Tracklist
01. Doomed To Fate – 00:40
02. Led Into Oblivion
03. Existential Termination
04. Echoes Of A Fractured Mind
05. Oppressed/Repressed
06. A Manic Indoctrination
07. Retali(h)ate
08. When The Red Moon Hangs Low
09. Maw Of The Void
10. Begging To Die
Besetzung
Daryl Boyce – Gesang
Owen McKendrick – Gitarre
Liam McCafferty – Bass
Tam Moran – Schlagzeug
Ultra Brudaler Death Metal fast frisch aus England – wobei wir geografisch gleich die Notbremse ziehen müssen: Scordatura stammen aus Glasgow in Schottland und zerlegen mit »Led Into Oblivion« bereits zum vierten Mal die Gehörgänge ihrer Hörerschaft. Sechs Jahre nach »Mass Failure« präsentiert das Quartett ein Album, das sämtlichen unnötigen Ballast abwerfen und seine brutale Ausrichtung möglichst präzise auf den Punkt bringen möchte. Das Ergebnis dauert nur etwas mehr als 28 Minuten, enthält dafür aber kaum eine Sekunde, in der Gitarren, Bass und Schlagzeug nicht an der vollständigen Demontage des menschlichen Bewegungsapparates arbeiten. Rasende Blastbeats, technisch verschachtelte Riffs, mahlende Deathgrind-Ausbrüche und schwere Groove-Passagen werden zu einem kontrollierten Angriff verbunden. Inhaltlich geht es um eine Menschheit, die sich durch Krieg, Manipulation sowie ihre zunehmende Abhängigkeit von Technologie und künstlicher Intelligenz selbst in die Bedeutungslosigkeit führt. »Led Into Oblivion« ist deshalb kein ungeordnetes Massaker, sondern eine konzentrierte Bestandsaufnahme menschlicher Selbstzerstörung – lediglich mit sehr viel mehr Doublebass.
DEM UNTERGANG GEWEIHT
Das lediglich 40 Sekunden lange »Doomed To Fate« dient als bedrohliche Einleitung. Atmosphärische Geräusche und ein langsam anschwellendes Unheil bereiten den eigentlichen Angriff vor. Viel mehr geschieht allerdings nicht.
Das Intro erfüllt seine grundlegende Funktion, ist aber kaum notwendig. Eine Platte, die sich ausdrücklich Kompaktheit und den Verzicht auf überflüssigen Ballast auf die Fahne schreibt, hätte problemlos unmittelbar mit dem Titeltrack beginnen können.
Sobald »Led Into Oblivion« einsetzt, sind diese Einwände jedoch vergessen. Tam Moran eröffnet mit rasenden Schlägen, während Owen McKendrick ein scharfkantiges Riff darüberlegt. Die Instrumente wirken technisch kontrolliert, verlieren dabei aber nicht ihre körperliche Durchschlagskraft.
Der Song handelt von einer künstlichen Intelligenz, die zunächst sämtliche Fragen beantwortet und menschliche Entscheidungen erleichtert. Das Denken wird nach und nach ausgelagert, bis die Maschine die Kontrolle übernimmt und den Menschen als überflüssigen Bestandteil ihrer eigenen Entwicklung betrachtet.
Diese Thematik wird musikalisch nicht mit futuristischen Synthesizern oder industriellen Samples dargestellt. Stattdessen wirkt die Band selbst wie eine außer Kontrolle geratene Maschine. Schlagzeug und Gitarre arbeiten mit enormer Präzision, während die rhythmischen Wechsel wie neu berechnete Angriffsmuster aufeinanderfolgen.
Daryl Boyce setzt tiefe, kehlige Growls ein, die nur selten in höhere Lagen wechseln. Seine Stimme besitzt einen rohen und beinahe unmenschlichen Charakter. Einzelne Worte treten deutlich hervor, während der überwiegende Teil wie eine zusätzliche tieffrequente Waffe in das Instrumental eingebettet wird.
