Band: Ljuset 🇸🇪
Titel: Ljuset
Label: Silent Future Recordings
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Blackened Post-Punk / Post-Black Metal / Psychedelic Rock / Indie Rock

Tracklist

01. Horisonten
02. Draken
03. Elden
04. Vännen
05. Hämnden
06. Solkatten
07. Nyckeln
08. Hjälten

Besetzung

Simon Johansson – Gitarren, Bass, Songwriting, Geräusche, Field Recordings
Emanuel Tägil – Gesang, Texte

Gastmusiker:
Dennis Skoglund – Schlagzeug, Percussion

Produktion:
Mixing – Simon Johansson
Mastering – Tore Stjerna

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Was ist denn das geiles? Eine Genreverschmelzung aus Black Metal und Post-Punk, funktioniert das überhaupt? Ähm ja! Und zwar wie! Ljuset lassen auf ihrem selbstbetitelten Debüt die klirrende Schärfe skandinavischen Black Metals mit repetitiven Post-Punk-Basslinien, psychedelischen Verwerfungen und der melodischen Offenheit schwedischen Indie Rocks kollidieren. Herausgebracht wurde »Ljuset« am 12. Juni 2026 über Silent Future Recordings. Hinter der Band stehen Simon Johansson, bekannt durch Bhleg, und Sänger Emanuel Tägil. Beide gründeten Ljuset bereits 2010, verloren sich nach den ersten Veröffentlichungen jedoch für mehr als ein Jahrzehnt aus den Augen. Die Wiederbelebung im Jahr 2025 klingt deshalb nicht wie eine hastig aufgekochte Jugendsünde. Vielmehr haben die Schweden aus alten Ideen eine eigenwillige Platte gebaut, die ihre Gegensätze nicht kaschiert, sondern genüsslich gegeneinanderreibt. Wenn man dabei auch noch das Artwork anschaut das eher wie Indie Rock wirkt und ein Testbild für Psychiater sein könnte, angesichts dessen was man da rein interpretiert *Grins*

Art Track: Horisonten

DIE HORIZONTLINIE WIRD SCHWARZ

»Horisonten« eröffnet das Album zunächst dort, wo man eine Band mit Johanssons Vergangenheit vermuten würde: im Black Metal. Tremolierende Gitarren, ein unruhiges Schlagzeug und Tägils heiserer Gesang erzeugen eine frostige Schärfe, die wenig mit der gefälligen Seite moderner Post-Black-Metal-Produktionen zu tun hat. Die Melodik bleibt roh, repetitiv und auf eine fast tranceartige Wirkung ausgerichtet.

Doch bereits innerhalb des Openers beginnen die Konturen zu verschwimmen. Der Bass bewegt sich auffällig eigenständig unter den Gitarren und lässt die Komposition weniger wie einen geradlinigen Black-Metal-Angriff wirken. Johansson behandelt das Instrument nicht als bloße Verstärkung der tiefen Frequenzen. Seine Linien treiben, kreisen und bauen jene nervöse Bewegung auf, die später zum wichtigsten Bindeglied zwischen den Genres wird.

Mit »Draken« öffnen Ljuset die Tür zum Post-Punk endgültig. Der Bass trägt die Komposition, während die Gitarre mit verhallten Akkorden und wenigen, gezielt gesetzten Figuren arbeitet. Darüber bleibt Tägils Stimme zunächst rau und angeschlagen. Genau diese Kombination funktioniert erstaunlich gut: Die Instrumente könnten stellenweise aus einem melancholischen Underground-Club der frühen Achtzigerjahre stammen, während der Gesang weiterhin über gefrorene schwedische Ebenen zu schneiden scheint.

Ljuset zwingen die Stile nicht mit Gewalt zusammen. Post-Punk-Rhythmik und Black-Metal-Minimalismus besitzen ohnehin eine gemeinsame Vorliebe für Wiederholung, Reduktion und emotionale Kälte. Das Duo legt diese Verwandtschaft frei, anstatt einen Genrewechsel als spektakulären Effekt vorzuführen.

