Tracklist
01. Noumenon 1 – 18:50
02. Noumenon 2.1 – 06:06
03. Noumenon 3.1 – 06:44
04. Noumenon 4.1 – 10:30
Besetzung
Denes Poszmik – sämtliche Instrumente, Komposition
Instrumentaler Progressive Metal mit philosophischem Unterbau gefällig? Dann dürfte »Noumenon«, das zweite Album des Glasgower Soloprojekts Vortex Sutra, ausreichend Material für Ohren und Gehirn bereithalten. Hinter dem Projekt steht der aus Ungarn stammende Musiker Denes Poszmik, der sämtliche Instrumente selbst übernimmt und seine Kompositionen zwischen Progressive Rock, Metal, Electronica, Jazz und klassischer Musik ansiedelt. Veröffentlicht wurde das aus vier instrumentalen Bewegungen bestehende Werk am 27. Juni 2026 über Hallucigenia Records. Wer kompakte Strophe-Refrain-Strukturen oder leicht konsumierbare Hintergrundmusik erwartet, ist hier allerdings an der falschen Adresse. »Noumenon« verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, musikalische Entwicklungen nicht sofort vollständig erfassen zu müssen. Wer diese hat erhält aber dafür ein Weg das mit der Phantasie des Zuhörers spielt und sie beflügelt.
DAS DING AN SICH
Der Albumtitel geht auf den Begriff des Noumenons aus der Philosophie Immanuel Kants zurück. Gemeint ist vereinfacht das „Ding an sich“, das unabhängig von menschlicher Wahrnehmung existiert, durch diese Wahrnehmung jedoch niemals vollständig erfasst werden kann. Poszmik verwendet diesen Gedanken nicht bloß als intellektuelle Dekoration. Die vier Kompositionen entziehen sich bewusst einer eindeutigen Deutung und stellen weniger abgeschlossene Songs als unterschiedliche Bewegungen eines zusammenhängenden Werkes dar.
Entsprechend verzichtet »Noumenon« vollständig auf Gesang. Kein Text und kein Refrain geben vor, welche Gedanken oder Bilder mit den einzelnen Abschnitten verbunden werden sollen. Die Musik übernimmt diese Aufgabe allein. Bass, Gitarren, Schlagzeug, Piano, Keyboards und weit ausgreifende Synthesizerflächen treten miteinander in einen fortlaufenden Dialog.
Vortex Sutra orientieren sich dabei an der kompositorischen Freiheit des Progressive Rock der Siebzigerjahre, übernehmen aber nicht einfach dessen Klangbild. Einflüsse von Yes, Pink Floyd, Gong, Tool und King Gizzard And The Lizard Wizard lassen sich erkennen, werden jedoch mit moderner Produktion, elektronischen Texturen und metallischer Gitarrenarbeit verbunden.
NEUNZEHN MINUTEN KONTROLLIERTE UNGEWISSHEIT
»Noumenon 1« eröffnet das Album mit fast neunzehn Minuten Spielzeit und übernimmt damit beinahe die Hälfte des gesamten Werkes. Die ersten Töne bleiben zurückhaltend und erzeugen durch tiefe Synthesizer, einzelne Pianonoten und einen beweglichen Bass eine zunächst schwer greifbare Atmosphäre. Erst allmählich treten Schlagzeug und Gitarren deutlicher hervor.
Die Komposition folgt keiner klassischen Strophenstruktur. Stattdessen entstehen mehrere Abschnitte, die ineinander übergehen, einzelne Motive aufgreifen und anschließend in veränderter Form weiterführen. Der Bass ist nicht bloß Begleitung, sondern häufig das melodische Zentrum. Poszmik arbeitet mit schnellen Läufen, rhythmischen Verschiebungen und kurzen Wiederholungen, die von den Keyboards kommentiert oder bewusst in eine andere Richtung gelenkt werden.
Nach den ersten ruhigen Minuten wird die Musik härter. Verzerrte Gitarren und ein energischerer Schlagzeugrhythmus bringen den Metal-Anteil stärker zur Geltung. Poszmik beweist Fingerfertigkeit beim Spiel der Gitarre, ohne den Titel in eine technische Leistungsschau zu verwandeln. Solistische Passagen bleiben in den Gesamtaufbau eingebunden und erfüllen eine kompositorische Funktion.
