Tracklist
01. The Upper Berth
02. The Oval Portrait
03. Memory
04. Green Tea
05. The Judge’s House
06. Markheim
07. Oh, Whistle, And I Will Come To You, My Lad
Besetzung
Roberto Ripollino – Gesang und Gitarre
Massimo Currò – Bass und Gesang
Massimo Ligotino – Gitarre
Lorenzo Somma – Schlagzeug
Roberto Biorcio – Keyboards
Ein Pseudobiblion ist ein erfundenes Buch, das innerhalb einer Erzählung so behandelt wird, als würde es tatsächlich existieren. Bereits der Bandname verrät daher, dass Literatur für Pseudobiblion nicht bloß dekoratives Beiwerk darstellt. Auf ihrem Debütalbum »Index I« verwandelt das italienische Quintett sieben klassische Gothic- und Horrorerzählungen in ebenso schwere wie morbide Death-Doom-Kompositionen.
Der Albumtitel verweist auf den Index Librorum Prohibitorum, jenes historische Verzeichnis von Büchern und Autoren, deren Schriften von der katholischen Kirche als gefährlich, ketzerisch oder moralisch verwerflich eingestuft wurden. Pseudobiblion stellen ihren eigenen musikalischen Index zusammen und widmen jedes Kapitel einem anderen literarischen Werk aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Francis Marion Crawford, Edgar Allan Poe, H. P. Lovecraft, Joseph Sheridan Le Fanu, Bram Stoker, Robert Louis Stevenson und M. R. James liefern die erzählerischen Grundlagen.
Veröffentlicht wird »Index I« über Club Inferno Entertainment, ein Sublabel von My Kingdom Music. Musikalisch orientieren sich die beteiligten Musiker aus dem Umfeld von Nihili Locus, DVM Spiro und Manhunt deutlich am europäischen Death Metal der späten Achtziger und frühen Neunziger. Grotesque, Nihilist, frühe Dark Tranquillity, Death, Autopsy und stellenweise Sodom bilden nachvollziehbare Bezugspunkte.
Die Italiener belassen es jedoch nicht bei einer bloßen Rückschau. Schleppende Death-Doom-Riffs, melodische Leadgitarren, zurückhaltende Keyboards und ein tiefer, weitgehend ungeschönter Gesang erschaffen eine Atmosphäre, die tatsächlich an vergilbte Bücher, verschlossene Zimmer und längst verstorbene Erzähler erinnert. Die Produktion besitzt genügend Rauheit, um den Geist des Undergrounds zu bewahren, bleibt aber klar genug, damit die sorgfältig aufgebauten Gitarrenharmonien nicht im Moder versinken.
DAS GRAUEN IN DER OBEREN KOJE
»The Upper Berth« basiert auf der gleichnamigen Geistergeschichte von Francis Marion Crawford. Darin wird ein Reisender während einer Atlantiküberfahrt in einer Schiffskabine untergebracht, deren obere Koje von einem unheimlichen Wesen heimgesucht wird. Mehrere frühere Passagiere sind bereits unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen.
Musikalisch eröffnet das Stück den Index mit einer angemessen schweren Verbindung aus Death Metal und Doom. Die Gitarren von Roberto Ripollino und Massimo Ligotino arbeiten mit tiefen, scharf voneinander abgegrenzten Akkorden. Statt sofort mit hoher Geschwindigkeit anzugreifen, lässt die Band das zentrale Riff langsam anwachsen. Die einzelnen Anschläge erhalten ausreichend Raum, wodurch sich eine bedrückende Enge entwickelt.
Der Bass von Massimo Currò verstärkt diese Schwere, ohne vollständig mit den Gitarren zu verschmelzen. Gerade in den langsameren Passagen bleibt sein Instrument deutlich hörbar. Lorenzo Somma setzt am Schlagzeug zunächst auf kontrollierte, beinahe schleppende Rhythmen. Erst im weiteren Verlauf wird die Bewegung aggressiver und führt den Song stärker in Richtung Old School Death Metal.
Die tiefen Vocals von Ripollino wirken nicht wie eine moderne, bis ins letzte Detail bearbeitete Growl-Spur. Der Gesang besitzt eine raue, leicht verhallte Oberfläche und fügt sich dadurch überzeugend in die Atmosphäre ein. Curròs ergänzende Stimme erweitert einzelne Passagen, ohne einen klassischen Wechselgesang aufzubauen.
