Tracklist
01. Suffering, Misery and Slaughtering
02. Tortured with Endless Despair
03. Mutilated with Anguishes
04. Chaotic in the Weakened Reason
05. Engraved Loathing
06. Uncertainty in Abstract Destiny
07. Crucified in Fate Hesitation
08. Incubated Inquietude
09. Restrained in Obscurity
10. Unclear Misery
Besetzung
Jossi Bima – Gesang
Hendika Dwi Prasetyo – Gitarren, Bass, Schlagzeug
Uldra Brudaler Death Metal – Dieses Album is voll das Viech aller! Das indonesische Duo Vertiginous kommt auf »Incessant Affliction« nicht durch die Eingangstür, sondern nimmt gleich die tragende Wand mit. Zehn Stücke, etwas mehr als 30 Minuten und kein überflüssiger Anlauf: Jossi Bima gurgelt aus einer Tiefe, in der vermutlich längst keine menschlichen Stimmbänder mehr zugelassen sind, während Hendika Dwi Prasetyo Gitarren, Bass und Schlagzeug im Alleingang in eine einzige tobende Druckwelle verwandelt. Zwischen pfeilschnellen Blastbeats, abgehackten Riffsalven und kurzen, schweren Grooves galoppiert dieses Viech quer durch den heimischen Hörraum und lässt kaum ein Möbelstück an seinem ursprünglichen Platz stehen. Brutal Death Metal muss keine höhere Mathematik sein – manchmal muss er einfach mit der Schulter zuerst durch alles hindurch.
ZWEI MANN, DREI INSTRUMENTE UND EIN UNGETÜM
Seit dem Debüt »Reek Of Putrefaction On Excruciating Lust« aus dem Jahr 2024 sind gerade einmal zwei Jahre vergangen. Trotzdem wirken Vertiginous auf ihrem zweiten Album bereits deutlich entschlossener. Das Duo aus Ostjava hat inzwischen bei Comatose Music unterschrieben und weiß offenbar sehr genau, welche Art von Death Metal es spielen möchte: schnell, kompakt, technisch sauber ausgeführt und so schwer, dass selbst die kurzen Tempodrosselungen wie eine Herde Wasserbüffel im Dauerlauf wirken.
Hendika Dwi Prasetyo übernimmt Gitarren, Bass und Schlagzeug. Das klingt zunächst nach einem jener Studioprojekte, bei denen einzelne Instrumente nacheinander aufgeschichtet werden. Davon ist auf »Incessant Affliction« wenig zu spüren. Die Instrumente greifen eng ineinander, die Tempowechsel sitzen und selbst bei den schnellsten Attacken behält die Rhythmik ihren festen Zusammenhalt.
Der Mann trommelt nicht einfach nur Blastbeats, sondern verändert fortlaufend die Betonungen. Zwischen den rasenden Passagen setzt er kurze Stopps, kantige Übergänge und schwere Grooveblöcke. Dadurch bleibt zumindest innerhalb der einzelnen Songs genügend Bewegung vorhanden. Sobald mehrere Stücke direkt hintereinander laufen, zeigt sich allerdings, dass viele dieser Bausteine nach einem ähnlichen Plan zusammengesetzt wurden.
Über dem instrumentalen Getöse regiert Jossi Bima. Sein gutturaler Gesang liegt so tief, dass Worte und Silben nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Die Stimme funktioniert vielmehr als zusätzliches Rhythmusinstrument. Sie knurrt, gurgelt und stößt kurze Lautfolgen aus, die sich zwischen den Gitarren und Schlägen festbeißen. Besonders abwechslungsreich ist dieser Vortrag nicht, für den kompromisslosen Charakter der Platte aber ausgesprochen passend.
LEIDEN, ELEND UND DER ERSTE FRONTALANGRIFF
»Suffering, Misery and Slaughtering« legt sämtliche Karten sofort auf den Tisch. Eine kurze Einleitung oder atmosphärische Vorbereitung schenkt sich das Duo. Die Gitarren beginnen zu kreisen, das Schlagzeug sprintet los und Bimas Stimme öffnet einen Abgrund, aus dem jeder halbwegs vernünftige Mensch augenblicklich wieder herausklettern würde.
