Tracklist
01. Fire Inside – 4:06
02. Ghosts of Men – 4:54
03. Please Her – 4:34
04. As Your Leader – 3:49
05. Desires – 3:50
06. Far Away From Home – 4:18
07. Rain – 9:23
Besetzung
Amanda Kiernan – Gesang
Jeff Kittlitz – Gitarre, Hintergrundgesang
Braden Sustrik – Bass
Brian „Beej“ Jolly – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Epische Gitarrenarbeit und druckvolles Fundament aus Bass und Drums – so melden sich \\FAMOUS STRANGERS\\ mit ihrem selbstbetitelten Debüt zur Stelle. Das Quartett aus Edmonton beziehungsweise Sherwood Park in der kanadischen Provinz Alberta besteht zwar erst seit 2023, doch Anfänger sind hier keine am Werk. Vor allem Sängerin \Amanda Kiernan\ dürfte Freunden des härteren Stoffs durch \The Order Of Chaos\ und ihre zeitweilige Tätigkeit bei \Into Eternity\ bekannt sein. Gemeinsam mit Gitarrist \Jeff Kittlitz\, Bassist \Braden Sustrik\ und Schlagzeuger \Brian „Beej“ Jolly\ schlägt sie nun eine deutlich rockigere Richtung ein. Sieben Songs in knapp 35 Minuten verbinden klassischen Heavy Metal, modernen Hard Rock, Alternative-Einschläge, Punk und Blues, ohne sich um ein hübsch beschriftetes Genre-Fach zu kümmern. Das klingt zunächst nach einem etwas überfüllten Werkzeugkasten. Tatsächlich hält die enorme Wandlungsfähigkeit der Frontfrau vieles zusammen, was auf dem Papier kaum unter ein Dach passen möchte. Vollkommen nahtlos gelingt das noch nicht, doch langweilig wird dieses Debüt garantiert keine Sekunde.
VIER LEUTE, SIEBEN SONGS UND KEIN FESTER FAHRPLAN
Ein Album nach der eigenen Band zu benennen, kann Programm oder Verlegenheitslösung sein. Bei FAMOUS STRANGERS trifft eindeutig Ersteres zu. Diese Platte soll zeigen, was passiert, wenn vier Musiker mit sehr unterschiedlichen Biografien ihre gemeinsame Sprache nicht am Reißbrett entwerfen, sondern im Proberaum finden. Kittlitz und Jolly spielten bereits Jahre miteinander, Sustrik kam später dazu, und Kiernan verwandelte eine zunächst instrumentale Angelegenheit schließlich in eine richtige Band. Diese Entstehungsgeschichte hört man dem Material an: Viele Stücke basieren auf handfesten Riffs und einer Rhythmusgruppe, die lieber schiebt als dekoriert. Der Gesang wurde nicht einfach obenauf gesetzt, sondern verändert die Wirkung der Songs grundlegend.
Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Halestorm, Godsmack, Judas Priest und der zugänglicheren Seite moderner Alternative-Metal-Bands. Gelegentlich blitzt Siebziger-Blues auf, an anderer Stelle drängt sich der Punk in den Vordergrund. Die Band selbst spricht sinngemäß von vier Menschen ohne Formel. Das ist keine schlechte Beschreibung, denn eine Schablone lässt sich aus diesen sieben Stücken wirklich nicht schneiden. Die Kehrseite: Wer nach zwei Liedern glaubt, den Charakter des Albums erfasst zu haben, wird am Ende feststellen, dass er gerade einmal den Eingangsbereich gesehen hat.
Trotzdem wirkt »Famous Strangers« nicht wie eine willkürliche Sammlung alter Festplattenfunde. Dafür sorgen wiederkehrende Merkmale: die kernige Gitarrenarbeit, ein Bass, der sich erfreulich oft aus dem Schatten wagt, das wuchtige und gleichzeitig bewegliche Schlagzeug sowie Amanda Kiernans Wechsel zwischen sauberer Melodie, rauem Rockgesang und aggressiven Ausbrüchen. Sie singt nicht bloß unterschiedliche Tonlagen, sondern schlüpft von Stück zu Stück in eine andere Rolle. Genau darin liegt der auffälligste Trumpf des Albums.
