Tracklist
01. Geen vuur in gods hallen – 07:26
02. Verdoemd door de tijd – 07:15
03. Het duister verdeeld – 08:07
04. De ontwaking – 04:33
05. Waan van de leegte – 10:45
Besetzung
Nachtheem – anonymes niederländisches Projekt
Musik und Texte geschrieben 2024 und 2025
Aufgenommen von März bis Oktober 2025
Mix – Nachtheem
Mastering – Greg Chandler
Blegg Meddl is etzadla immer noch krieg! Das anonyme niederländische Projekt Nachtheem zieht auf seinem Debütalbum »Waan van de leegte« allerdings nicht mit rostigem Morgenstern und drei Minuten Proberaumgerumpel in die Schlacht. Stattdessen gibt es fünf ausgedehnte Kompositionen, in denen atmosphärischer Black Metal, melancholische Melodien, hymnischer Klargesang und folkloristische Passagen miteinander durch nächtliche Wälder wandern.
Nach dem Demo »Nacht, zij met ons…« und zwei Split-Veröffentlichungen wirkt das Material hörbar ausgereifter und strukturierter. Die Nähe zu Vemod, Ulver, frühen Borknagar und den niederländischen Landschaftsmalern von Fluisteraars bleibt erkennbar. Nachtheem sind inzwischen jedoch weit genug von der bloßen Kopie entfernt, um eine eigene Handschrift zwischen schwarzer Raserei, Naturmystik und existenzieller Leere zu entwickeln.
Inhaltlich beschäftigt sich das Album mit einer schlafenden Welt, ihrer inneren Leere und den Illusionen, mit denen der Mensch tieferen Wahrheiten ausweicht. Das klingt nach schwerem philosophischem Gerät, wird aber nicht zur vertonten Vorlesung. Die Gitarren übernehmen die Denkarbeit, während Schlagzeug und Geschrei dafür sorgen, dass niemand gemütlich wegdämmert.
KEIN FEUER IN GOTTES HALLEN, ABER RIFFS IM WALD
»Geen vuur in gods hallen« eröffnet das Album mit rauem Vorwärtsdrang, flirrenden Gitarren und einem Schlagzeug, das den Titel zunächst entschlossen durch die nächtliche Landschaft treibt. Nach und nach öffnet sich die Komposition. Die Raserei weicht majestätischen Melodien, hymnischen Gesangspassagen und einem beinahe erhebenden Finale.
Aufgebaut auf einem standfesten Fundament aus Drums und Bass werden die Gitarren in mehreren Schichten aufgebettet. Eine Spur hält die repetitive Bewegung aufrecht, während darüber hellere Melodien kreisen. Gegen Ende greift sogar eine Akustikgitarre das zentrale Motiv auf und gibt dem Stück zusätzliche Tiefe.
Der Song besitzt damit bereits sämtliche Stärken des Albums: Wiederholung wird nicht als Ersatz für Ideen verwendet, sondern als hypnotisches Werkzeug. Ein Motiv darf wachsen, seine Bedeutung verändern und schließlich in einer größeren melodischen Bewegung aufgehen. Black Metal zum konzentrierten Abdriften – allerdings mit Blastbeats, damit es nicht versehentlich Wellnessmusik wird.
VON DER ZEIT VERDAMMT, VOM GROOVE GERETTET
»Verdoemd door de tijd« beginnt kontrollierter und entwickelt aus einer einfachen Akkordfolge einen erstaunlich starken Sog. Die Gitarren wirken zunächst melancholisch und beinahe warm, ehe das Tempo plötzlich anzieht und die Rhythmussektion mehrere Gänge überspringt.
Besonders gelungen ist der Kontrast zwischen harschem Kreischen und entrücktem Klargesang. Die helleren Stimmen vermitteln Weite und Sehnsucht, während die Screams immer wieder daran erinnern, dass diese Waldwanderung vermutlich nicht beim freundlichen Förster mit einer Tasse Kakao endet.
Trotz seines Titels klingt das Stück nicht ausschließlich hoffnungslos. Einige Melodien besitzen eine beinahe euphorische Qualität. Dadurch entsteht keine depressive Starre, sondern das Gefühl, dass sich innerhalb der Vergänglichkeit zumindest für wenige Augenblicke etwas Größeres erkennen lässt.
