Tracklist
01. The Massacre Of Flour
02. I Fuck People
03. Towers Of Silence
Besetzung
Joost Verhagen – Gesang, Synths, Shruti, Tanpura
Derek Twiss – Schlagzeug
Tristan »Lama Waaien« – Gitarre, Saxophon
Sterre Marrée – Bass, Backing Vocals
Manchmal reicht ein Bandname schon aus, um zu wissen: Hier wird heute nicht gemütlich nebenbei gebügelt. A Plague Of Lighthouse Keepers aus Haarlem legen mit »Towers Of Silence« ihre Debüt-EP vor und klingen dabei, als hätte jemand Doom, Sludge, Drone, Free Jazz, Raga und Noise in einen Raum gesperrt und dann vergessen, wo der Schlüssel liegt. Das ist nicht bequem, nicht leicht zugänglich und schon gar nicht der passende Soundtrack für ein erstes Date – außer man möchte direkt testen, wie belastbar die andere Person wirklich ist.
Der Ansatz ist allerdings spannender als reine Krachkunst. A Plague Of Lighthouse Keepers nehmen Drone Metal nicht als bloßen Dauerzustand, sondern als Ausgangspunkt für Bewegung. Die drei Stücke arbeiten mit Wiederholung, Überforderung, plötzlichen Ausbrüchen, spirituell anmutenden Klangfarben und einer politischen Schärfe, die nicht als Nebensatz auftaucht. Die Band verhandelt Verzweiflung, Wut, Identität, queere Solidarität, Krieg, politische Ohnmacht und die Suche nach einem Rest Hoffnung. Also alles Themen, die man sonst vielleicht nicht unbedingt zwischen Kaffee und Marmorkuchen bespricht. Hier schon. Nur eben mit Saxophon, Schreien und sehr viel Druck.
(Hört hier »Towers Of Silence« von A Plague Of Lighthouse Keepers)
KEIN EINFACHER EINSTIEG, ABER EIN DEUTLICHER
»The Massacre Of Flour« ist direkt ein Statement. Der Song bezieht sich inhaltlich auf das fortgesetzte Leid in Palästina und verbindet politische Wut mit einem musikalischen Aufbau, der zunächst fast widerständig gegen klare Form arbeitet. Lärm, Schwere, Schreie und rhythmische Verschiebungen stoßen gegeneinander, bis sich nach und nach eine Struktur herausschält. Das ist nicht sofort angenehm, aber sehr wirksam. Man merkt: Diese Band will nicht nur laut sein, sie will Reibung erzeugen.
Besonders stark ist der Mittelteil. Hier entsteht kurz Raum, bevor die Nummer wieder in ihre eigene Spannung zurückkippt. Das Schlagzeug von Derek Twiss hält den Song nicht brav zusammen, sondern treibt ihn in mehreren Schüben voran. Die Gitarre von Tristan »Lama Waaien« arbeitet nicht mit klassischen Riffs im Stoner-Sinn, sondern eher mit texturaler Gewalt. Dazu kommt Joost Verhagens Stimme, die zwischen Anrufung, Anklage und Kontrollverlust pendelt. Wer hier einen Refrain sucht, sollte vielleicht besser die Bedienungsanleitung des Toasters lesen. Die ist berechenbarer.
FREE JAZZ TRIFFT WUTBLOCK
»I Fuck People« ist der Titel, bei dem man kurz zweimal auf die Tracklist schaut und dann denkt: Ja gut, Zurückhaltung war offenbar ausverkauft. Inhaltlich positioniert sich der Song klar als Solidaritätsbekundung mit marginalisierten queeren Communities. Das allein wäre schon bemerkenswert, weil extreme Musik solche Themen oft eher zwischen Symbolik und Dunkelkammer versteckt. A Plague Of Lighthouse Keepers gehen offensiver damit um.
Musikalisch ist das Stück der unruhigste Moment der EP. Free-Jazz-Saxophon, Sludge-Gewicht, avantgardistische Ausbrüche und diese bewusst zerfaserte Energie machen den Song zu einem ziemlich wilden Ritt. Hier ist viel los, manchmal fast zu viel. Aber genau darin liegt der Reiz. Der Song klingt nicht chaotisch, weil niemand weiß, was er tut. Er klingt chaotisch, weil das Chaos Teil der Aussage ist. Identität, Körper, Ausgrenzung, Widerstand – das wird hier nicht schön sortiert, sondern eruptiv in den Raum gestellt.
Man kann diesen Track anstrengend finden. Sollte man vielleicht sogar. Aber langweilig ist er keine Sekunde. Und das ist in einem Bereich, in dem manche Bands ihre zehn Minuten Drone auch mal mit „wir haben das halt so gefühlt“ rechtfertigen, schon ein echter Vorteil.
