Tracklist
01. Tsunami
02. Only the Living
03. It Doesn’t End Well
04. The World Is On Fire
05. Alive In Death’s Shadow
06. Toothache
07. Stormy
08. Ocean
09. Iron Strong
Besetzung
Hauk Heimdallsman / Uncle Hauk – Gesang, Bass, E-Gitarren, 12-saitige Gitarre, Akustikgitarre, Banjo, Lap Steel, Keyboards, Programming, Sopran-, Alt- & Tenorsaxophon
Quentin Marshall Purviance – Schlagzeug & Percussion
Aufgenommen in den Talonspan Studios, Escalon, Kalifornien.
Alle Songs geschrieben, produziert, aufgenommen, gemischt und gemastert von Uncle Hauk.
Beim Lesen des Titels »Lose Your Illusions« muss man zwangsweise an Guns N’ Roses denken und sich fragen, ob deren Album »Use Your Illusion« hierbei Ziel einer Verballhornung ist. Die Antwort lautet: vermutlich nicht direkt, aber der Reflex ist natürlich da. Nur: Wo Axl Rose einst mit Bandana, Pathos und Klavierballaden zum Rock-Olymp winkte, steht Uncle Hauk eher im schummrigen Hinterzimmer, betrachtet den brennenden Globus durch ein halb leeres Glas und murmelt: „Na gut, dann machen wir eben Lärm draus.“
(Hört hier »Lose Your Illusions« von Uncle Hauk)
»Lose Your Illusions« ist ein Album über Ernüchterung, Verlust, Wut und diesen unangenehmen Moment, in dem man merkt, dass die Welt nicht fairer wird, nur weil man ihr besonders streng ins Gesicht schaut. Gleichzeitig ist die Platte kein reiner Depri-Klotz. Zwischen Post-Punk-Kälte, Alternative-Rock-Dreck, Metal-Schwere, Jazz-Abzweigungen und Country-Schatten lodert immer wieder so etwas wie Trotz auf. Nicht unbedingt Hoffnung im Disney-Sinne, eher Hoffnung mit Kater, Staub auf der Jacke und einem Taschenmesser im Stiefel.
Musikalisch fährt Uncle Hauk dabei keinen bequemen Kurs. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Wer gern sauber etikettierte Regalfächer mag, bekommt hier Schnappatmung: Mal rumpelt es post-punkig und düster, mal biegt ein Saxophon um die Ecke, mal drückt das Riff Richtung Metal, mal schimmert ein Americana- oder Alt-Country-Unterton durch. Das klingt spannend, manchmal eigensinnig, gelegentlich aber auch so, als hätten mehrere Songs gleichzeitig beim Bandmeeting das letzte Wort behalten wollen.
»Tsunami« eröffnet das Album passend: nicht als gemütliches Vorspiel, sondern als Welle, die erst fragt, wenn sie schon im Wohnzimmer steht. Der Song funktioniert mit seiner dunklen Spannung und dem griffigen Refrain als guter Einstieg in die Welt von »Lose Your Illusions«. Hier wird nicht lange poliert, hier wird angeschoben. Der Sound ist kantig, leicht schmutzig und bewusst nicht auf Hochglanz gebürstet. Man hört schnell: Uncle Hauk will keine aalglatte Alternative-Rock-Platte liefern, sondern ein sperriges, persönliches Ding mit Narben.
»Only the Living« nimmt sich anschließend mehr Zeit und zeigt deutlicher, wie sehr dieses Album zwischen düsterem Rock, Post-Punk-Stimmung und fast erzählerischem Songwriting pendelt. Die Nummer hat Gewicht, aber auch Länge. Das ist einer dieser Tracks, bei dem man merkt, dass Uncle Hauk viel zu sagen hat. Manchmal vielleicht sogar etwas mehr, als der Song zwingend tragen kann. Trotzdem bleibt die Atmosphäre stark: Tod, Überleben, Erinnerung und Trotz liegen hier dicht beieinander. Das ist keine Musik für die Cocktailbar, außer die Cocktailbar befindet sich in einem verlassenen Industriegebiet und der Barkeeper heißt „Existenzkrise“.
DÜSTER, EIGENWILLIG UND NICHT IMMER BEQUEM
Mit »It Doesn’t End Well« wird der Titel zur selbsterfüllenden Prophezeiung, allerdings im positiven Sinne: Die Nummer knirscht, zieht sich in dunklere Ecken zurück und hat diesen fatalistischen Unterton, den das Album immer wieder ausspielt. Hier liegt eine Stärke der Platte: Uncle Hauk wirkt glaubwürdig, wenn er über Desillusionierung singt. Das klingt nicht nach aufgesetzter Dunkelromantik aus dem Gothic-Baukasten, sondern nach jemandem, der zu oft erlebt hat, dass der Abspann selten mit einem Happy End kommt.
»The World Is On Fire« gehört zu den stärkeren Momenten des Albums. Der Titel ist natürlich keine subtile Erkenntnis, aber seien wir ehrlich: Subtilität hat in den letzten Jahren auch nicht unbedingt Überstunden gemacht. Musikalisch sitzt der Song kompakter, die Stimmung greift schneller, und der Kontrast zwischen brennender Welt und dem Wunsch nach Regen gibt der Nummer eine schöne, bittere Bildhaftigkeit. Hier klappt die Mischung aus Melancholie, Druck und trotzigem Weitergehen besonders gut.