Die Komposition folgt einem ähnlichen Aufbau wie der Opener: kontrollierter Beginn, allmähliche Verdichtung und eine stärkere Entladung im letzten Drittel. Das funktioniert hervorragend, lässt aber bereits erahnen, dass Nachtheem ihre bevorzugte Dramaturgie gerne mehrmals aus dem gleichen ledernen Beutel ziehen.
DAS DUNKEL WIRD SAUBER AUFGETEILT
Mit »Het duister verdeeld« erreicht die melancholische Seite des Albums ihren stärksten Ausdruck. Die Gitarren verwenden lange, hypnotische Wiederholungen, deren Wirkung weniger aus technischer Komplexität als aus kleinen harmonischen Verschiebungen entsteht.
Die Musik gleitet zwischen ruhigen, schwebenden Abschnitten und schwarzmetallischen Sturmfronten. Das Schlagzeug treibt die schnelleren Passagen energisch voran, ohne die Melodien unter mechanischem Dauerfeuer zu begraben. Gerade diese natürliche Dynamik lässt das Stück trotz seiner acht Minuten lebendig bleiben.
Klargesang und hintergründige Chöre sorgen erneut für eine feierliche Stimmung. Dabei schrammt die Nummer gelegentlich knapp an jener Grenze entlang, hinter der atmosphärischer Black Metal zum offiziellen Soundtrack eines besonders schlecht gelaunten Waldseminars wird. Nachtheem ziehen jedoch rechtzeitig das Tempo an und verhindern, dass sich das Stück vollständig in Naturromantik auflöst.
Der Song zeigt zugleich die kleine Schwäche der ersten Albumhälfte. Die drei langen Stücke verwenden vergleichbare Spannungsbögen und enden jeweils in einer tonalen Entladung. Das sorgt für einen starken Gesamtfluss, erschwert aber die klare Abgrenzung der einzelnen Titel.
DIE AKUSTIKGITARRE HAT EINEN FELLKRAGEN ANGEZOGEN
»De ontwaking« unterbricht die metallische Ausrichtung vollständig. Akustische Gitarren, Trommeln, Flöte und rituell wirkender Gesang führen in eine neofolkige Zwischenwelt, die an alte Beschwörungen und heidnische Zeremonien erinnert.
Atmosphärisch passt das Stück zum Album. Nach drei ausgedehnten Black-Metal-Kompositionen entsteht ein sinnvoller Ruhepunkt, bevor das lange Finale einsetzt. Besonders die Trommeln und entrückten Stimmen verleihen dem Zwischenspiel eine glaubwürdige rituelle Wirkung.
Vollständig originell ist dieser Ausflug allerdings nicht. Akustikgitarre, Naturmystik und beschwörender Gesang gehören inzwischen ungefähr so zuverlässig zum atmosphärischen Black Metal wie unlesbare Logos und Bandfotos, auf denen niemand auch nur ansatzweise Spaß haben darf.
Trotzdem erfüllt »De ontwaking« seine Funktion. Das Stück ist kurz genug, um den Fluss nicht auszubremsen, und stimmungsvoll genug, um nicht wie ein beliebiges Intro aus dem Ordner „Waldgeräusche_final_3“ zu wirken.
ZEHN MINUTEN LEERE, DIE ERSTAUNLICH VOLL KLINGEN
Der abschließende Titelsong »Waan van de leegte« nimmt sich fast elf Minuten Zeit, um die zentralen Elemente des Albums zusammenzuführen. Melodische Gitarren, repetitive Strukturen, harsche Ausbrüche und folkloristische Untertöne fließen ineinander, bevor die Komposition in ruhiger Ambient-Atmosphäre verschwindet.
Die ersten Minuten besitzen erneut deutlichen Vorwärtsdrang. Das Schlagzeug hält die Musik in Bewegung, während die Gitarren zwischen melancholischen Akkorden und schärferen Tremolo-Linien wechseln. Nach und nach löst sich die feste Struktur auf. Das Stück wird ruhiger, weiter und zunehmend entrückt.
