Tracklist
01. Silver – 04:10
02. Weapons Of Love – 03:24
03. Keep You Alive – 04:02
04. Far Behind – 04:37
05. Piece Of Candy (2026 Version) – 03:22
06. ’Til The End Of Time – 04:29
07. Bullet – 04:51
08. Mad Gone Blind – 03:49
09. She Was Mine – 04:42
10. Wings Of Freedom – 04:32
11. Dulces Falsos – 03:23
Spielzeit: 45:21 Minuten
Besetzung
Alan Clark – Gesang
Jürgen Breforth – Gitarre, Begleitgesang
Dethy Borchardt – Gitarre
Fabian Watermann – Bass, Begleitgesang
Axel Kruse – Schlagzeug
Gast
Andreas Baesler – Duettgesang bei »Piece Of Candy«, Gesang bei »Dulces Falsos«
Produktion
Rolf Munkes und MAD MAX
Aufnahme, Mix und Mastering
Rolf Munkes, Empire Studios in Bensheim
Als sich eine Münsteraner Coverband 1981 in MAD MAX umbenannte, wollte Gitarrist Jürgen Breforth längst eigene Stücke schreiben. Die EP »In Concert« und das 1982 veröffentlichte Album »Heavy Metal« dokumentierten den frühen Einfluss von Saxon, Judas Priest, Iron Maiden und Def Leppard. Mit »Rollin’ Thunder«, »Stormchild« und »Night Of Passion« etablierte sich die Band anschließend im europäischen Hard Rock. Nach einer längeren Unterbrechung begann 1999 mit »Never Say Never« eine zweite Phase, in der MAD MAX trotz zahlreicher Besetzungswechsel regelmäßig neue Alben veröffentlichten. Breforth blieb dabei die verbindende Person.
Zum 45-jährigen Bestehen folgt nun keine übliche Best-of-Zusammenstellung. »Stories Of Destiny« greift Kompositionen aus mehreren Jahrzehnten auf, darunter zwei unveröffentlichte Lieder von 1991, überarbeitete Stücke aus anderen Projekten und eine Neuaufnahme des ersten MAD-MAX-Riffs. Zugleich stellt das Album den britischen Sänger Alan Clark vor und holt Gründungsfrontmann Andreas Baesler für zwei Titel zurück. So wird die eigene Geschichte nicht chronologisch nacherzählt, sondern mit der aktuellen Besetzung neu eingespielt.
»Stories Of Destiny« verlangt deshalb eine andere Betrachtung als ein reguläres Studioalbum. Die elf Stücke stammen nicht aus einer gemeinsamen Schreibphase, sondern aus verschiedenen Situationen zwischen 1981 und der Gegenwart. Produzent Rolf Munkes und die Band haben sie vollständig neu aufgenommen, ohne die ursprünglichen Arrangements zwanghaft zu modernisieren. Diese Entscheidung bewahrt ihren jeweiligen Charakter, führt aber auch dazu, dass nicht jede Komposition dieselbe Tiefe oder denselben Überraschungseffekt besitzt.
Der neue Sänger ist dabei weit wichtiger als ein austauschbarer Interpret. Alan Clark muss Material zusammenhalten, das ursprünglich für unterschiedliche Stimmen und musikalische Zusammenhänge geschrieben wurde. Sein klares, hoch angesetztes Timbre bringt einen ausgeprägten britischen Charakter mit und passt zu Breforths früher Prägung. Clark imitiert keinen seiner Vorgänger. Er setzt deutliche Akzente, ohne die Melodien durch unnötige Verzierungen zu überladen.
ARCHIVARBEIT STATT BEST-OF-ROUTINE
Der Opener »Silver« entstand bereits Anfang der Zweitausender in Zusammenarbeit mit Andreas Bruhn und wurde seinerzeit im Umfeld des Projekts Silver mit dem früheren MSG-Sänger Gary Barden aufgenommen. Für die neue Fassung treten die Keyboards zurück, während die Gitarren von Breforth und Dethy Borchardt das harmonische Gerüst bestimmen. Der Refrain ist sofort zugänglich, Clark führt die Melodie sicher in die Höhe und ein klassisch aufgebautes Solo setzt den erwarteten Schlusspunkt. Der Song klingt nicht wie ein Fremdkörper, obwohl er ursprünglich außerhalb von MAD MAX veröffentlicht wurde.
