Tracklist
01. ODR
02. Desolation
03. The Future Is A Memory
04. Born Deströyer
05. Feraline
06. RISE
07. Venom
08. S.T.F.U.
09. Each Scar A Vision
10. Only Here For A Good Time
11. The Way We Want To Be Seen
12. Demons Wanna Be Summoned feat. King 810
13. Second Ending (We Have Been Here Before)
Besetzung
Andy LaPlegua – Gesang
Eric13 – Gitarre
Elliott Berlin – Bass / Keyboards / Percussion
Jamie Cronander – Gitarre / Keyboards / Percussion
David Gunn – Gastgesang auf »Demons Wanna Be Summoned«
Seit über zwei Jahrzehnten stehen Combichrist dort, wo die Tanzfläche zur Kampfzone und der Industrial Club zur Metal-Bühne wird. Auf ihrem elften Studioalbum »The Venom In The Mouth Of God« führen Andy LaPlegua und seine Mitstreiter die elektronischen Wurzeln des Projekts mit der massiven Gitarrenarbeit der späteren Jahre zusammen. Das Ergebnis ist ein knapp 64-minütiges Album, das zwischen Aggrotech, EBM, Industrial Metal, düsterem Electro und vereinzelten Rap-Metal-Anteilen pendelt. Trotz dieser Bandbreite wirkt die Platte erstaunlich geschlossen. Sie ist kein nostalgischer Rückweg zu den frühen Clubhits und ebenso wenig eine bloße Fortsetzung der metallischen Verdichtung von »CMBCRST«. Combichrist verarbeiten beide Seiten ihrer Geschichte zu einem wuchtigen, düsteren und überraschend vielschichtigen Gesamtbild.
ZWISCHEN CLUBKULTUR UND METALLISCHER ESKALATION
Als Andy LaPlegua Combichrist im Jahr 2003 ins Leben rief, stand zunächst eine aggressive Verbindung aus Power Noise, Techno, EBM und verzerrter Elektronik im Mittelpunkt. Alben wie »Everybody Hates You«, »What The Fuck Is Wrong With You People?« und »Today We Are All Demons« machten das Projekt zu einer der bekanntesten Größen des Aggrotech. Stücke wie »This Shit Will Fuck You Up«, »Get Your Body Beat« oder »Electrohead« benötigten keine Gitarrenwand, um brutal zu wirken. Ihre Härte entstand aus verzerrten Beats, harschen Stimmen und einem beinahe militärischen Rhythmus.
Mit den Jahren rückten Rock und Metal immer stärker in den Vordergrund. Spätestens »This Is Where Death Begins« und »One Fire« zeigten eine Band, deren Bühnenwucht nicht mehr allein aus Elektronik bestand. Gitarren, akustisches Schlagzeug und die Erfahrung zahlreicher Tourneen hatten den Sound verändert. Das 2024 veröffentlichte »CMBCRST« trieb diese Entwicklung weiter, ließ dabei aber einen Teil jener kalten elektronischen Präzision zurücktreten, mit der sich LaPlegua ursprünglich seinen Namen gemacht hatte.
»The Venom In The Mouth Of God« korrigiert dieses Ungleichgewicht. Die Platte zwingt sich nicht zwischen Electro und Metal zu einer Entscheidung. Stattdessen lässt sie Sequencer, Synthesizer, Percussion und Gitarren gegeneinander antreten. Mal gewinnt die Tanzfläche, mal der Moshpit, häufig funktionieren beide gleichzeitig. Das ist die eigentliche Stärke dieses Albums.
»ODR« – DER ALTE PULS SCHLÄGT WIEDER
»ODR« beginnt mit unruhiger Percussion und einer düsteren elektronischen Spannung, die sofort an die klassische Phase von Combichrist erinnert. Der Rhythmus setzt schwer ein, die Synthesizer ziehen eine dunkle Linie durch den Song und LaPleguas Stimme klingt, als würde sie nicht über der Musik liegen, sondern direkt aus ihrem Maschinenraum kommen.
Der Opener ist hart, ohne sich auf massive Gitarren zu verlassen. Sein eigentlicher Motor ist der Beat. Dazu kommen beinahe beschwörende Gruppenstimmen und ein Refrain, der schon beim ersten Durchlauf hängen bleibt. Die Struktur ist zugänglich, aber nicht glatt. Im Hintergrund arbeiten kleine elektronische Störungen, Samples und rhythmische Verschiebungen gegen die unmittelbare Eingängigkeit.
