Conflux Collective - In the Wake of Saturn - cover Artwork

Band: Conflux Collective 🇨🇦
Titel: In the Wake of Saturn
Label: Eigenveröffentlichung
VÖ: 19.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Progressive Death Metal / Technical Death Metal / Brutal Death Metal

Tracklist

01. The Antidote
02. Devoid of True Form
03. Ethereal Executioner
04. Devouring Light
05. Blood from a Rock
06. Reincarnation
07. In the Wake of Saturn
08. Desperate Post-Humanist

Besetzung

Chase Fraser – Gitarren
Tommy McKinnon – Schlagzeug, Bass und zusätzliche Gitarren
Eric Burnet – Gesang
Max Lussier – Gesang und Gitarrensolo
Jesse Brint – Gesang
Mallika Sundaramurthy – Gesang
Jeffrey Mott – Gesang

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Ja sacht ma‘ haben wir die Death Metal Wochen bei Metal Underground? Kaum wurden die letzten Nackenwirbel wieder halbwegs eingerichtet, rollt mit Conflux Collective bereits der nächste technisch hochgerüstete Abrissbagger heran. Ganz frisch ist die kanadische Formation allerdings nicht. Gitarrist Chase Fraser und Schlagzeuger Tommy McKinnon veröffentlichten bereits 2016 die EP »The Inception«, ehe das Projekt für mehrere Jahre verstummte. Nun erwacht der musikalische Saturn aus seinem Tiefschlaf – und bei dem Krach dürften ihm ordentlich die Ringe schlackern. »In the Wake of Saturn« verbindet die rohe Energie des Death Metal der Neunziger mit modernem Technical Death Metal, progressiven Songstrukturen, brutalen Grooves und einer erstaunlich melodischen Gitarrenarbeit. Unterstützt wird das instrumentale Kernteam von gleich fünf Sängern, die Verlust, Überleben, persönliche Veränderung und Wiedergeburt aus unterschiedlichen Perspektiven behandeln. Herausgekommen sind acht kompakte Stücke, die in knapp 31 Minuten mehr Richtungswechsel unterbringen als andere Bands auf einem Doppelalbum.

Audioplayer

ZWEI MUSIKER, FÜNF STIMMEN UND SEHR WENIG LEERLAUF

Die Geschichte von Conflux Collective beginnt mit einem zufälligen Wiedersehen nach einem Konzert von King Diamond. Chase Fraser, bekannt durch Continuum sowie frühere Tätigkeiten bei Decrepit Birth und Animosity, traf in Montreal auf Tommy McKinnon von Derelict und Akurion. Bereits während der ersten gemeinsamen Session entstand beinahe ein vollständiger Song.

Innerhalb weniger Wochen folgte die Debüt-EP, danach kam dem Projekt jedoch das Leben dazwischen. McKinnon holte die alten Aufnahmen schließlich aus dem Archiv, rekonstruierte Arrangements, schrieb neues Material und spielte sämtliche Bassspuren nach Gehör ein. Aus einem Duo wurde dabei zumindest auf vokaler Ebene ein tatsächliches Kollektiv.

Mit Jesse Brint, Mallika Sundaramurthy, Jeffrey Mott, Eric Burnet und Max Lussier stehen gleich fünf extreme Stimmen zur Verfügung. Wer nun fünf vollkommen unterschiedliche Gesangsstile erwartet, wird allerdings überrascht. Tiefe Growls und mittlere aggressive Stimmen dominieren, während die Übergänge zwischen den einzelnen Beteiligten bewusst fließend gestaltet wurden.

Das ergibt ein geschlossenes Klangbild, nimmt dem Konzept aber etwas von seinem möglichen Überraschungseffekt. Ohne Blick auf die Besetzung würde man nicht zwangsläufig vermuten, dass hier fünf Sänger beteiligt sind. Besonders Mallika Sundaramurthy setzt dennoch mit ausgesprochen tiefen und bissigen Growls markante Akzente.

Instrumental brauchen Fraser und McKinnon ohnehin keine Verstärkung. Die Gitarren wechseln zwischen kantigen technischen Läufen, melodischen Linien und schweren Akkorden, während Schlagzeug und Bass das Material mit enormer Präzision zusammenhalten. Das klingt stellenweise wie ein vollständiges Orchester für Menschen, die Blastbeats für eine anerkannte Form der Kammermusik halten.