Mit »Weapons Of Love« öffnet die Band anschließend das eigentliche Archiv. Breforth fand das 1991 entstandene Stück gemeinsam mit »’Til The End Of Time« auf einer alten Kassette. Statt die damaligen Aufnahmen zu restaurieren, spielte die heutige Besetzung beide Titel von Grund auf neu ein und behielt ihre Strukturen bei. »Weapons Of Love« trägt die AOR-Sprache seiner Entstehungszeit offen vor sich her: federnder Rhythmus, knappe Gitarrenantworten und ein Refrain, der nach wenigen Sekunden verstanden ist. Die Wirkung stimmt, auch wenn Text und Harmonie kaum über die vertrauten Regeln des Genres hinausgehen.
»’Til The End Of Time« wirkt gewichtiger. Breite Akkorde, ein geduldig aufgebauter Übergang und zweistimmige Leadgitarren geben Clark Raum für eine seiner stärksten Gesangsleistungen. Die hohen Linien bleiben kontrolliert und verlieren auch über den dichter werdenden Gitarren nicht an Klarheit. Gleichzeitig lässt sich der weitere Verlauf früh erahnen. Die Band führt jeden Übergang sauber aus, wagt aber keinen Bruch, der den historischen Aufbau infrage stellen würde. Genau darin liegen Stärke und Grenze des Konzepts: Die Vergangenheit wird respektiert, nicht neu geschrieben.
EIN NEUER SÄNGER ZWISCHEN HÄRTE UND MELODIE
»Keep You Alive« liefert den härtesten Kontrast zu den AOR-Anteilen. Das gemeinsam mit Helloween-Gitarrist Sascha Gerstner entwickelte Material erschien bereits 2008 auf »Here We Are«, erhält diesmal jedoch ein deutlich massiveres Gitarrengewicht. Nach einem kontrollierten Beginn setzt das Hauptriff mit beinahe modernem Heavy-Metal-Druck ein. Axel Kruse hält den Rhythmus geradlinig, während Fabian Watermann den Übergängen zusätzliche Bewegung gibt. Clark muss nicht gegen die Instrumente anschreien; sein heller Gesang bildet gerade deshalb einen wirksamen Gegensatz zum schweren Unterbau.
Bei »Far Behind« zeigt sich seine andere Seite. Die Gitarren lassen mehr Raum, die Strophen bleiben nachdenklich und der Refrain öffnet sich, ohne sofort in Powerballadenpathos zu wechseln. Der Song gehört zu den eigenständigsten Beiträgen des Albums, weil seine Melodie auch ohne die dazugehörige Entstehungsgeschichte trägt. Clarks Vortrag wirkt hier persönlicher und weniger auf technische Sicherheit ausgerichtet. Wenn »Stories Of Destiny« eine mögliche Zukunft der Band andeutet, dann geschieht das am deutlichsten in dieser Verbindung aus Zurückhaltung und großer Hookline.
Die späteren »Bullet« und »Mad Gone Blind« zeigen dagegen die direkte Bühnenausrichtung. »Bullet« arbeitet mit einem schweren Groove, langen Gesangslinien und einem Refrain, der seine Wirkung erst nach mehreren Durchläufen entfaltet. »Mad Gone Blind« ist kürzer, schneller erfasst und deutlich konventioneller. Gitarren, Bass und Schlagzeug greifen präzise ineinander, doch neben den historisch stärker aufgeladenen Titeln bleibt die Nummer vergleichsweise unspezifisch. Sie funktioniert, ohne dem Album einen neuen Gedanken hinzuzufügen.