Damit gibt »ODR« die Richtung des Albums vor. Der Song erkennt die eigene Vergangenheit an, bleibt jedoch produktionstechnisch deutlich größer und körperlicher als das frühe Material. Die Percussion besitzt eine fast rituelle Gewalt, während die elektronischen Flächen dem Stück genügend Raum geben. Ein starker Opener, der weder lange Anlaufzeit noch ein überflüssiges Intro benötigt.
»DESOLATION« – TANZBARKEIT OHNE ERLÖSUNG
»Desolation« schließt nahezu ohne Reibungsverlust an. Der Beat wird geradliniger und die elektronischen Elemente rücken noch stärker in Richtung Club. Gleichzeitig bleibt der Song dunkel genug, um nicht als bloßer Rückgriff auf frühere Erfolge durchzugehen. Zwischen den rhythmischen Schüben öffnen sich kurze Räume, in denen LaPleguas Stimme beinahe isoliert wirkt. Danach ziehen Synthesizer und Gitarren den Druck erneut an.
Der Refrain ist einer der eingängigsten des Albums. Er besitzt jene Mischung aus Befehl, Drohung und Selbstbehauptung, die Combichrist schon immer ausgezeichnet hat. Die Gitarren bleiben zunächst eher im Hintergrund, verleihen dem Beat aber zusätzliches Gewicht. Dadurch kann der Song auf einer dunklen Tanzfläche ebenso bestehen wie auf einer Festivalbühne.
Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich »Desolation« in die Dramaturgie der Platte eingebunden wurde. Als vorab veröffentlichte Single hätte die Nummer wie ein isolierter Hit wirken können. Im Albumfluss bildet sie stattdessen den zweiten Teil eines starken Eröffnungsdoppels. Wo »ODR« beschwört, bringt »Desolation« den Körper in Bewegung.
»THE FUTURE IS A MEMORY« – DUNKELHEIT IN ZEITLUPE
Mit »The Future Is A Memory« wird das Album schwerer und geheimnisvoller. Gesampelte Stimmen treiben durch den Hintergrund, während der Beat weniger direkt zuschlägt und stärker an der Atmosphäre arbeitet. Der Titel formuliert bereits einen Widerspruch: Die Zukunft erscheint nicht als offene Möglichkeit, sondern als etwas, das innerlich längst verloren oder vorweggenommen wurde.
Musikalisch erinnert das Stück an die düstereren Momente von »Today We Are All Demons« und »Making Monsters«. Es besitzt den alten elektronischen Unterbau, klingt aber voluminöser und weniger trocken. Die Gitarren dienen nicht als dauerhafte Wand, sondern setzen an ausgewählten Stellen zusätzliche Schwere frei. LaPlegua wechselt zwischen kontrolliertem Vortrag und aggressiveren Ausbrüchen.
Das Stück benötigt keine spektakuläre Wendung. Seine Wirkung entsteht aus der stetigen Verdichtung. Wiederholungen werden zum Stilmittel, ohne dass der Song vollständig in EBM-Routine verfällt. Besonders im Zusammenspiel aus Samples, Bass und dunklen Synthesizerflächen entwickelt sich eine bedrückende Stimmung, die den aggressiveren vierten Titel wirkungsvoll vorbereitet.
»BORN DESTRÖYER« – DIE MASCHINE ZIEHT DIE SCHRAUBEN AN
»Born Deströyer« trägt seinen Auftrag bereits im Namen. Die Gitarren werden schärfer, die Rhythmik aggressiver und LaPleguas Gesang rückt weiter nach vorn. Der Song verbindet das stoische Stampfen klassischer Combichrist-Nummern mit einer metallischen Wucht, die an die härteren Phasen von »We Love You« und »CMBCRST« erinnert.
Dabei verfällt das Stück nicht in stumpfes Durchprügeln. Elektronische Schichten ziehen sich weiterhin durch das Arrangement und verhindern, dass aus »Born Deströyer« ein gewöhnlicher Industrial-Metal-Song wird. Besonders die Wechsel zwischen zurückgenommenen Strophen, dichter werdenden Synthesizern und dem schweren Hauptmotiv funktionieren ausgezeichnet.
LaPlegua klingt hier nicht wie jemand, der um Verständnis bittet. Sein Gesang ist Anweisung und Konfrontation zugleich. Das passt zur mechanischen Strenge des Songs. Der Refrain besitzt genügend Wiedererkennungswert, bleibt aber sperriger als jener von »Desolation«. Dadurch wirkt die Nummer weniger wie eine Single und stärker wie ein zentraler Baustein des Albums.
