Tracklist
01. Intro
02. Forsaker
03. Breakout
04. Reflect
05. Adrenaline
06. Intoxicated
07. Odyssey
Besetzung
Marv Kinkel – Gesang
Andy Posdziech – Gitarre
Jean Bormann – Gitarre, Gesang
Rob Lee – Bass
Maik Feldmann – Schlagzeug
Eine Band Doomcrusher zu nennen, weckt gewisse Erwartungen. Wer unter diesem Namen sieben verträumte Stücke über Blumenwiesen veröffentlicht, müsste entweder einen sehr speziellen Humor besitzen oder seine Zielgruppe absichtlich verwirren wollen. Die 2023 gegründete deutsche Formation entscheidet sich erwartungsgemäß für die andere Möglichkeit: tiefe Gitarren, massive Breakdowns, elektronische Texturen, Industrial-Schwere und Stimmen, die wenig Interesse an Zimmerlautstärke zeigen.
Hinter Doomcrusher stehen allerdings keine Anfänger. Mit Andy Posdziech von Any Given Day, Jean Bormann von Rage, Sänger Marv Kinkel, Bassist Rob Lee und dem später hinzugekommenen Maik Feldmann von Betontod trifft einiges an Erfahrung aus unterschiedlichen Ecken der deutschen Rock- und Metalszene aufeinander. Trotzdem klingt »Forsaker« nicht wie die übliche Zusammenkunft bekannter Musiker, bei der jeder möglichst deutlich zeigen möchte, aus welcher Hauptband er stammt.
Stattdessen besitzt die erste große Werkschau der Formation eine ziemlich klare Richtung.
Hört Doomcrusher mit der EP »Forsaker«.
Metalcore bildet das Fundament, doch darauf stapeln Doomcrusher industriell stampfende Rhythmen, elektronische Flächen, moderne Produktion, Deathcore-Anleihen und melodische Refrains. Die EP bewegt sich dabei bevorzugt im mittleren Tempo und sucht ihre Gewalt weniger in permanentem Hochgeschwindigkeitsgeprügel als in Gewicht.
Oder anders gesagt: Hier wird nicht unbedingt schneller zugeschlagen. Dafür schwerer.
EINE MINUTE ANLAUF – DANN FÄLLT DIE WAND
Das schlicht »Intro« betitelte Eröffnungsstück beansprucht gerade einmal eine Minute und erfüllt entsprechend vor allem eine Aufgabe: Atmosphäre aufbauen. Die eigentliche Vorstellung beginnt unmittelbar danach mit dem Titeltrack.
Und »Forsaker« macht ziemlich schnell klar, warum diese Band ihren Namen nicht zufällig gewählt hat.
Unheilvolle Spoken-Word-Passagen erzeugen zunächst Spannung, bevor tiefe Gitarren, harte Screams und ein schwer arbeitendes Schlagzeug die vorbereitete Fläche übernehmen. Entscheidender als die reine Härte ist allerdings die Dynamik. Der Song verlässt sich nicht darauf, drei Minuten lang denselben Breakdown wiederzukäuen, sondern lässt elektronische Elemente und melodischere Passagen zwischen den massiven Teilen auftauchen.
Gerade dadurch entwickelt das Stück eine eigene Spannung.
Textlich geht es um den Punkt, an dem Manipulation, toxische Bindungen und die eigenen selbstzerstörerischen Gedanken nicht länger als unveränderbarer Zustand akzeptiert werden. Der titelgebende »Forsaker« ist damit weniger eine Figur als eine Haltung: abschneiden, was einen nach unten zieht, und wieder Kontrolle über den eigenen Weg gewinnen.
Das klingt auf dem Papier schnell nach Motivationsposter.
Musikalisch verhindert die Band diesen Eindruck jedoch ziemlich wirkungsvoll, indem sie die Selbstbefreiung nicht mit freundlichen Akkorden illustriert, sondern mit einer Wand aus Gitarren beantwortet.
BREAKOUT MACHT SEINEN NAMEN ZUM PROGRAMM
»Breakout« gehört zu den ältesten Stücken auf »Forsaker« und war bereits 2024 die Debütsingle der Band. Innerhalb der EP wirkt der Song trotzdem keineswegs wie ein Fremdkörper.
Das Grundprinzip ist ähnlich: schwere, pumpende Rhythmen treffen auf moderne Elektronik und verschiedene Formen aggressiven Gesangs. Gleichzeitig schiebt die Nummer stellenweise deutlich stärker in Richtung Deathcore. Die tiefen vokalen Ausbrüche und die massiven rhythmischen Einschnitte wirken brutaler als die melodischeren Seiten des Titeltracks.