„FIRE INSIDE“ ZÜNDET OHNE LANGES VORGLÜHEN
Der Einstieg macht seinem Namen alle Ehre. »Fire Inside« eröffnet mit einem schweren, breitbeinigen Riff, das im ersten Moment einfacher wirkt, als es tatsächlich gebaut ist. Ursprünglich soll die Nummer aus einer Progressive-Metal-Idee entstanden sein. Übrig geblieben ist davon vor allem die Art, wie sich kleine rhythmische Verschiebungen unter die geradlinige Oberfläche schieben. Der Song kann sofort packen, ohne seine komplette Konstruktion bereits beim ersten Durchlauf preiszugeben.
Kiernan beginnt kontrolliert und melodisch, lässt ihre Stimme aber schon bald aufrauen. Wenn sie in die höheren Register steigt oder einzelne Zeilen regelrecht herauspresst, bleibt das stets songdienlich. Sie könnte diese Komposition ohne Mühe an die Wand singen, tut es aber nicht. Stattdessen lässt sie Platz für Kittlitz’ Gitarre, deren Solopassage technische Sicherheit und ein gutes Gespür für Hooks verbindet. Kein minutenlanges Griffbrettreferat, sondern ein Solo, das den Spannungsbogen weiterführt.
Auch inhaltlich taugt der Opener als Visitenkarte. Fehler und Umwege werden nicht als Niederlage behandelt, sondern als Teil einer Entwicklung. Das Thema Selbstwert zieht sich durch weite Teile des Albums, ohne dass daraus eine Sammlung vertonter Motivationsposter wird. Kiernan trägt genügend gelebte Wucht in der Stimme, um solche Gedanken glaubhaft zu machen. Hinzu kommt eine Produktion, die den Song groß erscheinen lässt, aber seinen Rockcharakter nicht wegpoliert.
»Ghosts of Men« legt anschließend noch eine Schippe nach. Das Stück wurde kurz vor den Aufnahmen umfassend umgebaut und besitzt tatsächlich die Unmittelbarkeit einer Idee, die noch heiß ins Studio getragen wurde. Bass und Schlagzeug marschieren nicht einfach im Gleichschritt, sondern erzeugen durch kleine Akzente einen beständigen Vorwärtsdrang. Kiernans Gesang kippt zwischen Verletzlichkeit und Zorn, während das Arrangement zwischendurch gerade weit genug zurücknimmt, damit der nächste Ausbruch umso härter trifft. Das ist moderner Heavy Rock mit einer emotionalen Fallhöhe, die vielen radiotauglichen Genrevertretern fehlt.
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SELBSTBEWUSSTSEIN STATT ROCK’N’ROLL-KLISCHEE
Mit »Please Her« wechseln FAMOUS STRANGERS das Tempo. Der Bass rückt nach vorn, die Gitarre arbeitet bluesiger und das Ganze entwickelt einen langsamen, körperlichen Groove. Der Titel lädt zu den üblichen zweideutigen Erwartungen ein, doch der Text dreht sich weniger um billige Anmache als um Selbstachtung, Lust und die Gewissheit, den eigenen Wert nicht von anderen festlegen zu lassen. Kiernan serviert das mit hörbarem Vergnügen, ohne zur Karikatur der lasziven Rockröhre zu werden.
Musikalisch treffen hier frühe Black Sabbath-Schwere und ein Hauch Whitesnake auf zeitgenössischen, weiblich geführten Hard Rock. Besonders schön ist, wie Sustrik den Song von unten modelliert. Seine Basslinien sind nicht nur Verdopplungen der Gitarre, sondern geben dem Refrain und den Übergängen eigene Konturen. Jolly hält sich vergleichsweise zurück, setzt seine Schläge jedoch so bestimmt, dass jede Betonung sitzt. Wenn Kittlitz zum Solo ansetzt, ist die Nummer längst in jenem Bereich angekommen, in dem Kopfnicken nicht mehr freiwillig geschieht.
Nach zwei drängenden Auftaktsongs ist diese Temporeduzierung klug platziert. Zugleich zeigt »Please Her«, wie gut die Band funktioniert, wenn sie nicht alle Möglichkeiten gleichzeitig ausstellt. Ein Riff, ein starker Groove, eine Sängerin mit Persönlichkeit und ein Refrain, der hängen bleibt: Manchmal braucht Rockmusik tatsächlich nicht mehr. Gerade weil die Nummer so direkt ist, gehört sie zu den Stücken, die nach mehreren Durchläufen noch wachsen.
