Tracklist
01. Dismembered Identity
02. Agony Becomes Divine
03. Living Behind My Eyes
04. Perverse Devotion
05. Rituals of Obsession
06. Pain Protocol
07. Dead Eyes…Still Watching
08. Delight of Agony
09. Predator Awareness
10. I Am the Monster
11. Ofiara (Necrophil Cover)
Besetzung
Jacob – Gesang
Nelek – Gitarre
Miras – Gitarre
Krzychu – Bass
Darek Młody – Schlagzeug
Wenn eine Platte schon »Pleasure Of Torture« heißt, sollte anschließend besser niemand behaupten, er sei nicht gewarnt worden. Die polnischen Abrissunternehmer von F.A.M. machen auf ihrem vierten Langspieler nämlich exakt das, was Albumtitel, Cover und Genrebezeichnung versprechen: knapp eine halbe Stunde wird gehackt, geprügelt, zermahlen und mit einem Vorschlaghammer auf alles eingeschlagen, was auch nur entfernt nach musikalischer Gemütlichkeit aussieht. Brutal Death Metal trifft auf Grindcore, ein wenig Slam drückt zusätzlich von unten und darüber röhrt Jacob, als hätte ihn jemand aus einem besonders schlecht belüfteten Kellerstudio direkt vor das Mikrofon gezerrt.
Das Entscheidende dabei: »Pleasure Of Torture« ist eben nicht einfach nur 29 Minuten und 17 Sekunden stumpfes Geballer. Hinter dem vermeintlichen Chaos steckt eine Band, die seit 2005 weiß, wie man extreme Musik so arrangiert, dass zwischen Blastbeats, massiven Death-Metal-Riffs und kurzen schleppenden Passagen tatsächlich Songs entstehen. Revolutionär ist das nicht. Muss es aber auch nicht sein. F.A.M. wollen den Deathgrind nicht neu erfinden – sie wollen ihn möglichst wirkungsvoll gegen die Stirn des Hörers donnern.
ZWANZIG JAHRE UND NOCH IMMER KEINE LUST AUF SCHONGANG
F.A.M. steht für Furor Arma Ministrat und gehört seit inzwischen mehr als zwei Jahrzehnten zum polnischen Deathgrind-Untergrund. Gegründet wurde die Formation 2005 von Darek Młody und Stoker, die damals bereits durch Dissenter einschlägig vorbelastet waren. Auf die EP »Panzergrind« folgte 2007 das Debüt »Bullet(in)«, später unter anderem »Human Cargo« und 2019 »Fascinated About Mortality«.
Zwischen den Veröffentlichungen wurde fleißig auf Bühnen gewütet. F.A.M. standen unter anderem mit Napalm Death, Suffocation, Incantation, Defeated Sanity, Benighted, Fleshcrawl und Rotten Sound auf der Bühne. Dass Darek Młody und Nelek außerdem bei Squash Bowels aktiv sind beziehungsweise waren, passt ins Bild: Hier stehen keine Neulinge im Proberaum, die gerade festgestellt haben, dass man eine Gitarre auch tiefer stimmen kann.
Für »Pleasure Of Torture« ging es erneut ins PanzerStudio in Myszków. Das Ergebnis klingt entsprechend nicht nach klinisch desinfiziertem Hochglanz-Death-Metal. Die Produktion ist massiv und druckvoll, lässt aber genügend Rauheit stehen, damit der Grindcore-Anteil nicht unter einer zehn Zentimeter dicken Schicht digitaler Politur erstickt.
DER VORSCHLAGHAMMER BRAUCHT KEIN INTRO
»Dismembered Identity« verzichtet auf größere Vorwarnungen. F.A.M. müssen keinen zweiminütigen Horrorsoundtrack voranstellen, damit jeder versteht, dass gleich etwas Unangenehmes passiert. Die Band geht unmittelbar zur Sache und legt damit gleichzeitig die Grundformel des Albums fest: schnelle Deathgrind-Attacken, tief sitzende Gitarren, wuchtiges Schlagzeug und Vocals, die irgendwo zwischen gutturalem Death-Metal-Grollen und aggressiverem Grindcore-Gebrüll liegen.
