Tracklist
01. Tipping Point
02. I Don’t Care
03. Hey, God?!
04. Let There Be Shred
05. Puppet Parade
06. Another Bad Day
07. Made To Kill
08. Obey The Call
09. I Am War
10. The Last Note
11. Ride The Lightning (Bonus Track)
Besetzung
Dave Mustaine – Vocals, Guitar
Teemu Mäntysaari – Guitar
James LoMenzo – Bass
Dirk Verbeuren – Drums
„And now it’s time for me to say the long goodbye“ (Zitat aus „The Last Note“): Eine Ära geht zu Ende! MEGADETH haben bereits Ende 2025 angekündigt, dass das nächste Album ihr letztes sein wird. Das Thrash-Urgestein, aus dem Boden gestampft und am Leben erhalten von Dave Mustaine, verabschiedet sich und tritt den Ruhestand an. Passend zum letzten Akt entschied man sich, das Opus nach der Band zu benennen: „Megadeth“. Ihr Maskottchen, Vic Rattlehead, darf auf dem Cover natürlich nicht fehlen: In einem eleganten, weißen Anzug legt er sich die Krawatte für das große Finale zurecht, während sich Flammen bereits durch seinen Körper fressen.
Mehr als vier Jahrzehnte Thrash-Geschichte
Nach 43 Jahren, 50 Millionen verkauften Platten, unzähligen Live-Shows, einem Grammy-Award sowie 12 Nominierungen haben MEGADETH nicht nur auf dem Papier einen großartigen Erfolg nachzuweisen: Als Teil der Big-4 des Thrash Metal waren sie Anfang der 80er prägend für die Entwicklung eines Genres, das die Musikwelt heute noch begeistert. Mit jedem neuen Jahrzehnt veränderte sich die Besetzung der Band und mit ihr die musikalischen und künstlerischen Einflüsse. Während die Alben in den 90ern zunehmend melodischer wurden und es den häufig beobachteten Clinch mit Labels gab, die das Material massentauglicher gestalten wollten, kehrten MEGADETH in den 2000ern Schritt für Schritt zurück zu ihren Wurzeln. Insbesondere auf den letzten beiden Veröffentlichungen „Dystopia“ (2016) und „The Sick, the Dying… and the Dead!“ (2022) begeisterten die alten Hasen mit frischem Sound, spannenden Songstrukturen, bissigen Riffs und mitreißender Dynamik.
Thrash und Melodik
Beim ersten Lied „Tipping Point“ werden wir von einem Mid-Tempo-Intro begrüßt, das nach einer guten halben Minute in ein thrashiges Biest mutiert. Mustaines unverkennbarer Gesang mischt sich sogleich in das Old-School-Riff und begleitet uns durch den Rest des Liedes hindurch. Zusammen mit der grandiosen Schlagzeug-Performance von Dirk Verbeuren resultiert eine Unnachgiebigkeit, die man sich von einem guten Thrash-Titel wünscht. Dieser Song zählt definitiv zu den stärksten und war eine gute Wahl für eine erste Single. „I Don’t Care“ gestaltet sich da um einiges simpler. Hier wird mit der „I don’t care“-Anapher eindeutig der Fokus auf die Lyrics gelegt. Zwangsweise steht dadurch auch der Gesang im Mittelpunkt. Die Gitarrensoli sind cool, der Spannungsaufbau in den Strophen gut gewählt. Ansonsten ist das Lied etwas belanglos, weil repetitiv. „Hey God“ fällt ähnlich aus: sehr melodisch und gesangsorientiert, ohne besondere Aufhorcher-Momente.
Von Spaß und Ohrwürmern
Umso heftiger schlägt „Let There Be Shred“ ein. Hier ist Name Programm und das Programm macht Spaß! Man hört die Einflüsse der NWOBHM und die progressive Seite von MEGADETH. Letzteres ist am ehesten an der Songstruktur zu erkennen, die weniger geradlinig als die der beiden Lieder zuvor ist. Dieses Lied wird live das Publikum zum Moshen und Headbangen verführen! In „Puppet Parade“ zeigt sich Mustaine von seiner gesellschaftskritischen Seite. Wieder im Mid-Tempo-Bereich angesiedelt, besticht dieses Lied durch seinen Refrain. Der melodische Gesang macht es zu einem unausweichlichen Ohrwurm. Ebenso quetscht sich „Another Bad Day“ ins Unbewusstsein und hinterlässt ein Echo des Refrains im Gehirn. Das Hauptriff ist groovig, die Melodien harmonisch.
Immer noch für Überraschungen gut
„Made To Kill“ ist sehr facettenreich. Es hat klassische Thrash-Elemente, wie den typischen Shank-Beat mit zugehörigen Shred-Riffs. Die Songstruktur ist weniger geradlinig. Der Refrain ist melodisch und eingängig. Die stärkste Passage ist für mich die vor den Strophen, weil sie rein stilistisch auch in eine Death-Metal-Nummer mit Blast-Beats führen könnte. „Obey The Call“ wird von einem schweren Riff getragen, das im Refrain durch Melodik in Gesang und Gitarren ausbalanciert wird. Ein solider Titel, der gegen Ende noch einmal Fahrt aufnimmt und ihn so von den schwächeren Songs leicht absetzt. „I Am War“ präsentiert sich, entgegen der kühnen Bedeutung seines Titels, überraschend melodisch und brav. Die Gitarrenriffs und Harmonien sind eingängig. Die Drums verleihen den Instrumenten die nötige Dynamik.
„I came, I ruled, now I disappear“
Was sich in den vorhergehenden Liedern bereits ankündigte, findet in „The Last Note“ seinen Abschluss: Dave Mustaines persönliches Lebewohl. Da die Lyrics auf diesem Album fast ausschließlich aus der Ich-Perspektive erzählt sind, wird der Abschied von MEGADETH vor allem zu einem Abschied von ihrem Gründer. Das Lied beginnt und endet mit einer Art Monolog, die sanft musikalisch begleitet wird. Die bittersüße Note dieses Schachzugs geht unter die Haut. Der Kern des Songs ist klassisch, einprägsam, groovig. Als Bonustrack hat sich Mustaine obendrein für METALLICAs „Ride The Lightning“ entschieden, das er damals zusammen mit James Hetfield, Lars Ulrich und Cliff Burton geschrieben hatte. Damit zollt er den Umständen Respekt, die letztlich zur Gründung von MEGADETH führten.
Solides Finale
Insgesamt setzt „Megadeth“ stärker auf Melodik als auf giftigen Thrash und agiert dabei eher zurückhaltend. Wenige Lieder stechen wirklich aus der Masse heraus. Das künstlerische Potenzial der Band wurde meiner Meinung nach nicht vollständig ausgeschöpft. Es ist in Summe ein solides Album, das viel von dem verkörpert, wofür MEGADETH bekannt geworden sind. An einigen Stellen fehlen jedoch ausgeklügelte Songstrukturen und freche Hooks, die insbesondere Lieder wie „Another Bad Day“ und „Hey God!“ interessanter gemacht hätten.
Fazit: Mit wenigen Höhepunkten, aber handwerklich solide, markiert das letzte Album von MEGADETH einen würdigen Abschluss.