Bemerkenswert ist die ständige Bewegung zwischen hellen und dunklen Klangfarben. Ein zunächst optimistisch wirkendes Keyboardmotiv kann innerhalb weniger Takte durch tiefere Akkorde und härtere Gitarren verändert werden. Umgekehrt lösen sich bedrohlichere Passagen häufig in leichte, beinahe schwebende Synthesizerflächen auf. Das sitzt, passt und hat Luft.
Allerdings verlangt die lange Spielzeit Konzentration. Nicht jeder Übergang besitzt dieselbe Prägnanz und einzelne Gedanken werden etwas ausführlicher behandelt, als es für ihre Wirkung notwendig gewesen wäre. Dennoch bleibt »Noumenon 1« eine beeindruckende Eröffnung, die den experimentellen Anspruch des Albums unmittelbar verdeutlicht.
DIREKTER, ABER NICHT BERECHENBAR
Mit etwas mehr als sechs Minuten ist »Noumenon 2.1« wesentlich kompakter. Das Stück besitzt eine klarer erkennbare melodische Führung und wirkt dadurch zunächst zugänglicher. Ein beweglicher Basslauf bildet den Ausgangspunkt, während Keyboards und Gitarren unterschiedliche Varianten des Hauptmotivs entwickeln.
Die vergleichsweise kurze Spielzeit bedeutet jedoch nicht, dass Poszmik plötzlich geradlinig komponiert. Harmonische Wechsel zwischen Dur und Moll verändern fortlaufend die Stimmung. Was für wenige Sekunden leicht und entspannt wirkt, kann unmittelbar darauf eine wesentlich dunklere Richtung einschlagen.
Auf einem bombenfesten Fundament aus Bass und Schlagzeug erhalten Piano und Synthesizer ausreichend Raum. Die elektronischen Elemente liegen nicht einfach hinter der Rock-Instrumentierung, sondern bestimmen den Verlauf entscheidend mit. Das unterscheidet Vortex Sutra von zahlreichen Progressive-Metal-Projekten, die Keyboards hauptsächlich als atmosphärische Ergänzung verwenden.
»Noumenon 2.1« profitiert von seiner Konzentration. Die einzelnen Ideen bleiben besser im Gedächtnis und die Übergänge wirken präziser gesetzt. Gleichzeitig behält das Stück jene Offenheit, die den Charakter des gesamten Albums bestimmt.
ZWISCHEN SPIELERISCHER LEICHTIGKEIT UND UNRUHE
»Noumenon 3.1« beginnt mit luftigen Keyboardtönen, denen ein auffällig aktiver Bass gegenübersteht. Daraus entwickelt sich eine der rhythmisch interessantesten Kompositionen des Albums. Das Schlagzeug setzt zahlreiche Akzente und verhindert, dass die Synthesizerflächen zu statisch werden.
Die verschiedenen Instrumentalebenen bilden eine geschlossene Einheit. Obwohl Poszmik sämtliche Spuren allein eingespielt hat, wirkt das Ergebnis nicht wie eine lose Sammlung nacheinander aufgenommener Einzelteile. Bass, Schlagzeug, Gitarre und Keyboards reagieren nachvollziehbar aufeinander und erzeugen den Eindruck eines organischen Zusammenspiels.
Besonders reizvoll ist die schwer festzulegende Stimmung. Einige Passagen wirken leichtfüßig und beinahe verspielt, während darunter bereits dunklere Harmonien vorbereitet werden. Andere Abschnitte entwickeln eine unterschwellige Bedrohlichkeit, ohne vollständig in aggressiven Progressive Metal umzuschlagen.
Diese Mehrdeutigkeit passt hervorragend zum philosophischen Konzept. Der Hörer nimmt eine bestimmte Stimmung wahr, kann aber niemals sicher sein, ob die Musik tatsächlich in diese Richtung führen wird. Poszmik spielt gezielt mit Erwartungen und verändert die Bedeutung wiederkehrender Motive durch neue harmonische Zusammenhänge.
