Tracklist
01. Break Your Way
02. All I Ever Wanted
03. Fuel To The Fire
04. Offer You A Rome
05. Don’t Mess With Me
06. Forever Yesterday
07. Back To Life
08. Maniac
09. Losing My Mind
10. Dancing Dancing
11. Never Gonna See Me Fall
12. When We’re Together
Besetzung
Albert Arnold – Gesang und Gitarre
Séverin Piozzoli – Gitarre und Hintergrundgesang
Julien Martin – Bass und Hintergrundgesang
Léo Löwenthal – Schlagzeug und Hintergrundgesang
Manchmal benötigt Hard Rock weder einen finsteren Überbau noch eine komplizierte Hintergrundgeschichte. Gelegentlich reichen eine eingängige Melodie, ein saftiges Gitarrenriff und ein Refrain, der bereits nach dem zweiten Durchlauf im Kopf bleibt. Genau auf diesem Fundament errichten die Pariser Harsh ihr zweites Studioalbum »Feels«. Vier Jahre nach dem Debüt »Out Of Control« präsentiert sich das Quartett hörbar selbstbewusster, vielseitiger und professioneller. Mehr als 300 absolvierte Konzerte haben ihre Spuren hinterlassen: Die zwölf Stücke wirken klar auf eine möglichst unmittelbare Livewirkung ausgerichtet.
Veröffentlicht wird »Feels« über Fireflash Records. Inhaltlich dreht sich das Album um Liebe, Verlust, Freundschaft, emotionale Erstarrung, persönliche Rückschläge und den festen Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Musikalisch orientieren sich Harsh am melodischen Hard Rock der Achtziger und frühen Neunziger, ergänzen diesen jedoch durch moderne Produktion, Pop-Appeal, funkige Rhythmen und gelegentliche Alternative-Rock-Anklänge. Die Band verfügt über starke Refrains, einen charismatischen Sänger und einen Gitarristen, der seine Fingerfertigkeit mit zahlreichen Soli unter Beweis stellt. Gleichzeitig klingt nicht jede Nummer so ungezähmt, wie es die optische Glam-Rock-Inszenierung erwarten lässt. An einigen Stellen ist das Material auffällig sauber konstruiert und etwas zu deutlich auf sofortige Gefälligkeit ausgelegt.
DER ETWAS ZAGHAFTE START
»Break Your Way« beginnt mit einem atmosphärischen Aufbau, der zunächst an den großen Arena Rock der Achtziger erinnert. Gitarren, rhythmische Effekte und ein langsamer Spannungsaufbau bereiten den Einsatz von Albert Arnold vor. Seine Stimme besitzt eine leicht angeraute Oberfläche und erreicht mühelos die höheren Register. Gerade im Refrain zeigt sich, weshalb der Sänger zu den größten Stärken der Band gehört. Er kann Melodien kraftvoll tragen, ohne jeden Ton mit übertriebenem Vibrato oder unnötigem Pathos zu überladen.
Die Strophen greifen neben traditionellem Hard Rock auch modernere Sprechgesang- und Pop-Rock-Elemente auf. Das sorgt für Abwechslung, wirkt zu Beginn aber noch etwas vorsichtig. Der Song will gleichzeitig modern, nostalgisch und massentauglich klingen. Entsprechend sauber wurden die einzelnen Bestandteile zusammengesetzt. Das Ergebnis funktioniert, lässt jedoch zunächst jene Spontaneität vermissen, die man von einer jungen Glam-Rock-Band erwarten könnte.
Gitarrist Séverin Piozzoli sorgt mit einem präzise gespielten Solo für den ersten deutlichen Höhepunkt. Seine schnellen Tonfolgen bleiben nachvollziehbar und werden nicht einfach über den Rhythmus gelegt. Stattdessen greift er die Melodie des Refrains auf und entwickelt sie weiter. Die Fingerfertigkeit ist deutlich hörbar, ohne in eine bloße technische Vorführung auszuarten.
