Band: Tanzwut 🇩🇪
Titel: Herz aus Stein
Label: NoCut Music
VÖ: 04.09.2026
Format: CD / LP / Digital
Genre: Mittelalter-Rock / Industrial Rock / Neue Deutsche Härte

Tracklist

01. Rosenkrieg
02. Keine Band für eine Nacht
03. Herz aus Stein
04. Zeitgeist
05. Die Sänger singen noch
06. Der König ist pleite
07. Ich bin kein Engel
08. Sag niemals nie
09. Wir haben’s übertrieben
10. No Future
11. Wenn alle Stricke reißen
12. Ewig wie das Eis
13. Kein Abschied für immer
14. Die Sänger singen noch (Tanzwut & Freunde)

Besetzung

Teufel – Gesang
Robin Hund – Gitarre
Der Zwilling – Bass
Shumon – Schlagzeug
Pyro – Dudelsack
Manu – Dudelsack
Alexius – Keyboard

Produktion: Teufel, Benjamin Schwenen

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Tanzwut bedarf es eigentlich keine lange Vorstellung mehr. Seit Jahrzehnten gehören die Berliner zu den festen Größen des deutschen Mittelalter-Rocks und verbinden Dudelsäcke, schwere Gitarren, elektronische Elemente und Teufels unverkennbare Stimme zu ihrem eigenen Klangbild. Auf »Herz aus Stein« wird diese bekannte Mischung nicht komplett umgebaut, dafür aber erweitert: Punk darf hineinplatzen, Geige und Cello schaffen zusätzliche Farben und zwischen bissiger Gesellschaftskritik, Trotz, Trauer und Selbstironie nimmt sich die Band auffallend viel Raum für leisere Gedanken.

Albumstream:

Hört Tanzwut hier an und entdeckt »Herz aus Stein«.

ROSENKRIEG MIT DORNEN UND DUDELSACK

Schon »Rosenkrieg« erinnert daran, weshalb Tanzwut bis heute so gut über eine Kombination funktioniert, die auf dem Papier längst vertraut sein müsste. Schwere Gitarren treten gegen Dudelsackmelodien an, während die Rhythmusgruppe ordentlich nach vorne schiebt und Teufel mit seiner markanten Phrasierung über eine Beziehung erzählt, in der Zuneigung und Feindseligkeit längst kaum noch voneinander zu trennen sind.

Der Song wirkt dabei nicht wie eine jammernde Trennungsballade. Vielmehr bekommt die zwischenmenschliche Eskalation beinahe etwas Tänzerisches. Gerade dieser Gegensatz passt ausgezeichnet zu Tanzwut: Wo andere Bands in Selbstmitleid versinken würden, wird hier noch ein Dudelsack ausgepackt und der Konflikt zum Refrain gemacht.

»Keine Band für eine Nacht« schließt wesentlich selbstbewusster an. Der Titel ist Programm. Nach all den Jahren formuliert die Band ihre eigene Beständigkeit, ohne daraus eine ausschweifende historische Rückschau zu bauen. Der Song besitzt einen kräftigen Rock-Unterbau, mittelalterliche Melodik und genau jene hymnische Anlage, die wahrscheinlich spätestens bei den kommenden Konzerten zuverlässig von mehreren hundert Kehlen beantwortet wird.

Das ist nicht unbedingt der überraschendste Moment des Albums, funktioniert aber ausgesprochen gut.

WENN DAS HERZ LIEBER GAR NICHTS MEHR FÜHLEN WILL

Mit dem Titelstück verändert sich die Stimmung merklich. »Herz aus Stein« beschäftigt sich mit dem Wunsch, Gefühle einfach abschalten zu können. Schmerz, Trauer, Liebe und Verletzlichkeit erscheinen plötzlich als Last, die leichter zu tragen wäre, wenn im eigenen Brustkorb tatsächlich nur noch ein kalter Stein läge.

Das Motiv erinnert nicht zufällig an Wilhelm Hauffs »Das kalte Herz«. Tanzwut übertragen den alten Gedanken jedoch nicht in eine bloße Märchenerzählung, sondern in eine Gegenwart, in der emotionale Abstumpfung manchmal wie Selbstschutz erscheint.

Musikalisch gehört der Song zu den zurückhaltenderen Momenten der Platte. Die Gitarren verschwinden deshalb keineswegs, bekommen aber weniger die Aufgabe, alles niederzuwalzen. Dudelsäcke, melodische Elemente und die ruhigere Grundhaltung lassen dem Text mehr Platz. Gerade diese Passagen stehen »Herz aus Stein« gut.

Denn Tanzwut müssen 2026 niemandem mehr beweisen, wie viel Druck ein Dudelsack gemeinsam mit einer verzerrten Gitarre erzeugen kann.

