Band: CEMETERY ECHO 🇺🇸
Titel: Civitas Lacrimarum
Label: Seeing Red Records
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Gothic Metal / Deathrock / Post-Punk / Occult Rock

Tracklist

01. Hell Night
02. Cannibalistic Underground Nihilist Teens
03. Snakeland’s Pull
04. Knight Rider
05. Dungeon of Love
06. Echolocation
07. Sanctuary
08. Trouble With Demons
09. Babylon

Besetzung

Rob Palumbo – Gesang
Erik Wagonblott – Gitarre
Jay Zgoda – Gitarre
Jason Roman – Bass
Mike Paquette – Schlagzeug

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Eine Stadt der Tränen, Vampire unter flackerndem Neonlicht und irgendwo dazwischen ein Basslauf, zu dem selbst der Totengräber seine Hüften kreisen lässt: Willkommen in »Civitas Lacrimarum«. Auf ihrem ersten vollständigen Album errichten die aus Buffalo, New York, stammenden CEMETERY ECHO eine düstere Parallelwelt aus Deathrock, Gothic Metal, Post-Punk, Occult Rock und metallischer Angriffslust. Die Band bezeichnet das Ergebnis selbst als „Haunt ’n’ Roll“. Nach 42 Minuten und neun ausgesprochen wandelbaren Songs erscheint diese Beschreibung tatsächlich treffender als jede fein säuberlich gezogene Genregrenze.

Albumstream:

DIE STADT DER TRÄNEN ÖFFNET IHRE TORE

Gegründet wurden CEMETERY ECHO 2019. Mit den EPs »Come Share My Shroud« und »Carnivorous Lunar Activities« legten die Amerikaner anschließend das Fundament für ihre morbide Welt. Veröffentlichungen über Hammerheart Records und Sunshine Ward sowie gemeinsame Auftritte mit UNTO OTHERS, NOX NOVACULA und PANOPTICON halfen dabei, die Band über Buffalo hinaus bekannt zu machen.

Das lateinische »Civitas Lacrimarum« bedeutet sinngemäß „Stadt der Tränen“. Gemeint ist keine romantisch verfallene Ruine, in der hübsch geschminkte Vampire bei Kerzenschein Gedichte vortragen. Die Stadt dieses Albums ist laut, schmutzig und gefährlich. Neonreklamen flackern über nassen Straßen, in den Seitengassen lauern Dämonen und zwischen Friedhofstor und heruntergekommener Kneipe scheint jederzeit eine Schlägerei ausbrechen zu können.

Die Einflüsse aus den Achtzigern sind deutlich. THE SISTERS OF MERCY, THE CURE, THE MISSION, BAUHAUS und THE DAMNED stehen an verschiedenen Ecken des Stadtplans. CEMETERY ECHO bleiben dort jedoch nicht stehen. Black-Metal-Ausbrüche, Thrash-Riffs, Deathrock und rauer Heavy Metal verhindern, dass das Debüt zu einer bloßen Besichtigung alter Gothic-Sehenswürdigkeiten wird.

HELL NIGHT IM NEONBELEUCHTETEN ABGRUND

»Hell Night« öffnet die Tore mit einer klaren, verhallten Gitarre. Rob Palumbo setzt zunächst auf melodischen Gothic-Gesang, während Bass und Schlagzeug das Stück mit einem gleichmäßigen Puls durch die Nacht treiben. Schon der erste Refrain zeigt, dass diese Band keine Angst vor eingängigen Melodien besitzt.

Die Nummer steigert sich allmählich. Raspelige Schreie mischen sich unter die klaren Passagen, Keyboards legen einen kalten Schimmer über die Gitarren und die Solospuren von Erik Wagonblott und Jay Zgoda werden zunehmend offensiver. Gegen Ende verliert das Stück seine anfängliche Zurückhaltung und schlägt metallisch zu.

Konzeptionell orientiert sich »Hell Night« an dystopischen Filmwelten wie »The Crow« und »Escape from New York«. Das lässt sich auch ohne Kenntnis dieses Hintergrunds hören. Der Song besitzt die Atmosphäre eines nächtlichen Großstadtfilms, in dem hinter jeder defekten Straßenlaterne eine neue Gefahr wartet. Gleichzeitig bleibt sein Refrain griffig genug, um nicht vollständig in der Kulisse zu verschwinden.

KANNIBALENKINDER UND SNAKELANDS DUNKLER RUF

Der zweite Titel dürfte bereits aufgrund seines Namens Aufmerksamkeit erhalten: »Cannibalistic Underground Nihilist Teens« klingt wie eine längst vergessene Horrorkomödie aus einer schmuddeligen Videothek. Musikalisch wird die Laufzeit von knapp drei Minuten für einen schnellen Deathrock-Ausbruch genutzt.

Der Bass läuft weit vorne, Palumbo wechselt zwischen gesprochenen Zeilen und einem hypnotischen Refrain, während die Gitarren den Punk-Anteil des Albums betonen. Trotz seiner Geschwindigkeit verliert der Song die Gothic-Atmosphäre nicht. Vielmehr wirkt er wie eine Gruppe schwarz gekleideter Jugendlicher, die beschlossen hat, das örtliche Einkaufszentrum nicht bloß zu verwüsten, sondern anschließend auch noch zu verspeisen.