Schon hier zeigt sich die wichtigste Qualität der Platte. Aufgebaut auf einem soliden Fundament aus Bass und Gitarren besitzt die Musik trotz der hohen Geschwindigkeit genügend Gewicht. F.A.M. rasen nicht einfach kopflos durch ihre Songs. Immer wieder wird das Tempo kurz heruntergezogen, ein schwereres Riff in den Raum gestellt und anschließend wieder beschleunigt.
»Agony Becomes Divine« bringt dieses Prinzip noch prägnanter auf den Punkt. Mit 2:23 Minuten ist das Stück kurz genug, um keinen Gedanken unnötig auszuwalzen, aber lang genug, um mehr als eine einzelne Grindcore-Attacke zu sein. Death Metal bildet den Körper, Grindcore liefert die Nervosität und das Schlagzeug sorgt dafür, dass niemand zu lange in irgendeiner vermeintlich sicheren Geschwindigkeit verweilen darf.
Nelek und Miras liefern dabei keine Gitarrenarbeit, die sich permanent mit technischen Kunststücken wichtigmachen muss. Die Riffs funktionieren in erster Linie körperlich. Sie sollen drücken, schneiden und antreiben. Genau das gelingt.
ZWISCHEN NAPALM DEATH UND DER SCHLACHTBANK
Die musikalischen Koordinaten sind relativ schnell abgesteckt. Wer Napalm Death, Nasum, Terrorizer, Brutal Truth, Lock Up oder die grindigere Seite von Carcass regelmäßig durch die Anlage jagt, wird sich auf »Pleasure Of Torture« nicht verlaufen.
Allerdings bewegen sich F.A.M. nicht ausschließlich im klassischen Grindcore. Immer wieder schiebt sich deutlich schwererer Brutal Death Metal in die Songs. Dadurch besitzen Nummern wie »Living Behind My Eyes« oder »Perverse Devotion« mehr Masse, als es bei einer reinen Hochgeschwindigkeitsveranstaltung der Fall wäre. Gelegentliche beinahe slamartige Bremsmanöver verlagern die Gewalt von hektischem Dauerfeuer hin zu kontrollierten Schlägen in die Magengrube.
Das macht einen wesentlichen Teil des Reizes aus. F.A.M. beherrschen sowohl das schnelle Zerschneiden als auch das langsame Zerquetschen. Der Unterschied ist ungefähr der zwischen einer Kettensäge und einer Hydraulikpresse – für das betroffene Material geht beides eher ungünstig aus.
Besonders »Perverse Devotion« funktioniert deshalb gut als Visitenkarte des Albums. Der Song bringt die unterschiedlichen Seiten der Band kompakt zusammen und zeigt, dass brutaler Deathgrind nicht zwangsläufig nur auf maximalem Tempo funktionieren muss.
RITUALE, SCHMERZ UND KEINE VERSPROCHENE ERLÖSUNG
Mit »Rituals Of Obsession« und »Pain Protocol« bleibt der thematische Wortschatz ungefähr so freundlich wie ein Operationssaal nach Stromausfall. Das Album kreist um Gewalt, psychische Abgründe, Schmerz, Obsession und die dunkleren Seiten menschlichen Verhaltens.
Musikalisch gewinnen gerade die mittleren Stücke dadurch, dass das Schlagzeug nicht ausschließlich eine einzige Geschwindigkeit kennt. Darek Młody verteilt Blastbeats und Doublebass dort, wo sie Wirkung entfalten, und lässt den Gitarren an anderer Stelle genügend Platz, damit schwere Rhythmusfiguren auch wirklich einschlagen können.
Das ist wichtig, denn ein Album wie »Pleasure Of Torture« könnte sehr leicht in eine knapp dreißigminütige Dauerwurst aus Blastbeats und Growls kippen. F.A.M. verhindern das größtenteils durch Tempowechsel und kurze stilistische Verschiebungen.
Ganz vermeiden können sie das Problem allerdings nicht.
Je länger das Album läuft, desto deutlicher erkennt man die Grundbausteine. Raserei, kurzes Abbremsen, schweres Riff, nächster Angriff. Die Band variiert dieses Prinzip geschickt, aber eben nicht grenzenlos. Nach fünf oder sechs Stücken weiß man ungefähr, mit welchen Werkzeugen der Folterkoffer gefüllt ist.
