Band: Heavenwood 🇵🇹
Titel: The Tarot Of The Bohemians – Part II
Label: Mighty Music
VÖ: 12.06.2026
Format: Vinyl / CD / Digital
Genre: Gothic Metal / Dark Metal / Melodic Death-Doom

Tracklist

01. Death
02. Temperance
03. The Devil
04. The Lightning-Struck Tower
05. The Stars
06. The Moon
07. The Sun
08. The Judgement
09. The Fool
10. The World

Besetzung

Ricardo Dias dos Santos – Gitarren, Gesang, Bass
Eduardo Sinatra – Schlagzeug

Produktion:
Aufgenommen im Lucky Cat Studio, Portugal
Mixing und Mastering: Niko HK Krauss, Vamacara Studios, Frankreich
Artwork: Naya Kotko

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Gothic Metal war Langezeit ein für tot erklärtes Genre, dass es zumindest untot ist und trotzdem Leben versprüht zeigt »The Tarot Of The Bohemians – Part II« von den aus Portgual stammenden Heavenwood. Zehn Jahre nach dem ersten Teil vollendet Bandgründer Ricardo Dias dos Santos den von den hermetischen Schriften des französischen Okkultisten Gérard Encausse, besser bekannt als Papus, inspirierten Tarotzyklus. Gemeinsam mit Session-Schlagzeuger Eduardo Sinatra verbindet er schwere Death-Doom-Riffs, tiefe Growls, melancholischen Klargesang und jenen dunkelromantischen Gothic Metal, mit dem sich Heavenwood bereits in den Neunzigerjahren einen Namen machten. Das Ergebnis ist weder eine nostalgische Wiederbelebungsübung noch eine makellos geschlossene Stilreise, sondern ein ambitioniertes, persönliches und atmosphärisch aufgeladenes Werk über Zerstörung, Verwandlung und spirituelle Wiedergeburt.

Albumstream:

ZEHN JAHRE BIS ZUR ZWEITEN LEGUNG

Als Heavenwood 2016 den ersten Teil von »The Tarot Of The Bohemians« veröffentlichten, blieb die Reise durch die 22 großen Arkana unvollendet. Der Nachfolger setzt bei den noch ausstehenden Karten an und bringt das Konzept nach einer ungewöhnlich langen Unterbrechung zu Ende. Dass zwischen beiden Teilen ein Jahrzehnt liegt, ist dabei nicht ausschließlich künstlerischer Langsamkeit geschuldet.

Nach einem beinahe tödlichen Unfall im Jahr 2022 und tiefgreifenden personellen Veränderungen entschied sich Ricardo Dias dos Santos, das Vermächtnis von Heavenwood weitgehend allein fortzuführen. Dadurch besitzt das Album eine autobiografische Ebene, die über die bloße Vertonung esoterischer Symbole hinausgeht. Tod, Einsturz, Versuchung und Gericht erscheinen nicht wie abstrakte Begriffe aus einem alten Tarotbuch, sondern wie Stationen einer persönlichen Krisenbewältigung.

Diese Verbindung aus Mythologie und gelebter Erfahrung verleiht der Platte Gewicht. Der Tarot dient nicht als dekoratives Kartenmotiv, das lediglich für ein düsteres Cover und einige geheimnisvolle Songtitel herhalten muss. Jede Karte steht für einen Übergang, eine Prüfung oder eine psychologische Bewegung. Entsprechend wirkt das Album wie ein langsamer Gang durch verschiedene Räume desselben inneren Gebäudes.

Dabei bleibt die musikalische Architektur nicht durchgehend einheitlich. Die erste Hälfte arbeitet häufiger mit schweren Death-Doom-Riffs, harschen Stimmen und dissonanten Spannungen. Später treten tiefer Klargesang, melodische Refrains, akustische Gitarren und stärkerer Gothic-Rock-Einfluss in den Vordergrund. Genau diese Zweiteilung sorgt für Abwechslung, erzeugt aber auch die deutlichsten Reibungsflächen.

DER TOD ÖFFNET DIE TÜR

»Death« beginnt langsam, schwer und beinahe widerwillig. Die Gitarren schleppen sich durch einen zähen Untergrund, während die harschen Stimmen wie aus einem zugeschütteten Schacht nach oben dringen. Harmonische Gitarrenlinien und melancholische Melodien verhindern jedoch, dass der Song vollständig in stumpfer Schwere versinkt.

