Band: CUTTHROAT 🇺🇸
Titel: The Purge
Label: M-Theory Audio
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Metallic Hardcore / Crossover Thrash / Hardcore Punk

Tracklist

01. Sick One
02. Purge
03. Bullet Proof Mind
04. Hard Times
05. Feeling Disconnected

Besetzung

Neil Roemer – Gesang
Renato Romano – Gitarre
Bruno Nicolozzi – Bass
Betto Cardoso – Schlagzeug

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Der Bandname und Release Titel wirken ultra brudal aller so richtig Brachial, doch stimmt das etzadla auch musikalisch? Kurze Antwort: Ja, weitgehend schon. Auf »The Purge« verbinden die 2013 in Los Angeles gegründeten CUTTHROAT den schweren Groove des New Yorker Hardcores mit Thrash-Metal-Riffs, kurzen Hip-Hop-Einschüben und genügend Gangshouts, um vor der Bühne einen mittelgroßen Räumungsbescheid auszulösen. Fünf Songs und knapp 19 Minuten reichen dem Quartett, um Frust, persönliche Konflikte und den täglichen Kampf ums Durchhalten in eine ausgesprochen kompakte Crossover-Prügelei zu übersetzen.

EP-Stream:

DIE SÄUBERUNG BEGINNT IM MOSHPIT

Vollkommen überraschend kommt dieser Sound nicht. Bereits auf »Reflekt« aus dem Jahr 2020 und dem 2023 veröffentlichten »Fear By Design« arbeiteten CUTTHROAT an ihrer Verbindung aus Hardcore, Metal und Hip-Hop. Letzteres wurde von BIOHAZARD-Gitarrist und -Sänger Billy Graziadei produziert, dessen Einfluss auch auf der neuen EP noch deutlich zu hören ist.

Hinzu kommen die Erfahrungen aus gemeinsamen Konzerten und Tourneen mit BODY COUNT, MADBALL, SICK OF IT ALL, AGNOSTIC FRONT und weiteren Größen der Szene. »The Purge« klingt entsprechend nicht nach vier Musikern, die gerade erst herausfinden, wie ein Breakdown funktioniert. Die Band weiß genau, wann ein Riff beschleunigen, wann es abbremsen und wann Neil Roemer eine Zeile für den gemeinsamen Aufschrei freigeben muss.

Das Artwork von Mick Lambrou, der bereits für AGNOSTIC FRONT, SLAPSHOT und SICK OF IT ALL gearbeitet hat, passt zu dieser Ausrichtung. Auch optisch wird kein Zweifel daran gelassen, dass hier kein freundlicher Indieabend vorbereitet wird. Politische und gesellschaftliche Spannungen bilden den Hintergrund, während sich die Texte vor allem mit Wut, Verrat, schwierigen Lebensphasen und dem eigenen Überlebenswillen beschäftigen.

SICK ONE – WILLKOMMEN IN DEN NEUNZIGERN

»Sick One« eröffnet die EP mit einem dunklen Sample, bevor Renato Romano ein tief gestimmtes Groove-Riff in den Raum wirft. Bruno Nicolozzis Bass verdoppelt den Druck, Betto Cardoso setzt die ersten schweren Schläge und Roemer begrüßt den Hörer mit einer Stimme, die klingt, als hätte sie schon mehrere Nächte vor Clubs und auf Tourparkplätzen verbracht.

Der Song arbeitet stark mit dem Vokabular des Neunziger-Hardcores. Roemer wechselt zwischen heiseren Rufen und rhythmisch gesprochenen Passagen, während Gangshouts die entscheidenden Stellen markieren. Diese Mischung erinnert unweigerlich an BIOHAZARD, besitzt durch Romanos metallischere Gitarrenarbeit aber ausreichend eigenes Gewicht.

Besonders kompliziert ist der Aufbau nicht. CUTTHROAT setzen auf Wiederholung, körperlichen Groove und eine klare Livewirkung. Im Konzert dürfte das ausgezeichnet funktionieren, denn nahezu jeder Abschnitt scheint darauf ausgelegt zu sein, Bewegung vor der Bühne auszulösen. Auf Platte fällt allerdings ebenso schnell auf, dass die Band bekannte Zutaten verwendet und kaum versucht, diese neu zu erfinden.