Mit »Snakeland’s Pull« schlägt die Stimmung um. Death-Metal-artiges Grollen trifft auf Gitarren, die in ihren klareren Passagen an THE CURE erinnern. Diese Kombination müsste auf dem Papier eigentlich auseinanderbrechen. Im fertigen Song greifen die Gegensätze jedoch erstaunlich gut ineinander.

Sobald das Tempo anzieht, wird aus dem schleichenden Deathrock eine wesentlich aggressivere Angelegenheit. Die harschen Stimmen wirken nicht wie ein zusätzlich angeklebter Metal-Effekt, sondern gehören zur Dramaturgie des Stücks. Genau hier zeigt sich erstmals vollständig, weshalb „Haunt ’n’ Roll“ für CEMETERY ECHO tatsächlich Sinn ergibt.

KNIGHT RIDER OHNE SPRECHENDES AUTO

Wer bei »Knight Rider« auf ein schwarzes Auto mit rotem Lauflicht wartet, wird enttäuscht. Stattdessen fährt die Band einen schwereren, beinahe tribalartigen Rhythmus auf. Mike Paquettes Schlagzeug setzt wuchtige Akzente, während Jason Romans Bass unter den Gitarren eine bedrohliche Bewegung erzeugt.

Die Gothic-Wurzeln bleiben hörbar, werden aber um Garage Rock, Deathrock und metallische Härte erweitert. Neben THE SISTERS OF MERCY lässt sich an manchen Stellen auch die unruhigere Energie von THE GUN CLUB erkennen. Palumbo steigert sich vom dunklen Gesang in schroffe Ausbrüche, ohne den Song aus seinem Rhythmus zu reißen.

Das anschließende »Dungeon of Love« stellt einen der großen Höhepunkte dar. Der Titel verspricht ein Verlies der Liebe und liefert tatsächlich eine schwüle Gothic-Rock-Nummer, die weder in Kitsch noch in übertriebene Theatralik abrutscht. Handclaps, klare Gesangslinien und eine geschickt platzierte Gitarrenmelodie verwandeln das Stück in einen ungewöhnlich tanzbaren Gruft-Hit.

Hier gelingt der Band der Balanceakt besonders gut. »Dungeon of Love« ist finster, aber nicht leblos; romantisch, aber nicht klebrig; eingängig, aber nicht belanglos. In einer gerechteren Musikwelt müsste dieser Song regelmäßig in dunklen Clubs und Rocksendungen laufen.

ECHLOCATION HORCHT TIEF IN DIE FINSTERNIS

»Echolocation« könnte sogar noch stärker sein. Verhangene Gitarren, dunkle Keyboards und Palumbos zunehmend rauer Gesang bauen eine dichte Klangbühne auf. Die Band nimmt sich über fünfeinhalb Minuten Zeit, verschiedene Stimmungen ineinanderfließen zu lassen.

Zunächst dominiert Post-Punk, dann steigen die Gitarren aus dem Nebel und erhöhen den Druck. Das Solo klagt, statt technische Kunststücke vorzuführen, während der Rhythmus im Hintergrund unmerklich an Geschwindigkeit gewinnt. Dadurch entwickelt das Stück einen Sog, der sich bei oberflächlichem Hören kaum vollständig erschließt.

Ohnehin eignet sich »Civitas Lacrimarum« nur bedingt als Hintergrundmusik. Zahlreiche Details sitzen zwischen den offensichtlichen Refrains: kleine Gitarrenfiguren, sich verändernde Basslinien, zusätzliche Gesangsschichten und Übergänge, die beim ersten Durchlauf wie bloße Atmosphäre wirken. Wer dem Album seine volle Aufmerksamkeit schenkt, entdeckt unter der schwarzen Oberfläche ein erstaunlich sorgfältig arrangiertes Werk.

SANCTUARY GÖNNT SICH ETWAS ZU VIEL ZEIT

Das über sechsminütige »Sanctuary« beginnt unheimlich und wird von Palumbos tiefem Gesang getragen. Die Gitarren legen einen hellen Schimmer über den dunklen Untergrund, bevor Growls und härtere Riffs den vermeintlich sicheren Ort erschüttern. Handwerklich bleibt das Stück auf hohem Niveau.

Im Vergleich zu »Dungeon of Love« und »Echolocation« fehlt allerdings der letzte zwingende Moment. Einige Motive werden länger gehalten, als es für ihre Wirkung notwendig gewesen wäre. Der Refrain ist gut, besitzt aber nicht dieselbe unmittelbare Anziehungskraft wie die stärksten Melodien des Albums.

Das macht »Sanctuary« keineswegs zu einem Ausfall. Innerhalb der ansonsten ständig wachsenden Dramaturgie entsteht hier lediglich ein kleiner Stillstand. Eine geringfügige Straffung hätte dem Song und damit auch dem Verlauf der zweiten Albumhälfte gutgetan.

