Tracklist
01. Dea Tacita
02. The Silent Goddess
03. Sorginak
04. The Great Unknown
05. Curator’s Lair
06. Her Scarlet Bouquet
07. November’s Ode
08. Petroglyph
09. Alba Livida
10. Laniakea
11. An Ocean Between Us Part IV – Waterdeep
12. Ten Steps to the Gallows
Besetzung
Eleanor Tenebre – Gesang
Eduardo Guilló – Gesang
Paolo „The Bard“ Andreotti – Keyboards, Gesang
Matteo Tommasino – Lead- und Rhythmusgitarren
Marc Brode – Bass
Jorge „You“ Homobono – Schlagzeug
Gastgesang: Jessie Williams von Ankor auf »Curator’s Lair«
Mix und Mastering: Dani G. in den Estudios Dynamita
Artwork: Alva Aur
Spielzeit: 48:24 Minuten
Nach Geschichten über Fabelwesen und einer Reise über die sieben Weltmeere richten Crusade Of Bards ihren Blick auf noch weiter entfernte Welten. Das dritte Studioalbum »Tales of Distant Worlds« schließt die seit 2019 aufgebaute „Tales“-Trilogie ab, führt jedoch nicht einfach die maritime Abenteuerromantik des Vorgängers fort. Die spanische Band beschäftigt sich mit römischen Gottheiten, baskischen Hexen, Weissagungen, kosmischen Räumen, morbiden Geschichten und der Suche nach Bedeutung. Symphonic Metal bleibt die Grundlage, erhält durch Folk, Power Metal, dunklere Klangfarben und drei unterschiedliche Stimmen aber eine auffällig breite Ausdrucksform.
Die Geschichte von Crusade Of Bards begann Mitte der 2010er-Jahre mit Eleanor Tenebre und Paolo Andreotti. Ursprünglich sollte lediglich ein Studioprojekt entstehen, das orchestrale Musik mit Folk, Metal und den Klängen alter Seefahrergeschichten verbindet. Als sich die Möglichkeit ergab, Konzerte als Vorgruppe von Lagerstein zu spielen, wurde aus der Idee eine vollständige Band.
Das Debüt »Tales of Bards & Beasts« erschien 2019 und beschäftigte sich mit Mythen, Monstern und fantastischen Erzählungen. Auf »Tales of the Seven Seas« aus dem Jahr 2022 rückten Seefahrt, Entdeckungsreisen, Piraten und historische Ereignisse in den Mittelpunkt. Bereits dort vermieden Crusade Of Bards eine vollständige Festlegung auf die bekannten Regeln des Pirate Metal. Klassische Arrangements, internationale Folklore und mehrstimmiges Erzählen besaßen einen ebenso hohen Stellenwert wie eingängige Metal-Riffs.
Für »Tales of Distant Worlds« hat sich die Besetzung erneut verändert. Gitarrist Matteo Tommasino bringt eine kantigere und stellenweise modernere Spielweise ein, während Marc Brode und Jorge „You“ Homobono das rhythmische Fundament bilden. Entscheidend bleibt jedoch das Zusammenspiel der Stimmen von Eleanor Tenebre, Eduardo Guilló und Paolo Andreotti.
Tenebres klarer Gesang kann zwischen feierlicher Ruhe und kraftvoller Theatralik wechseln. Guilló bildet mit seinem dunkleren, raueren Organ einen wirkungsvollen Gegenpol. Andreotti erscheint seltener im Vordergrund, erweitert die Arrangements aber durch erzählerische Passagen, Hintergrundstimmen und Chöre. Die Band verteilt diese Rollen nicht nach einem unveränderlichen Schema. Nach eigener Aussage entsteht die Entscheidung während des Schreibprozesses und richtet sich danach, welche Stimme eine bestimmte Szene benötigt.
Auch die Texte wurden nicht nach einem festen historischen oder mythologischen Katalog zusammengestellt. Ausgangspunkt ist häufig eine Stimmung, aus der anschließend Titel, Harmonien, Instrumentierung und Geschichte entwickelt werden. Dadurch wirkt »Tales of Distant Worlds« weniger wie ein streng durchgeschriebenes Konzeptalbum als wie eine Sammlung miteinander verbundener Erzählungen über Ungewissheit, Erinnerung, Tod und menschliche Erkenntnis.
