Band: OSUKARU 🇸🇪
Titel: Tall Tales
Label: Pride & Joy Music
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Digital
Genre: Melodic Hard Rock / AOR / Heavy Rock

Tracklist

01. Exceeder
02. Wendigo
03. Blood On The Rocks
04. The Outer Side Within
05. Ronin
06. Who Do You Love
07. Split
08. Only Moments Left
09. When It’s Over
10. C’est Dans Ta Tête

Besetzung

Fredrik Werner – Gesang, Gitarre
Oz Hawe Petersson – Gitarre, Hintergrundgesang
Marcus Zerath – Bass, Hintergrundgesang
C.D – Schlagzeug, Percussion

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Diesen Sonntagmorgen beginnen wir mit einem Kaffee und etwas amtlichem Melodic Rock beziehungsweise AOR, und zwar von OSUKARU. Fünf Jahre nach »Starbound« servieren die Schweden mit »Tall Tales« ihr siebtes Studioalbum. Der Kaffee darf dabei ruhig etwas kräftiger ausfallen, denn die Band hat ihre melodischen Trademarks zwar nicht vergessen, lässt die Gitarren diesmal jedoch häufiger und härter zupacken. Zwischen großen Refrains, amerikanischem Hard Rock, klassischen AOR-Melodien und vereinzelten Metal-Ausflügen erzählt die Platte von Mythen, inneren Konflikten und jenen Geschichten, die im eigenen Kopf irgendwann ein beunruhigendes Eigenleben entwickeln.

Albumstream:

VON GÖTEBORG AUF DEN MELODIC-ROCK-HIGHWAY

Gitarrist Oz Hawe Petersson gründete OSUKARU 2010 in Göteborg. Aus einem zunächst stark am klassischen AOR ausgerichteten Projekt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine feste Band, die ihren Sound zunehmend um härtere Gitarren und moderne Heavy-Rock-Elemente erweiterte. Spätestens »House of Mirrors« und »Starbound« zeigten, dass sich die Schweden nicht auf Keyboards, Hochglanzrefrains und nostalgische Achtziger-Verweise reduzieren lassen wollen.

Auf »Tall Tales« wird dieser Weg konsequent fortgesetzt. Die Melodien bleiben das tragende Element, doch darunter arbeitet eine kräftige Rhythmussektion, während die Gitarren häufiger mit metallischem Nachdruck auftreten. Produziert wurde das Album von Petersson und Sänger Fredrik Werner. Svein Jensen kümmerte sich um den Mix, Mats Eriksson um das Mastering.

Das Ergebnis klingt druckvoll und sauber, ohne die Musik in sterilen Hochglanz zu verwandeln. Bass und Schlagzeug besitzen ausreichend Gewicht, die Gitarren stehen breit im Panorama, und Werners Stimme bekommt genügend Raum für die großen Melodien. Lediglich einige besonders dicht geschichtete Refrains wirken beinahe ein wenig zu kontrolliert.

DER ERSTE KAFFEE BRAUCHT NOCH EINEN MOMENT

»Exceeder« eröffnet die Platte mit einem schweren, kontrollierten Midtempo-Riff. Werner singt souverän, der Refrain sitzt und die Gitarren besitzen bereits den angekündigten Biss. Als Auftakt bleibt die Nummer dennoch etwas vorsichtig. Das Stück erfüllt seine Aufgabe, entfacht aber noch nicht jene Aufbruchsstimmung, die ein Album dieser Stilrichtung zum Start gut gebrauchen könnte.

Wesentlich auffälliger tritt »Wendigo« auf. Eine Mundharmonika führt zunächst auf eine falsche, beinahe bluesige Fährte, ehe ein Riff einsetzt, das an die härtere Seite von Dokken und Lynch Mob erinnert. Die Strophen schleichen bedrohlich voran, während sich der Refrain weit öffnet. Gerade dieser Gegensatz zwischen düsterer Erzählung und zugänglicher Melodie macht den Song zu einem der ersten Höhepunkte.

Die Band widersteht dabei der Versuchung, den Refrain mit zusätzlichen Spuren vollständig zu überladen. Stattdessen bleiben Gitarren und Rhythmusgruppe deutlich hörbar. Das verleiht dem Stück jene körperliche Präsenz, die dem etwas zurückhaltenden Opener noch gefehlt hat.