Mit knapp sieben Minuten besitzt »Noumenon 3.1« eine sehr ausgewogene Länge. Der Song bietet genügend Raum für Entwicklung, ohne einzelne Motive zu lange auszureizen. Gemeinsam mit dem abschließenden Stück gehört er zu den stärksten Momenten des Albums.
DAS FINALE ALS ZUSAMMENFASSUNG
»Noumenon 4.1« führt das Werk über zehneinhalb Minuten zu Ende. Poszmik bezeichnet diese Bewegung selbst als seinen persönlichen Favoriten und als jene Komposition, bei der er besonders intensiv an einem fließenden Verhältnis zwischen Komplexität und Kohärenz gearbeitet habe.
Der Einstieg wird stärker vom Piano geprägt. Einzelne Töne und Akkorde entwickeln eine ruhige, fast klassische Atmosphäre, bevor Bass und Schlagzeug die Bewegung aufnehmen. Nach und nach treten Synthesizer und Gitarren hinzu, ohne das anfängliche Motiv vollständig zu verdrängen.
Die Komposition greift zahlreiche Merkmale der vorherigen Stücke auf. Der bewegliche Bass, die wechselnden Keyboardfarben, metallische Gitarren und rhythmische Verschiebungen kehren wieder, werden aber in einen stärker gebündelten Zusammenhang gebracht. Dadurch funktioniert »Noumenon 4.1« sowohl als eigenständiges Stück als auch als Abschluss der gesamten Suite.
Poszmiks Pianospiel gehört zu den wichtigsten Elementen. Die Tasteninstrumente dienen nicht nur der Atmosphäre, sondern übernehmen melodische und rhythmische Aufgaben. In einigen Passagen führen sie die Komposition, während Gitarre und Bass eine unterstützende Rolle einnehmen. Später verändert sich dieses Verhältnis und die Gitarren treten deutlicher hervor.
Die Rhytmussektion bleibt selbst während der ruhigeren Abschnitte aktiv. Kleine Schlagzeugfiguren und Bassbewegungen verhindern Stillstand, während die Musik genügend Raum zum Atmen behält. Gegen Ende gewinnt das Stück an Intensität, ohne in einen übertriebenen finalen Höhepunkt zu münden.
Diese Entscheidung passt zum Album. »Noumenon« möchte keine abschließende Antwort geben. Das letzte Motiv beendet die Aufnahme, löst das zugrunde liegende philosophische Problem aber selbstverständlich nicht. Die Musik bleibt offen und könnte gedanklich weitergeführt werden.
EIN ALBUM ALS VERÄNDERBARES WERK
Poszmik betrachtet »Noumenon« nicht als endgültig abgeschlossenes Werk. Weitere Bewegungen sollen zukünftig ergänzt und mit den bestehenden Kompositionen kombiniert werden können. Lediglich »Noumenon 1« bildet den konstanten Ausgangspunkt. Die übrigen Teile könnten ausgetauscht oder in neuen Zusammenstellungen angeordnet werden.
Dieses Konzept passt zur philosophischen Grundlage. Das Album stellt keine unveränderliche Beschreibung eines Gegenstands dar, sondern unterschiedliche Annäherungen an etwas, das sich vollständiger Erkenntnis entzieht. Jede neue Bewegung könnte eine weitere Perspektive hinzufügen, ohne jemals eine endgültige Antwort zu liefern.
Gleichzeitig muss die vorliegende Veröffentlichung als eigenständiges Album funktionieren. Das gelingt weitgehend. Die vier Stücke besitzen trotz ihrer unterschiedlichen Länge und Gewichtung einen nachvollziehbaren gemeinsamen Charakter. Wiederkehrende Klangfarben, der markante Bass und die starke Präsenz von Synthesizer und Piano schaffen Zusammenhalt.
MUSIKERLEISTUNG UND PRODUKTION
Denes Poszmik überzeugt vor allem durch seine Vielseitigkeit. Der Bass ist auf dem gesamten Album ausgesprochen präsent und übernimmt regelmäßig die Führung. Seine Läufe sind technisch anspruchsvoll, bleiben aber musikalisch sinnvoll. Statt bloßer Geschwindigkeit setzt Poszmik auf rhythmische Verschiebungen und melodische Gegenbewegungen.