DEA TACITA: DAS RITUAL BEGINNT
Das einminütige »Dea Tacita« übernimmt die Rolle eines Prologs. Der Name bezeichnet in der römischen Mythologie die schweigende Göttin, die mit Tod, Stille und dem Verstummen feindlicher Stimmen verbunden wurde. Entsprechend beginnt das Album nicht mit einem triumphalen Fanfarenstoß, sondern mit einer zurückgenommenen und beinahe zeremoniellen Atmosphäre.
Dunkle Keyboardflächen, entfernte Stimmen und langsam anschwellende Orchesterklänge erzeugen den Eindruck eines Rituals. Die Band öffnet damit keinen gewöhnlichen Zugang zu einem Fantasy-Abenteuer. Der Weg führt vielmehr in eine Welt, deren Geschichten von verbotener Erkenntnis, unterdrückter Sprache und übernatürlichen Mächten geprägt sind.
Als eigenständige Komposition bleibt das Intro naturgemäß knapp. Seine eigentliche Wirkung entsteht im unmittelbaren Übergang zu »The Silent Goddess«. Beide Stücke bilden gemeinsam den vollständigsten Auftakt der bisherigen Bandgeschichte.
THE SILENT GODDESS: DIE STIMME EINER ZUM SCHWEIGEN GEBRACHTEN GÖTTIN
»The Silent Goddess« greift das Motiv des Intros auf und überführt es in einen kompakten Symphonic-Metal-Song. Kraftvolle Gitarren, ein lebendiger Rhythmus und breit angelegte Chöre treffen auf jene orchestrale Feierlichkeit, die Crusade Of Bards seit dem Debüt begleitet.
Die Strophen bleiben zunächst kontrolliert. Eleanor Tenebres Stimme steht klar über den Instrumenten, während Gitarren und Keyboards eine stetig wachsende Spannung aufbauen. Der Refrain öffnet das Arrangement und besitzt eine der unmittelbarsten Melodien des Albums. Eduardo Guillós dunklere Stimme sorgt dafür, dass die Komposition nicht vollständig in helle Power-Metal-Gefilde abdriftet.
Inhaltlich lässt sich das Schweigen nicht ausschließlich als übernatürlicher Fluch verstehen. Die stumme Göttin steht zugleich für Personen, deren Warnungen ignoriert und deren Stimmen gewaltsam unterdrückt wurden. Das verleiht der mythologischen Erzählung eine gegenwärtige Ebene, ohne den Song in eine einfache Botschaft zu verwandeln.
Die Produktion füllt nahezu jeden freien Raum mit Chören, Streichern oder zusätzlichen Stimmen. Im Refrain funktioniert diese Opulenz ausgezeichnet. Während einzelner Strophen wären etwas mehr Luft und ein deutlicher hervortretender Bass allerdings willkommen gewesen.
SORGINAK: HEXENTANZ UNTER MARI
Der baskische Begriff »Sorginak« bezeichnet Hexen, die in verschiedenen Überlieferungen mit der Göttin Mari verbunden werden. Crusade Of Bards nutzen diese Vorlage für den folkloristischsten Titel der ersten Albumhälfte.
Rhythmische Akzente und tänzerische Melodien lösen die feierliche Schwere des Auftakts auf. Die Folk-Elemente werden dabei nicht lediglich über eine gewöhnliche Metal-Komposition gelegt. Gitarren, Keyboards und Schlagzeug übernehmen gemeinsam eine kreisende Bewegung, die an einen nächtlichen Tanz oder eine Beschwörung erinnert.
Eleanor Tenebre singt zunächst melodisch und beinahe verführerisch. Dunklere Gegenstimmen verändern später die Perspektive. Aus der scheinbar einladenden Versammlung wird ein Ritual, dessen Ausgang sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Gerade der Wechsel zwischen klaren Melodien und bedrohlicheren Passagen macht den Song wirkungsvoll.
Der Refrain besitzt ausreichend Wiedererkennungswert, bleibt jedoch weniger unmittelbar als jener von »The Silent Goddess«. Dafür entwickelt »Sorginak« eine eigenständige Atmosphäre, die sich von den üblichen keltischen Folk-Metal-Mustern entfernt und den regionalen Hintergrund ernst nimmt.