WENN DER ANFÜHRER DIE ZÄHNE ZEIGT
»As Your Leader« gehört zu den ältesten Ideen des Albums und klingt dennoch vollkommen gegenwärtig. Der Song ist schwerer als schnell, baut seinen Druck über massive Akkorde und eine stoische Rhythmik auf. Im Text entlädt sich Frust über Macht, Spaltung und eine Wirklichkeit, in der Gewissheiten zunehmend verhandelbar erscheinen. Der Titel klingt zunächst nach Größenwahn, doch der Kern ist gemeinschaftlich gedacht: Nicht der nächste selbst ernannte Erlöser soll es richten, sondern Zusammenhalt.
Kiernans bissigste Momente sitzen hier besonders gut. Ihre Schreie wirken nicht wie ein nachträglich hinzugefügter Härtegrad, sondern wie die logische Konsequenz aus dem Inhalt. Sobald sie wieder in eine klare Gesangslinie wechselt, öffnet sich der Song, ohne an Gewicht zu verlieren. Kittlitz arbeitet derweil mit kurzen Figuren und gezielten Akzenten, statt jede Lücke zu füllen. Dadurch bekommt der Refrain genügend Raum, um sich festzusetzen.
Bemerkenswert ist die Verständlichkeit des Arrangements. Obwohl Gitarre, Bass und Schlagzeug mit beachtlicher Wucht auftreten, steht kein Instrument dem anderen im Weg. Joel Wanaseks Mix trennt die Ebenen sauber, ohne die Band klinisch erscheinen zu lassen. Maor Appelbaums Mastering gibt dem Material Lautstärke und Breite, bewahrt aber noch genügend Bewegung. Gerade bei »As Your Leader« hört man, dass hier Leute beteiligt waren, die wissen, wie moderner Metal auf großen Anlagen funktionieren muss.
Der Song besitzt allerdings auch jene Glätte, die manchen Underground-Hörer auf Abstand halten könnte. Die Übergänge sind punktgenau, die Hook ist deutlich ausgeleuchtet, und selbst die aggressiven Passagen bleiben kontrolliert. Das ist kein Makel, sondern eine ästhetische Entscheidung. Wer Rockmusik grundsätzlich erst dann vertraut, wenn sie wie eine Kellertreppe aufgenommen wurde, gehört schlicht nicht zur Kernzielgruppe.
„DESIRES“ DRÜCKT DAS GASPEDAL DURCH
Nach der schwer stapfenden Mitte kommt »Desires« gerade recht. Jolly treibt das Stück mit schnellen, geraden Schlägen an, Kittlitz schaltet auf klassische Metal-Riffs um und darf in der Solopassage deutlich hörbarer von der Leine. Hier steht die Band Judas Priest näher als dem amerikanisch geprägten Alternative Rock der vorherigen Stücke. Sogar ein wenig Speed Metal lugt durch die Tür, ohne dass FAMOUS STRANGERS plötzlich Leder, Nieten und Doppelgitarren vortäuschen müssten.
Die Geschichte hinter dem Lied passt zum ungezügelten Ton. Kittlitz ließ sich von einer Nacht beim britischen Bloodstock Festival inspirieren; aus einer unmittelbaren Begegnung wurde ein Liebeslied, das seine Herkunft aus einer ziemlich rock’n’rolligen Situation nicht verleugnet. Kiernan musste nach eigener Aussage erst den passenden vokalen Zugriff finden. Auf der fertigen Aufnahme ist von dieser Suche nichts mehr zu spüren. Sie jagt den schnellen Passagen hinterher, ohne zu hetzen, und setzt im Refrain genau den melodischen Gegenpol, den das Stück benötigt.
Ganz originell ist »Desires« nicht. Manche Wendung kennt man aus vier Jahrzehnten Heavy Metal, und der Song tut wenig, um diese Verwandtschaft zu verschleiern. Dafür stimmt die Ausführung. Die Band spielt mit einer Freude, die jede Diskussion über Neuheitswerte kurzfristig beiseiteschiebt. In der Mitte eines stilistisch weit ausgreifenden Albums wirkt diese schnörkellose Metal-Nummer wie ein kräftiger Schluck kaltes Bier: keine Offenbarung, aber genau im richtigen Moment sehr willkommen.
