Vier Meter Hustensaft - Dreckige Kohle - album cover

Band: Vier Meter Hustensaft 🇩🇪
Titel: Dreckige Kohle
Label: NRT-Records
VÖ: 09/01/26
Genre: Punkrock/Deutschpunk

Tracklist

01. Was Ich Dringend Brauche
02. Dreckige Köhle
03. Der Allergrößte
04. Was Ich Dringend Brauche (Live In Der Börse Wuppertal)

Besetzung

Philipp „Phil“ Altenhofen – Leadgesang & Gitarre
Thiemo Schröder – Leadgesang & Gitarre
Philipp Wachter – Bass & Hintergrundgesang
Dirk „The Lobster“ Löber – Schlagzeug & Hintergrundgesang

Bewertung:

4,5/5

Vier Meter Hustensaft aus Düsseldorf liefern mit »Dreckige Kohle« keine EP ab, die lange um Aufmerksamkeit bittet. Das Ding tritt die Tür auf, stellt sich mit dreckigen Schuhen in den Flur und fragt nicht, ob es stört. Vier Songs, rund zehn Minuten Laufzeit, keine ausufernden Spielereien, kein überflüssiger Ballast. Hier wird Punkrock in kompakter Form gereicht, roh genug, um nicht nach Studiohygiene zu riechen, aber sauber genug produziert, um nicht im eigenen Krach unterzugehen.

Schon der Einstieg macht deutlich, dass die Band nicht nur auf Krawall setzt. Hinter der rotzigen Fassade liegt eine feine Beobachtungsgabe. Die subtile Sozialkritik ist allgegenwärtig, allerdings nicht als belehrende Parole, sondern als Nebenprodukt einer Welt, in der Frust, Konsumdruck, regionale Identität und persönliche Selbstbehauptung ineinandergreifen. Vier Meter Hustensaft reden nicht um den heißen Brei herum, sie kippen ihn direkt auf den Tresen.

KLANGBILD ZWISCHEN ROTZ UND KONTROLLE

Musikalisch bewegt sich »Dreckige Kohle« klar im authentischen Spektrum des Punkrock. Die Gitarren arbeiten direkt, manchmal schroff, aber nie planlos. Der Bass hält die Songs zusammen, das Schlagzeug treibt nach vorne, und die Produktion bewahrt genau das Maß an Schmutz, das diese Musik braucht. Es klingt nicht nach Hochglanzpolitur, aber auch nicht nach Proberaumaufnahme mit defektem Kabel. Der Sound ist greifbar, kantig und zweckdienlich.

Besonders auffällig ist der Gesang von Thiemo Schröder. Sein Timbre erinnert stellenweise an Axel Kurth von Wizo, ohne zur bloßen Kopie zu werden. Da ist dieses leicht nasale, bissige Element, diese Mischung aus Melodie und angekratzter Ansage, die sofort im Ohr hängen bleibt. Schröder klingt nicht wie jemand, der Punkrock spielt, weil es gerade charmant retro wirkt. Er klingt wie jemand, der genau aus dieser Welt kommt.

Auch die zweite Stimme von Philipp Altenhofen fügt sich sinnvoll ein. Dadurch wirkt die Band breiter aufgestellt, druckvoller und geschlossener. Gerade im Vergleich zur früheren Phase mit Sängerin Yvonne Wagner zeigt sich, dass Vier Meter Hustensaft nach deren Weggang nicht einfach nur weitergemacht haben. Die Band hat sich zu einer Male-fronted Formation entwickelt und dabei hörbar an Qualität zugelegt. Mehr Druck, mehr Fokus, mehr Biss.

DRECKIGE KOHLE UND SAUBERE TREFFER

In Sachen der lyrischen Dichtkunst ist »Dreckige Kohle« stärker, als es der erste ruppige Eindruck vermuten lässt. Der Titeltrack arbeitet mit Bildern aus Region, Straße und Alltag. Kohle, Stahl, Pommesbude, Altbier und urbane Bodenhaftung werden nicht als nostalgische Kulisse benutzt, sondern als Gegenentwurf zu Glanz und Statusgehabe. Die Nummer feiert nicht das Elend, sondern die eigene Verwurzelung. Es geht um Stolz ohne Pathos, um Haltung ohne Sonntagsrede.