FEUER, FREUNDSCHAFT UND KONTROLLVERLUST

»Elden« erhöht den Druck. Die Gitarren wirken schwerer, das Schlagzeug von Dennis Skoglund drängt stärker nach vorn und die zuvor vergleichsweise luftige Rhythmik erhält eine metallischere Härte. Skoglund spielt nicht permanent auf maximale Geschwindigkeit. Seine Stärke liegt in der Fähigkeit, zwischen trockenen Post-Punk-Beats, rockigem Vorwärtsdrang und aggressiveren Ausbrüchen zu wechseln, ohne dass die Stücke ihre innere Bewegung verlieren.

Die Musik steigert sich schrittweise. Gitarren und Bass kreisen umeinander, während Tägil zwischen gequältem Schreien und kontrollierteren Gesangslinien wechselt. Seine Stimme ist nicht technisch schön, aber ausgesprochen charakteristisch. Selbst die klareren Passagen tragen eine innere Unruhe, als könne die vermeintliche Ruhe jederzeit wieder aufbrechen.

»Vännen« zieht die Spannung zunächst zurück. Der Song beginnt hypnotisch, beinahe beiläufig, und lässt der Basslinie viel Raum. Über dieser minimalistischen Grundlage entstehen melodische Gitarrenfiguren, die gleichermaßen nach Post-Punk, schwedischem Indie Rock und der melancholischen Seite atmosphärischen Black Metals klingen.

Die schärferen Momente brechen nicht als Fremdkörper in das Stück ein. Ljuset arbeiten mit Übergängen, die mehr über Gefühl als über klassische Songlogik funktionieren. Der Gesang kippt in Verzweiflung, das Schlagzeug zieht an und die zunächst zurückhaltende Gitarre wird plötzlich zum offenen Angriff. Danach fällt die Komposition wieder in ihre kreisende Grundbewegung zurück.

Gerade »Vännen« zeigt, dass die Band nicht einfach abwechselnd einen Post-Punk- und einen Black-Metal-Abschnitt aneinanderreiht. Beide Ausdrucksformen durchdringen sich. Selbst in den ruhigen Momenten bleibt eine metallische Bedrohung spürbar, während die aggressiven Passagen weiterhin von melodischer Schwermut getragen werden.

DIE RACHE TANZT IM KALTEN LICHT

»Hämnden« ist der bissigste Titel der Platte. Der Song beginnt unruhig, treibend und deutlich aggressiver. Die Gitarren schlagen härter zu, das Schlagzeug erhöht die Intensität und Tägils Gesang klingt, als würde er sich an den Worten selbst verletzen. Trotzdem bleibt die Rhythmik beweglich. Statt in eine geschlossene Black-Metal-Wand zu kippen, lässt der Bass die Musik weiterhin tänzeln.

Das ist keine Tanzbarkeit im freundlichen Sinne. Ljuset schreiben keine Clubmusik mit etwas Verzerrung und Corpsepaint. Die Bewegung besitzt etwas Zwanghaftes. Die Basslinie läuft weiter, während der Gesang darüber eskaliert und die Gitarren ihre melodischen Figuren zunehmend beschädigen. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen Körper und Psyche: Unten arbeitet der Rhythmus, oben bricht alles auseinander.

»Solkatten« treibt diese Verbindung noch weiter. Der Titel wirkt zugleich heller und entrückter, ohne seine dunkle Grundlage zu verlieren. Ruhigere Passagen gehen in rockigere Bewegungen über, bevor plötzlich wieder schwarzmetallische Schärfe einsetzt. Das Stück gehört zu den psychedelischsten Momenten des Albums, weil sich die Motive nicht streng linear entwickeln. Sie tauchen auf, verschwinden und kehren in veränderter Form zurück.

Johanssons Gitarrenarbeit lebt dabei nicht von technischen Soli oder besonders komplizierten Riffs. Seine Stärke liegt in der Klangfarbe. Einzelne Akkorde stehen lange im Raum, kleine melodische Figuren werden wiederholt und durch Verzerrung, Nachhall oder veränderte Betonung langsam umgeformt. Diese Sparsamkeit gibt der Musik ihre hypnotische Wirkung.

