Deon van Heerden, Zak Stevens, Piet Sielck, Daniel Heiman und Giuseppe Cialone führen das Drama gemeinsam zum Ende. Die Vielzahl der Stimmen ist hier keine Zierde, sondern spiegelt die miteinander ringenden Kräfte.

Der Aufbau ist entsprechend vielschichtig. Schwere Riffs wechseln mit melodischen Öffnungen, Chöre treffen auf persönlichere Gesangspassagen, und die Soli ziehen noch einmal große Linien. Holzwarth steigert die Spannung, ohne das Finale in einen einzigen Dauerwirbel zu verwandeln. Der Bass bleibt präsent und gibt auch den dichtesten Stellen Bodenhaftung. Uwe Lulis hält den Sound transparent genug, um die einzelnen Ebenen wahrnehmen zu können, bewahrt aber die nötige Wucht.

»Puppets on Strings« endet nicht in triumphaler Eindeutigkeit. Genau das passt zum Stoff. Die Revolution scheitert zunächst, doch ihre Forderungen verschwinden nicht einfach. Der Song lässt deshalb neben Bitterkeit auch Nachhall und historische Perspektive zu. Als Finale verlangt er Zeit, erfüllt seine Funktion aber überzeugend: Die Handlung wird abgeschlossen, ohne ihre Fragen bequem aufzulösen.

EINE BAND HINTER VIELEN STIMMEN

Der entscheidende Trumpf von »Upon The Barricades« ist das homogene Zusammenspiel der Band. Bei einer solchen Gästedichte wäre ein Sampler-Eindruck leicht entstanden. Stattdessen besitzt das Album eine durchgängige Klangsprache. Oberboßels Gitarrenarbeit verbindet klassische Heavy-Metal-Harmonien, europäische Power-Metal-Melodien und die robustere Schwere des US Metal. Seine Basslinien füllen nicht lediglich den unteren Frequenzbereich, sondern geben vielen Übergängen zusätzlichen Zug. Holzwarth wiederum spielt technisch souverän, stellt sein Können aber in den Dienst der Dramaturgie.

Auch die Gastgitarristen Nick Giannakos, Tobias Galmarini, Oliver Rossow, Casey Trask und Thomas Parchem fügen sich in diesen Rahmen ein. Ihre Beiträge bringen unterschiedliche Farben und Solostimmen, ohne den roten Faden zu kappen. Die Arrangements lassen ausreichend Platz für individuelle Handschriften, behalten aber einen klaren Schwerpunkt auf Song und Erzählung. Diese Balance ist keineswegs selbstverständlich.

Uwe Lulis unterstützt das mit einer warmen, druckvollen Produktion. Die Gitarren besitzen Körper, die Bassgitarre bleibt hörbar, und das Schlagzeug klingt kraftvoll statt künstlich aufgeblasen. Orchestrierungen und Chöre erweitern die Szenerie, werden aber nicht zur dauerhaften Tapete. Gerade der Verzicht auf übermäßige Keyboarddominanz lässt das Album organischer wirken als viele ähnlich angelegte Metal-Opern. Man hört Musiker miteinander arbeiten und nicht bloß Schichten übereinanderliegen.

Ganz ohne Einwände kommt das Werk dennoch nicht davon. Knapp 65 Minuten, viele Rollen und zahlreiche historische Stationen verlangen Konzentration. Einige gallopierende Rhythmen, hymnische Chöre und dramatische Gesangswechsel folgen bewährten Mustern des Genres. Der Titelsong und das bewusst reduzierte »Farewell« besitzen zudem weniger unmittelbare Durchschlagskraft als »Black and Red and Gold«, »The Springtime of Peoples« oder »Parliament of Spring«. Im Albumfluss erfüllen sie allerdings wichtige Aufgaben, weshalb diese Schwächen das Gesamtbild nur geringfügig trüben.

GESCHICHTE MIT METALLISCHEM PULSSCHLAG

Lucid Dreaming gelingt es, einen komplexen historischen Stoff verständlich zu ordnen, ohne ihn musikalisch zu vereinfachen. Die Songs funktionieren auf zwei Ebenen: als Kapitel einer chronologischen Erzählung und als eigenständige Heavy- beziehungsweise Power-Metal-Kompositionen. Wer sich mit dem Hintergrund beschäftigt, entdeckt zusätzliche Bedeutungen in Rollenverteilung und Dramaturgie. Wer einfach ein kraftvolles Metal-Album hören möchte, bekommt prägnante Riffs, starke Refrains, hochklassigen Gesang und eine bestens eingespielte Rhythmusachse.

Besonders bemerkenswert ist, dass die prominenten Namen nicht zum Selbstzweck werden. Blaze Bayley, Ralf Scheepers, Harry Conklin, Piet Sielck, Daniel Heiman und ihre Mitstreiter bringen Wiedererkennungswert, doch die eigentliche Leistung liegt in der Zusammenführung. Das Album klingt nicht nach einer Ansammlung separat eingesungener Beiträge, sondern nach einem Ensemble, das eine gemeinsame Geschichte erzählt. Diese Geschlossenheit hebt »Upon The Barricades« aus der großen Zahl ambitionierter Metal-Opern deutlich heraus.

FAZIT:

»Upon The Barricades« ist eine umfangreiche, kraftvoll produzierte und erstaunlich geschlossene Metal-Oper, die historischen Anspruch mit organischem Heavy und Power Metal verbindet. Till Oberboßel, Alex Holzwarth und die zahlreichen Gäste stellen ihre individuellen Stärken konsequent in den Dienst der Geschichte, wodurch selbst die großen Stimmwechsel wie Bestandteile einer festen Band wirken. Die Laufzeit und der dichte historische Unterbau verlangen Aufmerksamkeit, doch prägnante Riffs, eine hervorragende Rhythmusgruppe und die kluge Dramaturgie zahlen diese Geduld zurück. Lucid Dreaming setzen den gescheiterten Hoffnungen von 1848 ein leidenschaftliches metallisches Denkmal, dessen Nachhall weit über den letzten Refrain hinausreicht.

Lucid Dreaming – Confederation

Internet

LUCID DREAMING - UPON THE BARRICADES - CD Review

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