Die Karte des Todes steht im Tarot nicht ausschließlich für das Ende, sondern ebenso für Transformation und Wiedergeburt. Diese Deutung greift die Musik unmittelbar auf. Das Stück zerstört zunächst jede Aussicht auf Leichtigkeit, lässt zwischen den massiven Akkorden aber immer wieder melodische Lichtspalten entstehen. Der Tod wird nicht als endgültiger Stillstand dargestellt, sondern als schmerzhafter Übergang von einem Zustand in einen anderen.

Besonders wirkungsvoll ist der Gegensatz zwischen den tiefen Growls und den kontrollierter eingesetzten klaren Stimmen. Dias dos Santos klingt in den harschen Passagen bedrohlich und körperlich präsent. Sein Klargesang besitzt dagegen eine zurückgenommene, fast entrückte Farbe. Beide Ausdrucksformen stehen nicht bloß nebeneinander, sondern verkörpern Zerstörung und Erneuerung.

Der Einstieg verlangt Geduld. Das Hauptriff ist bewusst einfach gehalten, das Tempo bleibt schwerfällig und die Komposition offenbart ihre Details erst allmählich. Wer einen sofort zündenden Gothic-Metal-Refrain erwartet, wird zunächst in einen Sumpf aus Doom und Melodic Death Metal gezogen. Als programmatische Eröffnung erfüllt »Death« seine Aufgabe dennoch überzeugend.

MASSHALTEN IM SCHATTEN

»Temperance« führt die Reise weniger brutal, aber nicht weniger ernst fort. Die Mäßigkeit steht für Ausgleich, Geduld und die Verbindung scheinbarer Gegensätze. Genau dieses Spannungsfeld prägt auch den Song. Schwere Gitarren treffen auf melodischere Passagen, während der Gesang zwischen dunkler Autorität und kontrollierter Nachdenklichkeit wechselt.

Die Nummer bewegt sich flüssiger als der Opener. Das Schlagzeug erhält mehr Raum, und Eduardo Sinatra hält die langen Spannungsbögen mit einem kraftvollen, aber nicht überladenen Spiel zusammen. Statt jedes Riff mit hektischen Fills zu kommentieren, gibt er den Gitarren das notwendige Fundament und sorgt dafür, dass die zahlreichen Tempoverschiebungen organisch wirken.

Im Refrain öffnet sich die Musik deutlich. Die Gitarren verlieren etwas von ihrer erdrückenden Schwere, ohne in freundliche Leichtigkeit umzuschlagen. Diese kontrollierte Balance entspricht dem Titel, wirkt allerdings stellenweise fast zu diszipliniert. Der Song baut Atmosphäre auf, setzt aber nur wenige wirklich scharfe Akzente.

Gerade im direkten Vergleich mit späteren Stücken fehlt »Temperance« ein unverwechselbarer melodischer Haken. Die Komposition ist sorgfältig ausgearbeitet und erfüllt ihre Funktion innerhalb des Konzepts, bleibt nach dem ersten Durchlauf jedoch weniger deutlich im Gedächtnis als »The Stars« oder »The Moon«.

DER TEUFEL TANZT NICHT ALLEIN

Mit »The Devil« zieht das Tempo an. Die Rhythmusarbeit wird beweglicher, die Gitarren attackieren direkter und harmonische Doppel-Leads schneiden durch die schwere Grundierung. Nach dem langsamen Beginn erhält das Album damit den notwendigen Schub.

Der Teufel verkörpert Bindung, Versuchung, Abhängigkeit und die freiwillige Unterwerfung unter die eigenen dunklen Triebe. Heavenwood übersetzen diese Motive nicht in vordergründige Schockeffekte, sondern in einen Song, der sich ständig zwischen Vorwärtsdrang und bedrückender Wiederholung bewegt. Das Riff scheint den Hörer anzutreiben und gleichzeitig an derselben Stelle festzuhalten.

Dias dos Santos wechselt erneut zwischen Growls und tieferem Klargesang. Die harschen Stimmen funktionieren in dieser schnelleren Umgebung besonders gut, weil sie nicht gegen ein schleppendes Tempo ankämpfen müssen. Die klaren Passagen bringen dagegen eine dunkle Eleganz ein, die an die melodischeren Seiten von Paradise Lost und Moonspell erinnert.

Mit fast sieben Minuten ist »The Devil« der längste Titel des Albums. Diese Laufzeit wird nicht vollständig mit neuen Ideen gefüllt. Einzelne Riffblöcke kehren häufiger zurück, als es für ihre Wirkung notwendig wäre, und der Mittelteil könnte straffer ausfallen. Die zweistimmigen Gitarren und das kraftvolle Schlagzeug bewahren die Nummer jedoch davor, vollständig auf der Stelle zu treten.