Besonders gelungen sind die melodischen Gitarrenfiguren, die über dem schweren Fundament erscheinen. Sie vermitteln keine Wärme, sondern erinnern an das leise Schwanken eines Schiffes in nächtlicher See. Roberto Biorcio setzt seine Keyboards zurückhaltend ein. Statt den Song mit symphonischen Flächen zu überladen, legt er einzelne dunkle Farben unter die Gitarren.
Der Opener verdeutlicht bereits, wie ernst Pseudobiblion ihr literarisches Konzept nehmen. Die Vorlage wird nicht einfach in einigen Textzeilen zusammengefasst. Tempo, Klang und Aufbau greifen die Beklemmung der Erzählung auf. Das Resultat ist ein starker Einstieg, der weder unnötig lang noch übereilt wirkt.
DAS PORTRÄT RAUBT DAS LEBEN
»The Oval Portrait« widmet sich der gleichnamigen Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe. Ein verletzter Reisender entdeckt in einem verlassen wirkenden Schloss das außergewöhnlich lebendige Porträt einer jungen Frau. Die dazugehörige Erzählung offenbart, dass der Künstler seine Frau während der Arbeit zunehmend vernachlässigte. Als das Bild vollendet war, hatte die Kunst das Leben ihres Modells vollständig aufgenommen.
Diese Verbindung aus Schönheit, Besessenheit und Tod wird durch melodischere Gitarren umgesetzt. Das Stück besitzt weiterhin ein schweres Death-Doom-Fundament, öffnet sich jedoch häufiger für zweistimmige Leads und melancholische Harmonien. Ripollino und Ligotino spielen nicht permanent dieselben Figuren, sondern teilen Rhythmus und Melodie sinnvoll untereinander auf.
Das Hauptriff wirkt zunächst beinahe feierlich. Kleine harmonische Veränderungen sorgen jedoch dafür, dass die vermeintliche Schönheit zunehmend unheimlich erscheint. Die Band vermeidet es, Poes Vorlage mit offensichtlichem Kitsch zu behandeln. Es gibt keine übermäßigen Streicherflächen und keinen opernhaften Gesang. Die Tragik entsteht direkt aus der Gitarrenarbeit.
Sommas Schlagzeug bleibt kontrolliert und unterstützt den erzählerischen Aufbau. Die langsameren Abschnitte werden nicht durch unnötige Fills gestört. Wenn das Tempo anzieht, setzt die Band kurze, aggressivere Death-Metal-Passagen ein, bevor die melodischen Motive erneut zurückkehren.
Die Leadgitarren gehören zu den Stärken des Songs. Sie sind technisch sauber gespielt, drängen sich aber nicht als virtuose Selbstdarstellung in den Vordergrund. Einzelne Bendings und lang gehaltene Töne tragen mehr zur Atmosphäre bei als möglichst schnelle Tonfolgen. Genau diese Zurückhaltung steht dem Material gut.
Mit mehr als fünf Minuten besitzt »The Oval Portrait« genügend Raum, um seine zentralen Motive zu entwickeln. Einige Wiederholungen könnten etwas kompakter ausfallen, doch die melancholische Grundstimmung bleibt über die gesamte Laufzeit erhalten. Der Song zeigt, dass Pseudobiblion nicht nur brutale Riffs beherrschen, sondern auch ein ausgeprägtes Gespür für tragische Melodik besitzen.
ERINNERUNGEN AN EINE VERGESSENE MENSCHHEIT
»Memory« greift die kurze Prosadichtung von H. P. Lovecraft auf. In einer weit entfernten Zukunft sprechen ein Geist und ein Dämon über die Ruinen einer längst vergangenen Zivilisation. Selbst die Erinnerung kann kaum noch erklären, wer die Erbauer dieser steinernen Überreste waren. Von der Menschheit bleiben nur undeutliche Bilder zurück.
Passend zu dieser Vorlage gehört »Memory« zu den atmosphärischsten Titeln des Albums. Die Gitarren eröffnen keinen unmittelbaren Angriff, sondern bauen eine langsame, beinahe ehrfürchtige Bewegung auf. Dunkle Keyboardflächen und einzelne melodische Töne vermitteln den Eindruck riesiger, überwucherter Ruinen.
Der Song lebt weniger von einem einzelnen dominanten Riff als von mehreren wiederkehrenden Motiven. Diese werden im Verlauf verändert, verdichtet und teilweise in schwerere Death-Metal-Passagen überführt. Das Schlagzeug steigert seine Intensität schrittweise, ohne den meditativen Charakter vollständig zu zerstören.
