Tracklist
01. Primal
02. Mercenary
03. Discordia
04. Axis
05. Huntress
06. Unbound
07. Indifferent
08. Drifter
09. Draconian
10. Vellichor
Besetzung
Joel Ekelöf – vocals
Martin Lopez – drums
Lars Åhlund – keyboards, guitar
Cody Ford – guitar
Stefan Stenberg – bass
SOEN sind bekannt für ehrliche, ungeschönte Texte über gesellschaftliche, politische und individuelle Herausforderungen. Musikalisch lösten sie sich in den letzten Jahren immer stärker von ihrem progressiven Ursprung. Stattdessen wurden die Lieder zugänglicher gemacht, indem Songstrukturen geradliniger und der Fokus auf eingängige, melodische Refrains gelegt wurde. Mit ihrem mittlerweile siebten Studioalbum „Reliance“ halten sie diesen Trend aufrecht.
Vereinzelte progressive Elemente
Vorweg sei erwähnt, dass ich mit SOEN noch nicht allzu viele Berührungspunkte hatte. Die Unfähigkeit des detaillierten Vergleichs mit Vorgänger-Scheiben ist daher Vor- und Nachteil zugleich. Was trotzdem sofort auffällt, ist die oben angesprochene Verabschiedung technisch vertrackter Songs à la OPETH und TOOL. Auf „Reliance“ erinnert am ehesten die Schlagzeugarbeit an diese Zeit, speziell an das Debüt „Cognitive“ (2012). Während die Gitarren häufig eher linear spielen, werden am Schlagzeug Techniken angewandt, die viel Kontrolle und Hirnschmalz benötigen. Die sanften Schläge und Akzente in den Strophen von „Discordia“ und „Drifter“ sind gute Beispiele dafür. Genau solche Details heben die Lieder auf ein etwas anspruchsvolleres Niveau.
Schwierige Stimme
Die Entwicklung hin zu einfacheren Songstrukturen wurde mit einem Anstieg an Melodik gekoppelt. Diese manifestiert sich sowohl instrumental als auch gesanglich. Der Gesang von Joel Ekelöf klingt dabei stellenweise sehr nasal und unscharf, zudem bewegt er sich häufig in einer relativ hohen Lage. An bestimmten Stellen erzeugt das einen klagenden Eindruck. Die „I don’t need another hero“-Passagen in „Huntress“ sind ein Paradebeispiel dafür. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die stark melodische und sehr bombastische Produktion der instrumentalen Begleitung. „Huntress“ ist deshalb meiner Meinung nach eines der schlechtesten Lieder.
Ehrliche Texte betont durch musikalisches Feingefühl
Eine von SOENs unzweifelhaften Stärken sind ihre Lyrics. Von persönlichen Krisen sowie gesellschaftlichen und politischen Missständen schreibt man gerne in bildhafter, abstrakter Weise. SOEN nehmen da lieber einen direkteren Weg und behandeln diese Themen, ohne sie zu verschönern. In „Discordia“ wird z. B. sehr offen über Depressionen, Gefühle der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, von Ängsten usw. erzählt. Es ist ein Lied, in das man sich richtig hineinfühlen kann, da auch die musikalische Untermalung auf dem Punkt ist. Entweder schöpft man Kraft daraus, oder man suhlt sich in seinem eigenen Selbstmitleid, was sehr katharisch wirken kann. „Primal“ spricht im Gegensatz dazu die fragwürdigen Entwicklungen der modernen Gesellschaft und Technologie an. Es geht um Frustration, Wut und Spaltung. Auch hier wurde die akustische Inszenierung gut gewählt. Schwerfällige Mid-Tempo-Beats treiben die Strophen an während der Refrain eine melancholische Färbung durch die Melodien bekommt.
Altbewährte Songstrukturen
„Reliance“ ist in Summe ein sehr melodisches Album. Härtere Passagen kommen regelmäßig vor – überwiegend in den Strophen – und folgen meist einem ähnlichen Muster. Sowohl in „Primal“ als auch in „Unbound“, „Axis“ und „Draconian“ wird Härte und Aggression durch ein synchrones Zusammenspiel von Schlagzeug und Gitarren hergestellt. Sie erschaffen einen marschierenden Rhythmus, der z. B. häufig tongebend im Metalcore ist. Die Refrains gehen stets gut ins Ohr und kontrastieren die Strophen unterschiedlich stark. In „Huntress“ ist der Kontrast z. B. merklich weniger ausgeprägt als in „Draconian“.
Großartige Ausreißer
Es gibt wenige Ausreißer, die nicht diesem Schema folgen: „Indifferent“ tanzt eindeutig aus der Reihe. Es ist eine bittersüße Ballade, in der das Klavier und Streichinstrumente die akustische Szenerie erschaffen. Ekelöf singt im Refrain mit seiner Bruststimme, was ihn sehr mächtig klingen lässt. Die E-Gitarre wird nur einmal nach dem ersten Refrain eingesetzt, sorgt dabei aber für wilde Gänsehaut. „Axis“ sticht im Gegensatz dazu wegen ganz anderer Elemente heraus. Es ist durchgehend energisch. Sogar der Refrain bleibt groovig und wird von lässigen Gesangsrhythmen getragen. Im letzten Lied „Vellichor“ beweisen SOEN noch einmal ihr Talent für die musikalische Übersetzung von komplexen Gefühlen. „Vellichor“ ist ein Begriff, der die Melancholie und Nostalgie beschreibt, die man mit dem Geruch von alten Büchern assoziiert. Mit diesem Fun Fact im Hinterkopf wirkt das Lied beim Hören überraschend stimmig.
Ein Album zum Hineinfühlen
SOEN werden mit „Reliance“ niemanden mehr wegen seiner technisch ausgeklügelten Songs vom Hocker reißen. Klar, die progressiven Elemente sind da, treten aber in den Hintergrund. „Reliance“ überzeugt sattdessen mit ehrlichen Texten und einem guten Gespür, komplexe Gefühle und Herausforderungen musikalisch zu manifestieren. Die Lieder knüpfen an Emotionen an und haben häufig etwas Kathartisches. Zudem ist das Verhältnis zwischen Melodik und Aggression ausgewogen. Es ist einprägsam, mitreißend und gut geschrieben.
Fazit: Mit „Reliance“ liefern SOEN ein melodisches, emotional zugängliches Album ab, das weniger durch progressive Komplexität als vielmehr durch ehrliche Texte und ein feines Gespür für die musikalische Übersetzung innerer und gesellschaftlicher Konflikte überzeugt.

