Tracklist
01. Barricade
02. Funeral Song
03. Winnebago (Lay Low)
04. Monster Truck
05. Deep End
06. Prenup
Besetzung
Tyler Connolly – Gesang, Gitarre, Keyboards
Dave Brenner – Gitarre
Dean Back – Bass
Joe Dandeneau – Schlagzeug, Gesang
Produktion: Chris Baseford
Zusätzliche Produktion: Tyler Connolly
Wer bei einem Titel wie »Part 1: Funeral Songs« eine halbe Stunde gepflegte Trauerarbeit erwartet, sollte den schwarzen Anzug besser wieder in den Schrank hängen. Auf ihrer ersten EP haben Theory of a Deadman wenig Interesse daran, still am Grab zu stehen. Stattdessen wird geschimpft, gespottet, über Beziehungen, schlechte Entscheidungen und Scheidungen hergezogen und zwischendurch ein Monster Truck angeworfen. Sechs Songs und knapp 22 Minuten reichen den Kanadiern, um ziemlich deutlich zu machen, worauf sie derzeit wieder Lust haben: große Gitarren, noch größere Refrains und jenen schwarzen bis gelegentlich albernen Humor, der schon ältere Abschnitte ihrer Diskografie geprägt hat.
Nach dem deutlich experimentierfreudigeren Weg der vergangenen Jahre ist »Part 1: Funeral Songs« damit tatsächlich eine Rückbewegung. Allerdings keine Kopie früherer Alben. Die Produktion klingt eindeutig nach modernem nordamerikanischem Radio-Rock, die Refrains sind auf maximale Wiedererkennbarkeit ausgelegt und Country-Anteile haben längst einen festen Platz im Klangbild gefunden. Trotzdem sitzt wieder mehr Dreck unter den Fingernägeln.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob Theory of a Deadman ihre alte Seite wiedergefunden haben. Die ist kaum zu überhören. Interessanter ist, wie lange der Spagat zwischen Selbstironie, breitbeinigem Rock und bewusst überzeichnetem Blödsinn trägt.
Hört Theory of a Deadman mit »Funeral Song«.
DIE BARRIKADE FÄLLT MIT DEM ERSTEN RIFF
»Barricade« verschwendet keine Zeit. Stimmen fordern den Fall der titelgebenden Barrikade, ehe Gitarren und Schlagzeug den eigentlichen Einstieg übernehmen. Tief gestimmte Riffs, ein kräftiger Rhythmus und Tyler Connollys sofort erkennbare Stimme bilden ziemlich genau jene Art von Alternative Rock, mit der sich Theory of a Deadman über Jahrzehnte ein vergleichsweise bequemes Zuhause eingerichtet haben.
Bequem bedeutet hier allerdings nicht kraftlos. Der Opener besitzt ordentlich Schub. Vor allem die Gitarren dürfen wieder stärker drücken, während der Refrain offensichtlich dafür geschrieben wurde, von einem größeren Publikum zurückgebrüllt zu werden. Besonders kompliziert ist das alles nicht. Muss es aber auch nicht sein.
Inhaltlich steht die Barrikade für eine Beziehung, in der eine Seite emotional nicht mehr durchkommt. Das ist nun wahrlich keine lyrische Neuerfindung der Rockmusik, funktioniert zusammen mit dem direkten Arrangement aber erstaunlich gut. Connolly braucht keine komplizierten Bilder, wenn ein kräftiges Riff und eine einfache Metapher denselben Job erledigen.
Gleichzeitig offenbart »Barricade« bereits die Produktionsweise der gesamten EP. Von wirklicher Rohheit kann trotz der musikalischen Rückbesinnung keine Rede sein. Alles sitzt sauber, Stimmen und Instrumente sind deutlich voneinander getrennt und der Refrain bekommt genau dort zusätzlichen Druck, wo er ihn benötigt. Chris Baseford produziert hier keine Garagenaufnahme, sondern modernen, ausgesprochen zielgerichteten Rock.