DER TURM FÄLLT MIT VOLLEM GEWICHT

»The Lightning-Struck Tower« gehört zu den überzeugendsten schweren Stücken der Platte. Ein massiver Bassunterbau und kompakte Gitarren geben der Komposition eine physische Wucht, die im bisherigen Verlauf nicht immer vorhanden war. Die Musik klingt, als würden Steinblöcke aus großer Höhe aufeinanderprallen.

Die entsprechende Tarotkarte zeigt einen vom Blitz getroffenen Turm, aus dessen zusammenbrechenden Mauern Menschen in die Tiefe stürzen. Sie steht für plötzliche Zerstörung, Kontrollverlust und den Zusammenbruch vermeintlich sicherer Strukturen. Dias dos Santos verbindet diese Symbolik mit dem Zerbrechen eigener materieller und innerer Konstruktionen.

Musikalisch lebt der Song von seinen Gegensätzen. Die Strophen drücken mit doomiger Beharrlichkeit nach unten, während die melodischen Übergänge kurzzeitig einen weiteren Horizont öffnen. Der Klargesang bleibt tief und ernst, fügt sich aber besser in die Schwere ein als bei einigen der stärker auf Gothic Rock ausgerichteten Nummern.

Die Produktion von Niko HK Krauss zeigt hier ihre größte Stärke. Gitarren und Bass besitzen Gewicht, ohne zu einem undurchsichtigen Frequenzblock zu verschmelzen. Das Schlagzeug schlägt deutlich durch den Mix, und dennoch bleibt genügend Raum für atmosphärische Spuren. Der Turm fällt nicht in matschigem Lärm zusammen, sondern Stein für Stein.

STERNE ÜBER DER RUINE

Nach der Zerstörung folgt mit »The Stars« eine deutliche Öffnung. Das Tempo pendelt sich im mittleren Bereich ein, die Growls treten zurück und der klare Gesang übernimmt die Führung. Gleichzeitig entwickeln die Gitarren einen fließenderen, beinahe schwebenden Charakter.

Der Song gehört zu den melodischsten und eingängigsten Momenten des Albums. Sein Refrain besitzt einen klaren Wiedererkennungswert, ohne die düstere Grundstimmung vollständig aufzugeben. Unter der melodischen Oberfläche bleibt ein melancholischer Schatten erhalten, der verhindert, dass die Nummer in gewöhnlichen Gothic Rock abrutscht.

Dias dos Santos klingt hier weniger wie ein bedrohlicher Erzähler und stärker wie eine Figur, die aus einer langen inneren Nacht nach Orientierung sucht. Die Stimme ist introspektiv, aber nicht kraftlos. Gerade weil sie nicht auf übertriebene Dramatik setzt, trägt sie die spirituelle Symbolik des Stücks glaubwürdig.

Innerhalb des Albumkonzepts steht der Stern für Hoffnung, Erneuerung und eine neue Ausrichtung nach dem Zusammenbruch des Turms. Diese Funktion erfüllt die Musik überzeugend. Nach den schweren ersten vier Titeln entsteht erstmals das Gefühl, dass am Ende des Weges tatsächlich etwas anderes als Dunkelheit warten könnte.

Allerdings markiert »The Stars« zugleich den Punkt, an dem sich die stilistische Gewichtung deutlich verändert. Wer vor allem den Death-Doom der ersten Hälfte schätzt, könnte den weicheren, stärker auf Gothic Rock ausgerichteten Ansatz als Verlust von Intensität empfinden. Als einzelner Song überzeugt die Nummer dennoch mit Atmosphäre, Groove und einem der besten Refrains der Platte.

DIE DUNKLE SEITE DES MONDES

»The Moon« führt die melodische Entwicklung fort, wirkt aber geheimnisvoller und emotional tiefer als sein Vorgänger. Weite Gitarrenflächen, kontrollierte Dynamik und ein zwischen Nähe und Distanz schwankender Gesang erzeugen jene dunkle Romantik, die den klassischen Gothic Metal einst von bloß dekorativem Düsterrock unterschied.

Die achtzehnte Tarotkarte steht für Täuschung, Unterbewusstsein, Ängste und die unsichere Grenze zwischen Wirklichkeit und Projektion. Dias dos Santos deutet sie zusätzlich als Symbol für die Dualität der Liebe und die metaphorische Beziehung zwischen Sonne und Mond. Entsprechend bewegt sich der Song zwischen Anziehung und unerreichbarer Ferne.