THE GREAT UNKNOWN: DER SCHRITT INS UNGEWISSE
Mit »The Great Unknown« kehrt die Band zu einer hymnischeren Ausrichtung zurück. Ein vorwärts gerichteter Rhythmus und weit geöffnete Keyboardmelodien vermitteln zunächst den Eindruck einer klassischen Abenteuerreise. Hinter der Bewegung steckt jedoch keine unbekümmerte Entdeckungslust.
Das große Unbekannte bezeichnet nicht nur einen geografischen Ort. Der Song beschäftigt sich mit dem Augenblick, in dem vertraute Sicherheiten enden und ein Mensch ohne verlässliche Antworten weitergehen muss. Die Reise in ferne Welten wird damit zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Angst vor Veränderung, Tod und Kontrollverlust.
Eleanor Tenebre und Eduardo Guilló übernehmen unterschiedliche Rollen innerhalb dieser Bewegung. Tenebre vermittelt Hoffnung und Neugier, während Guillós dunklere Stimme Zweifel und mögliche Gefahren verkörpert. Die Stimmen arbeiten nicht gegeneinander, sondern beschreiben zwei Seiten derselben Entscheidung.
Gitarrist Matteo Tommasino setzt melodische Leads ein, ohne die orchestralen Bestandteile vollständig zu verdoppeln. Dadurch erhält der Song mehr metallische Substanz als mehrere Passagen des Vorgängeralbums. Der Refrain hätte dennoch etwas kompakter ausfallen können. Seine Melodie ist stimmig, benötigt aber mehrere Durchläufe, bis sie sich dauerhaft festsetzt.
CURATOR’S LAIR: DREI STIMMEN IM VERBORGENEN ARCHIV
Das Versteck des Kurators bildet einen der düstersten Räume der Platte. »Curator’s Lair« erinnert an ein geheimes Archiv, in dem Erinnerungen, Artefakte und Geschichten nicht bewahrt werden, um sie weiterzugeben, sondern um Macht über ihre Bedeutung zu erlangen.
Musikalisch gehört der Titel zu den härtesten Stücken. Die Gitarren treten stärker hervor, das Schlagzeug arbeitet mit schärferen Akzenten und die orchestralen Ebenen erhalten eine bedrohlichere Färbung. Die Band verzichtet trotzdem nicht auf Melodie. Vielmehr entsteht die Spannung aus dem Gegensatz zwischen kontrollierter Schönheit und plötzlich hervorbrechender Aggression.
Als Gastsängerin ist Jessie Williams von Ankor beteiligt. Ihr Wechsel zwischen melodischem Gesang und harschen Stimmen erweitert das ohnehin vielschichtige Vokalkonzept erheblich. Gemeinsam mit Eleanor Tenebre und Eduardo Guilló entsteht kein herkömmliches Duett, sondern eine kleine dramatische Szene mit drei deutlich unterscheidbaren Figuren.
Williams sorgt vor allem in den härteren Abschnitten für eine moderne Schärfe, die bei Crusade Of Bards bislang selten zu hören war. Diese Ergänzung funktioniert, weil der Song inhaltlich und musikalisch auf einen Kontrollverlust hinarbeitet. Ein vollständiges Album in dieser Intensität wäre vermutlich zu anstrengend. Als gezielt platzierter Ausbruch ist »Curator’s Lair« jedoch einer der Höhepunkte.
HER SCARLET BOUQUET: MORBIDE ROMANTIK STATT LIEBESLIED
Ein scharlachroter Blumenstrauß könnte zunächst ein Bild romantischer Zuneigung sein. In »Her Scarlet Bouquet« tragen die Blumen jedoch die Farbe von Blut, Verlust und einer Vergangenheit, die sich nicht begraben lässt. Inspiriert wurde das Stück von den düsteren Erzählungen des spanischsprachigen Podcasts »Noviembre Nocturno«.
Die Komposition beginnt melodischer als »Curator’s Lair«. Eleanor Tenebre singt mit kontrollierter Zurückhaltung, während Klavier und orchestrale Flächen eine beinahe gotische Atmosphäre erzeugen. Nach und nach treten schwere Gitarren hinzu, ohne den morbiden Grundcharakter zu zerstören.