Mit weniger als drei Minuten kommt der Titeltrack schnell auf den Punkt. Kein Riff wird länger wiederholt, als es für seine Wirkung notwendig ist. Blastbeats, kurze technische Linien und ein schwererer Mittelteil greifen eng ineinander.
Der Song zeigt bereits, weshalb »Led Into Oblivion« trotz seiner extremen Ausrichtung nicht in einer undurchsichtigen Klangmasse endet. Hinter der Geschwindigkeit befinden sich klar erkennbare Motive, die selbst beim ersten Hören hängen bleiben.
EXPERIMENTE AM MENSCHLICHEN KÖRPER
»Existential Termination« steigert die Geschwindigkeit noch einmal und erinnert mit seinen abrupten Wechseln und nervösen Gitarrenläufen deutlich an Cryptopsy und Origin. Die Musik scheint permanent auseinanderbrechen zu wollen, wird von der Rhythmusgruppe aber mit erheblicher Präzision zusammengehalten.
Inhaltlich beschreibt der Song grausame Experimente, bei denen Menschen chemischen Substanzen, Schlafentzug und körperlicher Verstümmelung ausgesetzt werden. Die Selbstzerstörung der Versuchspersonen wird mit drastischen Bildern dargestellt und findet ihre musikalische Entsprechung in einem Arrangement, das kaum zur Ruhe kommt.
Moran beschränkt sich nicht auf permanente Blastbeats. Kurze Stopps, schnelle Fills und verschobene Akzente geben den Gitarren zusätzliche Konturen. Der Schlagzeuger spielt technisch anspruchsvoll, ohne jede freie Stelle zwanghaft mit weiteren Schlägen zu füllen.
Liam McCafferty bleibt am Bass auch unter dem dichten Gitarrenspiel hörbar. Besonders bei den kurzen rhythmischen Unterbrechungen verleiht er dem Material zusätzliche Tiefe und verhindert, dass die Musik ausschließlich aus Höhen und Schlagzeugattacken besteht.
Der Song endet beinahe so abrupt, wie er begonnen hat. Die Kompaktheit erweist sich erneut als Vorteil. Wo andere Technical-Death-Metal-Bands jede Idee über mehrere Minuten ausführen würden, wechseln Scordatura zum nächsten Angriff, sobald die Wirkung erreicht ist.
»Echoes Of A Fractured Mind« verbindet anschließend klassischen Death Metal mit kosmischem Horror. Fremde Wesen dringen in das menschliche Bewusstsein ein, zerbrechen Wahrnehmung und Verstand und öffnen den Blick auf eine Realität, die sich dem menschlichen Verständnis entzieht.
Musikalisch arbeitet der Song etwas schwerer. Die Riffs erinnern stellenweise an die kompakte Gewalt von Cannibal Corpse oder Immolation, werden jedoch immer wieder durch technische Bewegungen und rasende Schlagzeugpassagen aufgebrochen.
Besonders das Hauptriff besitzt einen hohen Wiedererkennungswert. Es dreht sich in einer kreisenden Bewegung um den Rhythmus und vermittelt das Gefühl, dass sich der Song immer tiefer in einen geistigen Abgrund schraubt.
Die Band beweist hier, dass Brutalität nicht ausschließlich durch Geschwindigkeit entsteht. Einige der härtesten Momente liegen in den schwer gesetzten Akkorden, die nach den schnelleren Ausbrüchen umso massiver wirken.
UNTERDRÜCKUNG, PROPAGANDA UND KRIEG
»Oppressed/Repressed« gehört zu den schnellsten und aggressivsten Stücken. Die Gitarren feuern kurze Tremolofiguren ab, während das Schlagzeug die Geschwindigkeit immer weiter erhöht. Trotz dieser Hektik bleiben die Übergänge kontrolliert.
Inhaltlich richtet sich der Song gegen Angriffskriege, Zwangsrekrutierung, staatliche Propaganda, ethnische Säuberungen und die bewusste Vernichtung ziviler Lebensräume. Menschen werden als austauschbare Spielfiguren behandelt, während politische und wirtschaftliche Interessen über ihr Überleben entscheiden.