Die Gitarrenarbeit bleibt melodisch, besitzt aber genügend Schwere, um nicht vollständig in Gothic Rock aufzugehen. Kurze Verdichtungen geben der Nummer Druck, bevor sich die Musik erneut in breiteren Flächen öffnet. Diese Dynamik macht »The Moon« zu einem der geschlossensten Titel des Albums.

Besonders stark ist die melancholische Grundmelodie. Sie drängt sich nicht sofort in den Vordergrund, bleibt nach mehreren Durchläufen jedoch hartnäckig im Gedächtnis. Statt auf einen übergroßen Refrain setzt der Song auf eine Atmosphäre, die sich langsam verdichtet und den Hörer wie Mondlicht durch ein verschlossenes Fenster erreicht.

DIE SONNE BRICHT DURCH DEN GOTHIC-NEBEL

Mit »The Sun« erreicht die melodische Seite des Albums ihren hellsten Punkt. Klargesang, eingängige Harmonien und ein offen gebauter Refrain bestimmen die über sechs Minuten lange Komposition. Die harschen Stimmen und dissonanten Elemente des Beginns scheinen weit entfernt.

Der Titel steht für Klarheit, Lebensenergie und Erkenntnis. Musikalisch wird diese Symbolik ausgesprochen direkt umgesetzt. Die Gitarren klingen weniger bedrohlich, das Schlagzeug erhält einen flüssigeren Puls und der Refrain strebt deutlich nach oben. Gerade im Kontext der vorherigen Karten ist dieser Lichtwechsel nachvollziehbar.

Problematisch ist weniger die Qualität des Songs als seine Einbindung in das Gesamtbild. Zwischen dem schweren Death-Doom von »Death« und dem vergleichsweise zugänglichen Gothic Rock von »The Sun« liegt eine erhebliche stilistische Entfernung. Diese Spannweite kann als konsequente Abbildung der Tarotentwicklung verstanden werden, lässt das Album aber gelegentlich wie zwei miteinander verbundene EPs wirken.

Der Klargesang besitzt eine polierte, zurückhaltende Farbe. Das passt zur melodischen Ausrichtung, erreicht jedoch nicht immer die Ausdruckskraft der Growls. Wo Dias dos Santos mit harscher Stimme körperliche Wucht und glaubwürdige Bedrohung erzeugt, wirkt sein klarer Vortrag mitunter etwas dünner.

Trotzdem funktioniert »The Sun« durch seinen starken Refrain und die sorgsame Steigerung. Der Song ist nicht der dunkelste Moment der Platte, aber einer ihrer zugänglichsten. Er zeigt, dass Gothic Metal nicht ausschließlich aus Kerzenlicht, Friedhofsnebel und dauerhaftem Moll bestehen muss.

DAS GERICHT FÄLLT HART UND KURZ AUS

»The Judgement« benötigt lediglich dreieinhalb Minuten und ist damit der kürzeste vollständige Song des Albums. Nach den ausgedehnten Kompositionen der vorherigen Stücke wirkt diese Konzentration erfrischend. Die Growls kehren zurück, während melodische Gitarren verhindern, dass der Song zu einem reinen Härteausbruch wird.

Genau diese Verbindung gehört zu den größten Stärken von Heavenwood. Die Band muss sich nicht zwischen Melodic Death Metal und Gothic Metal entscheiden, solange beide Seiten innerhalb desselben Songs miteinander kommunizieren. Bei »The Judgement« gelingt dieser Austausch besser als an einigen anderen Stellen.

Die harschen Stimmen setzen scharfe Akzente, die Gitarren antworten mit melodischen Linien und das Schlagzeug treibt die Komposition ohne unnötige Ausschmückungen voran. Es gibt keinen überlangen Aufbau und keinen Mittelteil, der ausschließlich zur Verlängerung der Laufzeit dient. Das Gericht fällt sein Urteil zügig.

Gerade deshalb hinterlässt der Song trotz seiner Kürze einen deutlichen Eindruck. Er bündelt die wichtigsten Elemente des Albums und zeigt, wie wirkungsvoll die Platte sein kann, wenn Schwere, Melodie und Konzept nicht nacheinander, sondern gleichzeitig auftreten.

