Tracklist
01. Every Tongue Has Its Thorns
02. Lunga Vita Alla Necrosi
03. Spirit, Blood, Poison, Ferment!
04. Il Veleno Della Natura
05. Δ9
06. Silence Walk With Me
07. In The Flat Field
Besetzung
Erba del Diavolo – Vocals
Segale cornuta – Drums
Nerium – Guitar
Krhura Abro – Bass
Kratom – Bass
Die italienische Doom-/Black-Metal-Band PONTE DEL DIAVOLO meldet sich zwei Jahre nach dem viel diskutierten und von der Kritik gelobten „Fire Blades from the Tomb“ zurück. Das neue Album „De Venom Natura“ soll – so die Band selbst – ihre musikalischen Grenzen erweitern und verfeinern. Da die Bezeichnung Doom/Black Metal ihr Klangbild nur unzureichend abbildet, sprechen PONTE DEL DIAVOLO inzwischen von Blackened Post-Punk – eine Einordnung, die ihrem Sound tatsächlich näherkommt.
Zwischen Ritual, Dissonanz und morbider Eleganz
Ganz bandtypisch eröffnen zunächst beinahe carnivaleske Klänge den Einstieg mit „Every Tongue Has Its Thorns“. Diese Passage bleibt jedoch nur ein kurzes Vorspiel, bevor sich der vertraute Sound entfaltet: dissonante Gitarren, fragile, beinahe zerbrechliche Vocals, die im Kontrast zu harschen Growls stehen. Trotz der Vielzahl scheinbar widersprüchlicher Elemente entsteht ein stimmiges, spannendes Gesamtbild. Emotional aufgeladen, komplex und zugleich zugänglich markiert der Song einen kraftvollen und überzeugenden Einstieg ins Album.
PONTE DEL DIAVOLO wurden 2020 in Turin gegründet, ursprünglich als loses Jam-Projekt befreundeter Musiker:innen aus verschiedenen Bands, das sich jedoch rasch zu einer festen Formation entwickelte. Sängerin Erba del Diavolo, deren Name sich auch im Bandnamen widerspiegelt, prägt mit ihrer Stimme maßgeblich die Identität der Gruppe. Gitarrist Nerium, Schlagzeuger Segale Cornuta sowie die beiden Bassisten Krhura Abro und Kratom komplettieren das Line-up.
Doppelbass, Drama und italienische Eigenheiten
„Lunga Vita Alla Necrosi“ setzt auf theatralische Vocals und tremolierte Gitarrenlinien. Vielleicht gerade wegen des italienischen Gesangs schwingt hier eine unerwartete Leichtigkeit mit, die entfernt an traditionelle, fast volkstümliche Melodien erinnert. Gleichzeitig finden sich Hardcore-Anleihen und zunehmend dissonante Passagen. Die beiden Basslinien entfalten dabei eine enorme Wucht und unterstreichen einen der prägendsten Aspekte des Bandsounds.
Die Produktion ist vergleichsweise klar gehalten und respektiert die klangliche Vision der Band, ohne deren Vielschichtigkeit einzuebnen. Rohheit, Dissonanz und Melodie werden sauber eingefangen, was der Detailfülle zugutekommt. Auch wenn die Vocals das markanteste Merkmal bleiben, haben die Gitarren einen ebenso gewichtigen Anteil am Gesamtbild.
Groteske Bilder und stilistische Grenzgänge
„Spirit, Blood, Poison, Ferment!“ zeigt sich aggressiver, verzichtet weitgehend auf die ätherische Seite der Band und setzt stattdessen auf groteske, fast Jahrmarkt-artige Elemente. Massive Riffs, dominante Basslinien, dramatische Vocals und punktuell eingesetzte Blasinstrumente sorgen für eine dichte, theatralische Atmosphäre. Doom-lastige Passagen verleihen dem Stück zusätzliche Schwere und verdeutlichen erneut die stilistische Vielschichtigkeit von PONTE DEL DIAVOLO.