EINE BEERDIGUNG MIT VERDÄCHTIG GUTER LAUNE
Der Titeltrack beginnt standesgemäß mit einer Kirchenorgel. Für einige Sekunden könnte man tatsächlich glauben, »Funeral Song« würde sich in angemessenem Tempo zum Friedhof bewegen. Dann setzt das Schlagzeug ein und aus der vermeintlichen Trauerfeier wird ziemlich schnell ein schlecht gelaunter Abgesang mit bemerkenswert guter Laune.
Genau dieser Gegensatz ist die beste Idee des Songs. Der Text begräbt einen Menschen beziehungsweise eine Beziehung sinnbildlich, während die Musik keinerlei Interesse an ehrfürchtiger Stille zeigt. Der Rhythmus zieht an, die Gitarren schieben und der Refrain besitzt beinahe etwas Feierliches – nur eben für jemanden, dessen Verschwinden offenbar niemanden zu Tränen rührt.
Das kann man geschmacklos finden. Man kann es aber ebenso als ziemlich typischen Theory of a Deadman-Humor verstehen. Connolly war noch nie dafür bekannt, gescheiterte Beziehungen ausschließlich mit feinsinniger Lyrik und gebrochenem Herzen zu kommentieren. Hier funktioniert die Boshaftigkeit vor allem deshalb, weil die Musik den Witz nicht übererklärt.
Überhaupt gehört »Funeral Song« zu den stärksten Nummern der EP. Die Melodie bleibt hängen, der Aufbau ist kompakt und der Song kennt seine Pointe, bevor sie sich totlaufen kann.
WOHNMOBIL STATT NACHTLEBEN
Mit »Winnebago (Lay Low)« wird der Country-Einschlag anschließend deutlich offensichtlicher. Statt mit vollem Gewicht nach vorne zu drücken, lehnt sich die Band zurück. Gitarren-Licks, ein entspannter Groove und ein Refrain, der sich schon beim ersten Durchlauf festsetzt, lassen den Song zwischen Country Rock und Alternative Rock pendeln.
Auch inhaltlich wird es bodenständiger. Die wilde Nacht verliert mit zunehmendem Alter bekanntlich etwas von ihrem Glanz, spätestens wenn man am nächsten Morgen versucht herauszufinden, welche Entscheidungen eigentlich zu welcher Katastrophe geführt haben. Die Alternative: einfach zu Hause beziehungsweise im Winnebago bleiben und sich den Ärger sparen.
Das ist keine tiefgreifende Lebensphilosophie, aber ein erstaunlich geeigneter Stoff für einen solchen Song.
Problematisch wird es eher dort, wo Theory of a Deadman ihre amerikanisierte Country-Rock-Seite ein wenig zu bereitwillig bedienen. »Winnebago (Lay Low)« ist derart sauber auf Eingängigkeit gebaut, dass ihm etwas Widerstand fehlt. Bass, Schlagzeug und Gitarren machen exakt das Richtige, der Refrain kommt genau zum erwarteten Zeitpunkt und Connolly liefert die passende Melodie dazu.
Das Ergebnis funktioniert. Nur Überraschungen sollte niemand erwarten.
JETZT WIRD DER MONSTER TRUCK GESTARTET
Und dann wäre da »Monster Truck«.
Es dürfte der Song sein, an dem sich die Meinungen am stärksten scheiden. Schon die Grundidee bewegt sich derart bewusst durch nordamerikanische Klischees, dass man sich gelegentlich fragt, ob die Band gerade eine Karikatur zeichnet oder selbst mitten im Bild steht.
Musikalisch wird jedenfalls nicht gekleckert. Der Rhythmus stampft, die Gitarren stehen breit im Raum und alles an diesem Song wirkt absichtlich überdimensioniert. Würde man »Monster Truck« einen dezenten Gitarrenton oder eine zurückhaltende Passage verpassen, wäre vermutlich irgendwo ein Gesetz verletzt.
Gerade dadurch besitzt die Nummer Unterhaltungswert. Theory of a Deadman nehmen das Motiv nicht mit dokumentarischem Ernst, sondern überzeichnen es deutlich. Das Problem besteht darin, dass Satire und das tatsächliche Bedienen eines Klischees musikalisch manchmal verdammt dicht nebeneinander wohnen.
