Tracklist
01. Apophenic Rage
02. Hungry Ghosts
03. Artifice Dissolves
04. Alloyed
05. Proprioceptor
06. Dusk
07. Neon Metropolis
08. Anodyne
09. Robostrobos
Besetzung
Phillipe Boucher – Drums
Claude Leduc – Guitar / Vocals
Antoine Daigneault – Bass
Manchmal legt man eine Platte auf und weiß nach den ersten Sekunden, dass hier niemand vorhat, es einem besonders leicht zu machen. DISSIMULATOR gehören definitiv in diese Kategorie. Die Kanadier aus Montreal werfen mit „Artifice Dissolves“ ein ziemlich verknotetes Stück Technical Death/Thrash auf den Tisch, das klingt, als hätte jemand eine Thrash-Platte mit einem Schraubenschlüssel zerlegt und anschließend mit Gewalt wieder zusammengeschraubt.
Nach „Lower Form Resistance“ geht es noch tiefer in die eigene Sci-Fi-Welt. Phillipe Boucher an den Drums, Claude Leduc an Gitarre und Vocals sowie Antoine Daigneault am Bass machen dabei ordentlich Alarm. Laurent Bellemare steuert bei „Artifice“, „Alloyed“ und „Proprioceptor“ zusätzliche Vocals bei. Das Ergebnis ist technisch, aggressiv und stellenweise ziemlich abgefahren. Aber eben auch nicht immer leicht verdaulich.
Hier wird nicht lange gefackelt
„Apophenic Rage“ steigt direkt mit der Tür ins Haus. Keine gemütliche Einleitung, kein vorsichtiges Herantasten. Die Gitarren sägen, die Drums prügeln und irgendwo dazwischen versucht man als Hörer erst einmal herauszufinden, wo vorne und hinten ist.
Genau das macht den Reiz von DISSIMULATOR aus. Die Kanadier spielen nicht einfach schnell. Sie zerlegen ihre Songs, setzen sie neu zusammen und schicken sie anschließend mit ordentlich Karacho wieder auf die Reise.
„Hungry Ghosts“ macht da keine Ausnahme. Riffs kommen um die Ecke, verschwinden wieder und werden von einem Rhythmuswechsel abgelöst, bevor man überhaupt richtig geschnallt hat, was gerade passiert ist. Das ist technisch stark. Keine Frage. Aber manchmal möchte man DISSIMULATOR auch einfach zurufen: Jungs, jetzt bleibt doch verdammt noch mal kurz auf einer Spur!
Riffgewitter aus dem Maschinenraum
Der Titeltrack „Artifice Dissolves“ zeigt ziemlich gut, was die Band auf diesem Album ausmacht. Das Stück wirkt wie ein Blick in eine kaputte Zukunft, in der Maschinen längst das Kommando übernommen haben und irgendwo zwischen Beton, Neonlicht und Elektroschrott noch die letzten Menschen herumrennen.
Die futuristische Atmosphäre kommt dabei nicht durch irgendwelche billigen Effekte zustande. DISSIMULATOR lassen ihre Gitarren sprechen. Claude Leduc liefert ein Riff nach dem anderen ab und schafft es dabei, Thrash-Aggression mit technischen Death-Metal-Auswüchsen zu verbinden. Das klingt nicht geschniegelt. Es klingt eher nach rostigem Metall, heißgelaufenen Maschinen und einem Stromkasten, an dem man besser nicht herumfummelt. Und genau das gefällt mir.
Wenn die Maschine richtig Fahrt aufnimmt
Bei „Alloyed“ und „Neon Metropolis“ kommt die Sache richtig ins Rollen. Hier passt die Mischung aus Geschwindigkeit, Aggression und technischem Gefrickel besonders gut.
Phillipe Boucher haut an den Drums ordentlich drauf und verhindert, dass das Ganze trotz aller technischen Spielereien komplett steril wirkt. Antoine Daigneault hält unten herum dagegen und sorgt dafür, dass die Gitarren nicht völlig davonfliegen.
