Tracklist
01. Autonomy Lost
02. Imprint Of The Un-Saved
03. Disenchantment
04. The Paradoxical Spiral
05. Re-Inanimate
06. Entrapment
07. Mind’s Mirrors
08. In Death – Is Life
09. In Death – Is Death
10. Shed
11. Personae Non Gratae
12. Dehumanization
13. Sum
Besetzung
Jens Kidman – Gesang, Gitarre, Bass, Drum-Programmierung, Mix
Fredrik Thordendal – Gitarre, Bass, Drum-Programmierung, Mix
Mårten Hagström – Gitarre, Bass, Drum-Programmierung, Texte, Mix
Tomas Haake – Sprechgesang, Drum-Programmierung, Texte, Artwork, Mix
Meshuggah sind eine jener Bands, bei denen man nach wenigen Takten entweder ehrfürchtig den Nacken verrenkt oder sich fragt, ob die heimische Stereoanlage gerade einen industriellen Arbeitsunfall erleidet. Mit »Catch Thirtythree: 20th Anniversary Edition« kehrt nun eines der kompromisslosesten Werke der schwedischen Formation zurück. Das ursprünglich 2005 über Nuclear Blast veröffentlichte Album wurde von Thomas Eberger und Sofia von Hage neu gemastert und erscheint über Reigning Phoenix Music. Dreizehn Titel stehen auf der Rückseite, tatsächlich verbirgt sich dahinter jedoch eine einzige, rund 47-minütige Komposition. Wer also nach drei Minuten auf Shuffle drückt, hat den Sinn dieses Monolithen bereits erfolgreich zerlegt.
EIN ALBUM, DREIZEHN KAPITEL UND KEIN NORMALER SONG
»Catch Thirtythree« entstand nach der ebenfalls als durchgehende Komposition angelegten EP »I« und trieb deren Ansatz in eine noch geschlossenere Richtung. Die dreizehn Einträge der Trackliste sind keine eigenständigen Lieder im üblichen Sinne. Sie markieren Abschnitte einer langen Suite, deren Riffs, rhythmische Figuren und atmosphärische Motive ineinander übergehen. Meshuggah komponieren hier nicht in Strophe, Refrain und Brücke, sondern in Zuständen, Verdichtungen und kontrollierten Zusammenbrüchen.
Bemerkenswert ist bis heute die Entstehung des Schlagzeugs. Obwohl mit Tomas Haake einer der präzisesten und einflussreichsten Metal-Schlagzeuger überhaupt zur Band gehört, wurde das gesamte Album programmiert. Zum Einsatz kamen Aufnahmen seines eigenen Drumkits, verarbeitet durch Toontracks Drumkit From Hell. Was zunächst aus dem ungewöhnlichen, modularen Schreibprozess entstand, entwickelte sich zum bestimmenden Teil des Sounddesigns.
Die Schläge sitzen mit beinahe unmenschlicher Genauigkeit. Fills werden ausgesprochen sparsam verwendet, das Schlagzeug hält die Komposition wie ein stählernes Skelett zusammen und verleiht der Musik jene kalte, maschinelle Konsequenz, die perfekt zu den tief gestimmten achtseitigen Gitarren passt. Das klingt nicht nach einer billigen Rhythmusmaschine. Es klingt wie Tomas Haake, nachdem man ihn in eine industrielle Rechenanlage verpflanzt hat.
Die Musiker nahmen ihre jeweiligen Ideen unmittelbar auf und schichteten teilweise zahlreiche Gitarrenspuren übereinander. Ein klassisches Einspielen durch die gesamte Band fand nicht statt. Genau deshalb besitzt das Werk eine beinahe unmögliche Dichte. Die Gitarren bilden keine gewöhnliche Wand, sondern ein System aus Zahnrädern, deren Zähne unterschiedlich groß sind und trotzdem immer wieder an derselben Stelle ineinandergreifen.
AUTONOMY LOST: DER MONOLITH BEGINNT SICH ZU BEWEGEN
»Autonomy Lost« wirft den Hörer ohne Vorwarnung in die Maschine. Ein tiefes, versetzt akzentuiertes Riff schiebt sich aus den Boxen, während die Drums scheinbar stoisch dagegenhalten. Hört man nur auf die Becken und den übergeordneten Puls, lässt sich ein gleichmäßiges Fundament erkennen. Konzentriert man sich dagegen auf Gitarren und Bass, scheint der Boden unter den Füßen permanent die Richtung zu wechseln.