BLUT AUF DEN FELSEN

Mit »Blood On The Rocks« erreicht »Tall Tales« früh seinen Kern. Das Fundament stammt aus dem bluesigen Hard Rock der späten Achtziger, klingt durch die kräftige Produktion aber keineswegs wie eine reine Retroveranstaltung. Marcus Zeraths Bass schiebt unter einem geradlinigen Riff, während C.D das Stück mit schnörkellosem Schlagzeugspiel antreibt.

Der Refrain ist sofort verständlich, ohne sich nach dem ersten Durchlauf vollständig abzunutzen. Petersson setzt kleine Gitarrenakzente, anstatt jede freie Stelle mit einem Solo zu füllen. Damit bringt die Nummer ziemlich genau auf den Punkt, was OSUKARU auf diesem Album besonders gut gelingt: klassisches Songwriting, kräftige Gitarren und genügend melodische Disziplin, damit aus dem Material keine lose Sammlung von Achtziger-Zitaten wird.

»The Outer Side Within« zieht das Tempo anschließend zurück. Die Halbballade lebt von Werners kontrollierter Stimme und einem ausgesprochen starken Refrain. Die mehrstimmigen Gesänge erinnern an die große AOR-Schule, während die Gitarren dafür sorgen, dass das Stück nicht im Kitsch versinkt. Emotional wird hier nicht geflüstert, aber auch nicht mit der gesamten Sirupflasche gearbeitet.

RONIN ZIEHT DAS SCHWERT

Wer nach den melodischen ersten Stücken befürchtet, dass es sich die Schweden auf dem Sofa bequem machen, wird von »Ronin« unsanft aufgescheucht. Die schnellste und härteste Nummer des Albums arbeitet mit energischer Doublebass, scharfen Gitarrenfiguren und einem deutlich metallischeren Grundton.

Petersson bekommt ausreichend Platz für flinke Läufe und kleine neoklassische Verzierungen, ohne dass der Song zur technischen Vorführung gerät. Der Refrain bleibt kompakt und eingängig. Gerade deshalb funktioniert der Ausflug in härtere Bereiche: OSUKARU wechseln nicht die Identität, sondern erhöhen lediglich den Druck.

In der Mitte zeigt das Stück mit seinen Arpeggien und Tempoverschiebungen, wie beweglich die Band geworden ist. »Ronin« hätte aufgrund dieser Energie durchaus das Zeug zum Opener gehabt. An fünfter Position wirkt die Nummer dafür wie ein kräftiger Wachmacher zur Halbzeit.

WER LIEBT HIER EIGENTLICH WEN?

»Who Do You Love« führt anschließend zurück auf den Sunset Strip. Das Stück verbindet Glam Metal, AOR und amerikanischen Hard Rock zu einem bewusst unkomplizierten Ohrwurm. Der Refrain dürfte auf der Bühne ohne lange Einweisung funktionieren, während die Gitarren mit kleinen Widerhaken verhindern, dass die Nummer zu glatt ausfällt.

Ganz frei von Bekanntem ist das nicht. Einige Wendungen wirken so vertraut, als hätten sie bereits seit 1989 eine Dauerkarte im Melodic Rock. Allerdings spielen OSUKARU dieses Material mit genügend Überzeugung, sodass aus der Nähe zu den Vorbildern kein ernsthaftes Problem entsteht.

Rauer klingt »Split«. Ein präsenter Bass und ein kantiges Rhythmusfundament bestimmen den Song. Der Refrain fällt weniger süßlich aus, die Gitarren arbeiten stärker mit Groove als mit flächigen Akkorden. Diese Abwechslung tut der zweiten Albumhälfte gut und verhindert, dass eine große Gesangsmelodie auf die nächste folgt, ohne irgendwo Halt zu finden.

ZWISCHEN NACHTCLUB UND ABSCHIED

»Only Moments Left« bewegt sich mit bluesiger Lässigkeit durch die Nacht. Der Rhythmus hat etwas Verführerisches, beinahe Schleichendes, während Werner eine seiner gefühlvollsten Gesangsleistungen abliefert. Der Song verzichtet auf einen übergroßen Knalleffekt und gewinnt gerade dadurch an Charakter.

