Tracklist
01. Make the World Bleed
02. Hollow
03. Tenebra
04. Angst
Besetzung
R. H. Moor – Gesang, Texte
G. F. – Gitarren
Seditio – Bass, Soundscapes, Texte
G. Olgen – Schlagzeug
Covermotiv:
Sascha Schneider – „Der Astralmensch“ (1903)
Black Metal ist etzadla immer noch Krieg! Kybalion ziehen auf »Make the World Bleed« allerdings nicht mit stumpfem Säbelrasseln in die Schlacht. Die Italiener zerlegen den Schwarzmetall-Angriff in vier kurze Akte aus rasenden Blastbeats, dissonanten Gitarren, melodischer Kälte, dunklen Soundscapes und gesprochenen Passagen. In gerade einmal gut zwölf Minuten entsteht ein Werk über Freiheit, Macht, Angst und jene menschliche Neigung, sich selbst Ketten anzulegen und anschließend den Schlüssel an den nächstbesten Tyrannen weiterzureichen.
VIER AKTE BIS ZUM KOLLAPS
»Make the World Bleed« ist die dritte EP der 2021 gegründeten Band und folgt einer klaren dramaturgischen Idee. Die vier Stücke stehen für unterschiedliche Bewusstseinszustände und beschreiben eine Bewegung, die über menschliche Gesetze, moralische Schranken und tief verankerte Ängste hinausführen soll.
Diese vermeintliche Befreiung endet jedoch nicht in friedlicher Erleuchtung. Je weiter sich der Mensch von jeder äußeren Begrenzung entfernt, desto stärker wird er mit Kräften und Erkenntnissen konfrontiert, die sich nicht kontrollieren lassen. Absolute Freiheit erzeugt keine automatische Weisheit. Sie kann ebenso in Machtgier, moralische Verformung und vollständigen Zusammenbruch führen.
Die philosophische Grundlage klingt anspruchsvoll, wird musikalisch aber nicht in akademischem Leerlauf erstickt. Kybalion schreiben kurze, aggressive Stücke, die ihre Ideen über Bewegung und Kontrast vermitteln. Dissonante Riffs zerbrechen, Blastbeats werden von marschartigen Rhythmen abgelöst und melodische Linien tauchen nur so lange auf, bis der nächste Angriff sie wieder zerschneidet.
DIE WELT SOLL BLUTEN
Der Titelsong orientiert sich inhaltlich an Friedrich Dürrenmatts Roman »Der Verdacht« und dessen Auseinandersetzung mit dem Wesen des Bösen. Das Böse entsteht hier nicht zwingend aus einem perfekt kalkulierten Plan. Es kann aus der Erkenntnis wachsen, dass der Mensch möglicherweise nichts weiter als eine zufällige Ansammlung von Atomen in einem gleichgültigen Universum ist.
Fehlen ein allwissender Richter, eine absolute Wahrheit und eine ewige Ordnung, wird der Mensch radikal frei. Genau diese Freiheit erzeugt jedoch Angst. Anstatt sie auszuhalten, erschafft die Gesellschaft neue Regeln, Hierarchien und Autoritäten. Menschen verlangen nach Kontrolle und unterwerfen sich Mächten, die ihnen versprechen, das unübersichtliche Leben in einfache Kategorien zu sortieren.
»Make the World Bleed« eröffnet mit einem Riff, das nicht lange um Erlaubnis fragt. G. Olgen feuert Blastbeats unter die Gitarren, während R. H. Moor seine Stimme wie eine rostige Klinge durch das Arrangement zieht. Der Gesang klingt wütend, angespannt und bewusst ungeschönt.
G. F. setzt nicht auf eine lineare Tremolo-Wand. Die Gitarrenfiguren werden unterbrochen, verschoben und durch kurze rhythmische Brüche neu zusammengesetzt. Dadurch wirkt der Song, als würde er sich während des Spielens selbst zerlegen und aus den noch heißen Einzelteilen unmittelbar wieder aufbauen.
Seditios Bass füllt die Lücken unter diesen Gitarrenbewegungen. Das Instrument bleibt nicht bloß eine kaum hörbare Verdopplung, sondern gibt dem Stück körperliche Tiefe. Der Song ist schnell vorbei, hinterlässt aber den Eindruck einer kompletten Attacke und nicht den eines halbierten Albumsongs.