ALIENS, PUNK UND EIN KURZER AUSFLUG INS ALL\
»Far Away From Home« macht anschließend die nächste Tür auf. Ein ruhiger Beginn täuscht kurz eine Halbballade an, dann übernimmt ein Punk-Riff das Kommando. Die Geschichte handelt – herrlich unprätentiös – von einer Entführung durch Außerirdische. Nach den sehr persönlichen und gesellschaftlich aufgeladenen Texten zuvor gönnt sich die Band damit einen verspielten Moment. Das passt zu ihrem Anspruch, der jeweiligen Idee zu folgen und nicht der Frage, ob sie sauber in das bisherige Bild gehört.
Jolly ist der heimliche Hauptdarsteller dieser vier Minuten. Sein Schlagzeug gibt der Nummer den nötigen Tritt, ohne sie in stumpfes Durchprügeln zu verwandeln. Sustriks Bass hält dagegen und sorgt dafür, dass der Punk-Einschlag nicht dünn wird. Kiernan wiederum klingt, als hätte sie an der absurden Geschichte sichtlichen Spaß. Sie bleibt kraftvoll, nimmt sich aber weniger dramatisch als in »Ghosts of Men« oder »As Your Leader«.
Genau hier zeigt sich allerdings auch das Problem der Platte. Zwischen Blues-Groove, klassischem Heavy Metal und Punk-Rock liegen nur wenige Minuten. Jeder einzelne Abstecher funktioniert, doch die gemeinsame Identität muss vor allem Kiernans Stimme nachträglich herstellen. Manchmal entsteht der Eindruck, als wollten FAMOUS STRANGERS auf ihrem Debüt sämtliche Antworten geben, bevor sie sich endgültig auf die Frage verständigt haben. Das kann man sympathisch unberechenbar nennen; über die gesamte Spielzeit bleibt es stellenweise etwas zerfasert.
Andererseits ist diese Unruhe ehrlicher als eine hastig erfundene Corporate Identity. Die vier Musiker verfügen offenkundig über mehr als eine Sorte Song, und sie entscheiden sich dafür, diese Vielfalt nicht zu verstecken. Ein stärkeres Gefühl für Dramaturgie und verbindende Details dürfte mit zukünftigen Veröffentlichungen wachsen. Für den Moment besitzt das Album gerade wegen seiner Linksabbieger einen eigenen Reiz.
NEUN MINUTEN REGEN ÄNDERN DIE TEMPERATUR\
Dann kommt »Rain«. Fast neuneinhalb Minuten lang, mit Regengeräuschen eingerahmt und musikalisch weit entfernt vom schnellen »Desires«, ist der Abschluss das Wagnis des Albums. Kittlitz eröffnet mit sauber angeschlagenen, bluesigen Gitarren. Kiernan singt zunächst tiefer, leiser und erstaunlich nahbar. Wer sie bislang vor allem als Kraftpaket wahrgenommen hat, erlebt hier ihre vielleicht beste Leistung auf der Platte. Sie muss nichts beweisen und gewinnt gerade dadurch an Ausdruck.
Der Song entstand an einem regnerischen Tag in einer kleinen englischen Stadt aus einer akustischen Blues-Idee. Inhaltlich geht es um Angst, Schmerz, das Gefühl des Eingeschlossenseins und schließlich um die Kraft, loszulassen. Das könnte leicht in Pathos ertrinken. Doch FAMOUS STRANGERS lassen sich Zeit, bauen die Dynamik langsam auf und vermeiden den erwartbaren Sprung in einen übergroßen Stadionrefrain. Stattdessen wächst das Stück organisch: Jolly streut zunehmend progressive Figuren ein, Sustrik verdichtet das Fundament, und Kittlitz verschiebt seine Gitarre Schritt für Schritt von der Begleitung ins Zentrum.
Nicht jede der neun Minuten ist zwingend. An ein oder zwei Stellen hätte ein strafferer Schnitt die Wirkung sogar erhöht. Trotzdem ist »Rain« der wichtigste Song des Albums, weil er eine Zukunft andeutet, in der die verschiedenen Seiten der Band innerhalb einer einzigen Komposition zusammenfinden. Atmosphäre, Blues, Härte und progressive Geduld stehen hier nicht nebeneinander, sondern arbeiten auf denselben emotionalen Höhepunkt hin.
Der Schluss verzichtet auf einen letzten Knall. Der Regen übernimmt wieder, die Spannung löst sich langsam auf, und plötzlich erscheint der Albumtitel ausgesprochen passend. Nach sechs überwiegend kompakten Stücken verabschieden sich FAMOUS STRANGERS mit einem Song, den man dieser Band zu Beginn der Platte kaum zugetraut hätte. Fremd ist er im Gesamtbild durchaus – berühmt könnte er in ihrem Repertoire trotzdem werden.