DAS ERSTE RIFF VERBINDET ZWEI STIMMEN
Der Mittelpunkt der Platte ist »Piece Of Candy«. Sein Hauptriff war 1981 die erste Gitarrenidee, die Breforth für MAD MAX schrieb; Gründungssänger Andreas Baesler verfasste den damaligen Text. Die Band behält für die 2026er-Version das ursprüngliche Arrangement und die reguläre E-Stimmung bei. Das klingt zunächst nach einer konservativen Entscheidung, erweist sich aber als richtig. Der schnörkellose Aufbau lebt von der Direktheit dieses Riffs und würde durch zusätzliche Schichten oder ein tieferes Tuning eher an Profil verlieren.
Entscheidend ist das Duett zwischen Baesler und Clark. Der rauere Ton des ersten Sängers trifft auf die klarere Stimme des aktuellen Frontmanns, ohne dass einer von beiden zum bloßen Effekt degradiert wird. Baesler macht den historischen Ursprung hörbar, Clark sorgt dafür, dass die Aufnahme nicht wie eine Rekonstruktion klingt. Gerade weil beide Stimmen klar unterscheidbar bleiben, entsteht ein glaubwürdiger Dialog zwischen Anfang und Gegenwart. Das Stück ist kompositorisch einfach, besitzt innerhalb dieses Albums aber die stärkste inhaltliche Funktion.
Mit »Dulces Falsos« kehrt dasselbe Riff am Ende in spanischer Sprache zurück. Baesler, der viele Jahre in Kuba lebte, schrieb den Text selbst und singt die Fassung allein. Die Idee bezieht sich auf die wachsende Fangemeinde in Lateinamerika sowie auf die Konzerte in Bogotá und Popayán im Jahr 2023. Musikalisch erhält der Hörer keine neue Komposition, weshalb das Finale eher als Zugabe denn als elfter eigenständiger Albumtitel wirkt. Im Jubiläumskonzept besitzt es dennoch Berechtigung: Derselbe Ausgangspunkt von 1981 wird in einen kulturellen Zusammenhang geführt, den die damalige Band unmöglich vorhersehen konnte.
ZWISCHEN VERLUST UND FREIHEIT
In der zweiten Hälfte nimmt »She Was Mine« das Tempo zurück. Der Text behandelt eine verlorene Beziehung ohne komplizierte Bilder, und Clark trägt die Strophen mit angenehmer Ruhe. Sobald der Refrain größer wird, bewegt sich der Song allerdings auf sehr bekanntem Terrain. Die Melodie ist sauber ausgearbeitet, doch jede Steigerung erscheint an der erwarteten Stelle. Ein reduzierteres Arrangement hätte dem emotionalen Kern vermutlich stärker geholfen als die breite Ausgestaltung.
Die eigentliche Balladenrolle übernimmt »Wings Of Freedom«. Akustisch geprägte Passagen, langsam hinzukommende Stromgitarren und ein hymnischer Refrain erfüllen die klassischen Erwartungen an Melodic Hard Rock. Die Band spielt das überzeugend und Clark vermeidet übermäßiges Pathos. Trotzdem gehört der Titel zu den berechenbareren Momenten des Albums. Wo »Far Behind« Gefühle aus kleinen Veränderungen entwickelt, formuliert »Wings Of Freedom« sie sehr deutlich. Das ist wirkungsvoll, aber kaum überraschend.
Die beiden ruhigeren Stücke machen zugleich ein Problem der Reihenfolge sichtbar. Zwischen den stärkeren Archivfunden und dem spanischen Abschluss verliert das Album kurz an Spannung. Eine andere Platzierung von »Bullet« oder »Mad Gone Blind« hätte den letzten Abschnitt dynamischer gestalten können. Die Laufzeit von gut 45 Minuten verhindert zwar echte Ermüdung, doch das hohe Niveau der ersten Hälfte wird nicht durchgehend gehalten.
