Band: Man Looking Man 🇩🇪
Titel: Man Looking Man
Label: Octopus Rising / Argonauta Records
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Post-Hardcore / Sludgecore / Post-Metal / Screamo

Tracklist

01. Symbols of Loss
02. Zegepraal
03. 369
04. Samsara
05. Glide and Turn
06. Poslushayte!

Besetzung

Carlo Poy – Gesang
Nico Marin – Gitarre
Maurizio Bergmann – Bass
Jacopo Marzola – Schlagzeug

Produktion:
Eigenproduktion – Man Looking Man
Aufnahme, Engineering, Mixing, Mastering und Sounddesign – Maurizio Bergmann
Aufgenommen in den Maurizio Bergmann Rooftop Studios, Berlin

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Post-Hardcore, Sludgecore, Screamo und die schwerere Seite des Post-Metal bilden das Fundament des selbst betitelten Debütalbums von Man Looking Man. Veröffentlicht wurde die sechs Stücke umfassende Platte am 12. Juni 2026 über Octopus Rising, einem Imprint von Argonauta Records. Die Berliner Band setzt nicht auf sauber getrennte Strophen, Refrains und vorhersehbar platzierte Zusammenbrüche. Stattdessen entstehen die gut 32 Minuten aus abrupten Kontrasten: nervöse Hardcore-Attacken treffen auf schleppenden Sludge, reduzierte Spannungsflächen kippen in kontrolliertes Chaos und melodische Gitarren werden regelmäßig von heiserem Geschrei zerschnitten. Dass die Entstehung des Albums rund fünf Jahre dauerte und mehrfach beinahe gescheitert wäre, hört man dem Material an. Hier klingt nichts leichtfertig hingeworfen. Allerdings wirkt auch nicht jede mühsam gerettete Idee zwingend genug, um dauerhaft im Gedächtnis zu bleiben.

YouTube Art Playlist: Man Looking Man

VERLUST ALS LANGSAMER KOLLAPS

»Symbols of Loss« eröffnet das Album mit gesprochenen Passagen und einem Spannungsaufbau, der sich bewusst gegen den schnellen Effekt entscheidet. Die Gitarren drücken mit rauem, mittenbetontem Klang nach vorn, während Bass und Schlagzeug den Song beständig in Bewegung halten. Der Gesang wird über längere Strecken zurückgenommen und bricht erst spät mit voller Intensität aus.

Das funktioniert dramaturgisch, verlangt aber Geduld. Der Opener benötigt seine sechs Minuten, um sämtliche Bestandteile auszubreiten, und nicht jeder Abschnitt besitzt dieselbe Zugkraft. Gerade die instrumentalen Wiederholungen bleiben gelegentlich länger bestehen, als es für die Zuspitzung notwendig wäre. Dafür entsteht eine glaubwürdige Entwicklung: Das Stück springt nicht einfach von leise zu laut, sondern zieht die Schrauben schrittweise an.

Carlo Poy klingt nicht wie ein Frontmann, der sich sauber über das Instrumental stellen möchte. Seine Stimme ist Teil der Unruhe. Heisere Schreie, gesprochene Fragmente und rhythmisch gesetzte Ausbrüche drängen sich zwischen die Instrumente, anstatt die Musik eindeutig anzuführen. Das passt zur thematischen Ausrichtung des Albums, erschwert aber bisweilen den unmittelbaren Zugang.

Mit »Zegepraal« folgt der kürzeste und direkteste Titel. Die Band verdichtet ihre Mittel auf gut drei Minuten und liefert eine aggressive Post-Hardcore-Nummer, die weniger Umwege nimmt. Gitarren und Schlagzeug arbeiten kantiger, die Übergänge schlagen schneller zu und die Melodie entsteht aus der Bewegung der Riffs, nicht aus einem sauber gesungenen Refrain.

Die kompakte Form tut der Band gut. Wo der Opener noch ausführlich seine Spannung vorbereitet, wirkt »Zegepraal« konzentriert und entschlossen. Das Stück gehört zu den stärksten Momenten des Albums, weil seine Aggression nicht durch zu viele zusätzliche Schichten verwässert wird.

SECHS SPRACHEN, ABER KEIN BEQUEMER DIALOG

Eine Besonderheit des Albums ist die Mehrsprachigkeit. Englisch, Deutsch, Italienisch, Niederländisch, Russisch und Latein werden nicht als dekorative Weltoffenheit eingesetzt. Die unterschiedlichen Lautfolgen verändern den Rhythmus der Gesangslinien und damit auch die Wirkung der jeweiligen Stücke. Gerade bei einer Band, deren Stimme überwiegend schneidend, sprechend oder schreiend eingesetzt wird, bekommt die Phonetik ein eigenes musikalisches Gewicht.