»Was Ich Dringend Brauche« greift den alltäglichen Frust direkter auf. Der Song klingt wie ein innerer Monolog nach einem zu langen Tag, an dem alles nervt und trotzdem irgendwie weitergeht. Genau hier funktioniert die Sozialkritik besonders gut, weil sie nicht platt erklärt wird. Sie steckt in der Situation, in der Sprache und im Tonfall. Man hört die Erschöpfung, aber auch den Trotz.

»Der Allergrößte« nimmt dagegen aufgeblasene Egos ins Visier. Jeder kennt diese Gestalten, die sich selbst zur Hauptfigur erklären, während der Rest der Welt nur müde danebensteht. Der Song ist kurz, schnoddrig und angenehm ungeduldig. Keine Analyse, keine langen Umwege, einfach ein musikalischer Rempler gegen Selbstüberschätzung.

Die Live-Version von »Was Ich Dringend Brauche« rundet die EP ab. Ob man bei einer ohnehin kurzen Veröffentlichung denselben Song zweimal braucht, ist Geschmackssache. In diesem Fall passt es aber zum Charakter der Band. Live klingt das Material noch etwas ungeschliffener, unmittelbarer und weniger kontrolliert. Genau das steht Vier Meter Hustensaft gut.

ZWISCHEN BOTSCHAFT UND BIERBANK

Was »Dreckige Kohle« auszeichnet, ist die Balance zwischen Spaß und Substanz. Die EP wirkt nicht verbissen politisch, aber auch nicht belanglos. Unter der Oberfläche arbeitet eine dauerhafte Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen Zuständen, Konsummechanismen, Selbstdarstellung und urbanem Klassenbewusstsein. Vier Meter Hustensaft formulieren das nicht wie ein Thesenpapier, sondern wie Punkrock es formulieren sollte: direkt, schmutzig und mit einem schiefen Grinsen.

Gerade diese Mischung macht die EP sympathisch. Sie will keine Revolution auf zehn Minuten ausrufen, aber sie zeigt klar, wo sie steht. Zwischen Altbier, Asphalt und angekratzten Stimmbändern entsteht ein kleines, dreckiges Stück Punkrock, das mehr Charakter besitzt als so manche überlange Veröffentlichung, die sich selbst viel zu wichtig nimmt.

PRODUKTION UND WIRKUNG

Die Produktion hält die Songs kompakt und lässt ihnen genug Luft zum Atmen. Die Gitarren sind präsent, der Gesang sitzt vorne, das Schlagzeug macht Druck, ohne steril zu wirken. Alles bleibt auf den Punkt. Keine Experimente, keine unnötigen Ausschmückungen, kein falscher Tiefgang. Die EP weiß, was sie sein will, und genau deshalb funktioniert sie.

»Dreckige Kohle« ist kein Werk, das man minutenlang sezieren muss, um seinen Kern zu verstehen. Es kommt, sagt, was es zu sagen hat, und verschwindet wieder, bevor jemand auf die Idee kommt, es glattzubügeln. Das ist in diesem Fall ausdrücklich als Kompliment gemeint.

FAZIT

»Dreckige Kohle« von Vier Meter Hustensaft ist eine kurze, bissige und erstaunlich treffsichere Punkrock-EP. Die Band klingt nach dem personellen Wandel fokussierter, männlicher geprägt und insgesamt stärker als zuvor. Besonders Thiemo Schröder setzt mit seinem an Axel Kurth erinnernden Timbre klare Akzente, während die Songs zwischen Alltagsfrust, regionaler Erdung und subtiler Sozialkritik genügend Substanz entwickeln.

Wer Punkrock ohne Hochglanz, aber mit Haltung sucht, bekommt hier zehn Minuten ehrlichen Druck auf die Ohren. Keine große Pose, kein künstlicher Tiefgang, sondern Dreck, Kante und ein gutes Gespür für den richtigen Moment.

Abschließend sei noch kurz erwähnt: Die PR-Arbeit von NRT-Records war mal wieder auf eierlegende-Wollmilchsau-Niveau. Da wurde an alles gedacht, wovon sich einige durchaus mal eine Scheibe abschneiden könnten.

Livevideo

Internet

VIER METER HUSTENSAFT - Dreckige Kohle - CD Review

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Robert
Soldat unter dem Motto morituri te salutant sich als Chefredakteur bemühender Metalverrückter. Passion und Leidenschaft wurden fusioniert in der Verwirklichung dieses Magazins.