Interessant ist dabei die Arbeit mit mehreren Stimmen. Doomcrusher verlassen sich nicht ausschließlich auf das inzwischen reichlich bekannte Metalcore-Prinzip aus Strophe schreien, Refrain singen, Breakdown abholen und Feierabend. Unterschiedliche vokale Farben sorgen dafür, dass selbst innerhalb der härteren Passagen Bewegung entsteht.
Inhaltlich passt »Breakout« perfekt zum später entstandenen Überbau der EP. Alltag, Verpflichtungen und Sorgen werden als Belastung beschrieben, aus der man ausbrechen muss. Damit findet sich bereits hier der Gedanke, der »Forsaker« insgesamt zusammenhält: Befreiung funktioniert nicht dadurch, auf bessere Umstände zu warten.
Man muss irgendwann selbst die Tür eintreten.
REFLECT HÄLT DEN BLICK IN DEN SPIEGEL
Bei »Reflect« wird deutlich, dass die elektronischen Elemente bei Doomcrusher nicht bloß als Dekoration zwischen zwei Gitarrenwänden liegen. Sie gehören fest zum rhythmischen Aufbau.
Das sorgt für eine moderne, gelegentlich beinahe synthetische Kälte, die ausgezeichnet zu den schweren Midtempo-Riffs passt. Statt den Industrial-Anteil mit metallischen Geräuschen oder irgendwelchen Fabriksamples künstlich zu markieren, entsteht der Eindruck vor allem aus der Verbindung von programmierten Texturen, präzisem Groove und dem druckvollen Gitarrensound.
Die Band bleibt trotzdem eindeutig im Metalcore verwurzelt.
Genau diese Balance gehört zu den Stärken der EP. Doomcrusher versuchen nicht, aus jedem elektronischen Geräusch sofort einen stilistischen Richtungswechsel zu machen. Die synthetischen Elemente verstärken die Atmosphäre, während Gitarren, Bass und Schlagzeug das körperliche Gewicht liefern.
Allerdings zeigt sich hier auch eine kleine Schwäche von »Forsaker«. Wer viel modernen Metalcore hört, wird einige Bausteine ziemlich schnell erkennen. Tief gestimmte Riffs, elektronisches Fundament, große Hook, Breakdowns – die Zutaten sind bekannt.
Der Unterschied liegt deshalb weniger darin, was verwendet wird, sondern wie überzeugend es zusammengesetzt ist.
Und das funktioniert bei »Reflect« ziemlich ordentlich.
ADRENALINE TRIFFT AUF DIE VERWANDTSCHAFT
Bei »Adrenaline« wird die personelle Verbindung zu Any Given Day auch offiziell zum Bestandteil des Songs. Die Zusammenarbeit beider Bands liegt angesichts von Andy Posdziechs Doppelrolle natürlich nahe.
Musikalisch passt das Stück fast zu gut in diese Kombination.
Der massive Groove, die Mischung aus Härte und großer melodischer Geste sowie die moderne Produktion sitzen unmittelbar dort, wo sich die musikalischen Welten beider Bands berühren. »Adrenaline« gehört dadurch zu den zugänglichsten Nummern der EP, ohne deswegen plötzlich die Zähne einzuziehen.
Gerade der Refrain setzt einen deutlichen Kontrast zu den aggressiveren Passagen und zeigt eine weitere Stärke von Doomcrusher: Die Band hat keine Angst vor Melodie.
Das mag selbstverständlich klingen, ist es im modernen Core-Bereich aber nicht immer. Manche Formationen behandeln einen eingängigen Refrain inzwischen beinahe wie ein notwendiges Zugeständnis zwischen zwei möglichst tief gestimmten Breakdowns. Hier ist die Hook Bestandteil des eigentlichen Arrangements.
Das macht »Adrenaline« unmittelbar, vielleicht sogar etwas vorhersehbar, aber eben auch ziemlich effektiv.
INTOXICATED DRÜCKT DAS PEDAL DURCH
Mit »Intoxicated« kommt einer der Titel ins Spiel, die zum eigentlichen EP-Release noch nicht längst durch verschiedene Singleveröffentlichungen bekannt waren.
Und das tut »Forsaker« gut.
Die Nummer verzichtet auf langes Vorgeplänkel und setzt auf kräftige Gitarren, hart arbeitende Rhythmen und eine Gesangsleistung, die den aggressiveren Charakter des Materials nach vorne stellt. Dabei ist erneut auffällig, dass die Band ihre Wirkung nicht ausschließlich über Geschwindigkeit erzielt. Vieles lebt vom Gewicht einzelner Schläge und davon, wie viel Raum die schweren Passagen erhalten.