DER NARR GEHT EINEN ANDEREN WEG

Akustische Gitarren eröffnen »The Fool« und verändern die Klangfarbe erneut. Die Nummer besitzt mehr Leichtigkeit, bleibt unter ihrer zugänglichen Oberfläche aber melancholisch. Der Narr steht für Aufbruch, Unschuld, Risiko und den ersten Schritt in eine unbekannte Richtung.

Die melodische Gestaltung erinnert stellenweise an den romantischen Gothic Rock der späten Neunziger- und frühen Zweitausenderjahre. Besonders der tiefe Klargesang und die weichen Gitarrenlinien wecken Assoziationen an HIM, ohne dass Heavenwood vollständig in dessen bittersüße Love-Metal-Ästhetik wechseln.

Das akustische Element bringt dringend benötigte klangliche Abwechslung. Nach zahlreichen schweren Riffs und breit aufgezogenen Gitarrenwänden entsteht ein intimerer Raum. Dias dos Santos kann seine Stimme zurücknehmen und muss nicht ständig gegen die massive Produktion ansingen.

Auch hier bleibt die Frage, ob die poppigere Gothic-Seite ausreichend mit den härteren Teilen des Albums verbunden ist. Als Einzelstück funktioniert »The Fool« hervorragend. Innerhalb der Dramaturgie wirkt der Song wie ein bewusster Neubeginn kurz vor dem Abschluss des Zyklus.

DIE WELT SCHLIESST DEN KREIS

»The World« beendet nicht nur das Album, sondern den gesamten, über zwei Veröffentlichungen verteilten Zyklus der 22 großen Arkana. Statt ein gewaltiges orchestrales Finale zu erzwingen, wählen Heavenwood einen vergleichsweise melodischen und kontrollierten Abschluss.

Die Gitarren behalten ihre melancholische Wärme, der Klargesang steht deutlich im Vordergrund und die Komposition wirkt versöhnlicher als der Beginn des Albums. Die Welt steht für Vollendung, Ganzheit und das Ende einer Reise. Entsprechend werden die zuvor aufgebauten Spannungen nicht mit einem weiteren Zusammenbruch, sondern mit ruhigerer Bestimmtheit aufgelöst.

Diese Zurückhaltung ist sinnvoll. Ein überladenes Finale mit endlosen Chören, zusätzlichen Orchesterspuren und künstlich aufgeblähter Laufzeit hätte dem persönlichen Charakter des Albums geschadet. »The World« schließt die Tür leise, aber nicht bedeutungslos.

Gleichzeitig bleibt ein Teil der zuvor aufgebauten Härte auf der Strecke. Hörer, die sich ein letztes Zusammenführen von Growls, schweren Riffs und den melodischen Gothic-Elementen erhoffen, erhalten einen eher einseitig melodischen Abschluss. Der Kreis schließt sich konzeptionell sauberer als musikalisch.

ZWISCHEN DEATH-DOOM UND GOTHIC ROCK

Die größte Stärke und zugleich die auffälligste Schwäche von »The Tarot Of The Bohemians – Part II« liegt in seiner stilistischen Spannweite. Die ersten Stücke bewegen sich häufig in einem schweren Feld zwischen Melodic Death Metal, Doom und Dark Metal. Später gewinnen Gothic Rock, klare Stimmen und eingängigere Refrains deutlich an Bedeutung.

Diese Entwicklung lässt sich mit dem Tarotkonzept erklären. Die Reise führt von Tod, Versuchung und Einsturz zu Hoffnung, Licht, Neubeginn und Vollendung. Eine musikalische Aufhellung ist daher konsequent. Dennoch wirken die beiden Hälften nicht immer wie Teile desselben Organismus.

Besonders der Wechsel von »The Lightning-Struck Tower« zu »The Stars« macht den Bruch hörbar. Die massive, körperliche Schwere wird gegen einen fließenderen Gothic-Groove eingetauscht. Wer beide Seiten der Band schätzt, erhält ein abwechslungsreiches Album. Wer ausschließlich den Death-Doom oder den klassischen Gothic Metal sucht, dürfte jeweils nur einen Teil vollständig überzeugend finden.

Die Produktion hält diese unterschiedlichen Richtungen zumindest klanglich zusammen. Niko HK Krauss gibt den Gitarren genügend Biss, lässt den Bass präsent und schafft gleichzeitig Raum für die atmosphärischen Schichten. Das Album klingt groß und cineastisch, ohne jede natürliche Kante zu beseitigen.