PURGE SCHALTET EINEN GANG HÖHER

Der Titelsong »Purge« fällt aggressiver und abwechslungsreicher aus. Nach einem schweren Einstieg beschleunigt das Schlagzeug, die Gitarre kratzt am Thrash Metal und kurze Blastbeats sorgen dafür, dass der Song nicht vollständig im Midtempo stecken bleibt. Sobald die Band das Tempo wieder herunterzieht, öffnet sich der erwartete Raum für Zweischritt, Ellenbogen und fliegende Turnschuhe.

Einige Gitarrenfiguren erinnern an die Groove-Metal-Seite von SEPULTURA zu »Roots«-Zeiten. Das ist keine besonders versteckte Referenz, funktioniert in Verbindung mit dem Hardcore-Fundament aber erstaunlich gut. Romano setzt keine langen Soli über die Rhythmusspur, sondern behandelt seine Gitarre überwiegend wie ein zusätzliches Schlaginstrument.

Inhaltlich hat der Titel nichts mit der gleichnamigen Filmreihe zu tun. Roemer richtet sich gegen eine Person, die Grenzen überschritten und ihr wahres Gesicht gezeigt hat. Statt komplizierter Metaphern gibt es eine direkte Abrechnung. Gerade diese Unmittelbarkeit macht »Purge« zum stärksten Song der EP: Die Aussage ist verständlich, das Riff sitzt und der Wechsel zwischen Geschwindigkeit und Groove ist sauber austariert.

EIN KUGELSICHERER KOPF UND HARTE ZEITEN

»Bullet Proof Mind« setzt den Gedanken des Widerstands fort. Der Titel beschreibt keinen unverwundbaren Superhelden, sondern die mentale Panzerung, die sich jemand nach zahlreichen Rückschlägen aufgebaut hat. Roemer brüllt gegen das Aufgeben an, während die Instrumentalfraktion einen der schwersten Grooves der Veröffentlichung auffährt.

Cardosos Schlagzeug ist dabei entscheidend. Er begleitet die Gitarren nicht bloß, sondern verschiebt mit kurzen Fills und Akzenten immer wieder das Gewicht der Riffs. Im schnelleren Abschnitt treibt er die Band an, bevor ein erneuter Geschwindigkeitssturz den Nacken auf Belastbarkeit prüft. Das ist vorhersehbar, aber handwerklich stark umgesetzt.

Noch näher am klassischen BIOHAZARD-Sound bewegt sich »Hard Times«. Ein kräftiges „Bleigh!“ eröffnet den Nahkampf, danach folgt ein Rhythmus, der beinahe automatisch zum Two-Step auffordert. Der Song betrachtet schwierige Lebensumstände nicht als endgültiges Urteil. Harte Zeiten zeigen nach Roemers Auffassung vielmehr, woraus ein Mensch gemacht ist und wie weit er zu gehen bereit ist, um sie zu überstehen.

Die Botschaft ist einfach, wirkt aber glaubwürdig. CUTTHROAT versuchen nicht, aus Durchhaltevermögen eine Hochglanzparole zu machen. Der Vortrag bleibt wütend, die Gitarren bleiben schwer und der Refrain klingt eher nach einem gemeinsamen Schwur als nach einem Motivationsseminar.

GEFÜHLT GETRENNT, MUSIKALISCH GESCHLOSSEN

Mit »Feeling Disconnected« endet die EP persönlicher. Im Mittelpunkt steht das Loslösen aus einer zerbrochenen Beziehung, verbunden mit der Erkenntnis, belogen worden zu sein. Roemer klingt dabei nicht weicher als zuvor, doch unter der Wut liegt erstmals deutlich hörbare Verletzlichkeit.