»All I Ever Wanted« führt den melodischen Ansatz fort und arbeitet mit einem noch eingängigeren Refrain. Die Gitarren besitzen einen klassischen amerikanischen Hard-Rock-Klang, während Bass und Schlagzeug den Song mit einem entspannten, leicht federnden Groove vorantreiben. Der Titel wächst im Verlauf deutlich. Was zunächst wie ein gefälliger Standardrocker beginnt, gewinnt durch atmosphärische Unterbrechungen und einen kraftvolleren Schluss an Dynamik.
Trotzdem bleibt der Auftakt des Albums etwas zurückhaltend. Beide Songs sind professionell komponiert und technisch sauber umgesetzt, wirken aber zunächst so, als würden Harsh ihre Möglichkeiten lediglich andeuten. Erst mit der dritten Nummer wird aus kontrollierter Gefälligkeit tatsächlich ausgelassener Rock ’n’ Roll.
BENZIN FÜR DAS FEUER
»Fuel To The Fire« ist der Moment, in dem das Album erstmals vollständig zündet. Das Schlagzeug von Léo Löwenthal treibt die Nummer mit einem energischen Beat an, während die Gitarren ein kurzes, schnörkelloses Riff aufbauen. Hier klingt die Band weniger berechnet und wesentlich unmittelbarer. Die Strophen besitzen Bewegung, der Refrain ist schnell erfasst und das Zusammenspiel vermittelt tatsächlich den Eindruck einer Formation, die bereits Hunderte Konzerte absolviert hat.
Arnold singt über Rock ’n’ Roll als Antrieb, Leidenschaft und Lebensinhalt. Inhaltlich werden damit keine unbekannten Gebiete erschlossen. Die glaubwürdige Darbietung verhindert jedoch, dass der Song zu einer leeren Durchhalteparole verkommt. Besonders die Hintergrundgesänge verleihen dem Refrain eine gemeinschaftliche Wirkung, die sich hervorragend für Konzerte eignet.
Piozzoli setzt erneut ein technisch starkes Solo. Die hohen Töne werden sauber gezogen, schnelle Läufe präzise abgeschlossen und rhythmische Unterbrechungen bewusst eingesetzt. Auch Julien Martin erhält am Bass mehr Raum. Sein Spiel bleibt zwar eng an die Rhythmusgitarre gebunden, verleiht dem Stück aber den notwendigen Druck.
»Offer You A Rome« nimmt anschließend etwas Tempo heraus und setzt stärker auf Pop Rock und Arena-Hooks. Der ungewöhnliche Titel bleibt im Gedächtnis, während die Strophen mit leichteren Gitarren und einer elastischen Rhythmik arbeiten. Spätestens im Refrain wird deutlich, worauf die Nummer abzielt: Mitsingen, Hände in die Luft und möglichst wenig Widerstand zwischen Band und Publikum.
Das funktioniert ausgesprochen gut, ist jedoch auch beispielhaft für eine Schwäche des Albums. Harsh kennen die Mechanismen eines eingängigen Rockstücks sehr genau. Intro, Strophe, Vorrefrain und Hookline sitzen an den erwarteten Stellen. Überraschungen bleiben dabei weitgehend aus. Handwerklich gibt es wenig auszusetzen, doch etwas mehr Mut zu unvorhergesehenen Wendungen hätte dem Song zusätzliche Persönlichkeit verliehen.
NICHT MIT MIR, ABER BITTE BLEIB HIER
»Don’t Mess With Me« verbindet ein geradliniges Hard-Rock-Riff mit einem textlichen Widerspruch. Das lyrische Gegenüber soll sich nicht mit dem Sänger anlegen, ihn aber gleichzeitig keinesfalls verlassen. Diese Mischung aus Selbstbehauptung und emotionaler Abhängigkeit passt ausgezeichnet zum Albumtitel. Hinter der selbstbewussten Oberfläche steht eine verletzliche Figur, die nicht genau weiß, ob sie Nähe oder Abstand benötigt.
