Tracklist
01. Nothing
02. Signing Up
03. Lockup Volunteers
04. Anti-Man
05. On the Soil of Greed
06. In Decay
07. I Lied
08. Empty Figureheads
09. Sociopath
10. Cyberchrist
11. Easy Come – Easy Go
12. Numbered Corpse
13. Pest
14. Seen and Not Seen
15. Remote Controller
16. Switch Blade Attitude
17. Imago Mundi
18. Confront
19. The Game
20. Reproach
21. My Minds Mine
22. Mobilization of Chaos
23. Born Tired
24. Pretentious Idols
Besetzung
Rosco – Gesang
Shantia – Gitarre
Bert – Bass
Ype – Schlagzeug
Einen noch längeren Albumtitel hätten die sich wohl nicht aussuchen können, oder? My Minds Mine nennen ihre zweite Grindcore-Abrissbirne tatsächlich »Scenes of the Complete Annihilation of This Planet« – und bis man diesen Titel einmal vollständig ausgesprochen hat, haben die niederländischen Krachmacher vermutlich bereits drei Songs durchgeprügelt. Das ursprünglich 2002 erschienene Album wird 2026 von Selfmadegod Records wieder aus dem Grab gezerrt und liefert 24 Nummern in gerade einmal rund 20 Minuten. Eine halbe Stunde brauchen andere Bands für ihr Intro, My Minds Mine haben bis dahin längst den Planeten vernichtet, die Trümmer zusammengefegt und vermutlich schon den nächsten Gig angefangen. Dahinter steckt allerdings weit mehr als bloßer Hochgeschwindigkeitslärm: Gewalt, Gier, Fanatismus, Manipulation und gesellschaftliche Verblödung werden in ultrakurze Grindcore-Geschosse gepresst, die auch 24 Jahre später erstaunlich wenig Patina angesetzt haben.
24 SONGS, 20 MINUTEN, KEINE GEFANGENEN
Bevor hier jemand glaubt, »Scenes of the Complete Annihilation of This Planet« sei ein brandneues Studioalbum: Nein. Selfmadegod Records legt 2026 das zweite Album der niederländischen Grindcore-Veteranen neu auf. Aufgenommen wurde das Material bereits 2001, ehe die Scheibe 2002 erstmals erschien und damit gleichzeitig einen Schlusspunkt unter die erste aktive Phase von My Minds Mine setzte.
Und diese knapp 20 Minuten klingen auch heute noch, als hätte jemand eine Waschmaschine mit Backsteinen gefüllt, den Schleudergang aktiviert und anschließend einen Verstärker dagegen geworfen.
Das ist als Kompliment gemeint.
»Nothing« benötigt gerade einmal wenige Sekunden, um klarzustellen, wohin die Reise geht. Kein minutenlanges Intro, keine atmosphärische Vorbereitung, kein majestätisches Gitarrenzupfen. Die Gitarre sägt, der Bass drückt, Ypes Schlagzeug galoppiert mit irrwitziger Geschwindigkeit durch das Material und Rosco schreit darüber, als wolle er den Text möglichst vollständig loswerden, bevor der Song wieder vorbei ist.
Und genau hier liegt die große Stärke dieser Platte: My Minds Mine verschwenden praktisch keine Zeit.
»Signing Up«, »Lockup Volunteers«, »Anti-Man« und »On the Soil of Greed« folgen in einer Geschwindigkeit aufeinander, bei der die Trackanzeige des Players mehr zu arbeiten hat als bei manchem Drei-Stunden-Prog-Album. Trotzdem besteht das Material nicht nur aus einer endlosen Blastbeat-Fläche.
Unter dem Hochgeschwindigkeitsbeschuss stecken Hardcore-Punk, Thrashcore und jene britische Grindcore-Schule, die von frühen Napalm Death, Heresy oder Unseen Terror geprägt wurde. Daneben lässt sich die metallischere Schärfe von Bands wie Brutal Truth erkennen.