Die Musik besitzt entsprechend wenig Raum für Zurückhaltung. Boyce klingt besonders angriffslustig und schleudert die Zeilen in kurzen, stark rhythmisierten Phrasen aus dem Mix. Sein Gesang erinnert in den schnellsten Momenten an die beinahe perkussive Artikulation moderner Technical-Death-Metal-Sänger.
McKendricks Gitarre wechselt zwischen rasenden Figuren und tiefen, abgehackten Akkorden. Gerade diese Kontraste verhindern, dass das Stück als gleichförmiger Geschwindigkeitsrausch vorbeizieht.
Ein Grindcore-Einfluss wird ebenfalls hörbar. Manche Übergänge wirken absichtlich roh und direkt, als hätte die Band für einige Sekunden sämtliche technische Disziplin abgelegt und sich auf reine Zerstörung konzentriert.
Mit »A Manic Indoctrination« folgt der notwendige Gegenpol. Das Tempo wird deutlich reduziert, und ein schweres, beinahe schleppendes Riff legt sich über die Rhythmusgruppe. Nach der bisherigen Dauerattacke besitzt dieser Einstieg eine enorme Wirkung.
Der Song behandelt psychische Kontrolle, Manipulation und die Umwandlung eines Menschen in ein willenloses Werkzeug. Der eigene Verstand wird zum verschlossenen Gefängnis, während eine fremde Instanz Befehle erteilt und sämtliche Verantwortung auf ihr Opfer abwälzt.
Die langsamere Ausrichtung gibt Boyces Growls zusätzlichen Raum. Jedes Wort wirkt schwerer, weil es nicht gegen ununterbrochene Blastbeats ankämpfen muss. Gleichzeitig bleibt die Atmosphäre angespannt und bedrohlich.
Nach ungefähr der Hälfte erhöht die Band die Geschwindigkeit wieder. Der Übergang wirkt nicht wie ein pflichtbewusster Wechsel zurück zum üblichen Albumtempo, sondern wie das plötzliche Ausführen eines zuvor eingepflanzten Befehls.
Besonders der abschließende Groove gehört zu den stärksten Momenten der Platte. Gitarren, Bass und Schlagzeug schlagen gemeinsam zu und formen einen beinahe Breakdown-artigen Abschluss, ohne in Metalcore-Konventionen abzurutschen.
VERGELTUNG OHNE GEWINNER
Der ungewöhnlich geschriebene Titel »Retali(h)ate« verbindet Vergeltung und Hass bereits auf sprachlicher Ebene. Inhaltlich setzt sich die Band erneut mit moderner Kriegsführung, Drohnenüberwachung, Bombardierungen und der wirtschaftlichen Ausbeutung bewaffneter Konflikte auseinander.
Die Nummer kehrt zur höheren Geschwindigkeit zurück. Ein kurzes, hämmerndes Riff bildet das Zentrum, um das sich mehrere hektische Gitarrenbewegungen legen. Der Bass verstärkt die tiefen Akzente und verleiht dem Stück eine enorme Wucht.
Moran wechselt zwischen Blastbeats und schweren, beinahe marschartigen Rhythmen. Dadurch wird der Song nicht einfach schneller, sondern erhält unterschiedliche Bewegungsformen. Besonders die Wechsel in den langsameren Groove dürften live für erhebliche Unordnung sorgen.
Die Komposition zeigt erneut, wie gezielt Scordatura ihre technische Seite einsetzen. Die Musiker wären zweifellos in der Lage, jedes Stück mit komplizierten Figuren zu überladen. Stattdessen bleiben die technischen Elemente den Songs untergeordnet.
Der Reiz liegt in der Verbindung aus Präzision und Rohheit. Einzelne Läufe sind exakt gespielt, führen jedoch stets zurück zu einem Riff, das unmittelbar auf Nacken und Magengrube zielt.
»Retali(h)ate« gehört nicht zu den melodisch oder atmosphärisch auffälligsten Stücken, funktioniert innerhalb der Dramaturgie aber als konzentrierter Angriff. Nach knapp drei Minuten ist alles gesagt, bevor die nächste Welt betreten wird.