ROLF MUNKES VERBINDET FÜNF JAHRZEHNTE
Dass das Material trotz seiner verschiedenen Entstehungszeiten als geschlossenes Album wahrgenommen wird, ist vor allem der Produktion zuzuschreiben. Rolf Munkes nahm die Stücke in den Empire Studios in Bensheim auf, mischte sie und verantwortete das Mastering. Die Rhythmusgitarren besitzen genügend Gewicht, die Leads bleiben deutlich voneinander getrennt und Kruses Schlagzeug klingt kraftvoll, ohne unnatürlich vergrößert zu werden. Watermanns Bass ist nicht überall gleich präsent, erhält in den ruhigeren Übergängen aber genügend Platz.
Diese Klarheit hilft vor allem Alan Clark. Selbst in den hohen Registern bleibt jedes Wort verständlich, und seine Stimme wird nicht hinter großen Chören versteckt. Gelegentlich gerät das Klangbild allerdings sehr glatt. Einige Refrains könnten mit raueren Gitarren oder weniger akkurat gestapelten Begleitstimmen unmittelbarer wirken. Auch die Soli bleiben fast immer innerhalb eines sicheren Rahmens. Breforth und Borchardt spielen songdienlich, doch ein längerer instrumentaler Ausbruch hätte dem kontrollierten Ablauf zusätzliche Spannung gegeben.
Zum Gesamtbild gehört auch das 20-seitige CD-Booklet mit einem Comic des mexikanischen Zeichners Maestro Arturo Said. Es verfolgt die Bandgeschichte von den frühen Achtzigern bis zu den Auftritten in Kolumbien. Damit setzt die Gestaltung denselben Gedanken fort wie die Musik: Einzelne Erinnerungen werden nicht bloß gesammelt, sondern in eine zusammenhängende Erzählung gebracht. Das ersetzt keine starken Songs, macht die physische Ausgabe aber zu einer sinnvollen Erweiterung des Konzepts.
EIN ARCHIV MIT OFFENER TÜR
»Stories Of Destiny« ist weder ein vollständig neues Kapitel noch ein nostalgischer Rückblick. Die Platte zeigt, wie unterschiedlich Musik altern kann. »Silver«, »Keep You Alive« und »Far Behind« benötigen ihre Vorgeschichte nicht, um heute zu überzeugen. »Weapons Of Love« und »’Til The End Of Time« gewinnen gerade durch ihre Herkunft aus dem Jahr 1991, auch wenn man ihnen die damaligen Konventionen anhört. »Piece Of Candy« erhält seine besondere Wirkung aus der Begegnung zweier Sängergenerationen.
Nicht jede Wiederbelebung ist gleich zwingend. »Mad Gone Blind«, »She Was Mine« und »Wings Of Freedom« sind solide geschrieben, folgen bekannten Mustern aber sehr zuverlässig. Zudem schwächt die spanische Wiederholung des zentralen Riffs den Eindruck eines eigenständigen Finales. Demgegenüber stehen eine geschlossen auftretende Band, eine passende neue Stimme und eine Produktion, die historische Arrangements nicht wie Museumsstücke behandelt.
Der wichtigste Erfolg liegt deshalb nicht in der Feier von 45 Jahren Vergangenheit. MAD MAX präsentieren Alan Clark glaubwürdig als Frontmann einer weiterhin handlungsfähigen Band. Er verwaltet das Material nicht, sondern verbindet dessen unterschiedliche Epochen mit einer eigenen Stimme. Damit kann das Jubiläumsalbum zugleich Abschluss liegen gebliebener Geschichten und Ausgangspunkt für neue Songs sein.
FAZIT:
»Stories Of Destiny« verwandelt Archivfunde, frühere Kooperationen und das erste MAD-MAX-Riff in ein schlüssiges Jubiläumsalbum, dessen stärkste Momente von Alan Clarks überzeugendem Einstand und dem Duett mit Andreas Baesler leben. Einige vorhersehbare Arrangements und die schwächere Schlussphase verhindern die Höchstwertung, doch vier von fünf Punkten sind für diese sorgfältig neu eingespielte Bandgeschichte verdient.