Wer diesen Humor ohnehin nicht mag, wird »Monster Truck« wahrscheinlich für ziemlich dämlich halten.
Ganz von der Hand weisen lässt sich dieser Vorwurf nicht.
Trotzdem sollte man darüber nicht vergessen, dass die Band handwerklich genau weiß, wie ein solcher Song gebaut werden muss. Der Groove funktioniert, der Refrain sitzt und die Produktion verleiht den Gitarren genügend Gewicht. Die Nummer ist nicht subtil, möchte es aber offensichtlich auch keine Sekunde lang sein.
AM TIEFEN ENDE WIRD ES PLÖTZLICH ERNST
Nach all dem Spaß kommt »Deep End« beinahe überraschend nüchtern daher. Das Tempo sinkt, akustischere beziehungsweise zurückgenommene Gitarren schaffen mehr Raum und Connolly darf zeigen, dass seine Stimme außerhalb von Sarkasmus und großen Rock-Refrains ebenso funktioniert.
Die Ballade gehört gerade deshalb zu den wichtigen Songs der EP. Ohne sie wäre »Part 1: Funeral Songs« möglicherweise an der eigenen guten Laune erstickt.
»Deep End« beschäftigt sich mit emotionaler Überforderung und dem Gefühl, den Halt zu verlieren. Musikalisch wächst der Song langsam aus seiner ruhigeren Ausgangslage heraus. Schlagzeug und Gitarren nehmen Stück für Stück mehr Raum ein, ohne dass daraus plötzlich eine völlig andere Nummer wird.
Natürlich bewegt sich auch dieser Titel auf vertrautem Terrain. Der Aufbau einer modernen Rockballade ist hier deutlich zu erkennen und Überraschungen bleiben überschaubar. Doch gerade Connollys melodisches Gespür verhindert, dass daraus bloße Pflichterfüllung wird.
Wo »Monster Truck« absichtlich jede Form von Zurückhaltung überfährt, braucht »Deep End« keine Pointe. Das tut der EP gut.
EHEVERTRAG STATT HAPPY END
Zum Abschluss kehrt mit »Prenup« der Sarkasmus zurück. Schon der Titel macht deutlich, dass romantische Verklärung diesmal nicht auf dem Programm steht. Ein Ehevertrag, finanzielle Folgen gescheiterter Beziehungen und der übliche menschliche Kleinkrieg liefern genügend Material für Connollys Humor.
Musikalisch treffen erneut Country-Anteile auf Rock. Akustisch gefärbte Passagen werden von einem deutlich kräftigeren Refrain aufgefangen, und spätestens dort zeigt sich wieder das größte Talent dieser EP: Theory of a Deadman können Refrains schreiben, die man nach erstaunlich kurzer Zeit kennt, obwohl man sie eigentlich gerade erst gehört hat.
Ob man den Text witzig findet, hängt stark von der persönlichen Schmerzgrenze gegenüber dieser Art Humor ab. Manche Pointen kommen mit der Feinfühligkeit einer Scheidungsvereinbarung auf den Tisch. Gleichzeitig passt genau das zum Song.
Als Abschluss funktioniert »Prenup« hervorragend. Nach der Ernsthaftigkeit von »Deep End« verabschiedet sich die EP nicht nachdenklich, sondern mit hochgezogener Augenbraue.
SECHS SONGS SIND HIER GENAU RICHTIG
Eine der besten Entscheidungen hinter »Part 1: Funeral Songs« betrifft letztlich das Format selbst. Sechs Songs und knapp 22 Minuten lassen kaum Zeit für Leerlauf.
Auf einem vollständigen Album könnte sich die Mischung aus Beziehungsfrust, Sarkasmus, Country-Rock und riesigen Refrains irgendwann abnutzen. Als EP funktioniert sie wesentlich besser. »Barricade« und »Funeral Song« sorgen für einen kräftigen Auftakt, »Winnebago (Lay Low)« und »Monster Truck« drehen den Country-Regler nach oben, »Deep End« liefert den emotionalen Gegenpol und »Prenup« beendet die Veranstaltung mit einem letzten schlechten Gedanken über Beziehungen.