WENN DER ROTE MOND TIEF STEHT
»When The Red Moon Hangs Low« wechselt von realen menschlichen Grausamkeiten in eine deutlich fantastischere Welt. Der Text enthält unverkennbare Bezüge zum Videospiel Bloodborne: Jäger, Bestien, altes Blut, eine heilende Kirche und ein endloser Traum bestimmen das Geschehen.
Musikalisch beginnt die Nummer ohne längeren Aufbau. Blastbeats und Gitarren setzen nahezu gleichzeitig ein und erzeugen einen der aggressivsten Einstiege des Albums.
Trotzdem bleibt der Song nicht bei maximaler Geschwindigkeit. Ein schwereres Hauptriff verleiht ihm einen eigenen Charakter und unterscheidet ihn von »Oppressed/Repressed«. Der Groove ist subtiler als bei »A Manic Indoctrination«, aber deutlich genug, um die Komposition im Gedächtnis zu verankern.
Boyces Stimme passt hervorragend zur bestialischen Thematik. Seine tiefen Growls klingen wie eine Kreatur, die sich längst nicht mehr sicher ist, ob sie Jäger oder Beute ist.
Mit zweieinhalb Minuten ist »When The Red Moon Hangs Low« der kürzeste vollständige Song. Die Band verschwendet keine Zeit mit zusätzlichen Wiederholungen, sondern führt ihre zentralen Riffs einmal durch und beendet die Jagd.
Mehrere Rezensionen heben den Titel zu Recht als einen der stärksten Momente hervor. Die Kombination aus hohem Tempo, griffigen Riffs und fantastischer Atmosphäre zeigt Scordatura in besonders konzentrierter Form.
DAS MAUL DER LEERE
»Maw Of The Void« führt die kosmische Bedrohung von »Echoes Of A Fractured Mind« weiter. Jenseits der bekannten Wirklichkeit wartet eine uralte Macht, deren bloße Wahrnehmung den menschlichen Verstand zerstört.
Verweise auf Cthulhu und versunkene Städte machen den Einfluss von H. P. Lovecrafts Mythologie unmissverständlich. Die Band überträgt diese Dimensionen verschlingende Bedrohung in einen besonders dichten Death-Metal-Angriff.
Der Song beginnt schneller als sein Vorgänger und setzt auf mehrere kurze Riffwechsel. Trotz der technischen Bewegung bleibt ein klarer roter Faden erhalten. McKendrick schreibt keine wahllose Ansammlung schwieriger Läufe, sondern verknüpft die einzelnen Figuren über gemeinsame rhythmische Akzente.
Boyce bellt und growlt sich durch die Komposition, während Moran die Geschwindigkeit mit präzisen Fills kontrolliert. Der Bass folgt nicht jeder Gitarrenbewegung, sondern stabilisiert das rhythmische Fundament.
Gerade diese Verständlichkeit unterscheidet Scordatura von zahlreichen Technical-Death-Metal-Bands. Die Musik ist komplex, aber nicht unnötig undurchsichtig. Selbst bei hoher Geschwindigkeit lassen sich zentrale Riffs erkennen.
Die Produktion trägt entscheidend dazu bei. Gitarren, Bass und Schlagzeug besitzen ausreichend Trennung, ohne dass die Musik steril oder klinisch wirkt.
»Maw Of The Void« gehört zu den härtesten Stücken der zweiten Hälfte. Gleichzeitig bleibt es durch seine griffigen Gitarrenfiguren eines der zugänglichsten.
BETTELND UM DEN TOD
Das abschließende »Begging To Die« beginnt mit einem schweren Groove und setzt damit einen willkommenen Kontrast zum rasenden Vorgänger. Gitarren und Rhythmusgruppe bewegen sich zunächst langsam und mit erheblichem Gewicht.
Inhaltlich führt die Nummer erneut in eine Welt kosmischer Wesen und körperlicher Qualen. Der menschliche Körper wird verzerrt, zerrissen und in einer endlosen Abfolge von Leiden immer wieder neu zusammengesetzt. Der Tod erscheint nicht mehr als Bedrohung, sondern als unerreichbare Erlösung.