Diese Entwicklung passt zum Konzept. Der Wahn der Leere besteht nicht darin, dass tatsächlich nichts vorhanden wäre. Vielmehr wird die vermeintliche Leere mit Erinnerungen, Angst, Naturbildern und dem Wunsch nach einer tieferen Wahrheit gefüllt. Das Album endet deshalb nicht mit einem großen Schlussakkord, sondern mit einem langsamen Verschwinden.
Der Titelsong besitzt starke Momente, hätte seine lange Laufzeit aber noch mutiger für ungewöhnliche Wendungen verwenden können. Einige bekannte Bewegungen aus der ersten Albumhälfte kehren erneut zurück. Die abschließende Ambient-Passage sorgt dennoch für einen überzeugenden, in sich gekehrten Ausklang.
ANONYM, ABER NICHT GESICHTSLOS
Über die beteiligten Musiker gibt es kaum Informationen. Das passt grundsätzlich zum Black Metal, schließlich soll hier die Musik sprechen und nicht der Lebenslauf des Bassisten erklären, welche Effektpedale er 2017 im Sonderangebot gekauft hat.
Instrumental ist »Waan van de leegte« geschlossen umgesetzt. Die Gitarren tragen den größten Teil der emotionalen Arbeit und verbinden raue Tremolo-Riffs mit klareren, beinahe folkigen Melodien. Bass und Schlagzeug schaffen darunter ein stabiles Fundament, das sowohl schnelle Angriffe als auch ruhigere Passagen trägt.
Besonders das Schlagzeug verhindert, dass die langen Wiederholungen statisch wirken. Tempowechsel, Doublebass-Passagen und kontrollierte Ausbrüche geben den Kompositionen Bewegung. Der Klargesang bildet einen wirkungsvollen Kontrast zu den harschen Screams, könnte künftig aber noch gezielter eingesetzt werden.
Gemischt wurde das Album von Nachtheem selbst, während Greg Chandler das Mastering übernahm. Die Produktion klingt organisch, warm und ausreichend differenziert. Wer Black Metal ausschließlich akzeptiert, wenn er wie ein übersteuerter Staubsauger im Kartoffelkeller klingt, muss hier möglicherweise kurz seine Kutte richten.
ZWISCHEN VEMOD, ULVER UND EIGENEM NACHTHEIM
Die genannten Einflüsse lassen sich nicht überhören. Die schwebende Melancholie erinnert an Vemod, während Akustikgitarren und Klargesang deutliche Spuren von Ulvers »Bergtatt« tragen. Auch frühe Borknagar, Bathory, Agalloch und Fluisteraars befinden sich irgendwo zwischen den Bäumen.
Dennoch wirkt das Album nicht wie eine reine Zusammenstellung fremder Ideen. Nachtheem besitzen ein gutes Gespür für fließende Übergänge, melodische Steigerungen und jene besondere Mischung aus Kälte und Wärme, die atmosphärischen Black Metal spannend machen kann.
Die größte Stärke liegt in der geschlossenen Stimmung. Vom ersten Riff bis zum letzten Ambient-Ton bleibt das Album in derselben Welt. Die größte Schwäche entsteht aus genau dieser Konsequenz: Mehrere Songs verwenden ähnliche Aufbauten und verlieren dadurch etwas an individueller Kontur.
Mit knapp 38 Minuten ist die Platte jedoch kompakt genug, um diese Wiederholungen nicht zur Belastungsprobe werden zu lassen. Bevor der Hörer ernsthaft darüber nachdenken kann, ob er nun selbst in den Wald ziehen und bedeutungsvoll einen Baum anstarren sollte, ist das Album bereits verklungen.
FAZIT:
»Waan van de leegte« ist ein atmosphärisch starkes Debüt zwischen schwarzer Raserei, melancholischer Weite und naturmystischem Folk. Nachtheem überzeugen besonders mit »Geen vuur in gods hallen«, »Het duister verdeeld« und dem langen Titelsong.
Ähnliche Spannungsbögen und das etwas erwartbare Folk-Zwischenspiel verhindern den ganz großen Wurf. Wer Vemod, Ulver oder Fluisteraars schätzt, bekommt dennoch eine intensive nächtliche Wanderung – ganz ohne Mückenstiche und nasse Socken.






