Tracklist
01. Barely Here
02. Jet Stream Wish
03. Saying Vs. Meaning
04. It Happens To The Best Of Us
05. You Hate Me
06. Selden Mansions
07. Oxidize
08. What I’m Worth
09. Pace And Loiter
10. Irreversible
Besetzung
Joey Chiaramonte – Gesang
Harold Griffin – Gitarre, Backing Vocals
TJ Rotolico – Gitarre
Stephen Spanos – Bass
Salvatore Argento – Schlagzeug
Gastbeiträge:
Sammy Ciaramitaro / DRAIN – Gesang auf »Saying Vs. Meaning«
Marisa »Mirsy« Shirar / Fleshwater – Gesang auf »Oxidize«
Weitere Infos:
Produziert, aufgenommen und gemischt von Jon Markson
Veröffentlicht über Pure Noise Records
Nachfolger von »Would You Miss It?«
Zweites Album, schwierige Nummer. Entweder man bläst alles künstlich zum großen Entwicklungsroman auf, oder man macht genau das, was man am besten kann, nur schärfer. KOYO entscheiden sich auf »Barely Here« ziemlich klar für Variante zwei. Kein überambitioniertes Konzeptmonster, keine stilistische Vollbremsung, kein peinlicher Reife-Beweis mit Streicher-Intro und Akustikballade. Stattdessen: zehn Songs, knapp unter einer halben Stunde, Melodic Hardcore mit Pop-Punk-Herz und Emo-Nerv. Fertig. Los.
Das funktioniert, weil KOYO inzwischen sehr genau wissen, was ihre Band trägt. Die Long-Island-DNA ist weiter deutlich hörbar: melodische Gitarren, Refrains mit Mitbrüll-Potenzial, Hardcore-Dringlichkeit und dieses dauerhafte Gefühl, dass zwischen Heimweh, Wut und Selbstzweifel nur eine dünne Wand steht. »Barely Here« ist ein Album über Unterwegssein, Vermissen, innere Erschöpfung und den Versuch, trotzdem nicht vollständig aus dem eigenen Leben zu fallen. Tourromantik? Eher nicht. Das hier klingt nach vollen Vans, schlechten Nächten, verpassten Momenten und der Frage, ob man gerade etwas gewinnt oder schon etwas verliert.
(Hört hier »Barely Here« von KOYO)
KEIN BALLAST, KEINE AUSREDE
Der Titeltrack »Barely Here« schiebt ohne große Vorwarnung los und setzt die Marschrichtung. KOYO brauchen keine lange Eröffnungsgeste, um zu sagen, wo sie stehen. Der Song ist kompakt, melodisch und trotzdem ruppig genug, um nicht in die Pop-Punk-Komfortzone abzurutschen. Textlich steckt hier bereits der Kern der Platte: mentale Überlastung, Rückzug, schlechte Nachrichten, das Bedürfnis nach einem Ort, an dem man kurz nicht funktionieren muss. Joey Chiaramonte klingt dabei nicht wie ein Sänger, der eine Rolle spielt, sondern wie jemand, der aus der Rolle kaum noch herauskommt.
»Jet Stream Wish« ist dann der erste richtig große Haken. Der Song nimmt das Thema Entfernung und macht daraus keine sentimentale Postkarte, sondern eine treibende Nummer über Nähe, die immer gerade woanders ist. Der Refrain sitzt sofort, aber er klebt nicht billig. Genau darin liegt die Stärke von KOYO: Ihre Hooks sind groß, aber sie wirken nicht kalkuliert. Man hört die Schule von Long Island, klar. The Movielife, Taking Back Sunday, frühe Emo-/Hardcore-Verästelungen – alles irgendwo im Hintergrund. Trotzdem klingt die Band nicht wie ein Archiv, sondern wie eine aktuelle Formation mit sehr guter Erinnerung.
Mit »Saying Vs. Meaning« kommt der erste richtige Schlag in die Rippen. Sammy Ciaramitaro von DRAIN bringt zusätzliche Härte in den Song, aber der Gastbeitrag ist kein reiner Aufkleber. Er passt, weil der Track ohnehin rauer und konfrontativer angelegt ist. Inhaltlich geht es um Worte, die nichts kosten, um Haltung ohne Konsequenz und um den Punkt, an dem man leeres Gerede nicht mehr stehen lassen will. Kurz, direkt, nicht überfrachtet. So muss ein Feature funktionieren.
LONG ISLAND BLEIBT IM RÜCKSPIEGEL
»It Happens To The Best Of Us« rennt nicht lange herum, sondern bringt seine Sache schnell auf den Punkt. Verletzte Kommunikation, Distanz, bittere Nachwirkung. Der Song ist keiner der großen Höhepunkte, aber er hält das Tempo und die emotionale Temperatur oben. KOYO sind hier sehr gut darin, keine Lücken entstehen zu lassen. Jeder Track hat eine Aufgabe. Nicht jeder ist gleich spektakulär, aber kaum einer wirkt überflüssig.
»You Hate Me« gehört zu den besten Momenten der Platte. Etwas mehr Raum, etwas mehr Melodie, ein Refrain, der nicht lange nachfragt. Der Song kippt nicht ins Selbstmitleid, obwohl er genug davon erzählen könnte. Es geht um Schuld, Projektion, falsche Wahrnehmung und den Verdacht, dass man in einer kaputten Situation vielleicht doch nicht nur Opfer ist. Genau solche Ambivalenz tut dem Album gut. KOYO schreiben keine Tagebuchzeilen mit Gitarrenbegleitung, sondern Songs, die persönliche Zerwürfnisse in Energie übersetzen.