Nach dem groovenden Einstieg erhöht die Band das Tempo und wechselt zwischen verschiedenen Rhythmen. Die Übergänge erfolgen schnell, bleiben aber nachvollziehbar. Genau diese kontrollierte Unruhe gehört zu den größten Stärken des Albums.
Kurze Grindcore-Ausbrüche treffen auf technische Gitarrenlinien und schweres Midtempo. Der Song fasst damit die wichtigsten Bestandteile der vorherigen Stücke zusammen, ohne wie eine bloße Wiederholung zu wirken.
Moran liefert noch einmal ein besonders variables Schlagzeugspiel. Blastbeats, schnelle Doublebass und kurze Breaks greifen ineinander, während McCafferty den Wechseln mit einem deutlich hörbaren Bassklang zusätzlichen Druck verleiht.
Boyce bleibt bis zum Ende in seiner tiefen, aggressiven Stimmlage. Eine größere vokale Variation wäre grundsätzlich denkbar gewesen, doch die konsequente Monstrosität passt zum Charakter der Platte.
Als Abschluss funktioniert »Begging To Die« hervorragend. Der Song endet nicht mit einer langen atmosphärischen Auflösung, sondern lässt die Hörerschaft nach drei Minuten und 15 Sekunden ebenso abrupt zurück, wie das Album zuvor über sie hereingebrochen ist.
TECHNIK IM DIENST DER RIFFS
Led Into Oblivion wird häufig dem Technical Death Metal zugerechnet. Das ist angesichts der schnellen Wechsel, präzisen Gitarrenlinien und anspruchsvollen Schlagzeugarbeit nachvollziehbar. Trotzdem unterscheidet sich die Band von Projekten, die technische Höchstleistungen zum alleinigen Zweck ihrer Musik erklären.
Bei Scordatura steht das Riff im Mittelpunkt. Selbst kompliziertere Passagen besitzen eine rhythmische oder atmosphärische Funktion. Die Musiker spielen nicht gegeneinander, sondern arbeiten gemeinsam an der Wirkung des jeweiligen Songs.
McKendricks Gitarre verbindet scharfkantige Tremololäufe mit schweren Akkorden und tiefen Groove-Figuren. Seine Arbeit erinnert an Cryptopsy, Suffocation, Origin, Dying Fetus und gelegentlich Cattle Decapitation.
Diese Einflüsse sind deutlich hörbar. Gerade darin liegt einer der wenigen größeren Kritikpunkte. Scordatura beherrschen ihre gewählte Sprache ausgezeichnet, entwickeln aber noch nicht in jedem Song ein vollständig unverwechselbares Vokabular.
Einzelne Riffs könnten ebenso auf Alben ihrer amerikanischen oder kanadischen Vorbilder erscheinen. Die Band gleicht dies durch ihre kompakte Kompositionsweise und das ausgewogene Verhältnis aus Technik, Grindcore und Groove teilweise aus.
Besonders »A Manic Indoctrination«, »When The Red Moon Hangs Low« und »Begging To Die« zeigen, wohin sich der eigene Stil weiterentwickeln kann. Hier verbinden sich technische Präzision und körperliche Direktheit besonders überzeugend.
EIN BOMBENFESTES RHYTHMISCHES FUNDAMENT
Die Rhythmusgruppe trägt einen erheblichen Teil der Wirkung. Tam Moran spielt schnell, präzise und variabel. Seine Blastbeats besitzen genügend Druck, um die Gitarren anzutreiben, dominieren den Mix aber nicht vollständig.
Besonders überzeugend sind die Übergänge. Kurze Fills kündigen nicht bloß einen Wechsel an, sondern verändern die Bewegungsrichtung der Songs. Die Drums reagieren auf Gitarren und Gesang, anstatt lediglich ein konstantes Tempo vorzugeben.
