Tracklist
01. I
02. II
03. III
04. IV
05. V
06. VI
07. VII
Besetzung
Kõdu – Guitars
Samantha Surmatalv – Guitars, Vocals
Tomi Tooming – Drums
Die estnische Band KÕDU präsentiert ihr zweites Album. Der Titel „Kirjad Sõgedate Külast“ („Briefe aus dem Dorf der Blinden“) ist inspiriert von einem literarischen Werk aus dem Jahr 1955 des estnischen Autors Juhan Smuul. Das Konzeptalbum entfaltet sich in Form von Briefen aus einem vergessenen Dorf am Rande des Zusammenbruchs und zeichnet ein Bild von Isolation, Aberglauben und moralischem Verfall. Ein ambitionierter Ansatz, der musikalisch eine entsprechend starke Umsetzung verlangt.
Aggressiver Auftakt mit dominanten, verstörenden Vocals
Der erste Song, schlicht „I“ betitelt, beginnt mit einer aggressiv tremolo-gespielten Leadgitarre, die von symphonischen, melodischen und eher leichten Klangflächen gedoppelt wird und so die prägnante Gitarrenmelodie in den Mittelpunkt rückt. Es handelt sich jedoch nur um ein kurzes Intro, dem unmittelbar „II“ folgt, das die melodische Linie des Auftakts weiterführt. Mit dem Einsetzen der verzweifelten Growls verändert sich der Klang jedoch schlagartig, zugleich gewinnen die übrigen Instrumente an Präsenz. Die Vocals wirken dabei ausgesprochen unheimlich und dominieren das Klangbild massiv. Durch die vielen fast stillen Passagen wird diese Stimme zum bestimmenden Element der Musik. Der Kontrast wirkt allerdings übertrieben – die Differenz zwischen den ruhigen Momenten und den extremen Vocals erscheint zu groß und letztlich etwas überzogen.
KÕDU stammen aus Tallinn und haben in letzter Zeit eine gewisse Aura des Geheimnisvollen um sich aufgebaut. Während zu Beginn des Projekts vieles offen kommuniziert wurde, ist inzwischen deutlich weniger über die Band bekannt. Gegründet wurde sie 2018 als Projekt von Kõdu (Are Kangus) an der Gitarre, später stieß Samantha Surmatalv (Samantha Alessi) für Gitarren und Gesang hinzu, während Tomi Tooming das Schlagzeug übernahm. Bereits vor der Veröffentlichung kursierten Gerüchte über eine italienische Gastsängerin, die für die dämonischen Schreie verantwortlich sein soll, ebenso über weitere Beteiligte hinter vermutlich erfundenen Pseudonymen. Vieles davon wirkt eher wie Marketing.
Atmosphäre statt Black Metal – schwache Kompositionen
Die Gegensätze zwischen atmosphärischen und schwereren Momenten setzen sich in „III“ fort. Der Song beginnt erneut mit einer zarten Melodie, gespielt auf einem traditionellen Saiteninstrument und ergänzt durch heruntergestimmte Gitarren. Das Tempo bleibt langsam, die Melodik ständig präsent. Dennoch besitzt das Stück nur eine sehr lose Verbindung zum Black Metal und wirkt insgesamt schwach und wenig überzeugend. Selbst die gequälten Vocals können dem Song keine wirkliche Aggression verleihen. „IV“ setzt anschließend auf einen engelsgleichen Chor, sehr sanfte und filigrane Musik – ein Element, das völlig deplatziert wirkt und eher wie ein reines Ambient-Intermezzo erscheint. Selbst als Zwischenspiel bleibt es verzichtbar.
Die Produktion wirkt insgesamt unausgewogen. Der Fokus liegt stark auf den leichten, melodischen Elementen, während den übrigen Instrumenten oder den Passagen, die mehr Gewicht bräuchten, kaum die nötige klangliche Präsenz gegeben wird. Der eigentliche musikalische Kontext scheint dabei beinahe ignoriert zu werden – unter dem Strich eine misslungene Produktion. Entsprechend dem Konzept von KÕDU werden sämtliche Texte auf Estnisch vorgetragen.
Weitere Experimente zwischen Ambient und extremen Vocals
In der weiteren Suche nach schockierenden Momenten bewegt sich „V“ noch stärker in Richtung Ambient, wodurch die höllischen, verstörten Vocals umso deplatzierter wirken. Hypermelodische Passagen treffen auf eine Schicht unmenschlicher, unnatürlich wirkender Stimmen – ein Zusammenspiel, das eher Unbehagen und sogar Ärger hervorruft, weil hier übersteigerte Ideen musikalisch schlecht umgesetzt werden.
Das Spiel mit zarten Klangflächen setzt sich in „VI“ fort, diesmal mit stärkerem Synthesizer-Einsatz. Nach einer weichen Einleitung kehren der aggressive Angriff und die kranken Vocals zurück. Einzelne Passagen funktionieren isoliert betrachtet durchaus, doch der Klang verlangsamt und beruhigt sich immer wieder, nur um die gleiche Abfolge erneut zu wiederholen. Die Struktur wirkt vorhersehbar und musikalisch wenig überzeugend – ein weiterer Song, der keine bleibende Wirkung hinterlässt.
Auch der abschließende Track „VII“ bleibt bei leichter, melancholischer Musik und bewegt sich erneut nahe an einfacher Ambient-Ästhetik. Der Klang wirkt künstlich, als würde ein übermäßiger Synthesizer-Einsatz das gesamte Klangbild dominieren. Zwar mag diese sanfte, melodische Musik zur erzählten Geschichte passen, musikalisch wirkt sie jedoch fehl am Platz.
Starkes Konzept, musikalisch enttäuschende Umsetzung
Die uninspirierten Momente dominieren dieses Album deutlich. Nach dem Hören bleibt der Eindruck einer leichten, melodischen Ambient-Musik, in die lediglich einige halbherzige aggressive Elemente eingefügt wurden, während völlig unpassende Vocals darübergelegt sind.
Auch wenn Konzept und lyrischer Ansatz kohärent wirken und durchaus Stärke besitzen, erweist sich die musikalische Umsetzung als enttäuschend. Dem literarischen Vorbild wird damit kaum ein Gefallen getan. Der Wunsch zu provozieren scheint größer gewesen zu sein als die musikalische Substanz – das Ergebnis ist ein Album von zweifelhafter Qualität. Es wirkt, als hätte eine Band, die eigentlich sanfte Musik spielt, schlicht die falschen Vocals darübergelegt. Die Einordnung als Black Metal erscheint daher irreführend. Ein unterdurchschnittliches, fehlgeleitetes und wenig inspiriertes Werk.
Fazit: Starkes Konzept, aber musikalisch unausgewogen – zu viel Ambient, unpassende Vocals und wenig Substanz. Ein enttäuschendes Album trotz guter Idee.