EIN DEBÜT MIT STUDIOGEWICHT UND PROBERAUMHERZ
Klanglich kann sich die Eigenveröffentlichung mit deutlich größeren Produktionen messen. Kittlitz und die Band produzierten selbst, Phil Anderson war am Engineering beteiligt, Joel Wanasek übernahm den Mix und Maor Appelbaum das Mastering. Diese Arbeitsteilung zahlt sich aus. Die Gitarren sind breit, aber nicht breiig, der Bass besitzt echte Präsenz, und Jollys Schlagzeug knallt, ohne nach ausgetauschten Kunststoffschlägen zu klingen. Die Stimme steht deutlich vorn, was angesichts von Kiernans Leistung vollkommen gerechtfertigt ist.
Es gibt dennoch Details, über die man streiten kann. In den härtesten Momenten könnte die Gitarre etwas rauer zubeißen, und die sehr kontrollierte Gesamtlautstärke nimmt einzelnen Ausbrüchen einen Teil ihrer Gefahr. Dafür bleibt selbst bei höherem Pegel jedes Element nachvollziehbar. Besonders gute Dienste leistet der Mix in »Please Her«, wo der Bass atmen darf, und in »Rain«, dessen langsamer Aufbau eine wesentlich größere räumliche Tiefe verlangt.
Die Platte klingt somit professionell, aber nicht anonym. Man hört den Ehrgeiz eines Debüts und gleichzeitig die Erfahrung von Musikern, die bereits wissen, welche Entscheidungen im Studio später auf einer Bühne funktionieren. Dass Byron Stroud die Reihenfolge der Stücke betreute, dürfte ebenfalls geholfen haben. Vollständig lösen kann auch die Sequenzierung die stilistischen Sprünge nicht, doch sie verteilt schnelle, schwere und ruhige Momente so, dass das Album seinen Schwung behält.
DIE STÄRKE LIEGT IN DEN UNTERSCHIEDEN – NOCH
»Famous Strangers« ist ein Debüt, das seine Musiker nicht klein macht. Kittlitz darf riffen und solieren, Sustrik darf als Bassist hörbar sein, Jolly spielt energisch und detailreich, Kiernan nutzt ihre gesamte Ausdruckspalette. Niemand wird zum Statisten degradiert. Diese demokratische Wucht unterscheidet die Band von vielen Projekten, die ausschließlich um eine markante Stimme gebaut werden.
Gleichzeitig ist Amanda Kiernan die Person, ohne die dieses Album wahrscheinlich auseinanderfallen würde. Ihre Präsenz verbindet den Blues von »Please Her«, die metallische Attacke von »Desires«, den Punk-Ausflug »Far Away From Home« und die fragile Langstrecke »Rain«. Das ist als Kompliment gemeint, markiert aber auch eine Aufgabe für die Zukunft: Die instrumentale Handschrift könnte noch unverwechselbarer werden. Starke Riffs sind reichlich vorhanden; ein Ton, den man nach wenigen Takten ausschließlich dieser Band zuordnet, entwickelt sich erst.
Der Name FAMOUS STRANGERS beschreibt diesen Zustand beinahe zu gut. Viele Bestandteile klingen vertraut, ihre Zusammenstellung bleibt fremdartig genug, um neugierig zu machen. Die Kanadier haben noch nicht den einen Weg gewählt, doch sie beherrschen sämtliche Abzweigungen. Wer von einem Debüt eine fertige Satzung erwartet, könnte die Vielfalt als Unentschlossenheit auslegen. Wer Musiker lieber beim Entdecken ihrer Möglichkeiten begleitet, bekommt hier einen ausgesprochen unterhaltsamen Startpunkt.
FAZIT:
»Famous Strangers« ist ein kraftvolles Debüt mit erstklassigem Gesang, starken Gitarren und einer Rhythmusgruppe, die jedem Stilwechsel genügend Gewicht verleiht. Zwischen Heavy Metal, Hard Rock, Punk und Blues fehlt gelegentlich noch der eindeutig gemeinsame Fingerabdruck, doch Songs wie »Ghosts of Men«, »Please Her« und vor allem »Rain« zeigen beträchtliches Potenzial. Vier von fünf Punkten für eine Band, die noch nicht ganz entschieden hat, wohin sie will – aber auf fast jedem Weg überzeugend unterwegs ist.