Eduardo Guilló übernimmt die dunklere Seite der Geschichte. Sein Gesang wirkt weniger wie ein gewöhnlicher Kontrast und stärker wie eine zweite Figur, die aus einer Erinnerung oder einem verborgenen Teil der Erzählung spricht. Die Stimmen kommen einander näher, ohne sich vollständig zu vereinen.
Der Refrain gehört zu den melodischsten Momenten der Platte. Gleichzeitig vermeidet die Band eine übermäßig süßliche Auflösung. Unter den Chören bleibt eine harmonische Unruhe bestehen, die den vermeintlich romantischen Gegenstand immer wieder infrage stellt.
Die Gestaltung des zugehörigen Videos und das Albumartwork stammen von Alva Aur. Bild und Musik teilen dieselbe Ästhetik aus dunklem Violett, scharlachroten Blumen und fantastischer Schönheit. »Her Scarlet Bouquet« gehört damit zu den geschlossensten Verbindungen aus Musik, Text und visueller Gestaltung auf dem Album.
NOVEMBER’S ODE: DREI MINUTEN ZUM ATMEN
Nach den dicht arrangierten Vorgängern reduziert »November’s Ode« die Intensität. Mit weniger als drei Minuten ist das Stück der kürzeste vollständige Titel und übernimmt innerhalb der Dramaturgie die Funktion einer bewussten Ruhephase.
Klavier, zurückgenommene Orchesterklänge und sanfter Gesang bestimmen den Beginn. Die Metal-Instrumentierung tritt nicht vollständig zurück, bleibt aber deutlich sparsamer. Dadurch erhält Eleanor Tenebres Stimme einen Raum, der ihr in den stärker überladenen Passagen des Albums gelegentlich fehlt.
Der November steht hier für Übergang, Erinnerung und das allmähliche Verschwinden von Wärme und Licht. Die Komposition wirkt nicht wie eine gewöhnliche Power-Ballade mit großem Schlussrefrain. Sie bleibt nachdenklich und endet, bevor die Stimmung in Pathos umschlagen kann.
Gerade diese Kürze ist eine Stärke. Crusade Of Bards zeigen, dass ihre Musik keine durchgehend aufgetürmten Chöre benötigt, um Atmosphäre zu erzeugen. Ein oder zwei weitere ähnlich reduzierte Passagen hätten auch der zweiten Albumhälfte gutgetan.
PETROGLYPH: ZEICHEN EINER UNLESBAREN ZUKUNFT
»Petroglyph« beschäftigt sich mit Weissagung und dem alten menschlichen Wunsch, aus Zeichen eine noch unbekannte Zukunft abzuleiten. Kulturen hinterließen Symbole, deuteten Naturerscheinungen und versuchten, drohende Gefahren sichtbar zu machen. Die grundlegende Unsicherheit ließ sich dadurch jedoch nie vollständig überwinden.
Musikalisch setzen Crusade Of Bards schnelle und druckvolle Gitarren gegen lange, atmosphärische Gesangslinien. Dieser Gegensatz bildet den inneren Konflikt des Textes ab. Die Rhythmusgruppe drängt auf Erkenntnis und Bewegung, während die Stimme innehält und die Mehrdeutigkeit der Zeichen anerkennt.
Das spanischsprachige Zwischenspiel erweitert den Song um eine persönliche und poetische Ebene. Es wirkt wie eine Anrufung der künstlerischen Inspiration und verbindet Weissagung mit dem kreativen Prozess. Auch Kunst erschafft Zeichen, deren Bedeutung sich nicht vollständig kontrollieren lässt.
Tommasinos Gitarrenarbeit gehört hier zu seinen stärksten Leistungen. Die Riffs besitzen ausreichend Eigenständigkeit, um nicht unter den Keyboards zu verschwinden, und die melodischen Leads führen nachvollziehbar in den Refrain. Das Schlagzeug hält die zahlreichen Wechsel zusammen, ohne mechanisch zu wirken.
»Petroglyph« benötigt mehrere Durchläufe, weil die Band verschiedene Rhythmen, Sprachen und Stimmungen miteinander verbindet. Anschließend erweist sich der Song als einer der langlebigsten Titel der Platte und als passende Zusammenfassung ihres zentralen Themas: Der Mensch sucht Orientierung in Zeichen, obwohl absolute Gewissheit unerreichbar bleibt.
