Tracklist
01. GLARE
02. DEVOTE
03. SIGHT
04. ELYSIUM
05. HEAVENLY
Besetzung
Myles Idolo – Gesang
Nikolay „Nick“ Deliyski – Gitarre
Loris Ronchi – Gitarre
Roberto Vezi – Bass
Anonymer Musiker – Schlagzeug
Der Weihrauch ist kaum aufgestiegen, da fällt bereits der erste Breakdown. Hopsydian aus Mailand verbinden auf ihrer Debüt-EP »A Graceful Sin« sakrale Chöre, dunkle Elektronik und religiöse Symbolik mit modernem Metalcore, Alternative Metal und verdammt großen Poprefrains. Fünf Stücke, gut 16 Minuten, kein überflüssiges Zwischenspiel: Das Quartett samt anonymem Schlagzeuger hält sich nicht lange mit der Vorstellung auf. Die Italiener wissen bereits zwei Jahre nach ihrer Gründung erstaunlich genau, wie sie klingen und aussehen möchten. Das Ergebnis ist eingängig, wuchtig und nahezu unverschämt professionell – auch wenn die musikalische Erleuchtung noch stark an Sleep Token, Bad Omens, Imminence und Caskets erinnert.
HOFFNUNG TRIFFT AUF OBSIDIAN
Der Bandname setzt sich aus den englischen Begriffen „Hope“ und „Obsidian“ zusammen. Hoffnung und schwarzes Vulkanglas stehen dabei für Widerstandskraft, Dunkelheit und Wiedergeburt. Dieses Wechselspiel zieht sich durch die gesamte Präsentation von Hopsydian. Goldene Heiligkeit trifft auf schwarze Verfehlung, Hingabe wird zur Obsession und vermeintliche Erlösung entpuppt sich als ein weiterer Schritt in Richtung Selbstzerstörung.
Gegründet wurde die Band 2024 von Sänger Myles Idolo sowie den Gitarristen Loris Ronchi und Nikolay Deliyski. Bassist Roberto Vezi vervollständigte die sichtbare Besetzung, während die Identität des Schlagzeugers bewusst verborgen bleibt. Ob es diese kleine Portion Mythologie wirklich braucht, sei dahingestellt. Zur ritualistischen Ästhetik der Band passt sie jedenfalls.
Trotz der kurzen bisherigen Laufbahn standen Hopsydian bereits 2025 beim Slam Dunk Italy auf der Hauptbühne und teilten sich das Programm unter anderem mit LANDMVRKS, A Day To Remember und Caskets. Letztere wurden anschließend auch in Mailand unterstützt. Dass Benjamin Wilson von Caskets bei der künstlerischen Ausrichtung half, lässt sich auf »A Graceful Sin« durchaus hören. Die EP denkt Metalcore nicht als schlichte Aneinanderreihung tiefer Riffs, sondern als sorgfältig inszeniertes Gesamtbild aus Musik, Symbolik und visueller Dramaturgie.
GLARE: LICHT AM RAND DES ABGRUNDS
»GLARE« eröffnet die EP mit schwebenden Stimmen und einer beinahe liturgischen Grundstimmung. Myles Idolo singt zunächst klar und kontrolliert, während sich Synthesizer und Chöre langsam verdichten. Dann brechen die tief gestimmten Gitarren in das Arrangement. Kurze Stakkatos, drückende Akkorde und einzelne Blastbeat-Schübe zerlegen die anfängliche Ruhe, ohne den Song vollständig aus seinem melodischen Rahmen zu reißen.
Inhaltlich führt der Titel an die Grenze zwischen Licht und Leere. Der Blick richtet sich in einen Abgrund, aus dem Stimmen und Verlockungen dringen. Die zentrale Frage lautet nicht, ob der Erzähler der Dunkelheit entkommen kann, sondern wie lange er das verbliebene Licht überhaupt noch festhalten wird. Damit legt »GLARE« das Fundament für sämtliche folgenden Stücke: Glaube bietet bei Hopsydian keinen sicheren Halt, sondern wird zu einer Versuchsanordnung, in der sich Erlösung und Untergang kaum voneinander unterscheiden lassen.
Musikalisch funktioniert der Kontrast ausgezeichnet. Der Refrain besitzt Popformat, die Gitarren klingen amtlich und der Übergang in den schweren Schlussteil sitzt. Lediglich das Hauptriff bleibt hinter der enormen Wirkung von Chor, Gesang und Produktion etwas zurück. Hopsydian schreiben zunächst über Atmosphäre und Dynamik; ein wirklich unverwechselbares Gitarrenmotiv wäre die passende Krönung gewesen.
DEVOTE: ANBETUNG ALS BEDROHUNG
»DEVOTE« führt die sakrale Inszenierung konsequent weiter. Ein zurückhaltender Beginn erzeugt Spannung, bevor die Rhythmusgruppe mit maschineller Präzision einsetzt. Die Strophen lassen Myles Idolo ausreichend Raum, um zwischen intimem Klargesang, beschwörenden Phrasierungen und kurzen harschen Ausbrüchen zu wechseln. Im Refrain wird aus der persönlichen Hingabe ein kollektiver Ruf, der offensichtlich für größere Bühnen geschrieben wurde.