»FERALINE« – INSTINKT GEGEN KONTROLLE
»Feraline« gehört zu den Stücken, in denen sich die verschiedenen Gesichter der Band besonders deutlich begegnen. Der Einstieg setzt auf metallische Aggression, harte Gitarren und eine beinahe animalische Energie. Kurz darauf kehrt der elektronische Puls zurück und schiebt den Song in eine wesentlich tanzbarere Richtung.
Dieser Kontrast ist keine bloße Effekthascherei. Die Musik bildet den Kampf zwischen Kontrolle und Instinkt nach. Die Strophen wirken angespannt, die Rhythmik hält den Körper in Bewegung, während die härteren Passagen immer wieder aus dem elektronischen Gerüst ausbrechen. LaPleguas Stimme passt sich dieser Bewegung an und wechselt zwischen knappen Kommandos und rauen Attacken.
Für die Bühne ist »Feraline« nahezu ideal gebaut. Der Song bietet klare Einsätze, einen körperlichen Beat und genügend Gitarren, um auch ein Metal-Publikum einzufangen. Trotzdem bleibt seine elektronische Identität unangetastet. Gerade darin liegt ein Unterschied zu einigen Stücken der unmittelbaren Vorgängeralben: Die Synthesizer sind kein Schmuck, sondern bestimmen wieder die Komposition.
»RISE« – DER OFFENSICHTLICHE LIVE-BRECHER
Nach dem kontrollierten Wechselspiel von »Feraline« legt »RISE« noch einmal an Geschwindigkeit und Härte zu. Das Riffing ist direkter, der Rhythmus unerbittlich und der Refrain auf unmittelbare Beteiligung ausgelegt. Hier wird nicht lange aufgebaut. Der Song marschiert los und hält den Druck über seine gesamte Laufzeit.
Die Gitarren besitzen einen scharfkantigen Industrial-Metal-Sound, bleiben aber eng mit den programmierten Elementen verbunden. Nichts schwebt frei nebeneinander. Percussion, Bass, Synthesizer und Riffs arbeiten auf dasselbe Ziel hin. Dadurch wirkt »RISE« trotz seiner dichten Produktion erstaunlich übersichtlich.
Der Titel ist ein klassischer Aufruf zur Erhebung, doch die Musik vermeidet jede triumphale Leichtigkeit. Das Aufstehen klingt hier weniger nach Hoffnung als nach einer letzten Mobilisierung. Der Refrain funktioniert sofort, und die Strophen halten die aggressive Grundspannung hoch. Das ist einer der offensichtlichsten Live-Songs der Platte – vorhersehbar in seiner Wirkung, aber verdammt effektiv.
»VENOM« – DAS DUNKLE ZENTRUM DES ALBUMS
Mit fast sechseinhalb Minuten ist »Venom« nicht nur eines der längsten Stücke, sondern auch das eigentliche Zentrum des Albums. Der Song nimmt sich Zeit, seine bedrohliche Stimmung aufzubauen. Elektronische Flächen, rituell wirkende Percussion und ein schwerer, wiederkehrender Rhythmus erzeugen eine fast mystische Atmosphäre.
Die Wiederholungen sind bewusst gesetzt. »Venom« will nicht durch schnelle Wendungen überzeugen, sondern seine Motive so lange in den Kopf treiben, bis sie körperlich spürbar werden. Diese Konsequenz zahlt sich aus, auch wenn der Mittelteil durchaus etwas kompakter hätte ausfallen dürfen. Die marschartigen Passagen besitzen enorme Wirkung, verlieren bei wiederholtem Hören aber einen Teil ihres Überraschungsmoments.
LaPlegua liefert eine seiner stärksten Gesangsleistungen des Albums. Sein Vortrag klingt kontrolliert, beinahe priesterlich, bevor er in rauere Ausbrüche kippt. Damit greift der Song den Albumtitel auf, ohne ihn einfach nur zu wiederholen. Das Gift erscheint als Sprache, Überzeugung und innere Zersetzung. »Venom« ist schwer, hypnotisch und für die Bühne geschaffen.
»S.T.F.U.« – OFFENER WIDERSPRUCH STATT GEHORSAM
»S.T.F.U.« lockert das militärische Raster auf, ohne an Aggression einzubüßen. Der Song arbeitet mit einer nervösen, anschwellenden Geräuschkulisse und einem Gesang, der streckenweise zwischen Spoken Word, Rap und rhythmischem Befehlston liegt. LaPlegua setzt seine Worte beinahe wie zusätzliche Percussion ein.