Das Entscheidende: Die Niederländer klingen dabei nicht wie vier Musiker, die lediglich möglichst schnell spielen möchten. Die einzelnen Stop-and-Go-Passagen sitzen erstaunlich präzise, kleine Rhythmuswechsel verhindern das vollständige Verschwimmen der Songs und immer wieder schleichen sich überraschend griffige Gitarrenmotive zwischen die Blastbeats.
GRINDCORE MIT WUT IM BAUCH
Inhaltlich war »Scenes of the Complete Annihilation of This Planet« bereits 2002 alles andere als optimistisch. Der Albumtitel ist Programm, nur dass hier kein Meteorit und kein außerirdischer Todesstern benötigt wird, um die Menschheit abzuräumen. Das erledigt sie nach Auffassung der Platte schon ganz ausgezeichnet selbst.
»On the Soil of Greed« beschäftigt sich mit Gier, »Cyberchrist« mit blindem Glauben beziehungsweise Fanatismus, während Titel wie »Remote Controller«, »Mobilization of Chaos« oder »Empty Figureheads« Manipulation, gesellschaftliche Kontrolle und politische beziehungsweise soziale Gleichschaltung ins Visier nehmen.
Derartiger Stoff funktioniert im Grindcore natürlich hervorragend. Rosco trägt keine philosophischen Essays vor, sondern feuert seine Worte in kurzen, aggressiven Salven heraus. Das passt zur Musik: Botschaft rein, Schlag in die Fresse, nächster Song.
Interessant ist dabei, wie aktuell einiges davon noch wirkt. Eine Gesellschaft, die sich manipulieren lässt, ideologische Scheuklappen trägt, sich gegenseitig zerfleischt und gleichzeitig von Gier beherrscht wird? Nun ja. Offenbar hat die Menschheit in den vergangenen 24 Jahren nicht gerade beschlossen, My Minds Mine argumentativ zu widerlegen.
Danke für nichts, Planet Erde.
Musikalisch gehören »In Decay« und »I Lied« zu jenen Momenten, in denen man besonders gut hört, dass hinter dem Krach durchaus Struktur steckt. Die Gitarre von Shantia arbeitet mit kurzen, kantigen Riffblöcken, während Bert darunter für ein erstaunlich massives Bassfundament sorgt.
Gerade bei einer derart kompakten Platte wäre es leicht gewesen, den Bass vollständig unter Gitarren und Schlagzeug zu begraben. Doch immer wieder entsteht genügend Druck aus dem unteren Frequenzbereich, damit das Ganze nicht zu einer dünnen Wand aus Sägegitarre und Snare verkommt.
DIE KLANGBÜHNE IST EIN SCHLACHTFELD
Wer bei einer Grindcore-Aufnahme aus dem Jahr 2001 ein modernes, chirurgisch aufgeräumtes Sounddesign erwartet, ist hier ungefähr so richtig wie ein Jazz-Pianist beim Panzergrenadier-Treffen.
Die Klangbühne im Hörraum ist roh, eng und ausgesprochen aggressiv.
Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang kämpfen regelrecht um ihren Platz. Besonders die Becken und Roscos hohe Schreie besitzen einen scharfen Rand, während die Gitarren bewusst keine gigantische moderne Low-End-Wand errichten. Der Sound lebt vielmehr von Mitten, Reibung und Geschwindigkeit.
Gerade dadurch hat das Album Charakter.
Natürlich lässt sich daran Kritik üben. Manche Songs verschmelzen beim ersten Durchgang nahezu miteinander. Wer nicht aufpasst, bekommt von »Sociopath« über »Cyberchrist« und »Easy Come – Easy Go« bis »Numbered Corpse« einen einzigen knapp dreiminütigen Grindcore-Krampf serviert und wundert sich anschließend, warum der Player bereits vier Titel weiter ist.
Die Produktion trägt ihren Teil dazu bei. Sie klingt schroffer und chaotischer als auf dem Vorgänger »Between Soothing Consolation and Uncontrollable Madness«. Einzelne Riffs hätten mit etwas mehr Trennung der Instrumente sicherlich stärker wirken können.