ALBA LIVIDA: EINE BLEICHE MORGENDÄMMERUNG
Der lateinisch gefärbte Titel »Alba Livida« lässt sich als bleiche oder fahle Morgendämmerung lesen. Entsprechend klingt der längste Song der regulären Albumhälfte nicht nach einem strahlenden Neubeginn. Das Licht erscheint kalt, unsicher und von den Ereignissen der Nacht gezeichnet.
Langsame orchestrale Flächen und schwerere Gitarren geben der Komposition zunächst beinahe doomige Züge. Die Band erhöht das Tempo erst schrittweise. Dadurch unterscheidet sich »Alba Livida« deutlich von den direkteren Power-Metal-Bewegungen früherer Stücke.
Eleanor Tenebre singt kontrollierter und tiefer. Eduardo Guillós Einsätze verstärken die düstere Grundfarbe, ohne das Stück in extremen Metal zu führen. Die Stimmen erscheinen wie zwei Personen, die denselben Morgen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten: Für die eine bedeutet er Überleben, für die andere lediglich den Beginn eines weiteren Kreislaufs.
Der Aufbau bleibt über fünf Minuten nachvollziehbar, erreicht aber nicht in jeder Passage die angestrebte Größe. Vor allem im Mittelteil konkurrieren Chöre, Gitarren und Keyboards um denselben Raum. Ein transparenterer Mix hätte den späteren Höhepunkt stärker hervortreten lassen.
Trotzdem erfüllt »Alba Livida« eine wichtige Funktion. Das Stück verdichtet die Stimmung vor den letzten drei Kapiteln und verhindert, dass die kosmische Öffnung von »Laniakea« zu früh erfolgt.
LANIAKEA: DIE MENSCHHEIT IM UNERMESSLICHEN HIMMEL
Laniakea ist der Name des gewaltigen Galaxien-Superhaufens, zu dem auch die Milchstraße gehört. Der aus dem Hawaiianischen stammende Begriff lässt sich sinngemäß mit „unermesslicher Himmel“ übersetzen. Crusade Of Bards verwenden diese kosmische Dimension, um nach der Stellung des Menschen im Universum zu fragen.
Breite Synthesizerflächen, Chöre und melodische Gitarren erzeugen ein weitläufiges Klangbild. Das Arrangement vermittelt Größe, ohne sofort in ein maximales Finale zu springen. Die Musik wächst gemeinsam mit der Perspektive: vom einzelnen Menschen über die Erde bis zu einem Raum, dessen Ausmaß jede alltägliche Vorstellung übersteigt.
Inhaltlich geht es nicht lediglich um die Schönheit von Sternen und Galaxien. Der Song beschreibt die Suche nach Wissen und Bedeutung angesichts eines Universums, das keine leicht verständliche Antwort liefert. Je größer der bekannte Raum wird, desto kleiner erscheint der Mensch. Gleichzeitig besitzt gerade seine Fähigkeit, diese Größe zu erkennen, etwas Außergewöhnliches.
Eleanor Tenebres Stimme trägt die staunende Seite dieser Betrachtung. Guilló setzt dunklere Akzente und erinnert daran, dass Erkenntnis auch Verunsicherung bedeutet. Der Refrain öffnet sich weit, bleibt aber weniger plakativ als bei vielen vergleichbaren Symphonic-Metal-Kompositionen.
»Laniakea« gehört zu den ambitioniertesten Stücken des Albums. Die Gitarren könnten im letzten Drittel etwas stärker hervortreten, doch das Zusammenspiel aus kosmischem Thema, Orchester und Vokalwechsel macht den Song zu einem der klaren Höhepunkte.
AN OCEAN BETWEEN US PART IV – WATERDEEP: DIE SAGA ERREICHT DIE TIEFE
Mit »An Ocean Between Us Part IV – Waterdeep« setzen Crusade Of Bards eine Erzählung fort, die bereits auf früheren Veröffentlichungen begann. Nach »Chapter Twelve«, »Ulysses‘ Cry« und »A New World« führt der vierte Teil nicht weiter über die Oberfläche, sondern hinab in eine verborgene Tiefe.
Der Titel Waterdeep erinnert bewusst an klassische Fantasy-Welten, beschreibt innerhalb der Reihe aber auch einen Zustand größtmöglicher Entfernung. Das Meer trennt Menschen, Erinnerungen und unterschiedliche Lebenswege. Die Tiefe wird zum Ort, an dem Verlorenes weiterbestehen könnte.