Der offene Wiederspruch des Titels bestimmt die gesamte Nummer. »S.T.F.U.« richtet sich nicht nach klassischer Strophe-Refrain-Ordnung, sondern lebt von Spannung, Wiederholung und zunehmender Verdichtung. Die Gitarren wirken weniger dominant als bei »RISE«, während elektronische Störgeräusche und tiefe Bässe den Raum füllen.
Gerade weil der Song lockerer gebaut ist, fällt er im Albumverlauf auf. Er besitzt nicht den großen Refrain von »Desolation« und nicht die monumentale Schwere von »Venom«. Stattdessen funktioniert er als gereizter Monolog, der jederzeit in Gewalt umschlagen könnte. Ein unangenehmes, intensives und rhythmisch starkes Stück.
»EACH SCAR A VISION« – NARBEN IM NEONLICHT
»Each Scar A Vision« bringt einen stärkeren Groove ins Spiel und öffnet die zweite Albumhälfte für zugänglichere Strukturen. Die Elektronik wirkt beweglicher, der Beat weniger marschartig und die Melodien treten deutlicher hervor. Trotzdem bleibt die Grundstimmung düster.
Der Song behandelt Narben nicht als abgeschlossene Verletzungen, sondern als Bilder, die weiterhin in die Gegenwart hineinwirken. Musikalisch äußert sich das in einer ständigen Bewegung zwischen melancholischen Flächen und körperlichem Rhythmus. Die Nummer ist emotionaler als viele der vorangegangenen Stücke, ohne in Selbstmitleid zu versinken.
Die Gitarren halten sich zurück und schaffen Platz für Synthesizer und Gesang. Dadurch erinnert »Each Scar A Vision« stärker an die elektronische Seite der Band. Nach den schweren Mittelpunkten »RISE«, »Venom« und »S.T.F.U.« ist diese Verschiebung wichtig. Sie gibt dem Album Luft, ohne die Spannung aufzulösen.
»ONLY HERE FOR A GOOD TIME« – DER ZYNISCHE PARTYBEFEHL
Der Titel von »Only Here For A Good Time« klingt zunächst nach sorglosem Hedonismus. Die Musik liefert jedoch keine leichte Feier. Nach einem zurückgenommenen Beginn setzt eine massive Wand aus Gitarren, Elektronik und Percussion ein. Der Refrain ist unmittelbar, die Stimmung gleichzeitig aufgeputscht und bedrohlich.
Das Stück spielt mit dem Gedanken, dass Vergnügen zur Flucht und Dauerbeschallung zur Verdrängung werden kann. Der vermeintliche Partybefehl erhält dadurch einen zynischen Unterton. LaPleguas Stimme klingt, als würde sie das Versprechen eines guten Abends zugleich verkaufen und verhöhnen.
Die Gitarren gehören zu den massivsten des Albums. Trotzdem bleibt der Song beweglich, weil die elektronischen Elemente nicht unter ihnen verschwinden. Combichrist treffen hier einen starken Mittelweg zwischen Industrial Metal und Clubtrack. Der Refrain ist eingängig, die Produktion groß und die Energie unmittelbar. Damit gehört »Only Here For A Good Time« zu den stärksten Singles der Platte.
»THE WAY WE WANT TO BE SEEN« – DIE MASKE BEGINNT ZU BRECHEN
»The Way We Want To Be Seen« schlägt zunächst leisere Töne an. Melancholische Flächen und eine beinahe intime Stimmung ziehen den Song in eine psychologischere Richtung. Statt äußerer Konfrontation geht es um Selbstbilder, Rollen und die Versionen der eigenen Persönlichkeit, die anderen Menschen präsentiert werden.
Nach und nach verdichtet sich die Elektronik. Tiefe Frequenzen, pulsierende Synthesizer und bedrückende Klangschichten schieben sich in den Vordergrund. Die anfangs offene Atmosphäre wird immer enger, bis der Song fast klaustrophobisch wirkt. Diese Entwicklung gehört zu den gelungensten Arrangements des Albums.
LaPlegua zeigt hier, dass seine Wirkung nicht allein vom Schreien abhängt. Die kontrollierteren Passagen verleihen dem Stück eine Verletzlichkeit, die auf »The Venom In The Mouth Of God« nur selten so deutlich hervortritt. Der Song ist kein klassischer Clubhit und kein Metal-Brecher. Er bildet das emotionale Gegengewicht zur permanenten körperlichen Gewalt der Platte.
