Noosed - Misery - cover Artwork

Band: NOOSED 🇮🇪
Titel: Misery
Label: Road To Masochist / Throne Of Lies Records / Fiadh Productions
VÖ: 15.05.2026
Format: Digital / 10″ Vinyl / CD / MC
Genre: Crust Punk / Death Sludge / Hardcore

Tracklist

01. This Country
02. Drag Them Out
03. Fuck The Church
04. Fallout
05. Floating Coffins
06. Misery
07. No Return

Besetzung

Rodger Boyle – Gesang, Gitarre, Bass, Drum Programming & Samples

Live Line-up:
Rodger Boyle – Gesang, Samples, Noise
Oliver Cunningham – Schlagzeug
Alex Hölzinger – Gitarre, Gesang
Eoghan Galligan – Bass

Weitere Infos:
Aus Galway, Irland
Seit 2019 aktiv
Alle Musik und Texte geschrieben, aufgenommen, gemischt und gemastert von Rodger Boyle
Cover Art: Edited version of Inferno, Canto XXXIV: Lucifer by Petrus de Plasiis, 1491
Logo Art by Kirill Semenov
Artwork Edits and Layout by Rodger Boyle

10″ Vinyl über Road To Masochist
CD über Throne Of Lies Records
MC über Fiadh Productions

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Manche Platten brauchen eine Stunde, um ihre Botschaft auszubreiten. NOOSED brauchen auf »Misery« nicht einmal eine Viertelstunde und kommen trotzdem nicht gerade mit leeren Händen zurück. Die irische Formation beziehungsweise das Studioprojekt um Rodger Boyle liefert sieben kurze, giftige Stücke, die irgendwo zwischen Crust Punk, Sludge, Hardcore, Death Metal und blankem Gesellschaftsekel herumprügeln. Das ist kein Sound für Kerzenlicht und philosophisches Nippen am Rotwein. Das ist eher der Moment, in dem der Tisch umfällt und niemand mehr so tut, als wäre alles in Ordnung.

Inhaltlich ist »Misery« ein Rundumschlag gegen eine Welt im Dauerkrisenmodus: Wohnungsnot, mentale Erschöpfung, soziale Kälte, rechte Bewegungen, religiöser Machtmissbrauch, Sucht, Armut, Krieg, Klimaangst, politische Lügen und die allgemeine Frage, warum der Mensch offenbar mit laufender Motorsäge durch die eigene Zukunft stolpert. NOOSED formulieren das nicht elegant, sondern direkt. Manchmal grob. Manchmal fast platt. Aber diese Musik will auch nicht charmant um Zustimmung bitten. Sie stellt sich vor einen hin, brüllt, spuckt auf den Boden und fragt dann höchstens noch, ob man endlich wach ist.

DIE KRISE HAT KEIN INTRO VERDIENT

»This Country« eröffnet die EP mit nicht einmal einer Minute Spielzeit, aber der Ton ist sofort gesetzt. Ein kurzer, schwerer Einstieg, ein bitterer Ausruf, keine Höflichkeit. Der Song funktioniert weniger als voll ausgearbeiteter Track, sondern als Türtritt. Inhaltlich geht es um den Hass auf gesellschaftliche Zustände, um Entfremdung vom eigenen Umfeld und um den Punkt, an dem Patriotismus nur noch wie ein schlechter Witz wirkt. Als Auftakt ist das effektiv, weil es keine falsche Distanz aufbaut. NOOSED stehen direkt mitten im Dreck.

»Drag Them Out« zieht das Tempo an und zeigt die crustige Seite deutlich stärker. Der Song ist kurz, hektisch und besitzt dieses raue Punk-Fundament, das sofort körperlich wird. Hier klingt Wut nicht abstrakt, sondern praktisch. Es geht um das Herauszerren der Verantwortlichen aus ihren sicheren Räumen, um Widerstand gegen Macht und um das Ende des geduldigen Zusehens. Musikalisch ist das keine komplexe Angelegenheit, aber genau das macht die Nummer stark. Das Riff sitzt, der Dreck fliegt, weiter geht’s.

Mit »Fuck The Church« wird es erwartungsgemäß nicht subtiler. Der Titel sagt bereits ziemlich genau, wohin die Faust fliegt. Der Song attackiert religiöse Heuchelei, moralische Kontrolle und Institutionen, die sich gern als Hüter des Guten verkaufen, während sie Leid, Schuld und Unterwerfung produzieren. Das Schlagzeug arbeitet hier mit ordentlich Maschinengewehr-Gefühl, die Riffs bleiben simpel, aber effektiv, und Boyle klingt, als hätte er auf höfliche Debatten endgültig keine Lust mehr. Kann man verstehen. Manchmal ist der Geduldsfaden eben nicht gerissen, sondern längst verbrannt.

SLUDGE, SCHUTT UND SOZIALE WUT

»Fallout« ist länger, schwerer und bringt die Sludge-Seite der EP stärker nach vorne. Der Song schleppt mehr, drückt breiter und lässt kurz etwas mehr Raum zwischen den Einschlägen. Inhaltlich lässt sich das Stück als Blick auf die Folgen einer kollabierenden Gegenwart lesen: Nach dem Knall bleibt keine Erkenntnis, sondern nur Trümmer, Verwirrung und neue Gewalt. Gerade diese Nummer dürfte spalten. Wer die schnellen Stücke stärker findet, könnte hier kurz ungeduldig werden. Wer aber auf den schwereren Teil von NOOSED steht, bekommt eine schön hässliche Walze.