Curròs Bass übernimmt während der ruhigeren Stellen eine wichtige Funktion. Seine tiefen Töne verbinden Gitarren und Keyboards, während die verzerrten Spuren zeitweise weiter in den Hintergrund treten. Dadurch erhält die Komposition eine räumliche Tiefe, die sich deutlich von den kompakteren Stücken unterscheidet.
Der Gesang erscheint stellenweise wie eine Stimme aus einer längst verlassenen Welt. Ripollino setzt seine Growls nicht durchgehend ein, sondern lässt den instrumentalen Passagen ausreichend Raum. Die Worte wirken dadurch weniger wie eine gewöhnliche Erzählung als wie Fragmente einer Erinnerung, die nur noch unvollständig rekonstruiert werden kann.
Mit beinahe sieben Minuten ist »Memory« umfangreich, nutzt seine Laufzeit aber überwiegend sinnvoll. Die langsame Entwicklung passt zum Thema des unwiederbringlichen Verfalls. Einige Hörer dürften sich einen deutlicheren Höhepunkt wünschen. Die Band entscheidet sich jedoch bewusst gegen eine große Auflösung. Die menschliche Zivilisation verschwindet nicht mit einem dramatischen Schlussakkord, sondern löst sich langsam aus dem Gedächtnis.
GRÜNER TEE UND EIN DÄMONISCHER AFFE
»Green Tea« basiert auf der Erzählung von Joseph Sheridan Le Fanu. Ein Geistlicher beginnt nach dem Konsum großer Mengen grünen Tees einen schwarzen Affen zu sehen, der zunächst nur ihn beobachtet, später aber zunehmend Einfluss auf seine Gedanken und Handlungen gewinnt.
Die Geschichte erhält eine kompaktere und unmittelbarere musikalische Umsetzung. Nach dem weitläufigen »Memory« wirkt der Song wesentlich direkter. Die Gitarren setzen auf ein schneller erfassbares Hauptriff, während das Schlagzeug eine stärkere Vorwärtsbewegung entwickelt. Trotzdem bleibt der Doom-Anteil erhalten.
Besonders wirkungsvoll ist der Gegensatz zwischen den schwereren Strophen und den nervöseren Übergängen. Die Gitarren scheinen sich gegenseitig zu verfolgen, während kurze melodische Figuren immer wieder aus dem Rhythmus hervorbrechen. Diese Unruhe passt hervorragend zur wachsenden Paranoia der literarischen Hauptfigur.
Die Stimme wird aggressiver eingesetzt. Ripollinos Growls stehen weiter im Vordergrund, während Curròs zusätzliche Vocals einzelne Zeilen verstärken. Das erzeugt den Eindruck einer zweiten, fremden Stimme, die sich zunehmend in die Wahrnehmung des Protagonisten einschleicht.
Biorcios Keyboards bleiben dezent, setzen aber gezielte Akzente. Kleine unheilvolle Flächen und beinahe orgelartige Klänge erweitern das Riffing, ohne die Old-School-Produktion mit modernen Effekten zu überziehen.
»Green Tea« gehört zu den zugänglichsten Songs des Albums. Die Nummer besitzt ein griffiges Riff, nachvollziehbare Wechsel und eine kompakte Struktur. Gerade weil das Thema ungewöhnlich erscheint, hätte eine übertrieben theatrale Umsetzung schnell unfreiwillig komisch wirken können. Pseudobiblion behandeln den dämonischen Affen jedoch mit derselben Ernsthaftigkeit wie die Geister und Mörder der übrigen Geschichten.
ACHT MINUTEN IM HAUS DES RICHTERS
»The Judge’s House« ist mit mehr als acht Minuten die längste Komposition des Albums. Die Grundlage bildet Bram Stokers Geschichte über einen Studenten, der sich zum Lernen in ein verlassenes Haus zurückzieht. Dort wird er von Ratten, einem alten Porträt und dem Geist eines grausamen Richters heimgesucht.
Die Band nimmt sich ausreichend Zeit, um diese Geschichte musikalisch aufzubauen. Ein langsames, schweres Gitarrenmotiv eröffnet den Song. Die tiefen Akkorde werden von sparsamen Keyboardtönen begleitet, während das Schlagzeug zunächst beinahe vollständig auf Geschwindigkeit verzichtet.