DIE HOHLFORM DES MENSCHEN
»Hollow« ist mit mehr als vier Minuten das längste Stück der EP und erhält entsprechend mehr Raum für dynamische Entwicklung. Im Zusammenhang mit dem Gesamtkonzept lässt sich der Titel als Zustand nach der vermeintlichen Befreiung verstehen: Alte Regeln wurden abgestreift, doch an ihrer Stelle ist noch keine neue innere Ordnung entstanden.
Zurück bleibt ein hohler Mensch, der Freiheit verlangt, aber nicht weiß, was er mit ihr anfangen soll. Diese Leere wird anfällig für Machtversprechen, Ideologien und äußere Kontrolle. Wer keinen eigenen Halt besitzt, übernimmt leichter die Gewissheiten anderer – selbst wenn diese letztlich gegen ihn gerichtet sind.
Musikalisch beginnt »Hollow« weniger hektisch als der Auftakt. Der Rhythmus besitzt zunächst einen schweren, beinahe marschartigen Charakter. Darüber liegen Gitarren, deren harmonisches Zentrum nie lange stabil bleibt. Kaum glaubt man, den Verlauf verstanden zu haben, kippt die Komposition in eine andere Richtung.
G. Olgen hält diese Verschiebungen zusammen. Sein Schlagzeug wechselt zwischen schnellen Ausbrüchen, D-Beat-artigem Vorwärtsdrang und klar gesetzten Schlägen, die dem Riff vorübergehend einen festen Rahmen geben. Die technische Leistung liegt nicht allein in der Geschwindigkeit, sondern in der Fähigkeit, das kontrollierte Auseinanderbrechen der Gitarren nachvollziehbar zu halten.
Seditios Bass und Soundscapes öffnen eine zweite Ebene unter der eigentlichen Band. Tiefe Frequenzen und dunkle Hintergrundgeräusche lassen den Song größer erscheinen, ohne ihn mit symphonischem Bombast zu überziehen. Die Atmosphäre ist nicht dekorativ schön, sondern erinnert an einen leeren Raum, in dem das Licht flackert und niemand mehr weiß, wer eigentlich den Strom bezahlt.
Die Vocals bleiben fest im traditionellen Black-Metal-Krächzen verankert. R. H. Moor variiert weniger über unterschiedliche Techniken als über Rhythmus und Intensität. Einzelne Silben werden über die Gitarren gezogen, andere wie kurze Befehle ausgespuckt.
DIE FINSTERNIS SPRICHT
»Tenebra« bedeutet Finsternis oder Schatten und unterbricht die instrumentale Raserei. Das kurze Stück arbeitet mit Atmosphäre, gesprochenen Worten und einer Musik, deren Konturen sich zunehmend auflösen. Es ist kein typisches Zwischenspiel, das lediglich zwei schnelle Songs voneinander trennt, sondern der konzeptionelle Wendepunkt der EP.
Nach der äußeren Gewalt des Titelsongs und der inneren Leere von »Hollow« folgt eine Phase der Konfrontation. Die Dunkelheit wird nicht als romantische Nachtlandschaft inszeniert. Sie steht für jenen Bereich des Bewusstseins, in dem vertraute Begriffe und moralische Gewissheiten ihre Bedeutung verlieren.
Die italienische Sprache verstärkt den monologartigen Charakter. Die Stimme wirkt weniger wie klassischer Gesang und stärker wie ein Gedanke, der innerhalb eines sich auflösenden Bewusstseins immer wiederkehrt. Gitarren und Soundscapes ziehen sich zurück, bis nur noch Schatten der ursprünglichen musikalischen Form erkennbar bleiben.
Gerade diese Reduktion tut der EP gut. Nach zwei dichten Angriffen entsteht ein Moment, in dem die Atmosphäre tatsächlich Raum bekommt. Allerdings ist »Tenebra« eher funktionaler Bestandteil des Gesamtwerks als ein Stück, das vollkommen allein stehen könnte. Seine Wirkung entfaltet sich aus der Position zwischen »Hollow« und »Angst«.