»DEMONS WANNA BE SUMMONED« – KING 810 BRINGEN DEN WAHNSINN
Für »Demons Wanna Be Summoned« holen sich Combichrist Unterstützung von David Gunn, dem Frontmann der amerikanischen Rap-Metal-Band King 810. Die Zusammenarbeit ergibt Sinn. Gunns konfrontativer Vortrag passt zu LaPleguas elektronischer Härte, ohne wie ein aufgesetzter Gastbeitrag zu wirken.
Der Song besitzt eine dunkle, taumelnde Energie und einen ausgeprägten Groove. Synthesizer, tiefe Beats und metallische Einschübe erzeugen eine beinahe theatralische Stimmung. Der Dämon wird nicht als äußere Macht behandelt, die versehentlich erscheint. Er wartet bereits darauf, eingeladen zu werden. Damit fügt sich das Stück in die psychologische Ebene des Albums ein.
Der Gastgesang bringt zusätzliche Variation. Nach fast einer Stunde ist das entscheidend, denn LaPleguas aggressive Stimme kann in ihrer konstanten Intensität durchaus ermüden. Gunn setzt einen anderen Rhythmus und eine stärker vom Rap geprägte Artikulation dagegen. Das Ergebnis ist schwer, eigenwillig und ausreichend unangenehm, um nicht als kalkuliertes Crossover zu enden.
»SECOND ENDING (WE HAVE BEEN HERE BEFORE)« – DAS ENDE BEGINNT VON VORN
Mit knapp sieben Minuten ist »Second Ending (We Have Been Here Before)« der längste Song des Albums. Der Beginn überrascht mit akustischen Tönen und einem wesentlich ruhigeren Gesang. Nach all der elektronischen und metallischen Gewalt wirkt dieser Einstieg fast entwaffnend.
Die Ruhe bleibt nicht bestehen. Nach und nach kommen neue Schichten hinzu, die Elektronik wird stärker und der Rhythmus gewinnt an Kraft. Der Song wächst, statt unvermittelt zu explodieren. Klare Gesangspassagen werden von Schreien abgelöst, während sich im Hintergrund beinahe euphorische Electro-Elemente ausbreiten.
Diese scheinbar feierlichen Klänge erhalten durch den Titel eine bittere Bedeutung. Das zweite Ende ist keine Erlösung, sondern die Wiederholung eines bereits bekannten Ablaufs. Der Mensch landet erneut an einem Punkt, den er längst überwunden glaubte. Gerade deshalb ist das Stück ein starker Abschluss. Es fasst die verschiedenen Seiten des Albums zusammen: akustische Verletzlichkeit, elektronische Tanzbarkeit, aggressive Stimmen und einen immer größer werdenden Klangraum.
Das Finale ist lang, aber nicht aufgebläht. Anders als bei »Venom« sind die Wiederholungen Teil einer nachvollziehbaren Steigerung. Der Song beendet das Album nicht mit einem letzten stumpfen Schlag, sondern mit einer Bewegung, die theoretisch wieder zum Anfang führen könnte.
DIE PRODUKTION: MASSIV, ABER NICHT DETAILLOS
»The Venom In The Mouth Of God« ist laut, komprimiert und auf körperliche Wirkung ausgerichtet. Die tiefen Frequenzen besitzen enorme Kraft, die Percussion steht weit vorn und die Gitarren werden bei Bedarf zu einer geschlossenen Wand verdichtet. Trotzdem bleiben die elektronischen Details erkennbar. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn bei vielen Industrial-Metal-Produktionen verschwinden die Synthesizer unter den Gitarren oder die Riffs werden von übermächtigen Beats verschluckt.
Hier greifen beide Seiten ineinander. Besonders »ODR«, »Desolation«, »Feraline« und »Only Here For A Good Time« profitieren von dieser Balance. Die Beats besitzen Clubformat, während die Gitarren genügend Druck für größere Bühnen entwickeln. Kopfhörer legen zusätzliche Samples und Hintergrundflächen frei, die über eine gewöhnliche Anlage weniger deutlich hervortreten.
Der Preis dieser Wucht ist eine gewisse Ermüdung. Über fast 64 Minuten bleibt der Grundpegel hoch, und nicht jeder Song benötigt sämtliche vorhandenen Schichten. Einige Passagen in »Venom« und »Born Deströyer« hätten durch etwas mehr Luft noch bedrohlicher wirken können. Auch LaPleguas Gesang bewegt sich häufig in einer ähnlichen aggressiven Lage. Die ruhigeren Momente von »The Way We Want To Be Seen« und »Second Ending (We Have Been Here Before)« zeigen, wie wirkungsvoll stärkere Kontraste sein können.