Im Verlauf treten immer mehr Elemente hinzu. Der Bass wird beweglicher, die Gitarren beginnen mit harmonischen Gegenstimmen und das Schlagzeug erhöht schrittweise den Druck. Die Entwicklung erinnert an das Vordringen der Ratten in der Erzählung: Erst sind nur einzelne Geräusche wahrnehmbar, später scheint das gesamte Haus von ihnen erfüllt zu sein.
Die schnellen Abschnitte wirken gerade deshalb so intensiv, weil sie nicht dauerhaft eingesetzt werden. Somma wechselt von schweren Doom-Rhythmen zu aggressiver Doublebass und kurzen rasenden Ausbrüchen. Die Gitarren folgen geschlossen, ohne dass die melodischen Bestandteile vollständig verschwinden.
Einige der stärksten Riffs des Albums befinden sich in diesem Stück. Die Rhythmusgitarre verbindet tiefes Death-Metal-Gewicht mit einer fast klassischen Doom-Metal-Schwere. Darüber liegen dissonante und melancholische Leadfiguren, die das Gefühl eines langsam erwachenden Spuks verstärken.
Der Gesang wirkt besonders finster. Ripollino und Currò verdichten einzelne Passagen mit unterschiedlichen Stimmlagen. Dadurch entsteht kein sauberer Dialog, sondern eher der Eindruck mehrerer Stimmen, die gleichzeitig aus den Wänden dringen.
Die umfangreiche Laufzeit ist weitgehend gerechtfertigt. Dennoch hätte der Mittelteil etwas straffer ausfallen können. Einige Riffwiederholungen verlängern die Atmosphäre, ohne eine entscheidende neue Entwicklung einzuleiten. Das schmälert die Wirkung nur geringfügig. Als Mittelpunkt und längste Erzählung des Albums funktioniert »The Judge’s House« ausgesprochen gut.
MORD, SPIEGEL UND GEWISSEN
»Markheim« beruht auf der Erzählung von Robert Louis Stevenson. Der titelgebende Protagonist ermordet an Weihnachten einen Antiquitätenhändler und wird anschließend von einer rätselhaften Gestalt besucht. Ob es sich dabei um den Teufel, einen Doppelgänger oder das eigene Gewissen handelt, bleibt bewusst offen.
Musikalisch gehört der Titel zu den stärksten und unmittelbarsten Nummern. Die Gitarren setzen früh mit einem schweren, beweglichen Death-Metal-Riff ein. Der Doom-Anteil bleibt erhalten, doch das Stück entwickelt deutlich mehr rhythmischen Vorwärtsdrang als »Memory« oder »The Judge’s House«.
Die Gitarrenarbeit greift Markheims innere Auseinandersetzung auf. Ein aggressives Rhythmusmotiv trifft auf melodische, beinahe nachdenkliche Leadlinien. Diese beiden Ebenen wirken wie Tat und Gewissen: Unten arbeitet die Musik mit körperlicher Gewalt, darüber entsteht eine zunehmend eindringliche Melodie.
Ripollinos Gesang bleibt tief und rau, wird aber rhythmisch variabler eingesetzt. Die Worte folgen nicht immer geradlinig dem Gitarrenriff, sondern setzen eigene Akzente. Dadurch gewinnt die Erzählung an Spannung. Curròs Stimme erweitert die entscheidenden Stellen und verstärkt den Eindruck einer zweiten anwesenden Figur.
Sommas Schlagzeug verbindet mittelschnelle Grooves mit kurzen Beschleunigungen. Besonders die präzise gesetzten Pausen verleihen dem Hauptriff zusätzliche Wirkung. Der Song zeigt erneut, dass ein schweres Death-Metal-Riff nicht möglichst kompliziert sein muss. Entscheidend sind Anschlag, Timing und die Fähigkeit, den vorhandenen Raum sinnvoll zu nutzen.
Die Leadgitarre bleibt melodisch und kontrolliert. Statt eines langen technischen Solos erhält die Komposition mehrere kürzere Figuren, die sich eng an der düsteren Grundstimmung orientieren. »Markheim« ist damit ein ausgezeichneter Anspieltipp und fasst die wichtigsten Eigenschaften des Albums kompakt zusammen: Old-School-Härte, doomige Schwere, literarische Atmosphäre und melancholische Gitarren.
EIN PFIFF RUFT DIE TOTEN
Der Abschluss »Oh, Whistle, And I Will Come To You, My Lad« basiert auf der berühmten Geistergeschichte von M. R. James. Ein rational denkender Professor findet bei Ausgrabungen eine alte Pfeife. Obwohl eine Warnung auf dem Gegenstand eingraviert ist, bläst er hinein und ruft damit eine unheimliche Erscheinung herbei.