Mit »When It’s Over« folgt die klassische Ballade. Handwerklich gibt es wenig auszusetzen: Die Melodie ist sauber aufgebaut, der Gesang glaubwürdig und das Arrangement geschmackvoll. Im Albumzusammenhang verliert das Stück dennoch etwas an Boden, weil »The Outer Side Within« die gefühlvolle Seite zuvor spannender mit härteren Elementen verbunden hat.

Schlecht ist »When It’s Over« deshalb nicht. Die Nummer bleibt lediglich vorhersehbarer als der Großteil des Albums. Wo andere Songs mit unerwarteten Gitarrenfarben, Tempowechseln oder einem ungewöhnlichen Einstieg überraschen, fährt diese Ballade ziemlich genau jene Strecke ab, die das Genre seit Jahrzehnten kennt.

ALLES NUR IN DEINEM KOPF?

Das sechsminütige »C’est Dans Ta Tête« übernimmt das Finale. Der französische Titel bedeutet sinngemäß „Es ist in deinem Kopf“ und führt zurück zum Grundgedanken des Albums: Wo endet die Wirklichkeit, und wo beginnen jene Geschichten, die Menschen aus Angst, Erinnerung oder Sehnsucht selbst erschaffen?

Musikalisch besitzt der Song ein starkes Riff, ein angenehm drängendes Tempo und einen Refrain, der sich schnell festsetzt. Er gehört zu den geschlossensten Kompositionen der Platte und hätte ebenfalls einen überzeugenden Auftakt abgegeben. Im letzten Abschnitt lösen sich die klaren Songstrukturen allerdings zunehmend auf. Eine Frauenstimme trifft auf verzerrte, beinahe dämonische Stimmen, bevor das Album langsam ausblendet.

Die Idee passt zum psychologischen Thema, wird jedoch etwas zu lange ausgespielt. Nach dem starken eigentlichen Song hätte ein kürzerer, härter gesetzter Schluss nachhaltiger gewirkt. So endet »Tall Tales« zwar atmosphärisch, aber nicht ganz so präzise, wie es die vorherigen Minuten erwarten lassen.

HÄRTER GEWORDEN, MELODISCH GEBLIEBEN

Die größte Stärke von »Tall Tales« liegt in der Balance. OSUKARU haben ihren AOR-Ursprung nicht abgelegt, erweitern ihn aber um ausreichend Heavy Rock und Metal, damit die Platte nicht wie ein verspätetes Achtziger-Klassentreffen klingt. Werner besitzt die passende Stimme für große Refrains, Petersson setzt seine technischen Fähigkeiten überwiegend songdienlich ein, und die Rhythmusgruppe gibt selbst den weicheren Nummern ein solides Rückgrat.

Nicht jeder Titel erreicht das Niveau von »Wendigo«, »Blood On The Rocks«, »Ronin« oder »Split«. »Exceeder« startet etwas verhalten, »When It’s Over« erfüllt bekannte Balladenmuster, und das Outro des Finales hätte eine Straffung vertragen. Außerdem sind manche Einflüsse so deutlich, dass erfahrene Genre-Hörer ihre Vergleichsnamen bereits nach wenigen Takten auf den Tisch legen können.

Dagegen stehen griffige Refrains, hörbar engagierte Musiker und eine Produktion, die den härteren Kurs unterstützt. OSUKARU versuchen nicht, AOR neu zu erfinden. Sie zeigen vielmehr, dass diese Stilrichtung auch 2026 kraftvoll klingen kann, wenn Melodie und Gitarrendruck nicht als Gegensätze behandelt werden.

FAZIT:

»Tall Tales« ist ein überzeugendes Melodic-Hard-Rock-Album mit großen Refrains, kräftigen Gitarren und einer gelungenen Verbindung aus AOR-Tradition und metallischer Härte. Kleinere Längen und einige vertraute Genrebausteine verhindern den ganz großen Wurf, doch mit »Wendigo«, »Blood On The Rocks« und »Ronin« liefern OSUKARU genügend Gründe, den sonntäglichen Kaffee noch einmal nachzuschenken.

OSUKARU – Blood On The Rocks

Internet

OSUKARU - Tall Tales - Album Review

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