DIE STILLE IST AUCH NICHT FRIEDLICH
Der Titeltrack »Towers Of Silence« ist mit über neun Minuten das Zentrum der EP. Nach den zwei vorherigen Attacken wirkt der Einstieg fast zurückgenommen. Tanpura- und Shruti-Färbungen, Drone-Strukturen und eine langsame Entwicklung schaffen eine rituellere Atmosphäre. Die Band klingt hier weniger wie ein Zusammenprall und mehr wie eine Zeremonie, die jederzeit kippen kann. Also ungefähr so beruhigend wie ein Fahrstuhl, der plötzlich anfängt, Sanskrit zu murmeln.
Inhaltlich sucht der Song nach Bedeutung angesichts von Endlichkeit, Tod und menschlicher Erschöpfung. Es geht nicht nur um Zerfall, sondern auch um die Möglichkeit, darin irgendeine Form von Sinn oder innerem Halt zu finden. Die klareren Stimmen geben dem Stück zunächst eine fast entrückte Schönheit, bevor die Härte wieder zurückkehrt. Gerade dieser Kontrast macht den Song so stark. Er zeigt, dass A Plague Of Lighthouse Keepers nicht nur schreien, scheppern und alles gegen die Wand fahren können. Sie können auch Spannung halten.
Der Schluss hat etwas Beschwörendes. Wiederholung, Stimme, Lärm und Rhythmus ziehen sich zusammen, ohne eine klassische Auflösung zu liefern. Das ist mutig, aber nicht bequem. Der Song endet nicht mit großem Aha-Moment, sondern lässt den Hörer in einem Zustand zurück, der irgendwo zwischen Faszination und leichter Überforderung liegt. Gute Kunst darf das. Schlechte übrigens auch, aber hier klappt es.
KLANG, MUT UND ZUMUTUNG
Produktionstechnisch ist »Towers Of Silence« roh genug, um gefährlich zu bleiben, aber klar genug, um die Details nicht komplett zu verschlucken. Marlon Wolterink hat im White Noise Studio einen Sound eingefangen, der die Band nicht künstlich glättet. Die EP lebt von Reibung, Lautstärkeschüben und dem Gefühl, dass jeder Moment gleich aus der Spur springen könnte. Gleichzeitig bleiben Bass, Drums, Gitarre, Saxophon und Stimmen als Einzelteile wahrnehmbar. Bei dieser Musik ist das keine Selbstverständlichkeit.
Die größte Stärke der EP ist ihr Mut zur Unbequemlichkeit. A Plague Of Lighthouse Keepers wollen nicht gefallen, sie wollen etwas auslösen. Das gelingt. Die Band nimmt Doom und Sludge als Körper, Free Jazz und Noise als Nervensystem und rituelle Elemente als dunkle Beleuchtung. Daraus entsteht eine Musik, die sich nicht freundlich erschließt, aber eine starke eigene Logik besitzt.
Natürlich ist das nichts für jeden. Wer Hooks, klare Songstrukturen oder einen netten Einstieg in extreme Musik sucht, sollte hier nicht anfangen. Das ist eher eine EP für Leute, die OM, Sumac, Swans, Sunn O))), Nadja und freie Improvisation nicht nur respektieren, sondern freiwillig auflegen. Die Platte fordert Geduld, offene Ohren und eine gewisse Bereitschaft, zwischendurch zu denken: „Was passiert hier gerade, und warum nicke ich trotzdem mit?“
FAZIT:
»Towers Of Silence« ist ein bemerkenswert eigenwilliges Debüt. A Plague Of Lighthouse Keepers liefern keine leichte Kost, aber eine EP mit Haltung, Substanz und starker künstlerischer Handschrift. Die drei Songs verbinden Sludge, Doom, Drone, Free Jazz, Noise und rituelle Klangflächen zu einem Werk, das politisch, persönlich und spirituell zugleich denkt.
Besonders »The Massacre Of Flour« und der Titeltrack zeigen, wie wirkungsvoll diese Band Spannung aufbauen kann. »I Fuck People« ist der wildeste, schwierigste und vielleicht spaltendste Moment, aber gerade dadurch wichtig für das Gesamtbild. Nicht alles ist sofort zugänglich, nicht jede Passage wirkt beim ersten Hören vollständig greifbar, doch die EP bleibt konsequent und intensiv.
Unterm Strich ist »Towers Of Silence« ein starkes erstes Ausrufezeichen im europäischen Experimental-Heavy-Underground. Kein Album für nebenbei, kein Stoff für gemütliche Autofahrten, kein Soundtrack für Menschen, die beim Wort „Saxophon“ bereits nervös nach der Skip-Taste suchen. Aber für offene Hörer, die extreme Musik noch als Risiko verstehen, ist das hier eine sehr lohnende Zumutung. Und mal ehrlich: Eine lohnende Zumutung ist im Metal manchmal mehr wert als die zehnte sauber durchproduzierte Riff-Tapete.