Trotz der permanenten Härte besitzt der Opener einige kurze Tempowechsel. Wenn sich die Blastbeats zurückziehen, fällt die Musik nicht in einen klassischen Slam, sondern in schleppende Bewegungen, die nur wenige Sekunden später erneut beschleunigt werden. Das erzeugt einen unruhigen Sog und verhindert, dass der Song zu einer bloßen Aneinanderreihung schneller Takte wird.
»Tortured with Endless Despair« setzt diese Arbeit ohne Pause fort. Das Stück ist mit nicht einmal drei Minuten kurz, besitzt aber eine hohe Dichte an Riffs. Prasetyo wirft die Motive wie schwere Steine einen Berghang hinunter: Kaum ist der erste Brocken vorbeigerollt, kommt bereits der nächste hinterher. Dazwischen schnalzt die Snare trocken durch den Mix und hält die Komposition unerbittlich auf Kurs.
Die Gitarren sind stärker vom klassischen Brutal Death Metal als vom modernen Slam geprägt. Frühere Suffocation, Disgorge, Gorgasm und Devourment stehen hörbar Pate. Auch einzelne Anklänge an Cannibal Corpse lassen sich ausmachen. Vertiginous kopieren keine bestimmte Band vollständig, bewegen sich aber sehr sicher innerhalb eines seit Jahren etablierten Vokabulars.
Das hat Vor- und Nachteile. Fans des Genres wissen unmittelbar, was sie erwartet, und bekommen diese Erwartungen handwerklich überzeugend erfüllt. Eine wirklich unverwechselbare Handschrift entwickelt das Duo auf diesem Album jedoch noch nicht. Dafür folgen Riffs, Tempi und Songstrukturen zu häufig den bekannten Wegen.
DER BASS ZEIGT SEINE ZÄHNE
Bei »Mutilated with Anguishes« tritt der Bass deutlicher aus dem Gesamtbild hervor. Kleine Läufe und kurze Unterbrechungen bringen eine zusätzliche Ebene in das sonst stark von Gitarren und Drums bestimmte Klangbild. Gerade diese Stellen beweisen, dass Prasetyo mehr kann, als ausschließlich die maximale Angriffsgeschwindigkeit einzulegen.
Der Bass bekommt allerdings nicht dauerhaft genügend Raum. Häufig wird er von den tief gestimmten Gitarren und dem gewaltigen Schlagzeug überdeckt. Das ist schade, denn seine hörbaren Ausflüge gehören zu den auffälligsten Momenten der Platte. Ein etwas eigenständiger geführtes Bassspiel hätte den Songs mehr Kontur geben können.
»Chaotic in the Weakened Reason« ist mit 2:19 Minuten die kürzeste Nummer. Entsprechend wenig Zeit wird verschwendet. Das Stück rast wie ein aufgeschrecktes Nashorn über eine viel zu schmale Hängebrücke: schnell, schwer und mit der berechtigten Vermutung, dass diese Konstruktion den Vorgang nicht unbeschädigt überstehen wird.
Bimas Gesang erreicht hier eine besonders tiefe und nahezu tierische Tonlage. Die Stimme verliert beinahe jeden menschlichen Charakter und wird zu einem vibrierenden Grollen. Das passt zur Instrumentalarbeit, lässt aber erneut die Frage nach der Variation aufkommen. Zwischen verschiedenen Ausdrucksformen oder Klangfarben wechselt der Sänger kaum.
Mit »Engraved Loathing« folgt das längste Stück des Albums. Die fast vier Minuten nutzt das Duo für etwas ausgeprägtere Kontraste. Neben rasenden Passagen gibt es kurze Abschnitte, in denen sich der Rhythmus schwer nach vorne schiebt und die Gitarren ihre Motive deutlicher ausformulieren dürfen. Diese Augenblicke verschaffen der Musik dringend benötigte Luft.
Der Song gehört deshalb zu den stärkeren Nummern. Die einzelnen Teile stehen nachvollziehbarer nebeneinander und bilden einen erkennbaren Spannungsverlauf. Genau diese Bereitschaft, zwischen Geschwindigkeit, Groove und Riffarbeit zu wechseln, hätten Vertiginous auf dem übrigen Album noch häufiger zeigen dürfen.
