Band: Reaper’s Revenge 🇩🇪
Titel: Taken By Night
Label: NRT-Records
VÖ: 24.07.2026 (Bandcamp Deluxe Edition; digitale Erstveröffentlichung: 13.02.2026)
Format: Digital
Genre: Heavy Metal / Power Metal / Speed Metal

Tracklist

01. Future’s Gold
02. Taken By Night
03. Starborn

Besetzung

Christopher Knauer – Gitarre & Leadgesang
Hermann Weiß – Gitarre & Begleitgesang
Christian Oppel – Bassgitarre & Begleitgesang
Thomas Seiferlein – Schlagzeug & Begleitgesang

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Knapp 13 Minuten können genügen, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Auf »Taken By Night« bündeln die Amberger Reaper’s Revenge klassischen Heavy Metal, Power-Metal-Hymnik und die Geschwindigkeit des Speed Metal zu drei kompakten Stücken. Das Quartett setzt dabei nicht allein auf nostalgische Wirkung. Kräftige Powerchords, zweistimmige Gitarrenharmonien und präzise gesetzte Tempowechsel zeigen eine Band, die ihr Handwerk beherrscht und ihre Einflüsse in eine geschlossene Form bringt. Eine gewisse Nähe zu Iron Maiden lässt sich vor allem in den melodischen Gitarrenlinien nicht leugnen. Reaper’s Revenge erhöhen jedoch den Power-Metal-Anteil, ziehen das rhythmische Fundament straffer und versehen ihre Musik mit einer thrashigen Schärfe. Inhaltlich geht es um technischen Fortschritt, die Auflehnung gegen den Tod und die Entstehung des Lebens im Kosmos. Damit besitzt die EP trotz ihrer kurzen Spielzeit einen erstaunlich weiten thematischen Horizont.

Reaper’s Revenge – Taken By Night

Schaut hier die Clips und hört die Songs von »Taken By Night«.

KLASSISCHER METAL MIT EIGENER HANDSCHRIFT

Reaper’s Revenge wurden 2013 in Amberg gegründet. Mit »The Wall Of Fear And Darkness« von 2014, »Virtual Impulse« von 2018 und »Versus« aus dem Jahr 2021 hat sich die Band schrittweise von klassischem Heavy Metal zu einer kompakteren Mischung aus Heavy, Power und Thrash Metal entwickelt. Nach dem Abschied des früheren Sängers übernahm Gitarrist Christopher Knauer zusätzlich den Leadgesang. In der heutigen Quartettbesetzung wirkt die Gruppe hörbar geschlossen.

Bereits die 2025 veröffentlichte EP »Fire Force Devil« markierte einen Neustart. »Taken By Night« führt diesen Weg konsequent fort. Die Kompositionen besitzen ein hohes Niveau, ohne technische Fertigkeiten zum Selbstzweck zu erklären. Powerchords bilden das tragende Gerüst, werden aber durch Harmonien, melodische Gegenstimmen und kurze rhythmische Verschiebungen erweitert. Dadurch bleiben die Stücke unmittelbar, ohne schlicht zu wirken.

Christopher Knauer und Hermann Weiß spielen präzise und mit klarer Rollenverteilung. Wo eine Gitarre das rhythmische Fundament verdichtet, setzt die andere melodische Akzente oder führt eine zweite Harmoniestimme ein. Gerade in diesen Momenten tritt die Nähe zu Iron Maiden hervor. Reaper’s Revenge klingen allerdings kraftvoller im modernen Power-Metal-Sinn und greifen häufiger auf den geradlinigen Druck des Speed Metal zurück. Die Vorbilder sind erkennbar, bestimmen aber nicht die gesamte Identität.