»369« beginnt mit einer auffälligen Bassfigur. Maurizio Bergmann beschränkt sich nicht darauf, die tiefen Gitarrentöne zu verdoppeln, sondern gibt dem siebenminütigen Stück einen hypnotischen Ausgangspunkt. Darüber entwickeln sich wiederkehrende Gitarrenmotive, unruhige Schlagzeugfiguren und deutschsprachige Gesangspassagen.

Das Stück gehört zu den ambitioniertesten Kompositionen, legt aber zugleich die Schwächen der Band offen. Die einzelnen Teile sind wirkungsvoll, ergeben jedoch nicht immer einen vollständig geschlossenen Spannungsbogen. Manche Übergänge wirken wie bewusst gegeneinandergestellte Fragmente, andere eher wie Nähte, die trotz langer Bearbeitung sichtbar geblieben sind.

Gerade das macht »369« interessant, verhindert aber den großen emotionalen Treffer. Der Bass setzt starke Akzente, das Schlagzeug hält die verschobenen Bewegungen präzise zusammen und die Gitarren erzeugen eine bedrückende Atmosphäre. Trotzdem bleibt der Song stellenweise eher beeindruckend konstruiert als wirklich zwingend.

Inhaltlich bewegt sich das Album zwischen gesellschaftlicher Entfremdung, emotionaler Erschöpfung, politischem Bewusstsein und der Frage, wie Menschlichkeit in einem zunehmend zerstörerischen System erhalten werden kann. Kapitalismus und soziale Vereinzelung werden dabei nicht als abstrakte Schlagworte behandelt. Man Looking Man richten den Blick ebenso auf Widerstand, Gemeinschaft und die Möglichkeit einer persönlichen wie kollektiven Veränderung.

SAMSARA ZWISCHEN DRUCK UND WIEDERHOLUNG

»Samsara« greift die Idee eines endlosen Kreislaufs musikalisch auf. Wiederkehrende Riffs, rhythmische Verschiebungen und kurze melodische Öffnungen bewegen sich immer wieder auf ähnliche Ausgangspunkte zurück. Der Titel schwankt zwischen Post-Hardcore-Dringlichkeit, schleppender Sludge-Schwere und einer Atmosphäre, die an Post-Metal erinnert, ohne vollständig in dessen häufig ausufernde Dramaturgie überzugehen.

Jacopo Marzola hält die Wechsel mit kraftvollem, aber nicht überproduziertem Schlagzeugspiel zusammen. Seine Drums besitzen genügend natürliche Dynamik, damit schnelle Ausbrüche und langsamere Passagen tatsächlich unterschiedlich wirken. Statt jeden Moment mit technischen Figuren auszufüllen, setzt er Pausen und Akzente, die den Gitarren Luft verschaffen.

Die stärksten Momente entstehen, wenn Nico Marins Gitarrenarbeit und Bergmanns Bass unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Die Gitarre liefert schneidende Akkorde und offene Flächen, während der Bass eine eigene Bewegung darunterlegt. Schwächer sind jene Abschnitte, in denen sich alle Instrumente zu einer weitgehend geschlossenen Wand verdichten. Dann verschwinden einige der interessanteren Details im Gesamtklang.

»Samsara« besitzt Energie und eine klar erkennbare Idee, verlässt sich aber teilweise zu stark auf den Wechsel zwischen Verdichtung und Öffnung. Dieses Prinzip prägt fast das gesamte Album. Innerhalb eines einzelnen Stücks funktioniert es gut; über die gesamte Laufzeit verliert es etwas von seiner Überraschung.

WEITE RÄUME UND KONTROLLIERTE REIBUNG

»Glide and Turn« ist die weitläufigste Komposition des Albums. Die Band lässt den einzelnen Klangschichten mehr Raum und baut die Spannung weniger über permanente Aggression als über allmähliche Verschiebungen auf. Gitarrenflächen, Bassbewegungen und rhythmische Unterbrechungen erzeugen eine dunkle, beinahe schwebende Atmosphäre.

Hier treten die Post-Metal-Einflüsse deutlicher hervor. Erinnerungen an Amenra liegen ebenso nahe wie Verweise auf die kantigere Seite von Botch, Converge oder Refused. Man Looking Man kopieren diese Bands nicht direkt, bewegen sich aber klar in einem Feld, dessen Vokabular längst festgelegt ist.

Die eigene Identität entsteht weniger durch einzelne Riffs als durch die Verbindung aus Mehrsprachigkeit, DIY-Produktion und bewusster Brüchigkeit. »Glide and Turn« zeigt dieses Profil besonders deutlich. Der Song verweigert den einfachen Höhepunkt und setzt stattdessen auf mehrere kleinere Verdichtungen.