Liam McCafferty verleiht der Musik am Bass die notwendige Tiefe. Sein Instrument wird nicht unter den Gitarren begraben und bleibt besonders in den langsameren Passagen deutlich wahrnehmbar.
Bei »A Manic Indoctrination« und »Retali(h)ate« zeigt sich, wie wichtig das Zusammenspiel beider Musiker ist. Bass und Schlagzeug formen ein massives Fundament, auf dem McKendricks Gitarren ihre technischen Bewegungen ausführen können.
Auch während der schnellsten Abschnitte bleibt der Rhythmus körperlich nachvollziehbar. Die Songs mögen kompliziert konstruiert sein, verlieren aber nie vollständig den Kontakt zum Moshpit.
DRUCKVOLL, KLAR UND DENNOCH BRUTAL
Malcolm Abbou übernahm die Aufnahmen und das Mixing. Das Mastering stammt von Korentin Mens. Gemeinsam geben sie dem Album einen modernen, druckvollen und vergleichsweise klaren Klang.
Die Gitarren besitzen Schärfe und Gewicht, ohne in den tiefen Frequenzen vollständig mit dem Bass zu verschmelzen. Besonders die schnellen Tremolopassagen bleiben nachvollziehbar.
Das Schlagzeug klingt präzise, aber nicht vollkommen künstlich. Die Bassdrum setzt sich auch während der dichtesten Passagen durch, während Snare und Toms ausreichend Körper behalten.
Boyces Gesang steht weit vorn, verdeckt jedoch nicht sämtliche instrumentalen Details. Seine tiefen Frequenzen ergänzen Bass und Gitarren, statt den gesamten Mix in eine undurchsichtige Masse zu verwandeln.
Die Produktion ist kontrollierter als bei rohem Old-School Death Metal. Trotzdem klingt das Album nicht steril. Kleine Unebenheiten und die aggressive Spielweise erhalten genügend Raum.
Das Mastering erzeugt einen hohen Gesamtdruck, ohne jeden dynamischen Unterschied einzuebnen. Die langsameren Abschnitte wirken tatsächlich schwerer, während die Blastbeat-Passagen zusätzlich an Geschwindigkeit gewinnen.
Bei nur 28 Minuten besteht kaum Gefahr, dass die dichte Produktion ermüdet. Auf einem deutlich längeren Album könnte die permanente Intensität anstrengend werden. Hier funktioniert sie als bewusst konzentrierte Attacke.
DER MENSCH MARSCHIERT IN SEINEN UNTERGANG
Die Texte verbinden reale politische und technologische Ängste mit Science-Fiction, kosmischem Horror und Videospielmotiven. Dadurch entsteht kein durchgehendes Konzeptalbum, wohl aber ein klarer thematischer Zusammenhang.
Immer wieder verliert der Mensch die Kontrolle über etwas, das er selbst erschaffen, herbeigeführt oder freigesetzt hat. Künstliche Intelligenz entscheidet über seine Existenz, Staaten verwandeln Menschen in Kriegsmaterial und fremde Mächte zerstören seinen Verstand.
Selbst die fantastischen Stücke greifen diesen Gedanken auf. Die Figuren suchen nach Wissen, Macht oder Erlösung und öffnen dabei Türen, die besser verschlossen geblieben wären.
Das detaillierte Artwork von Paolo Girardi fasst diese Vorstellung eindrucksvoll zusammen. Menschliche Körper, mechanische Strukturen und apokalyptische Zerstörung verschmelzen zu einer überladenen Vision des endgültigen Zusammenbruchs.
Die Band begann bereits 2021 mit der Arbeit an dem Album und investierte nach eigenen Angaben viel Zeit in die Arrangements. Diese Sorgfalt ist hörbar. Trotz der hohen Anzahl an Riffs wirken die Songs nicht wie zufällig zusammengesetzte Ideensammlungen.
Nahezu jede Komposition besitzt einen klaren Schwerpunkt. »Oppressed/Repressed« setzt auf Geschwindigkeit, »A Manic Indoctrination« auf Groove und »Maw Of The Void« auf die Verbindung aus technischer Bewegung und eingängigen Riffs.