Das Zusammenspiel funktioniert.
Man hört, dass hier Musiker am Werk sind, die ihr Handwerk verdammt gut beherrschen. Gleichzeitig haben DISSIMULATOR keine Angst davor, ihre Songs ordentlich gegen die Wand zu fahren. Gerade diese Momente machen die Platte interessant.
Nicht alles bleibt hängen
Und jetzt kommt der Haken. „Artifice Dissolves“ ist stellenweise verdammt beeindruckend, aber nicht alles bleibt wirklich im Schädel hängen. „Proprioceptor“, „Dusk“ und „Anodyne“ liefern jede Menge Material für Leute, die sich gerne in technischen Arrangements verlieren. Ich kann das durchaus schätzen. Nur irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich fragt, wo eigentlich der Song geblieben ist.
Das ist die kleine Krux mit dieser Platte. DISSIMULATOR haben Ideen ohne Ende. Riffs, Breaks, Tempowechsel, rhythmische Verschiebungen. Teilweise wirkt es fast so, als hätten sie Angst davor, einen guten Moment einfach einmal stehen zu lassen. Ein bisschen mehr Luft hätte der Platte nicht geschadet.
Zukunft ohne Glanz
Thematisch funktioniert das Album dafür richtig gut. „Artifice Dissolves“ erzählt von technologischer Dominanz, künstlicher Intelligenz, Verfall und einer Welt, die sich langsam selbst zerlegt.
Das Ganze wirkt weniger wie sauber polierter Science-Fiction-Metal und mehr wie der dreckige Keller dieser Zukunft. Keine glänzenden Roboter, keine schicke Cyberpunk-Fassade. Eher kaputte Megastädte, flackernde Neonröhren und Maschinen, die längst niemand mehr kontrolliert. Das passt zur Musik.
Besonders „Neon Metropolis“ bringt diese Stimmung ziemlich gut auf den Punkt. Schnell, nervös und irgendwie unangenehm. Genau so muss eine dystopische Stadt klingen, wenn man dort nachts besser nicht alleine unterwegs sein sollte.
Am Ende bleibt ordentlich Schutt liegen
Mit „Robostrobos“ wird zum Schluss noch einmal ordentlich auf den Putz gehauen. DISSIMULATOR gehen nicht plötzlich auf Nummer sicher, sondern ziehen ihre Linie bis zum letzten Ton durch.
Und genau deshalb bleibt „Artifice Dissolves“ trotz seiner kleinen Schwächen interessant.
Das Album ist technisch stark, eigenständig und definitiv kein glattgebügeltes Produkt. Es hat Charakter und eine eigene Atmosphäre. Gleichzeitig fordert es dem Hörer einiges ab und verliert sich gelegentlich etwas zu sehr in seinem eigenen Riff-Labyrinth.
Mir persönlich fehlen ein paar mehr dieser Momente, bei denen man nach dem Song sofort denkt: „Scheiße, den muss ich noch einmal hören.“
Stattdessen ertappe ich mich öfter dabei, wie ich denke: „Okay, das war verdammt gut gespielt. Aber was genau war das jetzt?“ Und genau deshalb landen DISSIMULATOR bei mir bei 3,5 von 5 Punkten.
„Artifice Dissolves“ ist kein Album für nebenbei. Es will Aufmerksamkeit, Geduld und am besten ein paar Durchläufe. Wer Technical Death/Thrash mit ordentlich Hirnschmalz und einer Portion futuristischem Wahnsinn sucht, bekommt hier reichlich Futter. Nur manchmal dürfte die Maschine ruhig ein bisschen weniger kompliziert gebaut sein.
Fazit: „Artifice Dissolves“ von DISSIMULATOR ist ein ambitioniertes, kraftvoll konstruiertes Werk für Hörerinnen und Hörer, die technischen Death-Thrash nicht als bloße Geschwindigkeitsdisziplin verstehen.