Musikalisch orientiert sich die Nummer an klassischem Stadionrock. Die Gitarren spielen ein breites, wiederkehrendes Riff, während Arnold die Strophen mit kontrollierter Spannung aufbaut. Der Refrain besitzt kommerzielles Potenzial und bleibt unmittelbar hängen. Besonders überzeugend ist der Wechsel zwischen den niedrigeren Strophen und den deutlich höher gesungenen Hooklines.
Die Wiederholung des zentralen Satzes wird allerdings sehr stark ausgereizt. Was beim ersten und zweiten Durchlauf hervorragend funktioniert, verliert gegen Ende etwas von seiner Wirkung. Ein zusätzlicher instrumentaler Bruch oder eine stärker veränderte Schlusssequenz hätte dem Song gutgetan. Dennoch gehört »Don’t Mess With Me« zu den Titeln, die auf der Bühne zuverlässig funktionieren dürften.
GESTERN FÜR IMMER
Mit »Forever Yesterday« zeigen Harsh ihre emotionalere Seite. Banjo-Klänge und akustische Gitarren eröffnen den Song ungewöhnlich zurückhaltend. Die Instrumentierung besitzt einen leicht bluesigen und amerikanischen Einschlag, bevor im Refrain die verzerrten Gitarren einsetzen. Dieser Gegensatz zwischen intimen Strophen und großem, elektrischem Refrain gehört zu den gelungensten dynamischen Entscheidungen des Albums.
Der Text handelt von einer gescheiterten Beziehung, alten Verletzungen und der Hoffnung, trotz eigener Fehler eine zweite Chance zu erhalten. Arnold trägt diese Geschichte glaubwürdig vor. Seine Stimme klingt weniger herausfordernd als in den vorherigen Songs und lässt erstmals deutliche Zerbrechlichkeit erkennen. Gerade weil die Produktion grundsätzlich sehr sauber ausfällt, sind solche emotional raueren Momente wichtig.
Piozzolis Solo entwickelt sich langsam aus der Hauptmelodie und steigert die Spannung, ohne den verletzlichen Charakter zu zerstören. Die kontrollierten Bendings und die zunehmend schnelleren Läufe bilden einen wirkungsvollen Übergang zum kraftvollen Finale. »Forever Yesterday« zählt zu den stärksten Nummern, weil sich die Band hier nicht allein auf einen eingängigen Refrain verlässt. Arrangement, Text und instrumentale Dynamik arbeiten gemeinsam auf einen klaren emotionalen Höhepunkt hin.
ZURÜCK INS LEBEN
»Back To Life« behandelt emotionale Erstarrung, Heilung und den Versuch, einen anderen Menschen nach einer schweren Zeit wieder ins Leben zurückzuführen. Die melancholischen Strophen stehen einem helleren, hoffnungsvolleren Refrain gegenüber. Dieser Kontrast wird nicht nur durch die Gesangsmelodie, sondern auch durch die Instrumentierung umgesetzt.
Die Rhythmik besitzt funkige und stellenweise beinahe skaartige Akzente. Löwenthal spielt keinen gewöhnlichen Hard-Rock-Beat, sondern arbeitet mit kurzen Unterbrechungen und perkussiven Figuren. Martins Bass unterstützt diese Bewegung mit einem deutlich hörbaren Groove. Die Gitarren treten während der Strophen etwas zurück und öffnen dem Gesang genügend Raum.
Im Refrain wird das Klangbild breiter. Verzerrte Akkorde, Hintergrundstimmen und Arnolds hohe Hauptmelodie erzeugen den erwarteten Arena-Effekt. Das Stück wirkt modern, ohne seine klassischen Grundlagen zu verbergen. Gerade diese Balance gelingt besser als im etwas unsicheren Opener.
Die Botschaft bleibt bewusst direkt und leicht verständlich. Dabei besteht grundsätzlich die Gefahr, dass emotionale Themen zu einfachen Motivationsparolen reduziert werden. Harsh umgehen dieses Problem zumindest teilweise durch die zurückgenommenen Strophen. Die Hoffnung des Refrains wirkt nicht selbstverständlich, sondern wie das Ergebnis eines schwierigen Prozesses.