Musikalisch ist das Stück kompakter und beweglicher als »Alba Livida« und »Laniakea«. Folk-Melodien kehren zurück, während das Schlagzeug einen beinahe tänzerischen Rhythmus vorgibt. Der Song bewahrt damit einen Teil jener maritimen Identität, die »Tales of the Seven Seas« geprägt hatte.
Die Fortsetzung wirkt nicht wie ein nachträglich eingefügter Hinweis auf ältere Alben. Sie verbindet die drei Teile der Trilogie miteinander. Mythen, Seefahrt und ferne Welten erscheinen letztlich als verschiedene Formen derselben Suche nach etwas, das außerhalb der unmittelbar sichtbaren Wirklichkeit liegt.
Mit 3:45 Minuten endet »Waterdeep« vergleichsweise schnell. Ein weiterer instrumentaler Abschnitt hätte die Unterwasseratmosphäre vertiefen können. Dafür bleibt die Komposition prägnant und bereitet ohne unnötige Verlängerung das Finale vor.
TEN STEPS TO THE GALLOWS: DER LETZTE GANG
Der Abschluss »Ten Steps to the Gallows« verwendet eines der unmittelbarsten Bilder des Albums. Zwischen einer verurteilten Person und dem Galgen liegen nur noch zehn Schritte. Jeder einzelne verkürzt die verbleibende Zeit und zwingt zu einer letzten Auseinandersetzung mit Schuld, Erinnerung und der Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod.
Crusade Of Bards beginnen zurückhaltend. Dunkle Keyboards und langsame Gitarrenakkorde erzeugen eine gespannte Ruhe, bevor Schlagzeug und Orchester die Bewegung aufnehmen. Der Rhythmus vermittelt tatsächlich den Eindruck eines abgezählten Weges, ohne dieses Motiv zu offensichtlich zu wiederholen.
Die verschiedenen Stimmen erhalten noch einmal klar definierte Aufgaben. Eleanor Tenebre vermittelt den inneren Monolog und die menschliche Verletzlichkeit. Eduardo Guilló steht für Urteil, Tod oder eine dunklere Instanz, während Paolo Andreottis Beiträge der Szene einen erzählerischen Rahmen geben.
Im weiteren Verlauf verdichtet sich die Komposition. Gitarren, Chöre und Orchester wachsen zu einem der größten Höhepunkte des Albums. Anders als bei einigen früheren Stücken führt die Fülle hier zu einer nachvollziehbaren Steigerung. Jeder zusätzliche Bestandteil bringt den letzten Schritt näher.
Der Song endet nicht mit einem unbeschwerten Triumph. Das Finale bleibt dunkel und lässt offen, ob nach dem letzten Schritt Erlösung, Leere oder eine weitere unbekannte Welt wartet. Damit schließt sich der Kreis zum Albumtitel. Die Reise zu entfernten Welten war immer auch eine Bewegung zu jenen Grenzen, an denen menschliches Wissen endet.
Mit fast sechs Minuten rechtfertigt »Ten Steps to the Gallows« seine Länge. Die Komposition bündelt Orchester, Metal, mehrstimmiges Erzählen und die dunklere Ausrichtung der Platte zu einem würdigen Abschluss der „Tales“-Trilogie.
DREI STIMMEN, VIELE WELTEN UND GELEGENTLICH ZU WENIG RAUM
Die größte Stärke von »Tales of Distant Worlds« ist seine stilistische und thematische Reichweite. Innerhalb von 48 Minuten führt die Band von römischer Mythologie über baskische Hexengestalten und okkulte Weissagung bis zu kosmischen Superstrukturen. Diese Vielfalt wirkt nicht vollständig beliebig, weil nahezu alle Stücke um Ungewissheit, Erinnerung, Erkenntnis und Tod kreisen.
Eleanor Tenebre trägt den größten Anteil der melodischen Erzählung. Ihre Stimme besitzt ausreichend Charakter, um neben den umfangreichen Keyboards bestehen zu können. Besonders in den ruhigeren Passagen von »November’s Ode« und den feierlichen Teilen von »The Silent Goddess« zeigt sie eine überzeugende Kontrolle.