DÄMONENJAGD UND DER WEG NACH BABYLON

»Trouble With Demons« behebt diesen Durchhänger umgehend. Verhallte Gitarren ziehen Nebel durch den Hörraum, während der Gesang beinahe beschwörend einsetzt. Der wiederkehrende Refrain wirkt wie ein Mantra, mit dem die eigenen inneren Dämonen nicht vertrieben, sondern direkt herausgefordert werden.

Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung im letzten Abschnitt. Das Stück verlässt seinen kontrollierten Gothic-Rock-Rahmen und endet in einem metallischen Angriff. Gitarren und Schlagzeug werden schneller, Palumbos Stimme rauer und die zuvor sorgfältig aufgebaute Spannung entlädt sich vollständig. Damit fasst der Song den Bauplan des Albums im Kleinen zusammen.

»Babylon« zieht das Tempo anschließend wieder zurück. Der Abschluss ist stärker in den Achtzigern verwurzelt und setzt auf Sprechgesang, eine prägnante Bassbewegung und einen Refrain, der sich langsam im Gedächtnis festsetzt. Trotzdem bleibt die Gefahr spürbar. Immer wieder brechen harsche Stimmen und schwerere Gitarren durch die Oberfläche.

Als Finale ist das klug gewählt. Nach dem metallischen Ende von »Trouble With Demons« wäre eine weitere Steigerung kaum sinnvoll gewesen. »Babylon« führt stattdessen zurück in jene neonerleuchtete Nacht, mit der das Album begonnen hat, und schließt die Tore der Stadt hinter dem Hörer.

SCHWARZES BLUT MIT KLARER PRODUKTION

Produziert wurde das Album von CEMETERY ECHO selbst. Mix und Mastering übernahm Eric Sauter bei Blackheart Sound. Das Ergebnis lässt jeder Klangquelle genügend Raum. Der Bass ist deutlich hörbar, beide Gitarren lassen sich voneinander unterscheiden und das Schlagzeug wirkt kräftig, ohne die dunklere Atmosphäre zu zertrümmern.

Palumbos verschiedene Gesangsstile sitzen sauber im Mix. Tiefe Gothic-Linien, gesprochenes Raunen, raues Bellen und Growls besitzen jeweils eine eigene Funktion. Gerade die härteren Stimmen wurden nicht übermäßig nach vorne geschoben. Dadurch bleiben sie Teil der Komposition und wirken nicht wie ein Fremdkörper, der lediglich die Metal-Hörerschaft beruhigen soll.

Die Produktion könnte manchen Anhängern ganz alten Deathrocks etwas zu kontrolliert erscheinen. Dafür erlaubt sie es der Band, ihre zahlreichen Einflüsse verständlich zusammenzuführen. Selbst in den dichtesten Passagen von »Echolocation« und »Trouble With Demons« versinkt kein Instrument vollständig im Nebel.

Das Artwork stammt von Marc Schoenbach von Sadist Art Designs und ergänzt die Mischung aus Heavy Metal, Vampirromantik und urbanem Verfall ausgezeichnet. Hier passen Musik, Bildsprache und die bewusst gepflegte Bandmythologie tatsächlich zusammen.

KEIN MUSEUM FÜR ALTEN GOTHIC ROCK

Natürlich greifen CEMETERY ECHO auf reichlich bekanntes Material zurück. Die Bassläufe, Gitarreneffekte und dramatischen Gesangslinien verweisen regelmäßig auf die Achtziger. Auch die Nähe zu jüngeren Gruppen wie UNTO OTHERS, GRAVE PLEASURES und den gothiclastigen Phasen von TRIBULATION lässt sich nicht überhören.

Trotzdem besitzt das Album eine eigene Identität. Dafür sind vor allem die unerwarteten Übergänge verantwortlich. Wo andere Gothic-Rock-Bands einen Refrain wiederholen würden, schalten CEMETERY ECHO gelegentlich in Thrash Metal oder lassen Black-Metal-Gesang über eine schimmernde Post-Punk-Gitarre laufen. Diese Momente halten die Musik beweglich.

Nicht jeder Übergang sitzt vollkommen natürlich, und »Sanctuary« bremst das Album etwas aus. Außerdem verlangt die dichte Produktion aktive Aufmerksamkeit. Nebenbei kann das Werk tatsächlich zu einer dunklen, wenig greifbaren Fläche verschwimmen. Wer sich jedoch auf die Details einlässt, erhält ein ungewöhnlich starkes Debüt mit mehreren langfristig haltbaren Songs.

FAZIT:

»Civitas Lacrimarum« verbindet klassischen Gothic Rock, Deathrock, Post-Punk und metallische Härte zu einem eigenständigen und ausgesprochen atmosphärischen Debüt. Mit »Dungeon of Love«, »Echolocation« und »Trouble With Demons« besitzt die Stadt der Tränen gleich mehrere Orte, die man freiwillig erneut besuchen möchte. Ein kleiner Längenverlust verhindert die Höchstwertung – die Tore zur Oberklasse haben CEMETERY ECHO dennoch weit aufgestoßen.

CEMETERY ECHO – Trouble With Demons

Internet

CEMETERY ECHO - Civitas Lacrimarum - Album Review

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