UNSICHERHEIT MIT HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT
»Uncertainty in Abstract Destiny« lebt vor allem von Prasetyos Schlagzeugarbeit. Die Blastbeats rauschen nicht einfach gleichmäßig durch, sondern werden durch Fills, Beckenakzente und kurze rhythmische Verschiebungen aufgelockert. Wer bei Brutal Death Metal hauptsächlich auf die Drums achtet, dürfte hier viel Freude haben.
Die Gitarren bilden dazu ein engmaschiges Geflecht aus schnellen Griffbrettbewegungen und tiefen, stakkatoartigen Schlägen. Melodien sucht man vergeblich, was bei dieser Art von Musik kaum überraschen dürfte. Dafür entsteht ein körperlicher Impuls, der den Nacken nahezu automatisch in Bewegung versetzt.
»Crucified in Fate Hesitation« beginnt ebenso angriffslustig und verzichtet auf einen längeren Aufbau. Das Schlagzeug drückt, die Gitarren schneiden kurze Linien in den Rhythmus und Bimas Stimme liegt wie eine gewaltige dunkle Schicht darüber. Der Song funktioniert für sich genommen hervorragend, besitzt aber kaum Eigenschaften, durch die er sich dauerhaft von seinen Nachbarn abhebt.
Genau hier wird das größte Problem der Platte unüberhörbar. Der Übergang zum folgenden »Incubated Inquietude« fällt nur durch die kurze Stille zwischen den Tracks auf. Tonlage, Geschwindigkeit, Gesang und Gitarrenklang bleiben derart ähnlich, dass beide Stücke auch als zwei Abschnitte einer einzigen Komposition durchgehen könnten.
»Incubated Inquietude« besitzt immerhin einige deutlich langsamere Stellen. Die Gitarren rücken näher an Cannibal Corpse heran und lassen einzelne Riffs länger stehen. Sobald das Tempo sinkt, gewinnt die Musik an Gewicht und Wiedererkennungswert. Die Band muss nicht ständig schneller werden, um brutal zu bleiben – gelegentlich entfaltet das kontrollierte Stampfen sogar die größere Wirkung.
DIE BESTIE BRAUCHT MEHR ALS EINEN TRICK
»Restrained in Obscurity« startet mit einem schwerfälligen Einstieg. Der Bass meldet sich kurz und deutlich hörbar, bevor die gesamte Band wieder losschießt. Dieser Auftakt weckt Erwartungen an ein abwechslungsreicheres Stück, doch nach kurzer Zeit kehrt die Komposition in das vertraute Muster zurück.
Dadurch gehört der Song zu den weniger markanten Abschnitten des Albums. Handwerklich ist nichts auszusetzen: Die Drums sitzen, die Gitarren liefern Druck und Bimas Stimme besitzt die gleiche abgründige Gewalt wie zuvor. Trotzdem fehlt ein Motiv, ein besonderer Tempowechsel oder ein Rhythmus, der nach dem Ende im Gedächtnis bleibt.
Das abschließende »Unclear Misery« holt noch einmal etwas mehr aus der vorhandenen Formel heraus. Kurze schleppende Bewegungen wechseln mit schnellen Salven, während die Gitarren mehrere kompakte Motive gegeneinanderstellen. Bima gurgelt und brüllt bis zum letzten Moment, als wolle er verhindern, dass auch nur eine Sekunde unbeschädigt aus dem Album entkommt.
Nach etwas mehr als 30 Minuten ist Schluss. Diese knappe Spielzeit erweist sich als Vorteil. Das Duo liefert seine Botschaft, prüft den Zustand der Lautsprecher und zieht weiter, bevor die mangelnde Abwechslung vollständig zur Belastungsprobe wird. Zehn weitere Minuten nach demselben Prinzip wären vermutlich zu viel gewesen.
KEINE SCHÖNHEITSKONKURRENZ FÜR LAUTSPRECHER
Mix und Mastering entstanden im Endless Gruesome Studio, das bereits mit Formationen wie Vile Desolation und Analtopsy gearbeitet hat. Das Ergebnis ist laut, massiv und kompromisslos nach vorne gerichtet. Nahezu jedes Instrument drängt gleichzeitig aus den Boxen, ohne dass die Aufnahme vollständig im Durcheinander versinkt.