Eduardo Guilló ist weit mehr als eine gelegentlich eingesetzte Gegenstimme. Sein dunklerer und rauerer Gesang verändert die Bedeutung verschiedener Passagen. Er kann als Erzähler, Gegenspieler oder Verkörperung einer inneren Angst erscheinen. Dadurch entwickeln die Songs kleine dramatische Szenen, anstatt lediglich weiblichen und männlichen Gesang nebeneinanderzustellen.
Paolo Andreotti hält sich häufiger im Hintergrund, bleibt für die Identität der Band aber unverzichtbar. Seine Keyboardarbeit bestimmt die atmosphärische Richtung der Kompositionen. Chöre, klassische Elemente, Folk-Melodien und experimentellere Klänge werden nicht nach einem festen Baukasten verteilt, sondern richten sich nach der jeweiligen Geschichte.
Matteo Tommasino bringt mehr metallische Härte in den Klang. Seine besten Riffs finden sich in »Curator’s Lair«, »Petroglyph« und »Ten Steps to the Gallows«. Bedauerlicherweise stehen die Gitarren im Mix nicht immer weit genug vorne. Gerade in den voll orchestrierten Refrains verlieren einzelne Figuren an Kontur.
Marc Brode und Jorge Homobono bilden ein zuverlässiges Fundament. Das Schlagzeug reagiert auf die zahlreichen Stimmungswechsel und vermeidet einen vollständig programmierten Eindruck. Der Bass ist vorhanden, erhält aber nur selten eine eigenständige Rolle. Etwas mehr Tiefe und Präsenz im unteren Frequenzbereich hätten den Gitarren und Orchestern zusätzliche Körperlichkeit verliehen.
Dani G. sorgt in den Estudios Dynamita für einen druckvollen und grundsätzlich professionellen Klang. Stimmen, Gitarren und orchestrale Ebenen bleiben auch bei hoher Dichte voneinander unterscheidbar. Dennoch wird die Produktion an mehreren Stellen zum begrenzenden Faktor. Crusade Of Bards arrangieren großzügig und wollen häufig mehrere Ideen gleichzeitig hörbar machen. Dadurch konkurrieren Chöre, Keyboards, Gitarren und Gesang gelegentlich um denselben räumlichen Bereich.
Besonders »Alba Livida« und Teile von »The Great Unknown« hätten von einer stärkeren Reduktion profitiert. Die guten Melodien sind vorhanden, werden aber nicht immer mit der notwendigen Klarheit präsentiert. Im Gegensatz dazu zeigen »November’s Ode« und der kontrollierte Beginn von »Ten Steps to the Gallows«, wie wirkungsvoll die Band mit mehr Freiraum klingen kann.
Nicht jeder Refrain erreicht sofort die gewünschte Größe. Einige Melodien benötigen mehrere Durchläufe, und ein oder zwei Stücke bleiben stärker über ihre Atmosphäre als über ein konkretes Hauptmotiv im Gedächtnis. Die erneute Beschäftigung lohnt sich jedoch. Unter der Oberfläche finden sich kleine Gegenstimmen, rhythmische Veränderungen und instrumentale Details, die beim ersten Hören leicht übersehen werden.
Die kompaktere Spielzeit gegenüber »Tales of the Seven Seas« erweist sich als richtige Entscheidung. Trotz der zahlreichen Themen bleibt das Album konzentriert und entwickelt einen klaren Spannungsbogen. Der Auftakt aus »Dea Tacita« und »The Silent Goddess«, die Verdichtung durch »Curator’s Lair« und »Her Scarlet Bouquet« sowie das letzte Drittel von »Petroglyph« bis »Ten Steps to the Gallows« ergeben eine nachvollziehbare Dramaturgie.
FAZIT:
Mit »Tales of Distant Worlds« schließen Crusade Of Bards ihre „Tales“-Trilogie mit einem atmosphärisch dichten und eigenständigen Symphonic-Metal-Album ab. Drei ausdrucksstarke Stimmen, abwechslungsreiche Geschichten, überzeugende Folk-Elemente und Höhepunkte wie »Curator’s Lair«, »Petroglyph«, »Laniakea« und »Ten Steps to the Gallows« überwiegen die stellenweise zu vollen Arrangements und einige weniger prägnante Refrains deutlich. Vier von fünf Punkten.