Mit etwas mehr als drei Minuten ist die Nummer der kürzeste vollständige Song. Nach den ausgedehnten Erzählungen der vorherigen Stücke wählen Pseudobiblion einen konzentrierten Abschluss. Die Gitarren setzen auf ein einfaches, bedrohliches Motiv, das nicht lange vorbereitet werden muss.
Das Tempo bleibt zunächst schwer, wird im Verlauf jedoch angezogen. Der Song wirkt wie eine kurze Zusammenfassung der gesamten Platte. Doomige Akkorde, aggressive Death-Metal-Passagen, melodische Gitarren und dunkle Keyboards erscheinen in kompakter Form.
Die Instrumente bauen keinen großen epischen Höhepunkt auf. Stattdessen endet das Album vergleichsweise plötzlich. Diese Entscheidung passt zur Vorlage: Ein scheinbar unbedeutender Gegenstand wird benutzt, und das Übernatürliche tritt ohne lange Erklärung in die Wirklichkeit ein.
Der Titel hätte durchaus länger ausfallen können. Gerade die atmosphärischen Möglichkeiten der Geschichte bieten reichlich Material. Die Kürze verhindert allerdings, dass sich die Grundidee wiederholt. Nach knapp 39 Minuten schließt sich der Index mit einem letzten kalten Luftzug.
RIFFS AUS DER GRUFT DER NEUNZIGER
Die Gitarrenarbeit ist das tragende Element von »Index I«. Roberto Ripollino und Massimo Ligotino orientieren sich deutlich am Old School Death Metal, setzen aber nicht ausschließlich auf stumpfe Schwere. Die Rhythmusgitarren besitzen reichlich Druck, während melodische Leads und harmonische Gegenstimmen den literarischen Charakter unterstützen.
Besonders die langsamen Riffs überzeugen. Jeder Anschlag wird klar gesetzt und erhält genügend Raum, um seine Wirkung zu entfalten. Die Gitarren klingen schwer, aber nicht übermäßig tief oder künstlich aufgeblasen. Dadurch bleibt der Bezug zum Death Metal der frühen Neunziger erhalten.
Die melodischen Passagen erinnern stellenweise an die Frühphase des schwedischen Melodic Death Metal. Von der späteren Hochglanzproduktion dieses Genres ist das Album jedoch weit entfernt. Die Melodien dienen nicht der Eingängigkeit, sondern verstärken Trauer, Bedrohung und Verfall.
Massimo Curròs Bass besitzt eine deutliche Präsenz. Er unterstützt die schweren Gitarren, bleibt aber gerade in den Doom-Passagen als eigenständiges Instrument wahrnehmbar. Sein zusätzlicher Gesang erweitert außerdem die erzählerischen Möglichkeiten.
Lorenzo Somma spielt kontrolliert und songdienlich. Blastbeats und aggressive Doublebass werden gezielt eingesetzt. Den größeren Teil des Albums bestimmen mittelschnelle oder schleppende Rhythmen. Dadurch wirken die Beschleunigungen wesentlich intensiver, als es ein dauerhaftes Hochtempo ermöglicht hätte.
Roberto Biorcio behandelt die Keyboards als atmosphärische Erweiterung. Sie stehen nur selten im Mittelpunkt. Dunkle Flächen, einzelne Orgelklänge und leise Melodien schaffen zusätzliche Tiefe, ohne den Death-Doom-Charakter durch symphonischen Bombast zu verwässern.
RAUHEIT MIT AUSREICHEND KLARHEIT
Aufgenommen wurde das Album bei Roberto Ripollino sowie im Pink Noise Studio. Federico „Tex“ Papa übernahm im November 2025 Mix und Mastering. Die Produktion versucht nicht, eine alte Kassette oder ein primitives Demo künstlich nachzuahmen. Trotzdem bleibt sie deutlich rauer als viele aktuelle Death-Metal-Veröffentlichungen.
Die Gitarren besitzen eine körnige Oberfläche und genügend Mitten, um ihre einzelnen Bewegungen nachvollziehbar zu halten. Bass und Schlagzeug entwickeln Druck, ohne die gesamte Mischung zu überladen. Besonders positiv fällt auf, dass die melodischen Leadspuren selbst während der schwereren Abschnitte hörbar bleiben.
Der Gesang wurde präsent, aber nicht vollständig vor die Instrumente gestellt. Ripollinos Growls verschmelzen teilweise mit Gitarren und Keyboards, was die geisterhafte Atmosphäre unterstützt. Die zusätzliche Stimme von Currò setzt sich durch eine leicht andere Färbung ausreichend ab.