FUTURE’S GOLD: FORTSCHRITT UNTER VORBEHALT

Mit 4:45 Minuten ist »Future’s Gold« das längste Stück der EP. Die Rhythmusgitarren arbeiten mit druckvollen Powerchords, während melodische Linien für Bewegung oberhalb des kompakten Fundaments sorgen. Thomas Seiferlein hält das Geschehen mit tightem Schlagzeugspiel zusammen. Seine Einsätze sitzen präzise, die Übergänge bleiben sauber, und dennoch wirkt die Nummer nicht steril. Christian Oppels Bass besitzt genügend Volumen, um sich unter den Gitarren bemerkbar zu machen. Er liefert keinen bloßen Schatten der Rhythmusspur, sondern gibt dem Song einen satten Unterbau.

Der Text setzt sich kritisch mit technologischem Fortschritt auseinander, der künstlichen Intelligenz. Im Mittelpunkt steht eine Figur, die an bewährten Strukturen festhält und Veränderungen zunächst ablehnt. Die eigentliche Aussage ist jedoch differenzierter als ein allgemeines Misstrauen gegenüber allem Neuen: Innovation verdient Prüfung, denn technischer Fortschritt ist nicht automatisch menschlicher Gewinn. Vor allem künstliche Intelligenz erscheint als Entwicklung, deren Nutzen nicht mit ihrem bloßen Vorhandensein bewiesen ist. Der Song fordert einen weiteren Blick, warnt aber ebenso davor, jede Neuerung vorschnell zum Gold der Zukunft zu erklären.

Musikalisch passt diese Spannung gut zur Verbindung aus traditionellem Aufbau und energischerer Umsetzung. Der Refrain bleibt schnell im Gedächtnis, die Gitarrenharmonien verleihen dem Stück Weite, und die Rhythmusgruppe verhindert, dass die melodische Seite ins Leichtgewichtige kippt. »Future’s Gold« eröffnet die EP mit Nachdruck und zeigt bereits das hohe kompositorische Niveau der Band.

TAKEN BY NIGHT: WIDERSTAND GEGEN DAS UNVERMEIDLICHE

Der Titeltrack erhöht die Geschwindigkeit und rückt deutlicher in Richtung Speed Metal. Die Powerchords werden härter angeschlagen, das Schlagzeug treibt beinahe ohne Unterbrechung, und der Bass hält die schnellen Bewegungen mit einer festen, hörbaren Linie zusammen. Trotz des hohen Tempos bleiben die Gitarren präzise. Knauer und Weiß lassen Riffs und Harmonien ineinandergreifen, ohne die Nummer mit unnötigen Spuren zu überladen.

Inhaltlich beschäftigt sich »Taken By Night« mit Sterblichkeit und dem entschlossenen Widerstand gegen das unausweichliche Ende. Die Grundlage ist von Dylan Thomas’ berühmtem Gedanken geprägt, dem Erlöschen des Lebens nicht widerstandslos nachzugeben. Reaper’s Revenge übertragen diese Haltung in eine direkte Heavy-Metal-Sprache: Die Nacht steht für Tod, Abschied und Kontrollverlust, während der handelnde Mensch versucht, sich mit aller verbliebenen Kraft dagegen aufzulehnen. Es geht nicht um den naiven Glauben, den Tod besiegen zu können, sondern um Würde und Widerstand im Angesicht seiner Gewissheit.

Christopher Knauer macht in diesem Genre auch am Mikrofon eine gute Figur. Seine Stimme besitzt den nötigen Druck und kann sich gegen die dichten Gitarren behaupten. In höheren oder besonders forcierten Passagen wirkt sie stellenweise etwas gepresst. Beim Titeltrack passt diese Anspannung allerdings zur existenziellen Dringlichkeit des Textes. Etwas mehr stimmliche Lockerheit würde den Refrains zusätzliche Größe geben, doch die Leistung bleibt überzeugend. Gerade live dürfte die Nummer durch Tempo, klare Hookline und den energischen Refrain ihre Wirkung entfalten.