Dieser rhythmische Widerspruch ist einer der entscheidenden Bausteine des Meshuggah-Sounds. Die Instrumente spielen nicht einfach irgendwelche komplizierten Takte, um dem geneigten Zuhörer mathematisch eins überzubraten. Unterschiedlich lange Figuren verschieben ihre Akzente innerhalb eines stabilen Grundpulses. Dadurch wirkt die Musik gleichzeitig kontrolliert und vollkommen aus den Fugen geraten.
»Imprint Of The Un-Saved« und »Disenchantment« greifen das eröffnende Material auf, verändern dessen Gewichtung und führen es schrittweise tiefer in den Klangkosmos. Jens Kidmans harscher Gesang klingt wie die Stimme eines Menschen, der innerhalb dieser Maschine aufgewacht ist und nun feststellen muss, dass er selbst ein Teil ihrer Mechanik geworden ist.
Inhaltlich beginnt damit eine Auseinandersetzung mit Autonomie, Angst, Selbsttäuschung und innerer Gefangenschaft. Der Versuch, sich von den eigenen Fesseln zu befreien, erzeugt neue Fesseln. Erlösung erscheint als unvollständiges Puzzle, dessen Teile keine verlässliche Form besitzen. Meshuggah erklären diese Gedanken nicht mit einer linearen Handlung. Sie formulieren Paradoxien und lassen den Hörer zwischen den möglichen Bedeutungen hängen.
DER PARADOXE STRUDEL ZIEHT SICH ZUSAMMEN
Mit »The Paradoxical Spiral« wird das Tempo gefühlt zurückgenommen, die Beklemmung nimmt jedoch weiter zu. Das zentrale Riff bewegt sich wie eine riesige Schraube durch Beton. Gitarre und Bass spielen einzelne, tief gestimmte Töne mit einer Trockenheit, die beinahe körperlich spürbar wird. Hier zeigt sich, weshalb stumpfe Geschwindigkeit nie notwendig war, um Meshuggah brutal klingen zu lassen.
»Re-Inanimate« führt diese Bewegung fort und wirkt zunächst beinahe statisch. Unter der Oberfläche verändern sich jedoch Akzente, Pausen und harmonische Reibungen. Die Wiederholung ist keine Ideenlosigkeit, sondern Methode. Das Gehirn glaubt, die Figur endlich verstanden zu haben, bis eine neue Betonung sämtliche Orientierung wieder zunichtemacht.
Danach besitzt »Entrapment« tatsächlich etwas, das man im weitesten Sinne als Groove bezeichnen darf. Natürlich handelt es sich um einen Groove, bei dem gewöhnliche Menschen vermutlich stolpern und Schlagzeuger plötzlich anfangen, Zahlen auf Bierdeckel zu schreiben. Das Riff drückt massiv, während Fredrik Thordendals eigenwilliges Solo wie ein elektrischer Fremdkörper durch das Arrangement schneidet. Keine klassische Melodieführung, kein virtuoses Posieren, sondern kontrollierter Wahnsinn mit sechs beziehungsweise acht Saiten.
Der Titel beschreibt die Gefangenschaft im eigenen Selbst. Körper, Gedanken und Identität führen einen Aufstand gegeneinander, bis nicht mehr erkennbar ist, welche der vielen inneren Stimmen überhaupt als echtes Ich betrachtet werden kann. Musik und Inhalt greifen hier perfekt ineinander: Jede rhythmische Verschiebung klingt wie ein weiterer Riss in einer bereits instabilen Persönlichkeit.
MIND’S MIRRORS: RUHE VOR DEM RHYTHMISCHEN WELTUNTERGANG
Nach der massiven ersten Hälfte öffnet »Mind’s Mirrors« einen kalten Zwischenraum. Verzerrter Sprechgesang, elektronische Flächen und eine beinahe körperlose Atmosphäre lösen die zuvor aufgebaute Gitarrenwand auf. Wirkliche Erholung bietet dieser Abschnitt nicht. Er klingt eher wie der Moment, in dem eine Maschine ihre Arbeit unterbricht, um den nächsten Vorgang zu berechnen.
Das Spiegelbild wird dabei zum Gegner. Die eigene Seele zehrt an ihrer äußeren Hülle, während Original und Abbild nicht mehr voneinander getrennt werden können. Freiheit entsteht erst, wenn das vermeintlich goldene Spiegelbild verschwindet. Diese Gedanken bleiben bewusst abstrakt und lassen sich als Auflösung des Egos, als psychischer Zerfall oder als philosophische Betrachtung über die Widersprüche von Identität lesen.