Die titelgebende Verehrung ist keineswegs friedlich. Liebe, Begehren und religiöse Hingabe gehen ineinander über, bis aus Nähe Abhängigkeit und aus Erlösung eine gefährliche Obsession wird. Gerade diese Ambivalenz gibt dem Stück seine Wirkung. Hopsydian betrachten Glauben nicht aus theologischer Distanz, sondern als emotionalen Zustand, in dem ein Mensch bereit ist, seine eigene Identität zugunsten eines anderen Wesens aufzugeben.
Der Aufbau ist mustergültiger moderner Metalcore: ruhige Spannung, wachsender Refrain, harter Kontrast und abschließende Eruption. Das ist keineswegs neu, wird aber ausgesprochen sicher umgesetzt. Der Break sitzt genau dort, wo man ihn erwartet, schlägt deshalb jedoch nicht weniger hart ein. Überraschungen sehen anders aus – handwerkliche Schwächen ebenfalls.
SIGHT: KURZ, DIREKT UND VERDAMMT EINGÄNGIG
Mit nicht einmal drei Minuten ist »SIGHT« das kürzeste Stück der EP. Die Band verzichtet auf eine lange Einleitung und setzt unmittelbar auf treibende Gitarren, elektronische Flächen und einen Refrain, der bereits nach dem ersten Durchlauf hängen bleibt. Loris Ronchi und Nikolay Deliyski arbeiten weniger mit ausformulierten Melodien als mit wuchtigen rhythmischen Blöcken. Dazwischen entstehen kleine Freiräume, in denen Idolos weicher Gesang fast schwerelos über dem Fundament schwebt.
Der Gegensatz zwischen sanfter Stimme und tiefen Gitarrenschlägen erinnert deutlich an die melodischeren Seiten von Sleep Token und Bad Omens. Hopsydian kopieren keine konkrete Komposition, bedienen sich aber unverkennbar derselben modernen Klangsprache. Sphärische Zurückhaltung und brutale Verdichtung werden so sauber gegeneinandergeschnitten, dass jeder Übergang maximale Wirkung erzielt.
Gerade die Kürze spielt dem Song in die Karten. »SIGHT« führt seinen Gedanken ein, steigert ihn und verschwindet, bevor sich die Grundformel abnutzen kann. Der Titel gehört damit zu den unmittelbarsten Nummern der EP. Gleichzeitig zeigt er das zentrale Problem dieser Musikrichtung: Wer sämtliche Oberflächen derart perfekt poliert, muss besonders starke eigene Merkmale entwickeln, um nicht zwischen den zahlreichen ähnlich produzierten Bands zu verschwinden.
ELYSIUM: EIN GOTT WIRD AUS SCHULD GEBOREN
Den stärksten Einzeltrack liefern Hopsydian mit »ELYSIUM«. Ein geisterhafter Chor schwebt durch das Arrangement, während die Gitarren immer wieder schwere Beatdown-Riffs in die vermeintliche Andacht schlagen. Myles Idolo wechselt zwischen geflüsterter Beichte, melodischem Gesang und wütender Selbstbehauptung. Der Refrain öffnet die zuvor aufgebaute Enge und besitzt beinahe apokalyptische Größe.
Inhaltlich geht es um eine beschädigte Identität, verlorenen Glauben und die Vorstellung, sich durch überstandenes Leid selbst zu vergöttlichen. Der Erzähler sucht keine Vergebung mehr. Schuld wird nicht abgelegt, sondern in Macht verwandelt. Aus dem Wunsch nach Befreiung entsteht eine neue, erschreckende Form der Selbstüberhöhung. Die Grenze zwischen persönlicher Stärke und vollständigem Größenwahn bleibt bewusst unscharf.
Hier greifen sämtliche Bestandteile der Bandästhetik überzeugend ineinander. Chöre, elektronische Texturen und Gitarren kämpfen nicht um Platz, sondern verstärken die psychologische Spannung. Der Breakdown wirkt nicht wie eine nachträglich eingebaute Pflichtübung, sondern wie der Moment, in dem die zuvor beschworene spirituelle Ordnung endgültig zusammenbricht. Genau diese Verbindung von Thema und musikalischem Aufbau hebt »ELYSIUM« über gewöhnliche Genreware hinaus.
HEAVENLY: DER AUFSTIEG FÜHRT NICHT IN DEN HIMMEL
Der Abschluss »HEAVENLY« bündelt noch einmal das gesamte Vokabular der EP. Ein filmischer Aufbau, schimmernde Klangflächen, ein großer Klargesangsrefrain und eruptive Metalcore-Passagen werden auf knapp vier Minuten verdichtet. Das Schlagzeug arbeitet mit enormem Druck, während die Gitarren zwischen tiefen rhythmischen Schlägen und breiten Akkordflächen wechseln.