MANIAC IM HARD-ROCK-GEWAND
Bei »Maniac« handelt es sich um eine Neuinterpretation des von Michael Sembello bekannt gemachten Achtziger-Klassikers. Coverversionen dieser Art sind nicht ungefährlich. Der Song ist derart stark mit seinem ursprünglichen Synthesizer-Klang und dem Film »Flashdance« verbunden, dass eine bloße Kopie überflüssig wäre. Harsh entscheiden sich daher für eine deutlich härtere Umsetzung.
Die Grundmelodie bleibt erhalten, wird jedoch mit schweren Gitarren, kraftvolleren Drums und einer rockigeren Gesangsleistung versehen. Arnold orientiert sich nicht sklavisch an der Vorlage. Er singt die hohen Passagen mit eigener rauer Färbung und verleiht dem Refrain zusätzlichen Druck. Piozzoli ersetzt einen Teil der elektronischen Wirkung durch Gitarrenarbeit und steigert die Nummer gegen Ende in eine beinahe metallische Passage.
Das Ergebnis gehört zu den unterhaltsamsten Momenten der Platte. Die Band respektiert den Wiedererkennungswert des Originals, fügt aber genügend eigene Energie hinzu. Vollständig notwendig ist die Coverversion für das Album dennoch nicht. Die eigenen Songs besitzen ausreichend Qualität, um ohne einen bekannten Fremdtitel zu bestehen. Innerhalb der Dramaturgie funktioniert »Maniac« allerdings als ausgelassener Mittelpunkt und dürfte live für zuverlässige Bewegung sorgen.
VERSTAND VERLOREN, TANZFLÄCHE GEFUNDEN
»Losing My Mind« bringt den härteren Hard Rock zurück. Das Riff besitzt einen deutlich bluesigeren und kantigeren Charakter. Gitarren und Cowbell erzeugen eine klassische Rock-Atmosphäre, während Arnold aggressiver singt. Der Song erinnert stellenweise an die sleazigere Seite von Guns N‘ Roses und an die härteren Momente von Slash.
Instrumental ist die Nummer stark. Die Gitarren besitzen Biss, das Schlagzeug drückt und das Solo wird mit hoher Präzision gespielt. Kompositorisch bleibt »Losing My Mind« allerdings hinter den besten Stücken zurück. Der Refrain ist weniger markant und die einzelnen Abschnitte wirken nicht ganz so geschlossen wie bei »Forever Yesterday« oder »Back To Life«. Dadurch entsteht trotz der stärkeren Härte ein überraschend blasser Gesamteindruck.
»Dancing Dancing« macht seinem Titel anschließend alle Ehre. Das Stück ist kurz, rhythmisch beweglich und besitzt eine bewusst ausgelassene Grundhaltung. Die Gitarren spielen mit kleinen Gegenakzenten, während der Refrain auf unmittelbare Eingängigkeit setzt. Ein kompliziertes Konzept wäre hier vollkommen fehl am Platz. Die Nummer will unterhalten, und genau das gelingt ihr.
Besonders Piozzolis Solo bringt zusätzliche Energie. Schnelle Läufe treffen auf verspielte Tonfolgen, die den lockeren Charakter des Stücks aufgreifen. Der Song könnte problemlos noch etwas länger ausfallen, endet aber nach gut drei Minuten, bevor sich sein einfaches Grundprinzip abnutzt. Diese Konzentration tut dem Album gut.
AKUSTISCHE TÖNE UND EIN GROSSER ABSCHLUSS
»Never Gonna See Me Fall« beginnt mit akustischen Gitarren und einer zurückgenommenen Gesangsleistung. Der Titel bewegt sich in Richtung klassischer Power-Ballade, wird im weiteren Verlauf aber deutlich elektrischer und kämpferischer. Arnold singt nicht nur über Verletzlichkeit, sondern auch über Widerstand und die Weigerung, vor anderen zusammenzubrechen.