»Floating Coffins« rückt wieder näher an die kurze Attacke heran. Der Titel liefert ein starkes Bild für eine Welt, in der Menschen, Körper und Existenzen wie Abfall durch die Krise treiben. Migration, Krieg, Gleichgültigkeit und das Wegsehen vor fremdem Leid schwingen hier mit, ohne dass die Band daraus ein ausgearbeitetes Manifest bastelt. Der Song ist zu kurz dafür, aber nicht zu kurz, um zu treffen. Besonders die Vocals tragen viel bei, weil sie nicht einfach nur aggressiv klingen, sondern angeekelt.

Der Titeltrack »Misery« ist dann der direkteste Höhepunkt der EP. Hier bündelt sich das Grundgefühl des Releases: alles wird schlimmer, jeder sieht es, niemand will verantwortlich sein, und trotzdem steht man noch. Der Song hat den besten Vorwärtsdrang, ein starkes Hauptmotiv und genug Punk-Energie, um live vermutlich ordentlich Unruhe zu erzeugen. Hier funktionieren NOOSED am überzeugendsten, weil Härte, Kürze und Botschaft in einem Punkt zusammenlaufen. Keine große Raffinesse, aber eine verdammt wirksame Abrissminute.

AM ENDE BLEIBT KEIN WITZ MEHR ÜBRIG

»No Return« nimmt fast ein Drittel der gesamten Spielzeit ein und ist dadurch der entscheidende Streitpunkt dieser EP. Der Song kombiniert schwere, schleppende Instrumentierung mit einer bedrückenden Gesprächsebene über Drogenabhängigkeit, Missbrauch und menschlichen Absturz. Das ist kein leichter Abschluss. Es ist auch kein Track, der sofort als klassischer Song funktioniert. Vielmehr wirkt er wie eine dokumentarische Bruchstelle am Ende einer ohnehin schon wütenden EP.

Genau hier werden sich die Meinungen teilen. Einige werden »No Return« als mutigen, verstörenden Abschluss sehen, der dem ganzen Release zusätzliche Tiefe gibt. Andere werden finden, dass der Sample-/Narrativ-Anteil den Fluss bremst und musikalisch mehr hätte passieren können. Beide Sichtweisen sind nachvollziehbar. Für mich funktioniert der Song als Idee stärker als als reiner Hörgenuss. Er ist wichtig, aber nicht der beste Track. Er trifft, aber er zieht die EP auch in eine andere Richtung. Das muss man wollen.

KLANG, DRUCK UND KLEINE SCHRAMMEN

Produktionstechnisch ist »Misery« dunkel, rau und passend ungemütlich. Die Gitarren schieben, der Bassbereich drückt, die Vocals bleiben präsent, und das Drum Programming sorgt für viel Angriff. Genau da liegt aber auch eine kleine Schwäche: Die Drums wirken stellenweise sehr weit vorn und verlieren dadurch etwas von dem organischen Rotz, den Crust und Sludge eigentlich gut vertragen können. Es knallt, keine Frage. Aber manchmal knallt es etwas zu mechanisch.

Die Kürze ist gleichzeitig Stärke und Problem. Vierzehn Minuten können großartig sein, wenn jeder Schlag sitzt. Bei »Misery« sitzen viele Schläge, aber nicht alle gleich hart. »Drag Them Out«, »Fuck The Church« und »Misery« sind sofort da. »Fallout« und »No Return« sind schwerer, sperriger und nicht ganz so zwingend. Dadurch bleibt die EP intensiv, aber nicht völlig rund.

Trotzdem: NOOSED haben Haltung. Und das ist in diesem Fall kein Werbetext-Wort, sondern hörbar. Diese Musik ist antifaschistisch, antirassistisch, antiautoritär und gegen jede Form von Unterdrückung gerichtet. Man muss nicht jede musikalische Entscheidung feiern, um anzuerkennen, dass hier jemand aus echter Überzeugung arbeitet. Das ist keine Pose für den Pressetext. Das ist der Kern.

FAZIT:

»Misery« ist eine kurze, wütende und kompromisslose EP, die Crust Punk, Sludge, Hardcore und Death-Metal-Elemente zu einem sehr direkten Krisenkommentar zusammenpresst. NOOSED liefern kein schönes Album, kein bequemes Album und schon gar kein Album für Menschen, die extreme Musik nur als sportliche Riffgymnastik verstehen. Hier geht es um Wut auf reale Zustände: Armut, Sucht, religiöse Macht, staatliches Versagen, rechte Bedrohung, soziale Kälte und das Gefühl, in einer Welt zu leben, die täglich ein Stück weiter absackt.

Die stärksten Tracks sind »Drag Them Out«, »Fuck The Church«, »Misery« und mit Abstrichen »Floating Coffins«. »No Return« ist inhaltlich stark und mutig, musikalisch aber der schwierigste Moment. Genau deshalb bleibt die EP nicht nur als kurzer Schlag hängen, sondern auch als zwiespältiges, unbequemes Stück Underground-Extremmusik.

Kleine Abzüge gibt es für die sehr knappe Spielzeit, die teils zu dominante Drum-Programmierung und dafür, dass nicht jeder Track gleich stark zündet. Wer aber auf Amebix, Axegrinder, Allfather, Dead Existence oder generell dreckigen Crust-/Sludge-Hardcore mit politischer Wut steht, sollte »Misery« unbedingt antesten. Das Ding ist kein angenehmer Aufenthalt. Aber manchmal braucht es eben keine Komfortzone, sondern einen musikalischen Schlag in die Magengrube.

Internet

NOOSED - Misery - EP Review

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