DER SCHLÜSSEL PASST NICHT IN JEDES SCHLOSS

»Nyckeln« gehört zu den zugänglichsten Stücken, ohne sich vollständig dem klassischen Songformat zu unterwerfen. Klare Gesangspassagen und eine melancholische Gitarrenbewegung rücken die Post-Punk- und Indie-Rock-Seite zunächst deutlich in den Vordergrund. Der Bass hält sich nicht zurück, sondern führt durch den Song und gibt ihm einen markanten Wiedererkennungswert.

Im weiteren Verlauf brechen die aggressiveren Bestandteile erneut durch. Tägils Stimme wird rauer, Skoglund erhöht den Druck und die Gitarre verwandelt ihre zuvor offene Melodie in eine schneidende Fläche. Der Gegensatz funktioniert hier besonders gut, weil beide Seiten ausreichend Raum erhalten. Der ruhige Beginn ist keine bloße Vorbereitung auf den lauten Teil, und der metallische Ausbruch dient nicht nur als obligatorische Eskalation.

Trotzdem fehlt »Nyckeln« ein letzter kompositorischer Widerhaken, der aus dem starken Stück einen echten Genreklassiker machen könnte. Die Melodie bleibt hängen, doch die Auflösung wirkt etwas zurückhaltender, als es der überzeugende Aufbau erwarten lässt. Das ist symptomatisch für das Album: Ljuset besitzen bereits eine ausgesprochen eigene Sprache, schreiben aber noch nicht durchgehend jene zwingenden Höhepunkte, die ihre ungewöhnliche Ästhetik vollständig ausschöpfen.

DER HELD BEKOMMT KEINEN TRIUMPHMARSCH

Das über siebenminütige »Hjälten« bildet den Abschluss und zugleich den deutlichsten Beweis dafür, dass Ljuset ihre Musik nicht auf einen kuriosen Genreaufkleber reduzieren lassen. Der Song entwickelt sich geduldig aus klareren Stimmen, wiederholten Gitarrenmotiven und einer Rhythmik, die zunächst beinahe zurückhaltend wirkt.

Mit jeder Wiederholung verändert sich die Stimmung. Tägils Gesang wird dringlicher, die Gitarren gewinnen an Schärfe und das Schlagzeug verdichtet den Puls. Statt einen abrupten Black-Metal-Ausbruch zu setzen, steigert die Band die Intensität allmählich. Dadurch besitzt das Finale eine emotionale Wirkung, die nicht aus Geschwindigkeit, sondern aus Beharrlichkeit entsteht.

Die wiederkehrenden schwedischen Gesangszeilen verankern sich tief im Stück. Tägil klingt dabei weder heroisch noch siegessicher. Der im Titel genannte Held erhält keinen Triumphmarsch, sondern eine musikalische Umgebung voller Zweifel, Erschöpfung und brüchiger Entschlossenheit. Genau darin liegt die Stärke des Albums: Selbst seine helleren oder melodischeren Passagen versprechen keine einfache Erlösung.

BASS VOR BLASTBEAT

Das auffälligste Instrument auf »Ljuset« ist häufig nicht die Gitarre, sondern der Bass. Johansson schreibt Linien, die Melodie und Rhythmus gleichzeitig tragen. Sie schieben die Songs vorwärts, bilden Gegenbewegungen zu den Gitarren und verhindern, dass die minimalistischen Arrangements in bloßer Statik enden.

Die Gitarre übernimmt dafür die Rolle des atmosphärischen Störers. Mal klingt sie schneidend und frostig, mal offen und beinahe warm, dann wieder psychedelisch entrückt. Johansson verzichtet weitgehend auf metallische Selbstdarstellung. Seine Riffs sind oft einfach, erhalten aber durch Wiederholung und kleine Veränderungen eine größere Wirkung.

Skoglunds Schlagzeug passt sich dieser Arbeitsweise an. Er liefert weder permanenten Post-Punk-Minimalismus noch durchgehende Black-Metal-Raserei. Seine Rhythmen reagieren auf die Entwicklung der Stücke, wechseln zwischen trockener Direktheit und körperlichem Druck und bilden gemeinsam mit dem Bass den stabilsten Teil des Albums.