DAS GEGENMITTEL BESITZT NEBENWIRKUNGEN

»The Antidote« eröffnet das Album ohne atmosphärisches Vorgeplänkel. Technische Gitarren, schnelle Drums und gutturaler Gesang setzen nahezu gleichzeitig ein. Trotz der hohen Informationsdichte bleibt das Stück nachvollziehbar, weil wiederkehrende Motive Orientierung geben.

Die Musik schwebt irgendwo zwischen Cryptopsy, Necrophagist, Augury und Beyond Creation. Dabei wird nicht dauerhaft mit maximaler Geschwindigkeit gearbeitet. Kurze Grooves und melodische Figuren verhindern, dass der Einstieg zur bloßen Fingerübung gerät.

»Devoid of True Form« ist noch kompakter und rückt die brutalere Seite des Projekts nach vorn. Die Growls sinken tiefer, die Gitarren schlagen kürzere Figuren an und McKinnons Schlagzeug wechselt blitzschnell zwischen Blastbeats und schweren Akzenten.

Beide Songs zeigen die wichtigste Stärke des Albums: Die technischen Fähigkeiten werden meistens in tatsächliche Kompositionen übersetzt. Es gibt Soli, ungewöhnliche Taktbewegungen und komplizierte Läufe, doch das Material wirkt selten wie eine Demonstration für andere Musiker.

Gelegentlich erscheint die Produktion allerdings beinahe zu kontrolliert. Die Gitarren sind ausgesprochen klar und glatt, wodurch selbst die wildesten Bewegungen sauber voneinander getrennt bleiben. Das erleichtert den Zugang zu den Arrangements, nimmt dem Angriff aber stellenweise etwas von seiner natürlichen Unberechenbarkeit.

DER ÄTHERISCHE HENKER UND DAS VERSCHLINGENDE LICHT

»Ethereal Executioner« gehört zu den technisch auffälligsten Titeln. Die Gitarren bewegen sich durch ein Labyrinth aus kantigen Läufen und verschobenen Rhythmen, behalten dabei jedoch eine melodische Grundrichtung.

Fraser klingt hier zeitweise, als würde er kein gewöhnliches Saiteninstrument, sondern einen besonders aggressiven Synthesizer bedienen. Die Töne sind präzise voneinander getrennt und besitzen eine beinahe elektronische Glätte.

Das ist beeindruckend gespielt, kann aber auch etwas distanziert wirken. Man bestaunt die handwerkliche Kontrolle, bevor die eigentliche emotionale Wirkung einsetzt. Spätestens die schwereren Passagen holen den Song jedoch wieder auf den Boden zurück.

»Devouring Light« bildet dazu einen deutlichen Gegenpol. Der Titel ist langsamer, düsterer und stärker auf schwere Grooves ausgerichtet. Offene Akkorde und eine beinahe doomige Grundhaltung erzeugen eine Atmosphäre, die an einen schleichenden ökologischen Zusammenbruch erinnert.

Der Bass erhält mehr Raum und verleiht den Riffs eine besonders körperliche Bewegung. Statt sofort in die nächste technische Eskalation zu springen, lässt die Band einzelne Akkorde nachwirken.

Gerade diese Zurückhaltung macht »Devouring Light« zu einem der stärksten Songs. Die Musiker beweisen, dass sie nicht ständig 27 Noten pro Sekunde benötigen, um Spannung aufzubauen. Manchmal reicht eben auch ein richtig schweres Riff – verrücktes Konzept, funktioniert aber.

BLUT AUS EINEM STEIN UND DIE RÜCKKEHR INS LEBEN

»Blood from a Rock« verbindet komplexe Gitarrenarbeit mit den brutalsten Momenten der Platte. Die tiefen Vocals von Mallika Sundaramurthy passen hervorragend zu den schleppenden Slam-Ansätzen und den kurzen Ausbrüchen.

Der Song bleibt dennoch eindeutig Technical Death Metal. Gitarren und Schlagzeug verändern regelmäßig die Betonung, während melodische Linien über dem tiefen Fundament schweben. Besonders Frasers Winkelzüge am Griffbrett bleiben im Gedächtnis.

Nicht jeder Übergang wirkt vollkommen organisch. Gelegentlich entsteht der Eindruck, dass eine weitere technische Idee noch unbedingt in den Song musste. Durch die kompakte Laufzeit nutzt sich diese Überfülle jedoch kaum ab.