DER ZEITGEIST BEKOMMT SEIN FETT WEG

»Zeitgeist« zieht die Schrauben anschließend wieder an. Härtere Gitarren und eine deutlich aggressivere Rhythmik rücken den Song zeitweise in die Nähe der Neuen Deutschen Härte, während die Mittelalter-Instrumente dafür sorgen, dass niemand ernsthaft an der Absenderadresse zweifeln muss. Thematisch blickt die Band nach außen. Selbstoptimierung, Anpassung und gesellschaftlicher Konformitätsdruck werden nicht mit übermäßiger lyrischer Feinmechanik behandelt, sondern mit jener Direktheit, die Tanzwut ohnehin besser steht.

Dabei besitzt der Song auch eine kleine Schwäche des Albums: Einige rhythmische Gitarrenfiguren und Gesangsphrasierungen bewegen sich auf ausgesprochen vertrautem NDH-Terrain. Wer das Genre seit Jahren verfolgt, dürfte verschiedene Bauteile ziemlich schnell erkennen. Allerdings retten Dudelsäcke und die unverkennbar eigene Melodik das Stück davor, vollständig in bekannten Mustern aufzugehen.

DIE SÄNGER SINGEN NOCH – UND DAS IST HIER WÖRTLICH GEMEINT

Einen inhaltlichen Mittelpunkt bildet »Die Sänger singen noch«. Die Diskussion über künstliche Intelligenz ist längst in der Musikindustrie angekommen. Stimmen können imitiert, Songs generiert und menschliche Ausdrucksformen technisch reproduziert werden. Tanzwut stellen dem eine ausgesprochen einfache Position gegenüber: Musiker spielen, Sänger singen und kreative Arbeit entsteht weiterhin durch Menschen.

Musikalisch wird daraus keine aggressive Protestnummer. Der Song setzt stärker auf Atmosphäre, Melodie und Stimmen, wodurch seine Botschaft wesentlich wärmer wirkt als die härteren gesellschaftlichen Kommentare des Albums. Besonders auffällig ist die zweite Version am Ende der Platte. Mit Mitgliedern beziehungsweise Stimmen aus dem Umfeld von Saltatio Mortis, Subway To Sally, Mono Inc., Sotiria, Soulbound und Heldmaschine wächst die Nummer zum gemeinschaftlichen Statement. Ob einem diese große Geste gefällt, ist Geschmackssache. Ein wenig Pathos lässt sich definitiv nicht leugnen. In Verbindung mit dem Thema ergibt die Vielzahl echter Stimmen allerdings durchaus Sinn.

DER KÖNIG HAT SEINE KASSE LEER

Weniger feierlich geht es bei »Der König ist pleite« weiter.

Die Nummer besitzt einen herrlich stampfenden Charakter und verbindet politischen Spott mit einer beinahe spielleutartigen Schadenfreude. Ein selbstherrlicher Herrscher überschätzt sich, die Fassade bekommt Risse und irgendwann bleibt von all der vermeintlichen Größe nicht mehr besonders viel übrig. Musikalisch drückt der Song kräftig. Gitarren und Rhythmusgruppe übernehmen einen großen Teil der Arbeit, während die mittelalterlichen Elemente gezielt dazwischenfahren…. Das dürfte live hervorragend funktionieren.

»Ich bin kein Engel« nimmt anschließend etwas Tempo heraus. Der Song bewegt sich stärker im Midtempo und lebt vor allem von Teufels Stimme, der Melodie und einer weniger hektischen Instrumentierung. Nicht jeder Titel auf »Herz aus Stein« muss permanent nach vorne stürmen. Gleichzeitig gehört die Nummer nicht zu denjenigen, die sich sofort mit Gewalt im Gedächtnis festsetzen. Im Kontext der Platte erfüllt sie ihre Aufgabe, ohne zu den größten Höhepunkten zu gehören.

EIN PAAR GLÄSER, EIN PAAR FEHLER UND KEINE REUE

Mit »Sag niemals nie« und »Wir haben’s übertrieben« darf anschließend wieder etwas mehr Leichtigkeit einziehen. Letzterer fällt besonders durch seine akustischere Ausrichtung auf. Nach mehreren massiveren Nummern wirkt diese Reduktion angenehm. Tanzwut können eben auch dann funktionieren, wenn nicht jede verfügbare Klangschicht gleichzeitig aus den Lautsprechern drückt.

Humor, Alkohol und die üblichen Entscheidungen, die im Nachhinein vermutlich besser ausgesehen hätten, wenn man sie nicht getroffen hätte, sorgen für eine willkommene Unterbrechung der gesellschaftlichen und emotionalen Schwere des Albums. Das könnte schnell zur reinen Sauflied-Pflichtübung werden.

Zum Glück besitzt »Wir haben’s übertrieben« genügend Selbstironie, um nicht vollständig am Stammtisch zu enden.

NO FUTURE – UND PLÖTZLICH WIRD ES PUNKIG

Die wohl deutlichste Überraschung folgt mit »No Future«.

Hier tritt das mittelalterliche Inventar einen Schritt zurück und lässt einer direkten, punkigen Rocknummer mehr Platz. Gitarren und Schlagzeug treiben den Song wesentlich geradliniger voran und auch Teufels Stimme wirkt dadurch noch rotziger. Gerade diese Reduktion ist erfrischend.