DAS BESTE AUS ZWEI COMBICHRIST-WELTEN
Die große Leistung von »The Venom In The Mouth Of God« besteht in der Versöhnung zweier Lager. Wer vor allem die frühen elektronischen Alben schätzt, erhält wieder kalte Sequenzen, körperliche Beats und jene aggressive Tanzbarkeit, durch die Combichrist zu einer festen Größe der schwarzen Clubszene wurden. Wer die metallische Entwicklung der späteren Jahre bevorzugt, findet harte Gitarren, wuchtige Percussion und zahlreiche Songs, die auf einer Festivalbühne funktionieren werden.
Dabei klingt das Album nicht wie eine Sammlung von Zugeständnissen. Die Reihenfolge der Songs ist bewusst gewählt. Der elektronische Auftakt führt in die metallischere erste Hälfte, »Venom« bildet das schwere Zentrum und die letzten fünf Stücke öffnen den Sound für Groove, Melancholie, Gastgesang und ein ausführliches Finale.
Nicht jede Nummer erreicht das Niveau der Höhepunkte. »RISE« ist wirkungsvoll, aber in seinem Aufbau vorhersehbar. »Born Deströyer« erfüllt seine Aufgabe, ohne die markanteste Komposition der Platte zu sein. »Venom« rechtfertigt seine Länge weitgehend, hätte im Mittelteil jedoch etwas gestrafft werden können.
Dafür stehen mit »ODR«, »Desolation«, »Feraline«, »Only Here For A Good Time«, »The Way We Want To Be Seen« und »Second Ending (We Have Been Here Before)« gleich mehrere Stücke bereit, die unterschiedliche Phasen der Bandgeschichte überzeugend zusammenführen. Besonders stark ist, dass das Album seine Eingängigkeit nicht mit Harmlosigkeit verwechselt. Die Refrains funktionieren, doch die Musik bleibt düster, aggressiv und psychologisch angespannt.
FAZIT:
Mit »The Venom In The Mouth Of God« legen Combichrist eines ihrer geschlossensten und vielseitigsten Alben vor. Andy LaPlegua führt die harsche Elektronik der Anfangsjahre und die metallische Wucht der späteren Bandphase zusammen, ohne eine der beiden Seiten zur bloßen Erinnerung zu degradieren. Aggrotech, EBM, Industrial Metal, dunkler Electro und einzelne Rap-Metal-Einflüsse greifen ineinander und ergeben eine Platte, die auf der Tanzfläche ebenso funktioniert wie vor einer großen Festivalbühne.
Die stärksten Stücke finden genau jene Balance, an der frühere Veröffentlichungen gelegentlich vorbeigingen. »ODR« beschwört den alten elektronischen Puls, »Desolation« verwandelt Verlorenheit in einen Clubhit, »Feraline« verbindet Instinkt und Kontrolle, während »Only Here For A Good Time« mit massiven Gitarren und einem zynischen Refrain überzeugt. »The Way We Want To Be Seen« bringt psychologische Tiefe ein, und das groß angelegte »Second Ending (We Have Been Here Before)« beendet das Album mit einer der interessantesten Entwicklungen der gesamten Spielzeit.
Kleinere Schwächen bleiben. Einige Passagen wiederholen ihre Motive etwas zu lange, der permanent hohe Produktionsdruck kann ermüden und LaPleguas Gesang hätte an wenigen Stellen mehr Variation vertragen. Diese Punkte ändern jedoch nichts daran, dass »The Venom In The Mouth Of God« deutlich stärker zusammenhält als viele Alben, die zwischen elektronischer Vergangenheit und metallischer Gegenwart vermitteln wollen.
Combichrist versuchen nicht, das Jahr 2005 zu wiederholen. Ebenso wenig verabschieden sie sich von der Härte, die ihren Sound in den vergangenen Jahren bestimmt hat. Sie nehmen die wirkungsvollsten Bestandteile beider Phasen und bauen daraus ein modernes, aggressives und erstaunlich emotionales Industrial-Album. Das Gift befindet sich hier nicht nur im Titel. Es steckt in den Worten, den Selbstbildern, den Wiederholungen und jener Stimme im eigenen Kopf, die längst weiß, dass auch das zweite Ende nicht endgültig sein wird.
Combichrist - The Venom In The Mouth Of God - CD Review
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