Dann schlagen »In Death – Is Life« und »In Death – Is Death« ein. Zusammen bilden sie das ausgedehnte Zentrum des Albums und gehören zum Gewaltigsten, was Meshuggah je komponiert haben. Der erste Abschnitt reißt die zuvor entstandene Stille mit einem hektischeren Angriff auseinander. Gitarren und programmierte Drums marschieren gegeneinander, finden immer wieder zusammen und brechen unmittelbar danach erneut auseinander.
Das über dreizehn Minuten lange »In Death – Is Death« lässt den Gedanken anschließend Raum. Massive Riffblöcke werden nicht einfach wiederholt, sondern langsam verschoben, verkürzt, erweitert und in neue Zusammenhänge gestellt. Zwischendurch entstehen unheimliche Ruheflächen, in denen saubere Gitarren wie Signale aus einer ausgestorbenen Welt erscheinen. Sobald man sich in dieser Atmosphäre eingerichtet hat, kehrt das Gewicht mit doppelter Wucht zurück.
Hier liegt eine der größten Stärken des gesamten Werkes. Meshuggah erzeugen Spannung nicht durch einen gewöhnlichen Aufbau zum Refrain. Sie lassen Klangmassen verschwinden, halten die Leere lange genug aus und setzen den nächsten Riffblock erst dann ein, wenn dessen Einschlag maximalen Schaden anrichtet. Amtlich ist dafür beinahe schon eine Untertreibung.
SHED: DAS SELBST WIRD ABGESTREIFT
»Shed« ist mit seiner vergleichsweise kompakten Form der zugänglichste Abschnitt der Suite und wurde folgerichtig als Video ausgekoppelt. Zugänglich ist hierbei allerdings relativ zu verstehen. Das Riff schlägt mit der Eleganz einer schlecht gelaunten Hydraulikpresse zu, Kidmans Stimme schneidet durch den Mix und die gesamte Band verdichtet die zuvor entwickelten Ideen zu einem kurzen, vernichtenden Ausbruch.
Lyrisch erreicht die Suche nach dem eigenen Ich einen weiteren Wendepunkt. Das Selbst wird abgestreift, während der Erzähler in körperliche Gedanken und organische Traumwelten hinabsteigt. Ob damit Befreiung, Tod oder die vollständige Auflösung der Persönlichkeit gemeint ist, bleibt offen. Gerade diese Mehrdeutigkeit verhindert, dass die Texte trotz ihrer abstrakten Sprache zu einer bloßen Sammlung kluger Begriffe verkommen.
»Personae Non Gratae« führt diesen Zustand weiter. Die bisherige Identität erscheint nur noch als Lüge, die notwendig war, um ein zerbrechliches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Musikalisch hält der Abschnitt an der schweren Grundbewegung fest, wirkt durch seine Übergangsfunktion jedoch beinahe wie das Anspannen einer Feder.
Diese entlädt sich in »Dehumanization«. Meine Fresse, dieser Abschnitt ist selbst nach über zwanzig Jahren noch ein Brett. Der Song verdichtet den gesamten Wahnsinn des Albums in einen vernichtenden rhythmischen Zusammenbruch. Tiefe Gitarrenschläge, Kidmans entmenschlichter Schrei und die gnadenlos genaue Schlagzeugprogrammierung bilden einen Moment, der unzähligen späteren Djent- und Progressive-Metal-Bands als Blaupause gedient haben dürfte.
Inhaltlich ist die menschliche Ordnung endgültig aufgehoben. Logik verliert ihre Bedeutung, Gegensätze verschmelzen und der Erzähler beschreibt sich wie einen fehlerhaften, unvollständigen Code. Das passt erschreckend gut zum Klang. Mensch, Maschine, Leben und Tod lassen sich nicht mehr sauber voneinander trennen.
SUM: NACH DEM EINSTURZ BLEIBT DIE LEERE
Der abschließende Abschnitt »Sum« beginnt mit einer letzten brutalen Verdichtung. Die Rhythmusgruppe schlägt noch einmal zu, Jens Kidman schleudert wenige Worte in den Raum und sämtliche auf dem Album behandelten Gegensätze werden auf ihre kürzeste Form reduziert. Wahrheit und Lüge, Verbindung und Trennung, Erkenntnis und Blindheit existieren gleichzeitig.
Anschließend zieht sich die Musik zurück. Saubere Gitarren, lange Hallräume und eine beinahe schwebende Atmosphäre übernehmen das Ende. Meshuggah verzichten auf eine befriedigende Auflösung. Nach 47 Minuten bleibt kein triumphaler Schlussakkord, sondern eine langsam ausklingende Leere.