Der Aufbau funktioniert, weil die Band den Song nicht sofort mit sämtlichen Instrumenten überlädt. Bass, Schlagzeug und verzerrte Gitarren treten schrittweise hinzu. Dadurch besitzt der spätere Refrain mehr Gewicht. Die akustischen Passagen zeigen außerdem, dass Arnolds Stimme auch ohne eine massive Produktion tragen kann.
Vollständig neu ist diese Form der Power-Ballade natürlich nicht. Die Dramaturgie folgt bekannten Mustern, und einzelne Melodien erinnern an zahlreiche Hard-Rock-Alben der späten Achtziger. Die glaubwürdige Darbietung verhindert jedoch, dass die Nummer zu einer reinen Stilübung wird.
Das mehr als fünfminütige »When We’re Together« beendet das Album mit einer Mischung aus klassischem Hard Rock, Alternative Rock und leichtem Country-Einschlag. Die Gitarren besitzen stellenweise eine gröbere, beinahe grungige Färbung, während der Refrain erneut auf große Melodien setzt. Arnold liefert eine seiner stärksten Gesangsleistungen und bewegt sich sicher zwischen zurückhaltenden Strophen und hohen, kraftvollen Tönen.
Piozzoli erhält zum Abschluss noch einmal ausreichend Raum. Sein Solo verbindet melodische Wiederholungen mit schnellen Läufen und zeigt, dass technische Fingerfertigkeit nicht zwangsläufig auf Kosten des Songgefühls gehen muss. Der Gitarrist bleibt bei aller Geschwindigkeit eng an der harmonischen Grundlage.
Als Finale ist »When We’re Together« passend gewählt. Der Song fasst die positiven Grundgedanken der Platte zusammen und beendet sie nicht mit Herzschmerz, sondern mit Gemeinschaft und Hoffnung. Etwas straffer hätte die Komposition dennoch ausfallen können. Die letzten Wiederholungen fügen dem bereits Gesagten nur wenig hinzu.
DIE GITARREN ALS GRÖSSTE STÄRKE
Die instrumentale Leistung bewegt sich über die gesamte Spielzeit auf hohem Niveau. Besonders Séverin Piozzoli prägt das Album mit zahlreichen Soli. Seine Fingerfertigkeit zeigt sich in schnellen Läufen, sauber ausgeführten Bendings, melodischen Wiederholungen und präzise gesetzten Übergängen. Trotz der hohen technischen Sicherheit geraten seine Beiträge nur selten zum Selbstzweck.
Piozzoli greift häufig bestehende Gesangs- oder Gitarrenmelodien auf und führt sie weiter. Dadurch bleiben die Soli mit den Songs verbunden. Gerade »Forever Yesterday«, »Dancing Dancing« und »When We’re Together« profitieren von dieser Vorgehensweise. Die Leadgitarre erzählt dort tatsächlich einen Teil der jeweiligen Geschichte.
Albert Arnolds Rhythmusgitarre bildet gemeinsam mit dem Bass ein solides Fundament. Die Riffs sind selten besonders kompliziert, werden aber sauber, druckvoll und mit einem guten Gespür für Pausen gespielt. Häufig ist gerade die kurze Unterbrechung vor einem Refrain entscheidend für dessen Wirkung.
Julien Martin bleibt am Bass überwiegend im Dienst des Songs. In den funkigeren Passagen von »Back To Life« tritt sein Instrument stärker hervor. Ansonsten verdichtet er die Gitarren und sorgt für zusätzliche Wärme. Léo Löwenthal spielt präzise und kraftvoll, lässt seine Rhythmen aber nicht vollständig von einem Raster bestimmen. Kleine Fills und variable Beckenarbeit bewahren einen organischen Charakter.
GLANZ, DRUCK UND ETWAS ZU VIEL KONTROLLE
Aufgenommen wurde »Feels« im Studio Houssay und im Studio Moigny. Für Mix und Mastering war Hannes Braun von Kissin‘ Dynamite zuständig. Das Resultat ist druckvoll, klar und auf moderne Wiedergabesysteme zugeschnitten. Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang lassen sich problemlos voneinander unterscheiden.