In „Il Veleno Della Natura“ tauchen bizarre Synthesizerflächen auf, während die melodische Führung erneut Assoziationen zu traditioneller italienischer Musik weckt. Tremolo-Gitarren verankern den Song zugleich fest im Black-Metal-Kontext. Cinematische Spannungsbögen, gesprochene Passagen, klare Gesänge und Growls wechseln einander ab. Die widersprüchliche, fast spielerische Atmosphäre sorgt für ein unwillkürliches Schmunzeln und fügt sich dennoch organisch ins Album ein.
Minimalismus, Lamento und postmetallische Tiefe
„Δ9 (Delta-9 / 161)“ entfaltet sich als lange, düstere Klanglandschaft. Gesprochene Vocals, sparsame Instrumentierung und eine schleichende Intensitätssteigerung lassen das Stück wie ein klagendes Ritual wirken. Postmetallisch anmutende Bassfiguren mit Hardcore-Nuancen tragen entscheidend zur Dynamik bei. Am stärksten dem Doom Metal verbunden, bündelt dieser Track zahlreiche Facetten der Band und verdeutlicht die kollektive Stärke aller fünf Musiker:innen. Ein eigenwilliges, aber äußerst eindrucksvolles Highlight.
„Silence Walk With Me“ setzt auf eine andere vokale Dynamik. Gastsänger Gionata Potenti (Darvaza, Deathrow, Nubivagant, ex-Blut aus Nord) ergänzt Erba del Diavolo mit einem kontrastierenden Ansatz. Das Zusammenspiel erzeugt eine noch verstörendere Atmosphäre. Dissonante Gitarren, basslastige Strukturen und eine scheinbar klare Form, die sich bei genauerem Hinhören als trügerisch erweist, machen den Song zu einem der düstersten Momente des Albums.
Das abschließende „In The Flat Field“ beginnt mit rezitierten Vocals und einer schattenhaften Gitarrenlinie. Der Song wirkt zunächst rhythmischer und strukturierter, fast reduziert, bevor Schreie und dramatische Steigerungen zurückkehren. Die Schlagzeugarbeit übernimmt hier eine zentrale Rolle und mündet in ein beinahe tribales Finale. Ein Abschluss, der die zuvor aufgebaute Schwere etwas auflöst und dem Album ein offenes, positives Ende verleiht.
Zwischen spielerischer Leichtigkeit und existenzieller Dunkelheit
Bis zu einem gewissen Punkt wirkt „De Venom Natura“ beinahe verspielt, getragen von einer eigentümlich lebensfrohen, fast heiteren Atmosphäre. Doch je weiter das Album voranschreitet, desto stärker kippt diese Leichtigkeit in etwas Dunkleres, Ernsthafteres, stellenweise Bedrohliches. Genau in diesem Spannungsfeld entfaltet sich der Reiz der Platte. „De Venom Natura“ ist ein komplexes, experimentelles Geflecht aus unterschiedlichen Stilrichtungen, angereichert mit subtilen Verweisen auf traditionelle italienische Klangbilder. Jeder Song öffnet ein anderes musikalisches Fenster – von dissonant und aggressiv über melodisch bis hin zu stark theatralischen Momenten –, ohne dass das Album dabei seine innere Geschlossenheit verliert.
So erfüllt das Album genau das, was die Band im Vorfeld angekündigt hat: Es zeigt deutlich mehr Facetten von PONTE DEL DIAVOLO. Der Sound wirkt reicher, vielschichtiger und spürbar offener für Experimente und neue Ausdrucksformen. Jeder Track beschreitet einen eigenen Weg, das Klangbild entwickelt sich ständig weiter und schlägt immer neue Richtungen ein. Gleichzeitig ist „De Venom Natura“ klar reifer, besser definiert und strukturierter als das Debüt. PONTE DEL DIAVOLO haben sich hörbar weiterentwickelt und präsentieren sich hier als Band mit einer eigenständigen, faszinierenden und schwer einzuordnenden musikalischen Identität.
Fazit: PONTE DEL DIAVOLO erweitern ihren Sound mutig – düster, verspielt, experimentell und deutlich gereifter als auf dem Debüt.