Mit »Reincarnation« folgt das Herzstück der Veröffentlichung. Der bereits während der frühen Projektphase geschriebene Song behandelt Widerstandskraft, Erneuerung und die Rückkehr nach einer langen Phase des Stillstands.

Das passt selbstverständlich zur Geschichte von Conflux Collective. Nach rund zehn Jahren erhält das Projekt tatsächlich ein neues Leben, ohne die musikalischen Grundlagen seiner Anfangszeit abzustreifen.

Jeffrey Mott liefert eine kraftvolle Gesangsleistung, während McKinnon das Stück mit detaillierten Drumfiguren vorantreibt. Gitarrenmelodien und aggressive Riffs greifen besonders geschlossen ineinander.

Der Song fasst nahezu sämtliche Bestandteile des Albums zusammen: technische Präzision, schwere Grooves, melodische Linien, aggressive Stimmen und einen positiven Kern, der sich unter der brutalen Oberfläche verbirgt.

SATURN BEKOMMT KEINEN SCHÖNHEITSSCHLAF

Der Titeltrack ist mit zweieinhalb Minuten die kürzeste Nummer und gleichzeitig der direkteste Angriff. Lange Einleitungen oder progressive Entwicklungen werden beiseitegeschoben. Stattdessen feuern Conflux Collective schnelle Riffs, Blastbeats und kurze vokale Attacken ab.

Der Text verwendet Saturn als Symbol für Zeit, Disziplin, Prüfung und den ewigen Wechsel zwischen Zerstörung und Neubeginn. Der Mensch soll sich seinen Ängsten stellen, Schmerzen überwinden und das eigene Schicksal nicht widerstandslos hinnehmen.

Musikalisch klingt das deutlich weniger philosophisch. Hier gibt es erst einmal ordentlich auf die Zwölf. Gerade nach den komplexeren Mittelteilen wirkt diese Konzentration ausgesprochen erfrischend.

Das abschließende »Desperate Post-Humanist« schlägt anschließend eine völlig andere Richtung ein. Akustische Gitarren, klare Stimmen und atmosphärische Passagen öffnen den Song, bevor die Härte schrittweise zurückkehrt.

Inhaltlich geht es um einen Menschen, der seinem körperlichen Dasein durch digitale Verschmelzung entkommen möchte. Der Körper wird als Gefängnis wahrgenommen, während die Maschine grenzenlose Freiheit und eine formlose Existenz verspricht.

Die vermeintliche Erlösung entwickelt sich jedoch zur vollständigen Abhängigkeit. Während der Geist immer tiefer in die digitale Welt eintaucht, verkümmern Körper und Gehirn. Das Interface wird vom Werkzeug zum Herrscher.

Die ruhigen Passagen und der klare Gesang geben diesem Finale eine emotionale Tiefe, die einigen vorherigen Songs fehlt. Erinnerungen an die ruhigere und düsterere Seite von Opeth sind erlaubt, ohne dass Conflux Collective ihren eigenen Stil vollständig verlassen.

Mit mehr als fünf Minuten ist der Song der längste Titel. Die zusätzliche Zeit wird sinnvoll genutzt und sorgt dafür, dass das Album nicht einfach mit einem weiteren technischen Gewaltausbruch endet. Stattdessen bleibt eine nachdenkliche und leicht unheimliche Atmosphäre zurück.

TECHNISCHE KLASSE MIT KLINISCHER SAUBERKEIT

An der musikalischen Leistung gibt es wenig zu beanstanden. Chase Fraser spielt anspruchsvolle Gitarrenlinien mit bemerkenswerter Kontrolle und versteht es, technische Läufe mit melodischen Bewegungen zu verbinden.

Tommy McKinnon übernimmt Schlagzeug, Bass und zusätzliche Gitarren. Besonders das Schlagzeugspiel fällt auf. Blastbeats, schnelle Doublebass-Figuren, präzise Fills und schwere Grooves wechseln, ohne den Fluss der Songs zu zerstören.

Dass McKinnon die Bassspuren erstmals für ein vollständiges Album selbst einspielte und das Material dafür nach Gehör rekonstruieren musste, hört man dem Ergebnis nicht an. Der Bass steht sicher unter den Gitarren und tritt besonders in den langsameren Passagen deutlich hervor.