Dadurch besitzt »Intoxicated« diese unangenehme körperliche Qualität, die für guten Metalcore wichtiger sein kann als technisches Dauerfeuer.
Wenn ein Riff richtig sitzt, muss man nicht fünf weitere darüberstapeln.
Die Produktion hilft dabei erheblich. Trotz der vielen elektronischen Ebenen verliert das Stück nicht seinen Druck. Gitarren und Rhythmusgruppe bekommen genügend Platz, während die synthetischen Bestandteile den Song verbreitern, statt ihn zuzuschütten.
ODYSSEY LÄSST ETWAS MEHR LUFT HEREIN
Der abschließende »Odyssey« erweitert den Klangraum noch einmal und eignet sich gerade deshalb gut als Schlusspunkt.
Atmosphäre spielt hier eine größere Rolle, ohne dass Doomcrusher ihre Schwere an der Garderobe abgeben. Elektronische Ebenen und melodische Ansätze öffnen das Arrangement, während die bekannten Midtempo-Gitarren dafür sorgen, dass der Song jederzeit zur restlichen EP gehört.
Genau darin steckt letztlich die wichtigste Qualität von »Forsaker«.
Die sieben Stücke – beziehungsweise sechs vollständigen Songs plus Intro – besitzen unterschiedliche Akzente, klingen aber nie wie Material, das zufällig aus verschiedenen Projekten zusammengetragen wurde. Angesichts der musikalischen Lebensläufe der beteiligten Musiker wäre genau das durchaus eine Gefahr gewesen.
Stattdessen ist eine klare gemeinsame Klangsprache entstanden.
DAS PROBLEM MIT DEN VIELEN SINGLES
Einen kleinen Haken besitzt die Veröffentlichung trotzdem.
Wer Doomcrusher seit ihren Anfängen verfolgt, bekommt im September 2026 keinen komplett unbekannten Stapel neuer Songs serviert. »Breakout«, »Reflect«, »Adrenaline«, »Odyssey« und schließlich »Forsaker« waren bereits vor der vollständigen Veröffentlichung verfügbar.
Damit funktioniert die EP für langjährige Hörer teilweise eher als Zusammenführung der bisherigen Entwicklung.
Das ist im Streamingzeitalter keine Besonderheit mehr, nimmt einer neuen Veröffentlichung aber zwangsläufig etwas von jenem Entdeckungsgefühl, das entsteht, wenn man sechs oder sieben komplett unbekannte Stücke zum ersten Mal nacheinander hört.
Andererseits zeigt gerade die Zusammenstellung, wie konsequent sich Doomcrusher seit ihrer ersten Single entwickelt haben.
Die Songs wirken nicht wie einzelne Versuche auf der Suche nach einer Identität. Sie ergeben rückblickend ein ziemlich geschlossenes Bild.
SCHWERE OHNE ORIENTIERUNGSVERLUST
Besonders angenehm ist, dass »Forsaker« trotz seiner massiven Produktion nicht in jenem modernen Metalcore-Einheitsbrei verschwindet, bei dem irgendwann jede Gitarre dieselbe Tiefe, jedes Schlagzeug denselben Trigger und jeder Refrain denselben Bauplan besitzt.
Ganz frei von Genrestandards sind Doomcrusher selbstverständlich nicht.
Breakdowns werden zuverlässig dort platziert, wo sie Wirkung erzielen. Elektronik sorgt für zusätzliche Größe. Harte Strophen öffnen sich regelmäßig in melodischere Passagen. Das kennt man.
Aber die Industrial-Schwere und das ausgeprägte Interesse an Midtempo-Grooves geben der Band genügend Persönlichkeit, um nicht einfach wie eine weitere Kopie der derzeit erfolgreichen Core-Formel zu wirken.
Hinzu kommt eine Produktion, die ausgesprochen modern klingt, ohne die Musik komplett unter Hochglanz zu begraben. Alles ist groß, breit und präzise, aber der zentrale Druck bleibt erhalten.
Bei einer Band namens Doomcrusher ist das vermutlich keine unwichtige Voraussetzung.
FAZIT:
Mit »Forsaker« liefern Doomcrusher eine kompakte und erstaunlich geschlossene EP, die modernen Metalcore mit Industrial-Grooves, elektronischen Texturen und einer guten Portion melodischer Eingängigkeit verbindet.
Das Ganze dauert keine 22 Minuten und verschwendet entsprechend wenig Zeit Was es eigentlich gar nicht tut! Im Gegenteil! Der Wunsch auf Repeat zu drücken, ist definitiv vorhanden. Doomcrusher – Ein Name der Programm ist und das darf und soll er auch ruhig bleiben.