Gelegentlich hätte die Platte noch dunkler ausfallen dürfen. Manche Refrains lassen mehr Licht herein, als es die bedrohlichen Titel und das symbolträchtige Artwork erwarten lassen. Andererseits verhindert genau diese Helligkeit, dass sich das Album 51 Minuten lang in derselben schwermütigen Farbe bewegt.

EIN MANN TRÄGT DAS VERMÄCHTNIS

Dass Ricardo Dias dos Santos Gitarren, Bass und Gesang weitgehend allein übernimmt, verleiht dem Album eine klare persönliche Handschrift. Die Kompositionen folgen nicht den Kompromissen einer größeren Bandbesetzung, sondern einer zusammenhängenden Vision. Jede Karte wird aus derselben Perspektive betrachtet.

Die Gitarrenarbeit ist dabei stärker als bloße Riffbegleitung. Harmonische Doppel-Leads, doomige Akkordblöcke, melodische Gegenstimmen und akustische Passagen sorgen für unterschiedliche Texturen. Technische Selbstdarstellung spielt keine zentrale Rolle. Die Instrumente dienen konsequent der Atmosphäre und dem Konzept.

Dias dos Santos überzeugt vor allem mit seinen harschen Stimmen. Seine Growls besitzen Tiefe und eine raue Körperlichkeit, die den schweren Stücken Glaubwürdigkeit verleiht. Der Klargesang ist charakteristisch und passt gut zu den melancholischen Passagen, wirkt in einigen der offeneren Refrains jedoch weniger durchsetzungsfähig.

Eduardo Sinatra erfüllt seine Rolle als Session-Schlagzeuger mit bemerkenswerter Präzision. Er gibt den langsamen Nummern Gewicht, hält die schnelleren Passagen beweglich und vermeidet es, das Material mit technischen Kunststücken zu überfrachten. Besonders bei »The Devil«, »The Lightning-Struck Tower« und »The Judgement« wird deutlich, wie wichtig seine Rhythmusarbeit für den Zusammenhalt der Platte ist.

Das Artwork von Naya Kotko ergänzt die Musik mit einer symbolischen Bildsprache, die Dualität, Esoterik und spirituelle Transformation aufgreift. Dadurch wirkt das Album nicht wie eine zufällige Sammlung von Tarotstücken, sondern wie ein geschlossen gestaltetes Werk.

UNTOT MIT PULS

Gothic Metal wurde häufig auf weiblichen Operngesang, Keyboards und romantische Friedhofskulissen reduziert. Heavenwood erinnern daran, dass das Genre ursprünglich wesentlich breiter angelegt war. Doom, Death Metal, Gothic Rock, tiefer Klargesang und melancholische Melodien konnten nebeneinander existieren, ohne in eine starre Schablone gepresst zu werden.

Das Album blickt hörbar auf diese Vergangenheit zurück, klingt aber nicht wie eine vollständig konservierte Aufnahme aus dem Jahr 1996. Die Produktion besitzt zeitgemäßen Druck, die Gitarren sind klar konturiert und die atmosphärischen Schichten wirken nicht wie nachträglich aufgeklebte Dekoration.

Nicht jede Komposition erreicht dieselbe Intensität. »Temperance« bleibt etwas blasser, »The Devil« hätte gestrafft werden können und die starke Trennung zwischen der schweren und der melodischen Albumhälfte verhindert vollständige Geschlossenheit. Demgegenüber stehen mit »Death«, »The Lightning-Struck Tower«, »The Stars«, »The Moon« und »The Judgement« mehrere überzeugende Höhepunkte.

Vor allem ist »The Tarot Of The Bohemians – Part II« ein Werk des Durchhaltevermögens. Zehn Jahre, ein schwerer Unfall und tiefgreifende Veränderungen konnten die Vollendung des Zyklus verzögern, aber nicht verhindern. Diese Geschichte ist in der Musik spürbar und gibt selbst den weniger zwingenden Momenten eine emotionale Bedeutung.

FAZIT:

»The Tarot Of The Bohemians – Part II« ist ein ambitionierter Abschluss des Tarotzyklus, der vor allem durch seine schweren Death-Doom-Passagen, melancholischen Melodien und die cineastische Produktion überzeugt. Nicht jeder Wechsel zwischen brachialer Dunkelheit und zugänglichem Gothic Rock gelingt vollständig, doch die stärksten Stücke beweisen, dass in diesem vermeintlich toten Genre noch reichlich Blut zirkuliert. 4 von 5 Punkten.

Official Video: The Moon

Internet

Heavenwood - The Tarot Of The Bohemians - Part II - CD Review

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