STARBORN: ZWISCHEN WISSEN UND STAUNEN

»Starborn« öffnet den Klangraum wieder stärker und stellt die melodische Seite der Band in den Vordergrund. Die Gitarrenharmonien tragen hier besonders deutlich jene britische Heavy-Metal-DNA, die an Iron Maiden erinnert. Gleichzeitig sorgen das kräftige Rhythmusfundament und die Power-Metal-Ausrichtung dafür, dass der Song nicht in einer reinen Rückschau stecken bleibt. Die Melodien wirken groß, die Powerchords geben ihnen Gewicht, und Seiferleins kontrollierte Schlagzeugarbeit hält auch die weitläufigeren Passagen fest in der Spur.

Der Text richtet den Blick auf den Ursprung von Materie und Leben. Sterne erscheinen als gewaltige kosmische Reaktoren, in denen Elemente entstehen, aus denen später Planeten und Lebewesen hervorgehen. Wissenschaftliche Erkenntnis und religiöser Glaube werden dabei nicht in eine billige Sieger-Verlierer-Ordnung gezwungen. Der Song beschreibt vielmehr die Spannung zwischen dem, was sich durch Gravitation, Materie und physikalische Prozesse erklären lässt, und dem menschlichen Bedürfnis, hinter der Existenz eine übergeordnete Bedeutung zu erkennen. Wissen beseitigt das Staunen nicht. Je genauer der Kosmos betrachtet wird, desto größer kann das Gefühl für seine Unermesslichkeit werden.

Als Abschluss funktioniert »Starborn« deshalb besonders gut. Nach der technologischen Skepsis von »Future’s Gold« und dem Widerstand gegen die eigene Endlichkeit im Titeltrack weitet sich die Perspektive auf Entstehung und Vergänglichkeit des gesamten Lebens. Die drei Texte bilden keinen geschlossenen Handlungsbogen, stehen aber über die Frage zusammen, was Fortschritt, Existenz und Endlichkeit für den Menschen bedeuten.

PRÄZISION STATT SELBSTDARSTELLUNG

Die größte Stärke der EP liegt im Zusammenspiel. Knauer und Weiß verfügen über ein präzises Gitarrenspiel, das sowohl bei schnellen Powerchord-Folgen als auch in den harmonischen Passagen überzeugt. Die Leads setzen Akzente, ohne sich von den Songs abzukoppeln. Reaper’s Revenge beweisen damit, dass hohes spielerisches Niveau nicht durch möglichst lange Soli demonstriert werden muss. Entscheidend ist, dass jede Linie dem Aufbau dient.

Thomas Seiferlein liefert tight gespielte Drums, die das Tempo zuverlässig führen und den Gitarren den notwendigen Halt geben. Er spielt kraftvoll, aber nicht überladen. Christian Oppel setzt darunter eine satte Bassgitarre, die dem Material Körper verleiht. Gerade weil der Bass im Mix nicht vollständig hinter den Gitarren verschwindet, besitzen die Stücke auch in den schnelleren Abschnitten genügend Tiefe.

Die von Christopher Knauer und Reaper’s Revenge produzierte, gemischte und gemasterte Aufnahme klingt druckvoll und transparent. Gitarren, Bass und Schlagzeug bleiben unterscheidbar, ohne dass die geschlossene Wirkung verloren geht. Der Gesang sitzt präsent über dem Fundament. Gelegentlich hätte etwas mehr Luft in den hohen Passagen Knauers Stimme besser zur Geltung gebracht. Das ist jedoch ein begrenzter Kritikpunkt und kein Problem, das den Gesamteindruck ernsthaft beschädigt.

Die knapp 13 Minuten zeigen zugleich die einzige grundsätzliche Schwäche des Formats: Kaum hat die EP ihre volle Wirkung entfaltet, ist sie bereits vorbei. Außerdem bewegen sich die drei Stücke bewusst innerhalb vertrauter Heavy- und Power-Metal-Strukturen. Große stilistische Überraschungen bleiben aus. Dafür sind die Arrangements durchdacht, die Refrains griffig und die instrumentalen Leistungen auf einem Niveau, das vielen längeren Veröffentlichungen fehlt.