Aber – und das ist wichtig – glattpoliert möchte man diese Aufnahme ebenfalls nicht hören.
Eine moderne Trigger-Batterie, klinisch geschnittene Gitarren und ein auf maximale Lautheit geprügeltes Mastering würden dem Material einen erheblichen Teil seiner Identität nehmen. Dieses Album muss ein wenig so klingen, als würde die gesamte Band gleichzeitig durch eine Kellertür stürzen.
14 SEKUNDEN SIND AUCH EIN SONG
Besonders schön demonstriert das »Remote Controller«.
Vierzehn Sekunden.
Andere Bands haben nach vierzehn Sekunden nicht einmal ihren ersten Beckenschlag hinter sich. My Minds Mine sind bereits fertig und haben vermutlich schon die nächste Nummer eingezählt.
Das ist Grindcore in seiner konzentriertesten Form: Ein Gedanke, ein Ausbruch, Ende.
Direkt danach legt »Switch Blade Attitude« nach, ehe »Imago Mundi« und »Confront« erneut zeigen, dass zwischen dem Hochgeschwindigkeitsgewitter durchaus kleine Groove- und Hardcore-Passagen Platz finden. Genau diese Momente retten das Album davor, endgültig zur monotonen Blastbeat-Übung zu werden.
Denn diese Gefahr besteht.
24 Songs in 20 Minuten sind zunächst ein herrlicher Irrsinn. Nach einer Weile wird allerdings klar, dass My Minds Mine mit einem vergleichsweise begrenzten Werkzeugkasten arbeiten. Hochgeschwindigkeitsriff, Blastbeat, Stop, Hardcore-Schub, Schreie – nächster Angriff.
Wer Grindcore liebt, wird genau das wollen.
Wer hingegen erwartet, dass jeder der 24 Titel eine vollkommen eigene Identität entwickelt, kann schon einmal das Beruhigungstee-Regal aufsuchen.
Ein paar Songs rauschen schlicht vorbei.
Das ist vermutlich der größte Kritikpunkt dieser Wiederveröffentlichung. Die Platte funktioniert stärker als geschlossener zwanzigminütiger Angriff denn als Sammlung von 24 einzeln herausragenden Songs. Einige Titel bleiben über markante Rhythmuswechsel oder Riffs hängen, andere sind verschwunden, bevor das Gehirn überhaupt registrieren konnte, dass gerade ein neuer Track begonnen hat.
UND DANN KOMMT DIE VIER-MINUTEN-OPER
Mit »The Game«, »Reproach«, dem selbstbetitelten »My Minds Mine«, »Mobilization of Chaos« und »Born Tired« nähert sich die Platte ihrem Ende weiterhin mit der subtilen Eleganz einer Abrissbirne.
Dann passiert etwas geradezu Ungeheuerliches.
»Pretentious Idols« dauert über vier Minuten.
Vier Minuten!
Nach den vorherigen Sekundenmassakern kommt einem das im Kontext dieser Platte ungefähr so episch vor wie »Rime Of The Ancient Mariner«.
Und tatsächlich erweist sich der Abschluss als wichtige Entscheidung. Statt auch die letzte Idee innerhalb einer halben Minute zu erschießen, lassen My Minds Mine das Material ausnahmsweise atmen. Die längere Struktur gibt Riffs und Stimmungen mehr Raum und funktioniert dadurch beinahe wie eine Zusammenfassung dessen, was zuvor in 23 kleinen Explosionen passiert ist.
Gerade deshalb gehört »Pretentious Idols« zu den stärksten Nummern der Platte. Der Song beweist, dass die Band auch außerhalb des Ultrakurzformats bestehen kann.
Gleichzeitig unterstreicht er rückblickend eine kleine Schwäche des Albums: Ein oder zwei weitere Stücke dieser Größenordnung hätten dem Gesamtbild zusätzliche Dynamik verschaffen können. Nicht unbedingt vier Minuten lang – Grindcore soll schließlich Grindcore bleiben –, aber gelegentlich hätte ein Motiv zehn Sekunden mehr durchaus vertragen.