»Selden Mansions« ist die Long-Island-Nummer im besten Sinne. Zuhause ist hier kein romantischer Sehnsuchtsort, sondern ein Punkt auf der inneren Landkarte, an den man immer wieder zurückwill und dem man trotzdem ständig entkommt. Der Song hat Drive, Melancholie und eine gewisse Vertrautheit, ohne sich in Nostalgie einzurollen. Gerade hier hört man, dass »Barely Here« kein Album über simple Abwesenheit ist. Es geht um die Kosten eines Lebens, das nach außen groß aussieht und innen manchmal ziemlich eng wird.
DIE BESTEN MOMENTE SCHNEIDEN TIEFER
»Oxidize« setzt mit Marisa »Mirsy« Shirar einen schönen Gegenpol. Ihre Stimme verändert die Farbe des Songs spürbar und macht ihn nicht nur melodischer, sondern auch verletzlicher. Inhaltlich wird es hier sehr persönlich: Familie, Entfernung, Verantwortung, der Schmerz, nicht dort zu sein, wo man eigentlich gebraucht wird. Das ist einer dieser Songs, bei denen KOYO beweisen, dass Eingängigkeit nicht automatisch Oberflächlichkeit bedeutet. Der Track bleibt kurz, aber er hat Gewicht.
»What I’m Worth« zieht die Stimmung wieder dunkler. Mehr Post-Hardcore-Druck, weniger Sonnenseite, mehr Selbstprüfung. Der Song wirkt wie eine kleine Entladung kurz vor dem letzten Drittel. Nicht der größte Ohrwurm der Platte, aber wichtig für die Balance. Hier bekommt »Barely Here« eine Kante, die verhindert, dass alles nur in hymnischer Melancholie aufgeht.
»Pace And Loiter« ist dagegen der Song, bei dem man kurz merkt, wie klar KOYO ihre Formel inzwischen beherrschen. Großer Refrain, viel Bewegung, gute Energie. Gleichzeitig liegt hier auch der kleine Schwachpunkt der Platte: Manche Nummern laufen so sicher durch den eigenen Stil, dass sie weniger überraschen, als sie könnten. Das ist kein Ausfall, aber ein Hinweis. KOYO sind so gut in dem, was sie machen, dass man sich gelegentlich wünscht, sie würden sich noch etwas stärker aus der Kurve lehnen.
Der Abschluss »Irreversible« macht diesen Einwand aber wieder kleiner. Der Song fasst die Platte stark zusammen: melodisch, druckvoll, emotional offen, mit einem Refrain, der live funktionieren dürfte, ohne dass man ihn vorher lange erklären muss. Als Schlusspunkt ist das genau richtig. Nicht pompös, nicht künstlich großgezogen, sondern wie ein letzter Blick auf eine Entscheidung, die man nicht mehr zurücknehmen kann.
DAS KANN, DAS WILL, DAS REICHT FAST
Produktionstechnisch sitzt »Barely Here« sehr ordentlich im Sattel. Jon Markson gibt der Band Druck, Klarheit und diese moderne Punkrock-Dichte, die sofort greift. Die Gitarren schieben, der Bass hat genügend Körper, das Schlagzeug knallt sauber, und die Stimme steht dort, wo sie stehen muss: vorn, aber nicht steril freigestellt. Manchmal ist der Sound allerdings etwas voll. Ein paar kleinere Details werden eher in die Gesamtwucht geschoben, statt wirklich Luft zu bekommen. Das passt zur Dringlichkeit, nimmt der Platte aber stellenweise etwas Transparenz.
Die größte Stärke bleibt die Konsequenz. »Barely Here« ist kein Album, das sich verzettelt. Zehn Songs, keine Spielereien, kein Ballast. KOYO wissen, dass sie keine Ballade brauchen, um Tiefe zu beweisen. Sie brauchen auch kein achtminütiges Abschlussstück, um ernst genommen zu werden. Ihre Sprache ist Verdichtung. Wenn etwas gesagt werden muss, wird es gesagt. Wenn der Refrain kommen muss, kommt er. Wenn der Song vorbei ist, ist er vorbei.
Trotzdem ist »Barely Here« eher Feinschliff als Neuanfang. Wer auf eine radikale Erweiterung gehofft hat, wird sie hier nicht finden. Die Band bewegt sich sicher in ihrem Kerngebiet und verlässt es nur punktuell. Das ist legitim, denn die Songs sind stark genug. Aber es erklärt auch, warum die Platte nicht ganz zur absoluten Höchstwertung durchmarschiert. KOYO liefern sehr viel von dem, was man an ihnen liebt. Nur eben nicht unbedingt viel, was man nicht erwartet hätte.
FAZIT:
»Barely Here« ist kein Quantensprung, sondern ein sehr gut gesetzter linker Haken. KOYO klingen fokussierter, kompakter und sicherer als zuvor. Die Band schärft ihre Mischung aus Melodic Hardcore, Pop Punk und Emo, ohne sie glattzuziehen. Das Album hat Tempo, Herz, Refrains und genug raues Fundament, um nicht in weichgespülter Nostalgie zu landen.
Besonders »Jet Stream Wish«, »Saying Vs. Meaning«, »You Hate Me«, »Selden Mansions«, »Oxidize« und »Irreversible« tragen die Platte. Das sind Songs, die sofort funktionieren, aber nicht nach Einwegware klingen. Kleine Abzüge gibt es für die etwas dichte Produktion und dafür, dass KOYO ihren eigenen Rahmen diesmal eher perfektionieren als sprengen.
Für Fans von melodischem Hardcore mit Emo-Kern und Pop-Punk-Haken ist »Barely Here« trotzdem eine sehr klare Sache. Die Platte will nicht alles sein. Sie will genau das sein, was KOYO gerade ausmacht: rastlos, ehrlich, eingängig, verwundet und bereit für den nächsten Raum voller Stimmen.