Produktionstechnisch ist das Ganze erwartbar professionell. Dean Backs Bass und Joe Dandeneaus Schlagzeug bilden ein stabiles Fundament, Dave Brenners Gitarren liefern Druck und Connolly steht mit seiner charakteristischen, leicht rauen Stimme deutlich im Mittelpunkt.
Interessant ist dabei, dass die viel beschworene Rückkehr zu einem älteren, dreckigeren Sound eher im Songwriting als im eigentlichen Klangbild stattfindet. Die Produktion selbst ist weiterhin glatt genug für moderne Rock-Radios, Playlists und große Anlagen. Der Unterschied liegt darin, dass wieder häufiger ein Gitarrenriff die Richtung vorgibt und die Band weniger Scheu vor albernen Ideen hat.
Das wirkt stellenweise befreiend.
Gelegentlich wirkt es allerdings ebenso, als hätten vier erwachsene Männer beschlossen, dass ein besonders großer Geländereifen bereits eine Pointe darstellt.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
ZWISCHEN SELBSTIRONIE UND SELBSTPARODIE
Genau dort liegt die interessanteste Schwäche von »Part 1: Funeral Songs«. Theory of a Deadman funktionieren hervorragend, wenn ihre Selbstironie einen tatsächlich guten Song begleitet. Bei »Funeral Song« oder »Prenup« trägt der Witz die Komposition, ohne sie vollständig zu ersetzen.
Bei »Monster Truck« verschwimmt die Grenze zwischen bewusster Überzeichnung und Selbstparodie wesentlich stärker.
Das ist allerdings immer noch interessanter als eine Band, die nach mehr als zwei Jahrzehnten versucht, mit verkrampfter Ernsthaftigkeit ihre eigene Bedeutung zu erklären.
Die Kanadier machen das Gegenteil. Sie wissen ziemlich genau, welche Vorurteile gegenüber ihrer Musik existieren und scheinen wenig Interesse daran zu haben, diese mit einem kunstvollen Konzeptalbum zu widerlegen. Stattdessen drehen sie den Verstärker auf, schreiben den nächsten Refrain und setzen notfalls noch einen Monster Truck daneben.
Das besitzt eine gewisse Konsequenz.
FAZIT:
»Part 1: Funeral Songs« ist eine kompakte Rückbesinnung auf jene Seite von Theory of a Deadman, die große Gitarren, eingängige Refrains, Sarkasmus und schlechte Lebensentscheidungen schon immer für ausgezeichnete Zutaten eines Rocksongs gehalten hat.
Besonders »Barricade« und »Funeral Song« zeigen, wie gut dieser Ansatz noch funktioniert. »Deep End« sorgt zur richtigen Zeit für emotionale Tiefe, während »Winnebago (Lay Low)« und »Prenup« ihre Country-Rock-Einflüsse mit bemerkenswert hartnäckigen Melodien verbinden.
Lediglich »Monster Truck« fährt den Witz derart breit aus, dass zwischen Satire und Klischee kaum noch Platz für den Mittelstreifen bleibt. Auch generell darf man von den sechs Songs weder musikalische Revolutionen noch lyrische Feinarbeit erwarten.
Doch dafür ist diese EP offensichtlich nicht gebaut worden.
Theory of a Deadman wollten wieder direkter, dreckiger und vor allem unterhaltsamer klingen. Das gelingt ihnen über weite Strecken. Die moderne Produktion verhindert zwar, dass daraus tatsächlich eine rohe Angelegenheit wird, aber beim Songwriting steht die Gitarre wieder stärker im Mittelpunkt und die Band wirkt deutlich weniger daran interessiert, sich selbst besonders ernst zu nehmen.
Mit sechs Songs besitzt »Part 1: Funeral Songs« außerdem genau die richtige Länge. Noch drei Nummern über Scheidungen, Wohnmobile und fragwürdige Freizeitgestaltung hätten die Wirkung möglicherweise verwässert.
So bleibt eine kurze, ausgesprochen eingängige Rock-EP mit reichlich Selbstironie, einigen kräftigen Riffs und ausreichend fragwürdigem Humor für mehrere Beerdigungen.
Nur die Trauerrede sollte vielleicht jemand anderes halten.