Das ist konsequent, aber nicht uneingeschränkt packend. Einzelne Passagen könnten gestrafft werden, ohne dass die Atmosphäre darunter leiden würde. Der Band gelingt es zwar, Spannung zu erzeugen, doch die Auflösung fällt nicht immer so stark aus wie die Vorbereitung.

HÖRT ZU – ABER ERWARTET KEINE AUFLÖSUNG

Das abschließende »Poslushayte!« wurde bereits 2024 als erste selbst produzierte Kostprobe veröffentlicht. Der russische Titel bedeutet sinngemäß „Hört zu!“ und passt zu einer Nummer, die deutlich kompakter und unmittelbarer arbeitet als die ausgedehnten Stücke zuvor.

Nach dem langsamen Aufbau von »Glide and Turn« wirkt der Abschluss wie ein gezielter Schlag. Die Band bündelt ihre Stärken: ein treibender Rhythmus, abrasive Gitarren, ein präsenter Bass und ein Gesang, der mehr fordert als erklärt. Das Stück besitzt genügend Atmosphäre, verliert dabei aber nicht seine Hardcore-Basis.

Als Finale funktioniert »Poslushayte!« überzeugend, weil die Band nicht versucht, ihre Platte mit einem künstlich monumentalen Schluss zu überhöhen. Stattdessen endet das Album dort, wo seine wirksamsten Momente liegen: in konzentrierter Reibung und kontrolliertem Lärm.

DIY OHNE KELLERDECKE

Das Album wurde vollständig in Eigenregie produziert. Aufnahme, Engineering, Mixing, Mastering und Sounddesign entstanden in den Maurizio Bergmann Rooftop Studios in Berlin. Die Band nutzte die fehlende Studiouhr, um Arrangements, Übergänge und Klangfarben wiederholt zu verändern.

Der DIY-Ansatz klingt nicht nach Notlösung. Die Gitarren besitzen eine bewusst raue Mittenschärfe, der Bass darf stellenweise weit nach vorn treten und das Schlagzeug wirkt organisch. Statt sämtliche Kanten auf modernes Metal-Niveau zu polieren, bewahrt die Produktion die Unruhe der Musik.

Allerdings fehlt es gelegentlich an Trennschärfe. Wenn Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang gleichzeitig maximale Dichte erreichen, verschwimmen die Ebenen. Das mag stilistisch gewollt sein, nimmt einzelnen Riffs aber Wirkung. Ein etwas strengeres Mixing hätte manche Passage schärfer konturiert.

Auch kompositorisch wäre mehr Selbstbeschränkung hilfreich gewesen. Die Band verfügt über genügend Ideen, muss aber nicht jede davon bis zur letzten Wiederholung ausspielen. Besonders »Symbols of Loss«, »369« und »Glide and Turn« hätten von punktueller Straffung profitiert.

EIN DEBÜT MIT PROFIL UND BAUSTELLEN

Man Looking Man erfinden den europäischen Post-Hardcore nicht neu. Die Wechsel aus eruptiver Härte, schleppender Schwere und atmosphärischer Öffnung sind ebenso vertraut wie der heisere Gesang und die kantige Produktion. Die Band besitzt dennoch erkennbare Eigenschaften.

Die mehrsprachigen Texte beeinflussen den rhythmischen Charakter der Stücke, Bergmanns Bass übernimmt eine ungewöhnlich aktive Rolle und die Produktion trägt eine persönliche Handschrift. Gleichzeitig fehlen noch jene zwei oder drei vollständig herausragenden Kompositionen, die das Album aus der breiten Menge anspruchsvoller Post-Hardcore-Veröffentlichungen herausheben würden.

Die Platte wirkt wie ein glaubwürdiges Zeugnis einer schwierigen Entstehungsphase. Das ist respektabel, ersetzt aber keine redaktionelle Selbstkontrolle. Nicht jede gerettete Passage ist automatisch unverzichtbar. Dort, wo Man Looking Man ihre Ideen verdichten, treffen sie hart. Wo sie zu lange an der Spannung arbeiten, verliert das Album an unmittelbarer Wirkung.

FAZIT:

»Man Looking Man« ist ein eigenwilliges und handwerklich überzeugendes Debüt zwischen Post-Hardcore, Sludge und Post-Metal. Die starke Rhythmusgruppe, der mehrsprachige Gesang und die organische DIY-Produktion verleihen den sechs Stücken Charakter. Besonders »Zegepraal«, »Samsara« und »Poslushayte!« zeigen, wie wirkungsvoll die Berliner klingen können, wenn sie ihre Ideen konzentrieren. Einige lange Spannungsbögen, sichtbare Übergänge und zu häufig eingesetzte Laut-leise-Kontraste verhindern jedoch eine höhere Wertung. Ein interessantes Album mit klarer Haltung – aber noch kein vollständig ausformulierter Befreiungsschlag.

Official Video: Zegepraal

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Man Looking Man - Man Looking Man - CD Review

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