Die Gitarrenarbeit fällt etwas zurückhaltender aus, als es die Bezeichnung Progressive Metal zunächst vermuten lässt. Harte Riffs und melodische Leads sind vorhanden, stehen aber nicht dauerhaft im Mittelpunkt. Dadurch entsteht kein typisches Gitarrenalbum. Synthesizer, Piano und Bass sind mindestens gleichberechtigte Bestandteile.
Das Schlagzeug klingt lebendig und unterstützt die zahlreichen Wechsel zuverlässig. Besonders in »Noumenon 3.1« und »Noumenon 4.1« sorgen kleine Akzentverschiebungen dafür, dass die Musik trotz längerer atmosphärischer Passagen in Bewegung bleibt.
Die Produktion trennt die verschiedenen Ebenen sauber voneinander. Der Bass besitzt ausreichend Druck, die Keyboards bleiben transparent und die Gitarren werden nicht unnötig stark verdichtet. Auch das Piano wirkt natürlich und behält innerhalb der elektronischen Umgebung seine Dynamik.
Gelegentlich könnten die härteren Passagen etwas mehr Gewicht vertragen. Mehr Kontrast zwischen den ruhigen Flächen und den metallischen Ausbrüchen hätte die Dramaturgie verstärkt. Gerade auf der zweiten Albumhälfte bleibt die Grundstimmung über längere Zeit relativ konstant.
ANSPRUCHSVOLL, ABER NICHT STERIL
Die größte Stärke von »Noumenon« ist seine Lebendigkeit. Trotz des philosophischen Konzepts und der langen instrumentalen Kompositionen klingt das Album nicht wie eine sterile akademische Übung. Poszmik verbindet technische Fähigkeiten mit einem erkennbaren Interesse an Stimmung, Klangfarbe und emotionaler Entwicklung.
Die vier Stücke sollen nicht durch demonstrative Virtuosität beeindrucken. Selbst komplexere Passagen bleiben Teil einer übergeordneten Bewegung. Das Album möchte erkundet und nicht lediglich auf technische Einzelheiten untersucht werden.
Die Kehrseite dieser Offenheit ist eine gewisse Unverbindlichkeit. Manche Motive verschwinden, bevor sie ihre volle Wirkung entfalten, während andere länger wiederholt werden. Zudem fehlt an einigen Stellen ein härterer Gegenpol, der die ruhigen und elektronischen Abschnitte stärker hervorheben könnte.
Für Hörer, die klare Hooklines, Gesang oder kompakte Songs benötigen, dürfte »Noumenon« nur schwer zugänglich sein. Wer Progressive Rock hingegen als Raum für Experimente versteht und sich auch auf Electronica, Jazz und klassische Kompositionsideen einlassen kann, erhält ein ungewöhnliches und sorgfältig ausgearbeitetes Album.
FAZIT:
»Noumenon« ist ein ambitioniertes instrumentales Progressive-Rock- und Metal-Album, das philosophisches Konzept und musikalische Form sinnvoll miteinander verbindet. Denes Poszmik überzeugt mit lebendiger Bassarbeit, abwechslungsreichen Keyboards, präzisem Pianospiel und kontrolliert eingesetzten Gitarren. Besonders »Noumenon 1«, »Noumenon 3.1« und das starke Finale »Noumenon 4.1« zeigen, wie vielseitig Vortex Sutra zwischen klassischem Prog, Electronica und moderner Härte wechseln können. Nicht jede Passage entwickelt dieselbe Spannung und etwas mehr Kontrast hätte dem Album zusätzliche Durchschlagskraft verliehen. Dennoch ist »Noumenon« weit von beliebiger Selbstbeschäftigung entfernt. Das Werk besitzt eine klare Identität, technische Substanz und ausreichend musikalische Ideen, um seine 42 Minuten zu rechtfertigen. Vier von fünf Punkten für ein anspruchsvolles Album, das sich der unmittelbaren Erfassung bewusst entzieht.