Nicht jede Entscheidung fällt vollkommen ausgewogen aus. In einigen besonders dichten Momenten verlieren Bass und Keyboards etwas an Klarheit. Auch das Schlagzeug könnte stellenweise mehr natürliche Dynamik besitzen. Insgesamt passt der Klang jedoch sehr gut zur musikalischen Ausrichtung.
Ein vollständig polierter Mix hätte der Platte einen wesentlichen Teil ihrer Wirkung genommen. »Index I« soll nach einem verbotenen, lange verschlossenen Buch klingen und nicht nach einem klinisch beleuchteten Tonstudio.
MEHR ALS EIN LITERARISCHES GIMMICK
Das Konzept ist keine nachträglich aufgesetzte Verbindung zwischen sieben unabhängigen Songs. Jede Komposition erhält durch ihre literarische Vorlage eine eigene Stimmung. Das verfluchte Schiff, das lebendige Porträt, die vergessene Menschheit, der dämonische Affe, das Haus des Richters, der Mörder Markheim und die beschworene Erscheinung bilden unterschiedliche Kapitel eines gemeinsamen Gothic-Archivs.
Dabei gelingt es der Band, die Geschichten nicht durch endlose Sprachsamples oder ausführliche Hörspielpassagen zu überfrachten. Die Musik bleibt im Zentrum. Gitarren, Tempo und Dynamik übernehmen den größten Teil der erzählerischen Arbeit.
Die Einflüsse sind dennoch deutlich erkennbar. Wer Autopsy, frühe Death, Nihilist, Grotesque oder die ersten Veröffentlichungen von Dark Tranquillity kennt, wird zahlreiche vertraute Merkmale entdecken. Manche Riffs bewegen sich eng innerhalb dieser Tradition.
Eine vollständig neue Form des Death Doom entsteht daher nicht. Pseudobiblion überzeugen vielmehr durch die konsequente Verbindung ihrer musikalischen Wurzeln mit einem ungewöhnlich klar ausgearbeiteten literarischen Konzept. Die eigenständige Identität entsteht weniger durch neue Spieltechniken als durch die Auswahl und Umsetzung der Erzählungen.
Gelegentlich könnte das Songwriting stärker verdichtet werden. Besonders die längeren Stücke wiederholen einzelne Riffs häufiger, als es für ihre Atmosphäre zwingend notwendig wäre. Auch der tiefe Gesang bleibt über weite Strecken in einer ähnlichen Ausdruckslage. Einige zusätzliche stimmliche Abstufungen hätten den verschiedenen Figuren und Erzählern noch deutlicher voneinander getrennte Konturen geben können.
Diese Schwächen ändern wenig daran, dass »Index I« als vollständiges Album funktioniert. Die knapp 39 Minuten besitzen einen nachvollziehbaren Aufbau, ausreichend Abwechslung und eine beständige düstere Grundstimmung.
FAZIT:
»Index I« ist ein überzeugendes Debüt, auf dem Pseudobiblion klassischen Death Metal und schweren Doom mit den Geistern der Gothic- und Horrorliteratur verbinden. Die Italiener verlassen sich nicht allein auf ihr starkes Konzept, sondern liefern schwere Riffs, melancholische Leadgitarren, einen präsenten Bass und kontrollierte Schlagzeugarbeit.
Besonders »The Upper Berth«, »Memory«, »The Judge’s House« und »Markheim« verdeutlichen, wie wirkungsvoll literarische Atmosphäre in Death Doom übersetzt werden kann. Die Keyboards bleiben zurückhaltend und erweitern den Klang, ohne ihn mit künstlichem Bombast zu überladen.
Einige der längeren Kompositionen könnten kompakter ausfallen, während der Gesang stellenweise zusätzliche Variationen vertragen hätte. Auch die musikalischen Vorbilder bleiben deutlich hörbar. Die Substanz des Materials und die konsequente Umsetzung des Konzepts gleichen diese Punkte jedoch weitgehend aus.
Wer Old School Death Metal, schweren Doom und klassische Geistergeschichten schätzt, findet in diesem Index sieben lesenswerte beziehungsweise hörenswerte Einträge. Das erste Kapitel ist damit erfolgreich abgeschlossen. Der Titel »Index I« lässt bereits vermuten, dass die Bibliothek noch längst nicht vollständig katalogisiert wurde.