SECHS JAHRE WARTEN AUF 28 MINUTEN
Die kurze Spielzeit dürfte unterschiedlich aufgenommen werden. Nach sechs Jahren ohne vollständiges Studioalbum wirken 28 Minuten zunächst knapp. Zieht man das 40-sekündige Intro ab, bleiben nicht einmal 28 Minuten regulärer Musik.
Andererseits passt diese Konzentration hervorragend zum Material. Scordatura haben sämtliche unnötigen Wiederholungen entfernt. Kein Song überschreitet vier Minuten, und die meisten bewegen sich um die Marke von drei Minuten.
Dadurch entsteht ein Album, das ohne Durchhänger durchläuft. Selbst schwächere oder weniger eigenständige Riffs verschwinden schnell genug, bevor sie sich abnutzen können.
Ein oder zwei zusätzliche Songs hätten den Gesamtumfang dennoch aufwerten können. Die vorhandenen Titel zeigen genügend Abwechslung, um auch 35 Minuten problemlos zu tragen.
Das kurze Intro hätte man ebenfalls streichen können. Es erzeugt zwar Atmosphäre, steht aber im Widerspruch zum erklärten Ziel einer vollkommen entschlackten Platte.
Diese Einwände verändern jedoch wenig an der Qualität der eigentlichen Songs. »Led Into Oblivion« wirkt nicht unfertig oder künstlich verkürzt. Die Platte endet lediglich genau dann, wenn andere Bands vermutlich noch drei weitere Varianten derselben Riffs angehängt hätten.
FAST ZWEI JAHRZEHNTE BRUTALITÄT
Scordatura wurden 2007 in Glasgow gegründet und haben ihren Death Metal seither auf Bühnen in Großbritannien, Europa, den USA und Russland weiterentwickelt.
Die frühen Veröffentlichungen waren stärker von klassischem Gore und den üblichen Gewaltdarstellungen des Brutal Death Metal geprägt. Mit zunehmender Erfahrung wurden die Texte gesellschaftlicher und die Kompositionen fokussierter.
»Led Into Oblivion« ist das vierte Studioalbum und folgt auf »Torment Of The Weak«, »Self-Created Abyss« und »Mass Failure«. Die grundlegende musikalische Sprache wird nicht neu erfunden, aber präziser ausgeführt.
Die Band versucht nicht, aktuellen Trends hinterherzulaufen. Moderne Produktion und technisches Spiel werden verwendet, ohne Deathcore, Djent oder elektronische Effekte in den Mittelpunkt zu stellen.
Darin liegt eine Stärke, aber zugleich die bereits erwähnte Einschränkung. Wer eine radikale Neuerfindung des Brutal Death Metal erwartet, wird sie hier nicht finden. Wer bekannte Grundlagen in sehr überzeugender Ausführung hören möchte, erhält dagegen nahezu alles, was das Genre bieten sollte.
FAZIT:
»Led Into Oblivion« ist ein kurzer, hoch konzentrierter und technisch präziser Death-Metal-Angriff. Scordatura verbinden die Geschwindigkeit von Origin, die verdrehte Härte von Cryptopsy, die Groove-Attacken von Dying Fetus und die klassische Brutalität von Cannibal Corpse zu einer druckvollen Einheit. Besonders »Led Into Oblivion«, »Oppressed/Repressed«, »A Manic Indoctrination«, »When The Red Moon Hangs Low« und »Begging To Die« überzeugen. Die starke Orientierung an bekannten Vorbildern, das wenig notwendige Intro und die sehr kurze Gesamtspielzeit verhindern eine noch höhere Wertung. Musikalisch bleibt dennoch kaum Raum für Beschwerden: Die Riffs sind griffig, die Rhythmusgruppe arbeitet mit enormer Präzision und die Produktion verbindet Klarheit mit brutaler Durchschlagskraft. Nach 28 Minuten wird man tatsächlich ins Vergessen geführt – oder zumindest mit einem kräftigen Schleudertrauma zurückgelassen.