Gerade dadurch funktioniert »Sum« ausgezeichnet. Das Album hat zuvor sämtliche Gewissheiten zerlegt. Ein klassisches Finale hätte nicht zu dieser Reise gepasst. Der Hörer bleibt in dem von Meshuggah geöffneten Raum zurück und darf selbst herausfinden, ob dort nun Erkenntnis, Tod, Frieden oder einfach gar nichts wartet.
DER REMASTER: MEHR KLARHEIT FÜR DIE MASCHINE
Die entscheidende Frage lautet natürlich: Brauchte »Catch Thirtythree« überhaupt ein weiteres Mastering? Die ursprüngliche Produktion war bereits ein elementarer Teil der Wirkung. Ihr trockener, beinahe steriler Charakter passte perfekt zu den programmierten Drums und der mechanischen Konstruktion der Musik.
Thomas Eberger und Sofia von Hage gehen entsprechend behutsam vor. Die 2025 direkt aus den ursprünglichen Aufnahmen erstellte Neumasterung versucht nicht, aus dem Album nachträglich eine organische Liveproduktion zu machen. Stattdessen werden Konturen geschärft. Snare und Becken treten deutlicher hervor, die tiefen Gitarren besitzen mehr Definition und die zahlreichen übereinanderliegenden Spuren lassen sich besser voneinander unterscheiden.
Vor allem in den dichtesten Passagen von »In Death – Is Death«, »Shed« und »Dehumanization« zahlt sich diese zusätzliche Trennschärfe aus. Der Bassbereich bleibt monströs, verschluckt aber weniger Details. Gleichzeitig wurde der Klang nicht mit übertriebener Lautheit plattgewalzt. Die Wechsel zwischen Stille, Atmosphäre und vollständiger Eskalation behalten ihre Wirkung.
Wunder sollte dennoch niemand erwarten. Dies ist ein Remaster und keine Neuaufnahme. Die Drums bleiben programmiert, die ursprüngliche Mischung bleibt erkennbar und auch der grundlegende Gitarrensound wurde nicht ausgetauscht. Genau diese Zurückhaltung ist richtig. Eine klinisch polierte Neufassung hätte womöglich jene bedrohliche Fremdartigkeit zerstört, die »Catch Thirtythree« bis heute auszeichnet.
HYPNOTISCHES MEISTERWERK ODER ANSTRENGENDER RIFFKREISLAUF?
Natürlich ist dieses Album nicht frei von Angriffspunkten. Die ständige Wiederholung eng verwandter rhythmischer Figuren kann erschöpfend wirken. Wer griffige Refrains, häufige Tempowechsel oder klassische Soli erwartet, wird sich innerhalb dieser 47 Minuten mitunter vorkommen, als wäre er in einem musikalischen Labyrinth ohne Ausgang eingeschlossen worden.
Diese Wirkung gehört jedoch zum Konzept. »Catch Thirtythree« möchte nicht nebenbei unterhalten. Die Komposition verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und idealerweise eine lückenlose Wiedergabe. Einzelne Abschnitte funktionieren durchaus für sich, doch die eigentliche Kraft entsteht aus der Gesamtbewegung.
Auch die Anniversary Edition selbst hätte gerne zusätzliches Archivmaterial enthalten dürfen. Alternative Fassungen, frühe Entwürfe oder eine ausführlichere Dokumentation des außergewöhnlichen Schreibprozesses wären spannende Ergänzungen gewesen. Musikalische Bonusstücke gibt es allerdings nicht. Reigning Phoenix Music konzentriert sich vollständig auf das ursprüngliche Werk und dessen klangliche Überarbeitung.
Was bleibt, ist eines der radikalsten Alben im Katalog der Schweden. »Catch Thirtythree« klingt auch zwei Jahrzehnte später nicht wie ein historisches Dokument, das lediglich aus Gründen der Nostalgie wieder aus dem Regal geholt wurde. Die Verbindung aus polyrhythmischer Präzision, tief gestimmter Gewalt, hypnotischer Wiederholung und philosophischem Wahnsinn wirkt noch immer außerirdisch.
FAZIT:
»Catch Thirtythree: 20th Anniversary Edition« bewahrt den kalten, mechanischen Charakter des Originals und verleiht Gitarren, programmierten Drums sowie atmosphärischen Passagen spürbar mehr Kontur. Fehlendes Bonusmaterial verhindert zwar die vollständige Jubiläumseskalation, an der gewaltigen Wirkung dieser 47-minütigen Reise ändert das jedoch wenig. Viereinhalb von fünf Punkten.