Das Schlagzeug steht prominent im Klangbild. Die Snare schnalzt hart, die Bassdrums bleiben selbst in den schnellsten Passagen klar nachvollziehbar und die Becken bilden eine scharfe obere Begrenzung. Das kann bei hoher Lautstärke anstrengend werden, sorgt aber dafür, dass Prasetyos starke Leistung jederzeit hörbar bleibt.
Die Gitarren besitzen ein trockenes, körniges Fundament. Sie klingen nicht künstlich überdimensioniert, sondern kompakt und gefährlich. Riffs lassen sich trotz der dichten Produktion erkennen, sofern man genau zuhört. Der Bass erhält dagegen nur in einigen ausgewählten Passagen eine eigene Position. Sobald er hervortritt, gewinnt der Mix sofort an Tiefe.
Die Klangbühne im Hörraum ähnelt weniger einer breiten Konzertbühne als einem Ring, in dem sämtliche Beteiligten gleichzeitig aufeinander losgehen. Große räumliche Staffelung oder feine Details sind nicht das Ziel. Entscheidend ist der unmittelbare Druck, und davon liefert »Incessant Affliction« reichlich.
Bimas Stimme liegt kraftvoll im Zentrum. Die Produktion macht sie spürbar, ohne die Instrumente vollständig zu verschlucken. Wegen der konstant tiefen Tonlage wirkt der Gesang allerdings nach mehreren Stücken relativ einfarbig. Ein paar höhere Schreie, unterschiedliche Betonungen oder sparsame Doppelungen hätten für stärkere Kontraste sorgen können.
BEKANNTES TERRITORIUM, ERNSTHAFTE SCHLAGKRAFT
Vertiginous verstehen ihr Handwerk. Das Duo kann technisch überzeugend spielen, besitzt ein ausgezeichnetes Gespür für körperliche Härte und verschwendet keine Zeit mit überflüssigen Einleitungen. Jeder Song erfüllt seinen Auftrag und liefert schnellen, direkten Brutal Death Metal.
Das Problem liegt weniger in der Qualität der einzelnen Stücke als in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Für sich genommen funktionieren »Mutilated with Anguishes«, »Engraved Loathing«, »Uncertainty in Abstract Destiny« und »Incubated Inquietude« ausgesprochen gut. Als geschlossenes Album verschwimmen viele Riffs und Übergänge jedoch zu einer langen, gleichförmigen Attacke.
Die großen Namen des Genres unterscheiden sich nicht allein durch Brutalität, sondern durch Songs, deren charakteristische Riffs nach wenigen Sekunden erkennbar sind. Genau diesen Schritt müssen Vertiginous noch gehen. Mehr Aufmerksamkeit für wiederkehrende Motive, Bassarbeit und klare rhythmische Identitäten würde aus der bereits vorhandenen Schlagkraft ein wirklich gefährliches Gesamtpaket machen.
Das Artwork von Timbul Cahyono, auch bekannt als Bvllmetalart, passt hervorragend zum Album. Seine verstörende, anatomisch aufgeladene Gestaltung entspricht jener körperlichen Direktheit, die auch die Musik bestimmt. Cover und Sound verfolgen dasselbe Ziel: Es soll nichts elegant aussehen oder angenehm wirken.
FAZIT:
»Incessant Affliction« ist ein technisch überzeugendes und verdammt druckvolles Brutal-Death-Metal-Viech, das mit starken Drums, chaotischen Riffs und Jossi Bimas unmenschlich tiefem Gesang auf Angriff schaltet. Die kurze Spielzeit hält das Album auf Kurs, allerdings ähneln sich zahlreiche Songs zu stark und lassen noch jene unverwechselbaren Riffs vermissen, die aus guter Brutalität einen echten Klassiker machen. Für Fans von Suffocation, Devourment, Disgorge und Gorgasm ist dieser indonesische Koloss dennoch eine ziemlich amtliche Begegnung.