Musikalisch bleibt die Band ihrer Linie treu. Der Bass schiebt unter Romanos schweren Akkorden, Cardoso hält das Stück in Bewegung und der Gesang schwankt zwischen persönlicher Bestandsaufnahme und offener Konfrontation. Ein melodischer Ausbruch oder ein ruhigeres Zwischenspiel hätten dem Abschluss zusätzliche Tiefe verleihen können. Stattdessen verlassen sich CUTTHROAT erneut auf Groove, Gangshouts und körperliche Energie.

Das funktioniert, lässt die fünf Stücke aber auch relativ ähnlich erscheinen. Wer einzelne Songs nebenbei hört, wird daran wenig auszusetzen haben. Am Stück zeigt sich dagegen, dass die Band ihre erfolgreichste Formel kaum variiert. Aufgrund der kurzen Laufzeit entwickelt sich daraus kein ernstes Problem, ein zusätzliches Risiko im Arrangement hätte der EP dennoch gutgetan.

DRUCK OHNE PLASTIKPANZER

Die Produktion stellt Gitarren, Bass und Schlagzeug breit und schwer in den Hörraum. Besonders der Bass bekommt genügend Platz und sorgt dafür, dass die Gitarren nicht allein für die tiefen Frequenzen zuständig sind. Cardosos Snare besitzt einen trockenen Schlag, während die Bassdrum den Groove stützt, ohne jeden Anschlag künstlich aufzublasen.

Roemers Stimme steht weit vorne. Seine rauen Shouts bleiben auch dann verständlich, wenn Gitarren und Ganggesänge gleichzeitig einsetzen. Die gerappten Passagen wurden nicht mit unnötigen Effekten überladen und behalten dadurch ihren direkten Charakter. Insgesamt klingt »The Purge« modern genug, um nicht wie eine verschollene Demo aus dem Jahr 1995 zu wirken, behält aber die gewünschte Old-School-Schwere.

Das größte Pfund ist die Geschlossenheit des Quartetts. Bass und Gitarre greifen eng ineinander, das Schlagzeug kennt jeden notwendigen Tempowechsel und Roemer weiß, wann er eine Zeile selbst durchziehen oder an die Gangshouts abgeben muss. Diese Musik wurde hörbar mit Blick auf die Bühne geschrieben.

BRACHIAL, ABER NICHT BESONDERS ÜBERRASCHEND

Damit wäre die Eingangsfrage beantwortet: Ja, »The Purge« ist musikalisch tatsächlich brachial. Die Riffs drücken, das Schlagzeug schlägt kräftig zu und Roemer klingt keine Sekunde so, als wolle er über Missverständnisse in Ruhe bei einer Tasse Tee sprechen. Die Bezeichnung „ultra brudal“ darf also stehen bleiben.

Innovation gehört allerdings nicht zu den größten Stärken der EP. Der Einfluss von BIOHAZARD, MADBALL, AGNOSTIC FRONT und stellenweise SEPULTURA ist allgegenwärtig. Zahlreiche Breaks, Gangshouts und rhythmische Gesangspassagen lassen sich bereits wenige Sekunden vor ihrem Einsatz erahnen.

Entscheidend ist, dass CUTTHROAT diese bekannten Mittel überzeugend einsetzen. »Purge« und »Hard Times« ragen durch ihre besonders griffigen Rhythmen heraus, während »Feeling Disconnected« zumindest textlich eine persönlichere Seite zeigt. Für die nächste Veröffentlichung darf das Quartett seine Komfortzone trotzdem etwas weiter verlassen.

FAZIT:

»The Purge« liefert knapp 19 Minuten druckvollen Metallic Hardcore mit massiven Grooves, glaubwürdiger Wut und reichlich Futter für den nächsten Moshpit. Die Nähe zu BIOHAZARD und anderen Größen der alten Schule ist deutlich, verhindert aber nicht, dass besonders »Purge« und »Hard Times« kräftig einschlagen. Brachial ist das Ergebnis ohne Zweifel – für die ganz große Säuberung fehlt lediglich etwas mehr Eigenständigkeit.

CUTTHROAT – Purge

Internet

CUTTHROAT - The Purge - EP Review

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