Tanzwut müssen nicht jedes Stück bis zum Rand mit Dudelsäcken und ornamentalen Melodien füllen. »No Future« zeigt ziemlich deutlich, dass die Band auch dann wiedererkennbar bleibt, wenn sie einen Teil ihrer üblichen Ausstattung vorübergehend im Proberaum stehen lässt. Vielleicht hätte »Herz aus Stein« sogar ein oder zwei weitere solcher Ausbrüche vertragen. Denn bei 14 Tracks und rund 55 Minuten besteht zwangsläufig die Gefahr, dass sich einzelne typische Mittelalter-Rock-Muster wiederholen.

WENN ALLE STRICKE REISSEN, BLEIBEN DIE FREUNDE

»Wenn alle Stricke reißen« rückt Freundschaft und Zusammenhalt in den Mittelpunkt. Das Arrangement stampft kontrolliert nach vorne und besitzt genügend hymnische Qualitäten, um auch diese Nummer ziemlich eindeutig für die Bühne zu empfehlen. Danach wird es deutlich kälter.

»Ewig wie das Eis« gehört zu den melancholischsten Stücken des Albums. Statt Feierlaune stehen Atmosphäre und Gefühl im Vordergrund. Gerade Geige und Cello tragen dazu bei, dass Tanzwut hier andere Klangfarben einsetzen können, ohne ihren eigenen Charakter abzustreifen. Der Song zeigt besonders deutlich, wie sinnvoll die erweiterten Instrumentierungen des Albums funktionieren.

Nicht jeder emotionale Moment braucht eine gigantische orchestrale Inszenierung. Manchmal reicht eine gute Melodie, ein etwas zurückgenommenes Arrangement und eine Stimme, die nicht versucht, jedes Gefühl mit Gewalt aus dem Text herauszupressen.

KEIN ABSCHIED MUSS STILL SEIN

Mit »Kein Abschied für immer« beschäftigt sich die Band schließlich mit Tod, Erinnerung und dem Weiterleben eines Menschen in den Erinnerungen der Zurückbleibenden. Interessanterweise wird daraus keine klassische Schlussballade, im Gegenteil! Stück bleibt rockig und besitzt Bewegung, obwohl sein Thema deutlich schwerer wiegt. Genau diese Entscheidung verhindert, dass der Song in übertriebener Sentimentalität versinkt.

Trauer muss musikalisch schließlich nicht zwangsläufig bedeuten, das Tempo auf die Hälfte zu reduzieren und ein Klavier in den Vordergrund zu stellen. Als eigentlicher Abschluss des Albums funktioniert »Kein Abschied für immer« hervorragend. Die zweite Version von »Die Sänger singen noch« ist deshalb eher als zusätzlicher gemeinschaftlicher Epilog zu verstehen.

ZWISCHEN ROUTINE UND NEUEM SPIELRAUM

Nach so vielen Jahren ist es schwierig, bei Tanzwut noch von einer musikalischen Neuerfindung zu sprechen – und »Herz aus Stein« versucht das zum Glück auch gar nicht.

Die Band kennt ihre Stärken.

Teufels kantige Stimme, Dudelsäcke, harte Gitarren und treibende Rhythmen bleiben das Fundament. Interessanter wird die Platte immer dort, wo dieses Fundament etwas gelockert wird: beim punkigen »No Future«, beim melancholischen »Ewig wie das Eis«, im emotionaleren Titeltrack oder bei der akustischeren Schlagseite von »Wir haben’s übertrieben«.

Auch Geige und Cello erweitern das Klangbild sinnvoll.

Nicht alles sitzt gleichermaßen stark. Manche Refrains und rhythmischen Muster fühlen sich ausgesprochen vertraut an und 14 Titel sind genügend Material, um kleinere Längen entstehen zu lassen. Der Mittelteil hätte etwas kompakter ausfallen können.

Produktionstechnisch gibt sich die Platte dagegen keine Blöße. Gitarren, Schlagzeug, Dudelsäcke, Keyboards und Streicher bekommen trotz der dichten Arrangements genügend Raum, ohne dass der typische Tanzwut-Druck verloren geht.

FAZIT:

»Herz aus Stein« verbindet die bekannten Stärken von Tanzwut mit punkigen Ausbrüchen, melancholischen Momenten und einer auffallend persönlichen Seite; besonders »Rosenkrieg«, »Herz aus Stein«, »No Future« und »Ewig wie das Eis« zeigen die Band in guter Form. Nicht jeder der 14 Songs überrascht gleichermaßen, doch zwischen Dudelsack, schweren Gitarren und echten Gefühlen schlägt dieses steinerne Herz ziemlich lebendig.

Musikvideo:

Seht hier das offizielle Musikvideo zu »Herz aus Stein« von Tanzwut.

Internet

Tanzwut - Herz aus Stein - Album Review

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