VON AMBERG AUF DIE FESTIVALBÜHNEN

Dass dieses Material für die Bühne geschrieben ist, hat die Band in den vergangenen Monaten mehrfach unter Beweis gestellt. Zu den jüngsten Stationen gehörten das Helles & Hellfire Festival in Püchersreuth am 8. Mai 2026, ein Konzert im Oberen Gasthof Grüna am 20. Juni sowie das Pure Fucking Metal FestEvil in Laberweinting am 10. und 11. Juli. Schon zuvor hatten Reaper’s Revenge unter anderem mit Mystic Prophecy, Iron Savior, Axxis und Majesty die Bühne geteilt.

Der nächste bestätigte Auftritt folgt am 1. August 2026 beim Metal United Fest auf der Summerstage der Eventhall Airport in Obertraubling. Reaper’s Revenge eröffnen dort ein Programm mit False Crown, Moyra, Mass, Sagenbringer und Ultrasäpp. Die neuen Songs dürften in diesem Rahmen besonders gut funktionieren: Ihre Refrains sind schnell erfassbar, das Tempo verlangt nach Bewegung, und die Gitarrenharmonien besitzen genügend Größe für eine Festivalbühne.

FAZIT:

Mit »Taken By Night« legen Reaper’s Revenge eine kurze, aber gehaltvolle EP vor. Drei Stücke reichen aus, um die Stärken des Quartetts deutlich zu machen: präzise Gitarren, wirkungsvolle Harmonien, druckvolle Powerchords, tightes Schlagzeug und eine satte Bassgitarre. Die Nähe zu Iron Maiden ist in den zweistimmigen Leads nicht zu leugnen, doch der höhere Power-Metal-Anteil und die speed-metallische Energie geben dem Material eine eigene Richtung.

Auch inhaltlich bleibt die Band anspruchsvoll. Künstliche Intelligenz und die Ambivalenz des Fortschritts, der Widerstand gegen den Tod sowie die kosmische Herkunft des Lebens werden verständlich behandelt, ohne in platte Botschaften abzugleiten. Christopher Knauer überzeugt als Gitarrist und macht auch am Mikrofon eine gute Figur, selbst wenn seine Stimme an manchen Stellen etwas gepresst wirkt. Diese kleine Schwäche fällt angesichts des geschlossenen Zusammenspiels kaum ins Gewicht.

»Taken By Night« ist klassischer Heavy Metal mit kompositorischem Anspruch und kräftigem Power-Metal-Schub. Die EP erfindet das Genre nicht neu, zeigt aber, wie überzeugend vertraute Zutaten wirken können, wenn eine Band sie präzise, energisch und mit einem eigenen thematischen Profil zusammenführt. Wer melodische Gitarrenarbeit, griffige Refrains und schnörkellosen Metal schätzt, sollte Reaper’s Revenge im Blick behalten. An dieser Stelle sollte auch ein Gruß an NRT-Records rausgehen: Das Label liefert mal wieder nicht nur amtliche PR-Materialen, die liebevoll ins Detail gehen, sondern liefert auf Bandcamp auch eine digitale Deluxe version mit zahlreichen Bonusfeatures.

Reaper’s Revenge – Taken By Night (Official Clip)

Internet

REAPER’S REVENGE – TAKEN BY NIGHT – EP REVIEW

Vorheriger ArtikelÄxe – Autogeddon
Nächster ArtikelTEMPLE OF THE ABSURD – veröffentlichen neue Single
Robert
Soldat unter dem Motto morituri te salutant sich als Chefredakteur bemühender Metalverrückter. Passion und Leidenschaft wurden fusioniert in der Verwirklichung dieses Magazins.