Auch »Alive In Death’s Shadow« bringt genau jene dunkle, aber nicht völlig hoffnungslose Grundstimmung auf den Punkt, die »Lose Your Illusions« trägt. Das Stück arbeitet mit Schatten, Schwere und einer gewissen dramatischen Theatralik, ohne komplett ins Überladene zu kippen. Gerade hier zeigt sich, dass Hauk Heimdallsman als Multiinstrumentalist ein breites Arsenal auffährt. Gitarren, Tastenflächen, Programmings und Bläserfarben wirken nicht wie Schmuck am Kadaver, sondern wie Teile eines unruhigen Innenlebens.
WENN DAS SAXOFON MIT DEM RIFF STREITET
Der auffälligste Brocken ist »Toothache«. Über neun Minuten lang bohrt sich der Song durch Stimmungen, Spannungen und instrumentale Umwege. Der Titel passt: Das Ding pocht, zieht, nervt gelegentlich – und bleibt trotzdem hängen. Hier wird deutlich, warum die Wertung nicht höher ausfällt: Die Experimentierfreude ist sympathisch, aber nicht jeder Schlenker sitzt zwingend. Manchmal wirkt die Nummer wie ein spannender Rohbau, in dem noch ein paar Kabel aus der Wand hängen. Andererseits: Lieber ein Song mit Ecken, Kanten und Zahnschmerzen als ein steriler Streaming-Snack, der nach 30 Sekunden schon wieder vergessen ist.
»Stormy« bringt danach etwas mehr Ordnung ins Wetter. Der Song wirkt fokussierter, melodischer und zugänglicher, ohne die dunkle Grundfarbe zu verlieren. Hier trifft Uncle Hauk einen guten Mittelweg zwischen Eigenwilligkeit und Songdienlichkeit. Die Nummer hat genug Atmosphäre, um nicht beliebig zu werden, aber genug Struktur, um nicht im eigenen Nebel zu verschwinden. So darf Desillusionierung gern klingen: nicht jammernd, sondern wetterfest.
»Ocean« schlägt in eine ähnliche Kerbe, bleibt dabei aber etwas zurückhaltender. Der Song fließt eher, als dass er zuschlägt, und setzt stärker auf Stimmung als auf unmittelbaren Druck. Das passt zum Album, sorgt aber auch dafür, dass die zweite Hälfte stellenweise weniger zwingend wirkt als die stärksten Momente zuvor. »Lose Your Illusions« ist eben kein Album, das seine Hits wie Leuchtpistolen in die Luft schießt. Es arbeitet mehr über Atmosphäre, Reibung und diesen staubigen Trotz, der sich erst nach mehreren Durchläufen richtig festsetzt.
ZWISCHEN ABGRUND UND MITTELFINGER
Mit »Iron Strong« endet die Platte dann vergleichsweise direkt und standhaft. Der Song wirkt wie ein abschließendes Zusammenreißen nach 40 Minuten Weltbrand, Selbstbefragung und musikalischem Schlingerkurs. Hier steckt der Trotz schon im Titel. Nach all der Dunkelheit bleibt keine große Erlösung, aber ein aufrechter Stand. Nicht glamourös, nicht triumphal, eher: „Noch da. Reicht erstmal.“ Und manchmal ist das im Rock’n’Roll schon die halbe Miete.
Produktionstechnisch ist »Lose Your Illusions« ein zweischneidiges Schwert. Der Sound besitzt Charakter, Dreck und Persönlichkeit, aber nicht jede Passage wirkt gleich ausgewogen. Einige Ideen hätten noch etwas mehr Zuspitzung vertragen, manche Übergänge noch etwas mehr Straffung. Dafür klingt die Platte nie austauschbar. Man hört hier keinen Algorithmus, der sich als Musiker verkleidet hat, sondern einen Künstler mit klarem Innenleben, breitem Instrumentarium und dem Mut, auch mal gegen die Wand zu laufen, nur um zu prüfen, ob die Wand vielleicht zurücksingt.
»Lose Your Illusions« ist kein Meisterwerk, das man jedem ungefragt auf den Küchentisch nageln muss. Dafür ist das Album zu uneben, zu eigensinnig und manchmal zu ausufernd und auch die Produktion nicht unbedingt The yellow of the egg… Aber es ist auch durchaus entfernt, Mittelmaß zu sein. Es hat Haltung, Atmosphäre, gute Songs, spannende Farben und genug kaputte Schönheit, um neugierig zu machen. Wer Post Punk, Alternative Rock, Metal-Einflüsse, düstere Americana-Schlieren und experimentelle Seitenwege mag, findet hier reichlich Futter.
FAZIT:
»Lose Your Illusions« ist ein dunkles, kantiges und sehr persönliches Album, das sich nicht auf eine Schublade festnageln lässt. Uncle Hauk mischt Post-Punk-Grit, Alternative-Rock-Melancholie, Metal-Druck, Jazz-Farben und Alt-Country-Staub zu einem Sound, der nicht immer elegant, aber fast immer charakterstark wirkt. Die Platte lebt von Atmosphäre, Widerspenstigkeit und einer glaubwürdigen Mischung aus Weltfrust und Überlebenswillen.
Die stärksten Songs sind »Tsunami«, »The World Is On Fire«, »Alive In Death’s Shadow«, »Stormy« und »Iron Strong«. »Toothache« ist als langer Experimentierklotz interessant, aber nicht durchgehend zwingend. Genau dort liegt auch der Kern der Bewertung: »Lose Your Illusions« ist spannend, mutig und eigen, aber nicht immer so präzise, wie es sein könnte.
Wer Musik sucht, die brav im Hintergrund läuft, während man die Steuererklärung macht, sollte lieber etwas anderes anklicken. Wer dagegen ein Album will, das nach Post-Punk-Keller, Metal-Rost, Saxofon-Nebel und trotzigem Weiteratmen klingt, darf hier gern seine Illusionen verlieren. Ein bisschen tut es weh. Aber hey: Der Titel hat uns gewarnt.