Die fünf Sänger geben dem Album theoretisch eine große Bandbreite. Praktisch bleiben die Unterschiede allerdings kleiner, als die Besetzung vermuten lässt. Die meisten Stimmen bewegen sich zwischen tiefen Growls und mittleren aggressiven Registern.

Das sorgt für Geschlossenheit, lässt aber eine Gelegenheit ungenutzt. Stärkere Kontraste zwischen den einzelnen Beteiligten hätten das Kollektiv-Konzept noch deutlicher hervorgehoben.

Produzent McKinnon sowie Jeanne Comateuse am Mischpult liefern einen modernen, transparenten und druckvollen Klang. Selbst während der kompliziertesten Passagen bleibt jedes Instrument nachvollziehbar.

Genau diese Perfektion ist gleichzeitig ein kleiner Schwachpunkt. Die Gitarren wirken gelegentlich so sauber und glatt, dass ihnen ein Teil ihrer natürlichen Aggression genommen wird. Etwas mehr Reibung hätte den Songs zusätzliche Persönlichkeit verliehen.

Das bedeutet keineswegs, dass die Produktion kraftlos wäre. Kickdrum, Bass und Gitarren besitzen erheblichen Druck. Der Klang wirkt nur eher wie ein präzise kalibrierter chirurgischer Eingriff als wie ein unkontrollierter Angriff mit der rostigen Axt.

KURZ, KOMPLEX UND ERSTAUNLICH MENSCHLICH

Mit knapp 31 Minuten ist »In the Wake of Saturn« ausgesprochen kompakt. Für Progressive und Technical Death Metal ist das beinahe schon vorbildlich diszipliniert.

Die Band widersteht größtenteils der Versuchung, jeden Taktwechsel dreimal zu erklären oder jedes Riff über mehrere Minuten auszubauen. Die Songs kommen auf den Punkt und wechseln zur nächsten Idee, bevor Ermüdungserscheinungen einsetzen.

Trotzdem benötigt das Album mehrere Durchläufe. Die Vielzahl der Gitarrenfiguren, Rhythmen und Stimmen kann beim ersten Kontakt überfordern. Nach und nach treten jedoch wiederkehrende Melodien und klare Songkerne hervor.

Die technischen Einflüsse sind unüberhörbar. Cryptopsy, Necrophagist, Decrepit Birth, Augury und Beyond Creation liefern wichtige Bezugspunkte. Eine vollständige eigene Handschrift besitzt das Projekt noch nicht in jedem Moment.

Besonders die ruhigeren und groovenderen Passagen weisen jedoch in eine spannende Richtung. »Devouring Light«, »Reincarnation« und »Desperate Post-Humanist« verbinden technische Fähigkeiten mit stärkerer Atmosphäre und emotionaler Wirkung.

Genau dort wird aus einer sehr kompetenten Technical-Death-Metal-Platte ein persönliches Werk über Verlust, Widerstand und Neubeginn. Die Menschlichkeit steckt also durchaus in dieser hochpräzisen Maschine – man muss sie nur zwischen all den Noten finden.

FAZIT:

»In the Wake of Saturn« ist ein technisch beeindruckendes und erfreulich kompaktes Debütalbum. Conflux Collective verbinden die rohe Energie des Death Metal der Neunziger mit modernem Technical Death Metal, progressiven Strukturen, schweren Grooves und melodischer Gitarrenarbeit. Besonders »Devouring Light«, »Blood from a Rock«, »Reincarnation« und das atmosphärische »Desperate Post-Humanist« überzeugen. Die sehr saubere Gitarrenproduktion wirkt stellenweise etwas klinisch, während die fünf beteiligten Sänger weniger unterschiedliche Klangfarben liefern, als ihre Anzahl vermuten lässt. Dennoch steckt in den acht Songs deutlich mehr als technisches Griffbrett-Bullshit-Bingo. Das Album erzählt glaubwürdig von Verlust, Überleben und Wiedergeburt und beendet seinen Angriff, bevor die komplexen Arrangements ermüden können. Saturn ist jedenfalls wach – und dürfte nach diesen 31 Minuten erst einmal einen Kaffee brauchen.

Conflux Collective – Reincarnation – Official Visualizer

Internet

Conflux Collective - In the Wake of Saturn - CD Review

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