ANGST ALS LETZTE GRENZE
»Angst« beendet den Zyklus nicht mit triumphierender Transzendenz, sondern mit der Rückkehr des elementarsten menschlichen Kontrollmechanismus. Der Mensch kann Gesetze infrage stellen, Autoritäten stürzen und moralische Systeme verwerfen. Die eigene Angst verschwindet dadurch jedoch nicht automatisch.
Sie kann sogar stärker werden. Wer keine äußere Ordnung mehr akzeptiert, muss Entscheidungen und Konsequenzen selbst tragen. Freiheit bedeutet dann nicht grenzenlose Macht, sondern die erschreckende Erkenntnis, dass keine höhere Instanz die Verantwortung übernimmt.
Musikalisch kehren Kybalion zur Härte zurück, gestalten den Abschluss aber kontrollierter als den Opener. Die Blastbeats wirken gezielter eingesetzt, die Gitarren bleiben dissonant und erhalten dennoch eine klarere rhythmische Führung. Nach dem Auflösungsprozess von »Tenebra« setzt sich die Musik wieder zusammen – allerdings nicht in ihrer ursprünglichen Form.
Die Komposition besitzt einen starken Vorwärtsdrang. G. Olgens Schlagzeug schiebt den Song, während der Bass unter den Gitarren eine dunkle, gleichmäßige Linie hält. G. F. setzt Riffs, die melodische Ansätze erkennen lassen, diese aber nie vollständig zur Entfaltung bringen.
Der Schluss verweigert eine saubere Erlösung. Die EP erreicht keinen Zustand vollkommener Erkenntnis. Stattdessen bleibt der Mensch zwischen Freiheit und Furcht, Macht und Schuld, Selbstbestimmung und dem Wunsch nach neuen Grenzen zurück. Genau diese Unentschiedenheit passt zum Konzept.
GITARREN WIE ZERBROCHENE GEDANKEN
G. F. bildet mit seiner Gitarrenarbeit das nervöse Zentrum der Veröffentlichung. Seine Riffs folgen nur selten einer geraden Linie. Tremolo-Melodien werden von dissonanten Akkorden unterbrochen, Motive auseinandergebrochen und anschließend in leicht veränderter Form zurückgeführt.
Diese Technik erzeugt keine vollständige Orientierungslosigkeit. Unter den Brüchen bleiben wiederkehrende Strukturen erkennbar. Die Musik wirkt deshalb nicht zufällig chaotisch, sondern wie ein Gedankengang, der immer wieder an seinen eigenen Widersprüchen hängen bleibt.
Besonders der Titelsong profitiert von dieser Kompaktheit. Jede Veränderung folgt unmittelbar auf die vorherige, ohne dass sich die Band in technischer Selbstdarstellung verliert. Bei »Hollow« erhält die Gitarre mehr Zeit, ihre Dissonanzen auszubreiten. Dort wird allerdings auch deutlich, dass nicht jedes Motiv gleich stark im Gedächtnis bleibt.
Die melodischen Momente sind sparsam verteilt. Genau deshalb besitzen sie Wirkung. Kybalion verwenden Melodie nicht als versöhnlichen Gegenpol zur Aggression, sondern als weiteres Mittel, um Unruhe und Kälte zu erzeugen.
DAS FUNDAMENT UNTER DEM KONTROLLIERTEN ZERFALL
Seditio erfüllt am Bass eine wichtigere Aufgabe, als es der dichte Gitarrensound zunächst vermuten lässt. Seine tiefen Frequenzen füllen jene Räume, die durch die abrupten Riffwechsel geöffnet werden. Dadurch behält die Musik selbst in ihren instabilsten Momenten körperliche Wucht.
Zusätzlich verantwortet er Soundscapes und einen Teil der Texte. Besonders »Tenebra« zeigt, wie wichtig diese atmosphärische Ebene für das Gesamtkonzept ist. Ohne sie wäre die EP eine starke, aber wesentlich konventionellere Black-Metal-Attacke.
Nicht jede Soundfläche greift gleichermaßen tief in die Komposition ein. Stellenweise wirkt die Atmosphäre eher über die Riffs gelegt, anstatt deren Struktur tatsächlich zu verändern. Dennoch verhindert sie, dass sich die vier Stücke ausschließlich über Tempo und Gitarren unterscheiden.