KEIN MUSEUMSSTÜCK
Die entscheidende Frage bei einer solchen Neuauflage lautet ohnehin: Braucht man das 2026 noch? Ja. Nicht weil »Scenes of the Complete Annihilation of This Planet« plötzlich moderner oder besser produziert wäre als aktuelle Grindcore-Alben. Gerade das Gegenteil macht die Platte interessant.
Hier hört man eine europäische Extrem-Metal-Produktion aus einer Zeit, in der Grindcore längst nicht mehr bloß die primitive Explosion seiner Achtziger-Ursprünge war, gleichzeitig aber noch nicht jene teilweise absurd technische Perfektion erreicht hatte, die heute in Teilen des Genres üblich ist.
My Minds Mine sitzen genau dazwischen. Die Punk-Wurzeln sind deutlich hörbar, die Geschwindigkeit ist Grindcore pur und trotzdem besitzt die Gitarre genügend metallische Schärfe, um auch Leute abzuholen, die ihre musikalische Selbstzerstörung lieber mit etwas mehr Riff konsumieren.
Besonders beeindruckend bleibt Ypes Schlagzeugarbeit. Er feuert Blastbeats und hektische Wechsel heraus, ohne dass die Songs vollkommen auseinanderbrechen. Zusammen mit Bert bildet er das Fundament, auf dem Shantias Gitarre ihre kurzen Sägespäne verteilt.
Rosco sitzt währenddessen wie ein wahnsinnig gewordener Presslufthammer über allem. Seine Stimme ist aggressiv, heiser, teilweise schrill und sicherlich keine universell angenehme Angelegenheit. Aber Grindcore ist schließlich auch nicht dafür erfunden worden, damit Oma beim Sonntagskaffee anerkennend mit dem Fuß wippt.
ZWISCHEN KLASSIKER UND KONTROLLIERTEM LÄRM
So sehr die Platte in ihrer Energie überzeugt, sollte man ihr Alter nicht romantisieren. Der Mix ist nicht perfekt. Manche Stücke sind nur schwer voneinander zu unterscheiden. Einige Gitarrenideen verschwinden beinahe so schnell, wie sie auftauchen. Und spätestens nach mehreren Durchgängen fällt auf, dass die permanente Geschwindigkeit auch einen nivellierenden Effekt besitzt. Wenn praktisch jeder Angriff auf elf beginnt, gibt es eben kaum noch eine zwölf.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen einer starken Grindcore-Platte und einem absoluten Meisterwerk. Doch »Scenes of the Complete Annihilation of This Planet« besitzt einen gewaltigen Vorteil: Bevor die eigene Methode wirklich ermüden kann, ist der ganze Spaß vorbei. 20 Minuten – Keine unnötige Ballade – Kein siebenminütiges Ambient-Zwischenspiel. Kein Akustikstück, bei dem plötzlich jemand zeigen möchte, dass er „auch Gefühle“ kann. Nur kompromissloser Grindcore der direkt explodiert, Zerstörung und Trümmer hinterlässt und dann direkt wieder raus! Und genau so muss das manchmal eben sein verdammde Axt!
FAZIT:
»Scenes of the Complete Annihilation of This Planet« ist auch 24 Jahre nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung ein herrlich kompromissloser Grindcore-Tritt zwischen frühem Napalm Death, Hardcore und Thrashcore, dessen 24 Songs in rund 20 Minuten kaum Luft zum Atmen lassen. Der rohe, teilweise schrille Mix und die geringe Eigenständigkeit einiger Ultrakurznummern verhindern die Höchstwertung, während Rhythmusgruppe, Energie, gesellschaftskritischer Unterbau und das überraschend ausladende »Pretentious Idols« zeigen, warum diese Scheibe eine Neuauflage verdient hat. Wer Grindcore gerne kurz, hässlich und ohne Sicherheitsgurt konsumiert, kann hier gepflegt die vollständige Vernichtung dieses Planeten genießen.