Tägil ist dagegen für die Unberechenbarkeit zuständig. Sein Wechsel zwischen rauen Schreien, verzweifeltem Klargesang und beinahe abstrakter Artikulation kann zunächst irritieren. Nach mehreren Durchläufen wird jedoch deutlich, dass gerade diese Unruhe der Musik ihre Identität gibt. Eine konventionell schöne Stimme würde den Stücken einen erheblichen Teil ihrer Spannung nehmen.

PRODUKTION OHNE SCHÖNHEITSFILTER

Johansson hat das Album selbst gemischt, das Mastering übernahm Tore Stjerna. Die Produktion bleibt bewusst schlank. Der Bass steht weit vorn, das Schlagzeug klingt körperlich und die Gitarren werden nicht zu einer undurchdringlichen Wand aufgeblasen. Dadurch behalten selbst die aggressiveren Abschnitte Luft.

Der Klang ist professionell, aber nicht klinisch. Kleine Geräusche, raue Übergänge und Field Recordings bleiben Teil der Gesamtästhetik. Das Album wirkt nicht wie eine sauber geplante Fusion aus exakt bemessenen Genreanteilen, sondern wie eine Aufnahme, die ihrer eigenen inneren Logik folgt.

Gelegentlich fällt die Produktion etwas zu spröde aus. Einzelne Gitarrenpassagen könnten mehr Gewicht vertragen, und Tägils klare Stimme sitzt nicht in jeder Passage gleichermaßen sicher im Gesamtbild. Diese Unebenheiten nehmen der Platte jedoch kaum Wirkung. Im Gegenteil: Ein vollkommen polierter Sound würde den eigentümlichen Gegensatz aus Intimität und Aggression vermutlich beschädigen.

KEIN GIMMICK, SONDERN EINE EIGENE SPRACHE

Natürlich lassen sich bekannte Bezugspunkte nennen. Die frostige Reduktion erinnert stellenweise an frühen skandinavischen Black Metal, die Bassarbeit und die offenen Gitarren an Post-Punk, während die melancholischen Steigerungen Parallelen zu Sólstafir oder der rockorientierten Seite von Alcest erkennen lassen. Hinzu kommen die Folk- und Naturmystik, die Johansson aus seiner Arbeit mit Bhleg mitbringt.

Trotzdem klingt »Ljuset« nicht wie eine bloße Addition seiner Einflüsse. Die Band entwickelt aus der schwedischen Sprache, den eigenständigen Basslinien, Tägils ungewöhnlichem Gesang und der minimalistischen Instrumentierung ein geschlossenes Profil. Die Genreverschmelzung ist kein Gimmick für den Pressetext, sondern bestimmt tatsächlich jede Ebene der Platte.

Dass nicht jeder Song denselben Nachdruck besitzt, verhindert die Höchstwertung. Einzelne Entwicklungen bleiben etwas zu sehr in ihrer hypnotischen Wiederholung stecken, und ein wirklich großer Refrain oder ein unvergessliches Zentralriff fehlt noch. Dafür wirkt das Album geschlossen, mutig und erstaunlich natürlich. Hier treffen nicht zwei Genres aufeinander, um sich gegenseitig zu beeindrucken. Sie stellen fest, dass sie schon immer mehr gemeinsam hatten, als ihre jeweiligen Szenewächter wahrhaben wollten.

FAZIT:

»Ljuset« ist ein eigenständiges Debüt zwischen Black Metal, Post-Punk, psychedelischem Rock und schwedischer Melancholie. Die starke Bassarbeit, Emanuel Tägils verstörend wandelbarer Gesang und die konsequente Reduktion machen aus der vermeintlich widersprüchlichen Mischung ein erstaunlich geschlossenes Album. »Draken«, »Vännen«, »Nyckeln« und das großartige Finale »Hjälten« zeigen besonders deutlich, wie viel Potenzial in dieser Verbindung steckt. Der ganz große Hit fehlt noch, aber das Licht brennt – flackernd, kalt und verdammt faszinierend.

Art Track: Hjälten

Internet

Ljuset - Ljuset - CD Review

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