G. Olgen liefert die auffälligste instrumentale Einzelleistung. Sein Schlagzeug klingt aggressiv, präzise und erfreulich lebendig. Blastbeats, marschartige Figuren und kurze D-Beat-Ausbrüche werden nicht wahllos aneinandergereiht, sondern markieren die verschiedenen Stadien der Stücke.
Wenn die Gitarren ihre Stabilität verlieren, wird das Schlagzeug oft klarer. Dadurch bleibt der Hörer selbst im kontrollierten Zerfall orientiert. Olgen hämmert nicht einfach auf das Kit, als hätte es ihm Geld geliehen – obwohl es stellenweise durchaus so klingt. Hinter der Gewalt steckt eine genaue Vorstellung davon, wann ein Song zusätzliche Ordnung und wann er mehr Chaos benötigt.
EINE STIMME GEGEN DIE EIGENEN KETTEN
R. H. Moor bleibt gesanglich fest im Black Metal verankert. Sein hohes, raues Krächzen besitzt Schärfe, ohne vollständig in unverständlichem Kreischen zu verschwinden. Die Stimme liegt nicht sauber über der Instrumentierung, sondern kämpft sich durch deren Mitte.
Diese Mischung unterstützt die Texte. Moor klingt nicht wie ein allwissender Erzähler, der die menschliche Natur von außen beurteilt. Er wirkt selbst in die beschriebenen Konflikte verwickelt: Freiheit wird gefordert, Macht verachtet und zugleich die eigene Sehnsucht nach Kontrolle erkannt.
Die Wechsel zwischen englischen und italienischen Passagen geben der EP zusätzliche Identität. Besonders der gesprochene Abschnitt erzeugt einen erzählerischen Bruch und erweitert die Musik um eine beinahe filmische Qualität.
Etwas mehr Variation zwischen Krächzen, tieferen Stimmen und klarerem Sprechen hätte einzelnen Momenten noch größere Konturen gegeben. Angesichts der kurzen Spielzeit entwickelt der gleichbleibend hohe Druck jedoch keine ernsthafte Ermüdung.
ZWÖLF MINUTEN SIND KEIN GANZER WELTUNTERGANG
Die größte Stärke von »Make the World Bleed« ist zugleich ihre offensichtlichste Begrenzung. Die EP verschwendet keine Zeit. Jeder Song besitzt eine konkrete dramaturgische Aufgabe, und nach gut zwölf Minuten ist der gesamte Weg von Aufstieg, Leere und Dunkelheit bis zur Angst abgeschlossen.
Dadurch entsteht kaum Leerlauf. Der Titelsong schlägt unmittelbar zu, »Hollow« erweitert die musikalische Sprache, »Tenebra« öffnet den atmosphärischen Abgrund und »Angst« führt das Material kontrolliert zu Ende.
Gleichzeitig bleiben interessante Ansätze nur kurz sichtbar. Die Soundscapes, die italienischen Sprachpassagen und die melodischeren Gitarren könnten auf einer längeren Veröffentlichung deutlich weiterentwickelt werden. Auch das philosophische Konzept erhält gerade genügend Raum, um neugierig zu machen, nicht aber, um sämtliche Fragen zu beantworten.
Als geschlossene EP funktioniert diese Kürze. Als Eindruck einer Band, die über ausreichend Ideen für einen größeren Wurf verfügt, weckt sie allerdings Erwartungen an ein kommendes Studioalbum. Der Weltuntergang wurde hier vorerst nur auf die Länge einer Kaffeepause zusammengestaucht – dafür brennt die Maschine anschließend ordentlich.
FAZIT:
»Make the World Bleed« ist eine kurze, scharf geschnittene Black-Metal-EP, die klassische Raserei mit dissonanten Strukturen, dunklen Soundscapes und einem philosophisch geprägten Konzept verbindet. G. F., Seditio, G. Olgen und R. H. Moor erzeugen kontrolliertes Chaos, ohne den roten Faden zwischen Freiheit, Macht, moralischem Zerfall und Angst zu verlieren. Die knappe Spielzeit lässt einige Ideen nur anreißen, macht die Veröffentlichung zugleich aber zu einem konzentrierten Angriff ohne unnötige Umwege.
Kybalion - Make the World Bleed - EP Review
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