Arnolds Stimme steht weit vorn und erhält besonders in den Refrains zusätzliche Breite. Die Gitarren besitzen genügend Schärfe, ohne unangenehm zu wirken. Auch die akustischen Instrumente und das Banjo von »Forever Yesterday« wurden sauber integriert.
Genau diese Kontrolle nimmt dem Album gelegentlich etwas von seiner Gefährlichkeit. Glam und Hard Rock leben nicht allein von technischer Präzision. Sie benötigen auch Reibung, Schweiß und den Eindruck, dass eine Darbietung jederzeit ausbrechen könnte. »Feels« klingt dagegen häufig so aufgeräumt, dass einzelne Riffs weniger aggressiv wirken, als sie vermutlich im Proberaum oder auf der Bühne klingen.
Besonders die ersten beiden Songs erscheinen fast zu vorsichtig produziert. Ab »Fuel To The Fire« entwickelt das Album mehr Druck und Spontaneität. Trotzdem bleibt der Gesamtsound über weite Strecken ausgesprochen glatt. Das macht die Platte zugänglich und radiotauglich, nimmt ihr aber stellenweise jene Widerborstigkeit, die den besten Hard Rock auszeichnet.
ZWISCHEN THE DARKNESS, SKID ROW UND MODERNEM POP ROCK
Die Einflüsse sind leicht zu erkennen. Der hohe Gesang und die theatralische Haltung erinnern an The Darkness, während einige Refrains und Gitarrenriffs in Richtung Skid Row, Mötley Crüe, Bon Jovi und Tyketto weisen. Hinzu kommen modernere Pop-Rock- und Alternative-Elemente.
Die Band kopiert diese Vorbilder nicht direkt. Besonders Arnolds Stimme und Piozzolis Gitarrenspiel verleihen dem Material einen eigenen Charakter. Dennoch bleiben viele kompositorische Abläufe vertraut. Die meisten Songs arbeiten mit einem klaren Aufbau, steigern sich im Vorrefrain und liefern anschließend eine große Hookline. Dieses Konzept funktioniert zuverlässig, wird über zwölf Titel aber auch vorhersehbar.
Die Vielfalt des Albums verhindert größere Ermüdungserscheinungen. Auf geradlinigen Hard Rock folgen akustische Passagen, Funk-Grooves, eine Coverversion und eine Power-Ballade. Dadurch besitzt »Feels« einen guten Fluss. Die kompakteren Stücke funktionieren meist besser als die längeren Kompositionen.
FAZIT:
»Feels« ist ein professionelles, eingängiges und abwechslungsreiches zweites Album, mit dem Harsh ihre Position im europäischen Hard Rock deutlich festigen. Die Pariser verfügen über starke Refrains, eine eingespielte Rhythmusgruppe, einen charismatischen Sänger und mit Séverin Piozzoli über einen Gitarristen, dessen präzise Soli zu den größten Stärken der Platte gehören. Besonders »Fuel To The Fire«, »Forever Yesterday«, »Back To Life«, »Dancing Dancing« und »When We’re Together« überzeugen. Auch die rockige Neuinterpretation von »Maniac« funktioniert überraschend gut. Der Auftakt fällt dagegen etwas zögerlich aus, einige Arrangements wirken zu berechnet und die ausgesprochen saubere Produktion nimmt den Gitarren gelegentlich einen Teil ihrer Wildheit. Wirklich neue Wege beschreiten Harsh nicht. Sie beherrschen ihre traditionellen Einflüsse jedoch ausgezeichnet und verbinden sie mit genügend modernem Pop-Appeal, um nicht wie eine reine Achtziger-Kopie zu klingen. Ein sympathisches, handwerklich starkes Gute-Laune-Album mit echten Gefühlen, großen Hooks und etwas zu stark angezogener Handbremse.