Thematisch bildet der Song das Zentrum von »A Graceful Sin«. Der ersehnte Aufstieg verspricht keine himmlische Erlösung. Er führt zu der Versuchung, selbst etwas Übermenschliches zu werden und dafür die eigene Menschlichkeit zu opfern. Hingabe und Selbstzerstörung sind endgültig nicht mehr voneinander zu trennen. Das Licht weist keinen sicheren Weg, sondern kann ebenso gut die nächste Verführung darstellen.
Der Refrain gehört zu den stärksten der EP und dürfte live zuverlässig von einem ganzen Saal zurückgebrüllt werden. Anschließend zieht die Band das Fundament weg und lässt einen massiven Breakdown fallen. Dass dieser Ablauf inzwischen zur Grundausstattung des modernen Metalcore gehört, ist offensichtlich. Entscheidend bleibt, ob er funktioniert – und verdammt, das tut er.
Trotzdem wäre ein unerwarteter Umweg willkommen gewesen. Ein Gitarrensolo, ein akustischer Bruch oder ein längerer instrumentaler Spannungsbogen hätten »HEAVENLY« zusätzliche Eigenständigkeit verliehen. Hopsydian beherrschen ihre Formel bereits erstaunlich gut, verlassen sie während dieser fünf Stücke jedoch kaum.
JIM PINDER POLIERT DEN ALTAR
Die Produktion ist breit, tief und ausgesprochen zeitgemäß. Gitarren und Schlagzeug schlagen mit der gewünschten Gewalt ein, während Chöre und elektronische Ebenen genügend Raum für die filmische Atmosphäre erhalten. Der Bass von Roberto Vezi stabilisiert das tiefe Fundament, bleibt innerhalb des dicht belegten Klangbildes allerdings selten als eigenständige Stimme erkennbar.
Myles Idolo steht klar im Mittelpunkt. Seine melodischen Passagen klingen nah und emotional, ohne von den Gitarren verschluckt zu werden. Härtere Ausbrüche besitzen ausreichend Schärfe, werden aber nicht künstlich in den Vordergrund gezerrt. Besonders überzeugend ist die Abstimmung der Chöre: Sie erzeugen tatsächlich sakrale Größe und wirken nicht wie ein beliebiges Preset, das fünf Minuten vor Abgabe über die Songs gelegt wurde.
Die Kehrseite dieser Präzision ist ein gewisser Mangel an Reibung. Jeder Übergang sitzt, jeder Bassabfall trifft die vorgesehene Stelle und jeder Refrain öffnet sich mit berechneter Breite. Das klingt imposant, gelegentlich aber auch etwas vorhersehbar. Zudem arbeiten alle fünf Stücke mit einer sehr ähnlichen Klangpalette. Eine rauere Passage oder ein weniger kontrollierter Ausbruch hätten dem Gesamtbild zusätzliche Spannung gegeben.
STARKE VISITENKARTE, ABER NOCH KEINE OFFENBARUNG
»A Graceful Sin« zeigt eine junge Band, die bereits eine erstaunlich geschlossene Identität besitzt. Musik, Texte, Bildsprache und Bühnenästhetik folgen demselben Konzept. Hopsydian verlassen sich nicht allein auf schwere Riffs, sondern verstehen, wie Atmosphäre aufgebaut, ein Refrain vorbereitet und ein Breakdown dramaturgisch eingesetzt werden muss.
Das funktioniert über die kurze Laufzeit nahezu ohne Durchhänger. »GLARE« öffnet die Tür, »DEVOTE« schärft das Grundkonzept, »SIGHT« liefert den kompaktesten Hook, »ELYSIUM« den stärksten Song und »HEAVENLY« das angemessen wuchtige Finale. Füllmaterial findet sich nicht.
Für die Höchstwertung fehlt jedoch noch eine eigenständigere musikalische Handschrift. Die sakrale Präsentation besitzt Wiedererkennungswert, während Riffs, Songstrukturen und Produktionsmittel häufig bekannten Vorbildern folgen. Der nächste Schritt muss deshalb nicht zwangsläufig größer oder härter ausfallen. Hopsydian sollten mutiger werden, den sorgfältig errichteten Altar gelegentlich selbst umzutreten.
FAZIT:
»A Graceful Sin« ist eine ausgesprochen starke Debüt-EP, auf der Hopsydian sakrale Chöre, moderne Metalcore-Härte, dunkle Elektronik und große Poprefrains zu einem geschlossenen Klangbild verbinden. Die deutliche Nähe zu bekannten Genregrößen und einige vorhersehbare Songstrukturen kosten die Höchstwertung, doch »ELYSIUM«, »HEAVENLY« und »SIGHT« machen unmissverständlich klar, welches Potenzial hier schlummert. Vier von fünf Punkten.