TOTEN AUGEN ENTGEHT NICHTS
»Dead Eyes…Still Watching« gehört schon aufgrund seines Titels zu jenen Nummern, die wunderbar in das morbide Gesamtbild passen. Auch musikalisch bleibt F.A.M. ihrer Linie treu: kein atmosphärischer Ausflug, keine zehnminütige Progressive-Death-Metal-Reise und ganz sicher kein Akustikgitarren-Intermezzo.
Stattdessen wird weiter verdichtet. Die Rhythmussektion besitzt einen massiven Unterbau, über dem die Gitarren ihre sägenden Figuren ausbreiten. Jacob wiederum behandelt Sprache weniger wie melodisches Material als wie eine zusätzliche perkussive Waffe. Seine Stimme verstärkt Rhythmus und Aggression, statt sich mit einem klassischen Refrain über die Instrumente zu legen.
Genau dort funktioniert der Gesang hervorragend. Differenzierte Charakterstudien darf man allerdings nicht erwarten. Jacob besitzt die passende gutturale Gewalt für das Material, bewegt sich aber bewusst innerhalb eines engen extremen Ausdrucksbereichs.
Das passt zur Musik, trägt jedoch ebenfalls dazu bei, dass einzelne Songs nicht immer sofort voneinander unterscheidbar sind. F.A.M. schreiben keine Platte für Menschen, die nach dem ersten Durchlauf jeden Refrain mitsingen möchten. Die Wirkung entsteht eher aus Rhythmus, Masse und der Gesamtdynamik.
DIE KLANGBÜHNE IM HÖRRAUM IST EINE PRESSE
Die Klangbühne im Hörraum fällt kompakt und druckvoll aus. Gitarren und Schlagzeug stehen relativ eng beieinander und erzeugen dadurch die gewünschte Wand, ohne dass die einzelnen Instrumente komplett in einem undefinierbaren Brei verschwinden. Gerade bei Deathgrind ist das keine Selbstverständlichkeit.
Darek Młodys Schlagzeug besitzt genügend Attack, um sich auch bei hoher Geschwindigkeit durchzusetzen. Die Bassdrums drücken ordentlich, während die Snare hart genug durch das Klangbild schneidet, ohne nach billigem Plastiktrigger zu klingen. Die Becken bleiben hörbar, übernehmen aber nicht die vollständige obere Hälfte des Frequenzspektrums.
Die Gitarren sind breit, tief und rau. Man hört die Verzerrung nicht nur als homogene Fläche, sondern kann einen Großteil der Riffarbeit nachvollziehen. Der Bass ordnet sich stärker unter, sorgt aber gemeinsam mit dem Schlagzeug für das notwendige Fundament.
Auch der Gesang sitzt sinnvoll im Mix. Jacob steht deutlich vorne, ohne die Gitarren vollständig zu verschlucken. Gerade weil die Instrumentierung trotz der Aggression lesbar bleibt, entwickelt »Pleasure Of Torture« mehr Wirkung als zahlreiche völlig überkomprimierte Brutal-Death-Produktionen.
Wer allerdings eine besonders natürliche, dynamische Aufnahme erwartet, ist im falschen Schlachthaus gelandet. Das Album will drücken. Entsprechend liegt der Pegel dauerhaft hoch und leise Nuancen gehören nicht unbedingt zur Geschäftsordnung.
DIE ZWEITE HÄLFTE BEISST WEITER
»Delight Of Agony«, »Predator Awareness« und »I Am The Monster« verändern das Rezept nicht plötzlich, bringen aber genügend Energie mit, damit das Album kurz vor Schluss nicht einbricht. Gerade die Spielzeit erweist sich hier als Vorteil. Mit weniger als einer halben Stunde wissen F.A.M., wann sie den Raum besser wieder verlassen sollten.
Eine zusätzliche Viertelstunde nach demselben Muster hätte vermutlich dafür gesorgt, dass sich die Wirkung deutlich abschwächt. So bleibt der Angriff kompakt.
Trotzdem offenbart gerade die zweite Albumhälfte den größten Schwachpunkt. Die handwerkliche Qualität bleibt hoch, doch wirklich eigenständige Wiedererkennungsmerkmale zwischen jedem einzelnen Stück sind begrenzt. Wer nur gelegentlich Deathgrind hört, dürfte nach dem Durchlauf Schwierigkeiten haben, spontan zu sagen, welches Riff nun aus »Pain Protocol« und welches aus »Predator Awareness« stammt.
Für Genre-Fans ist das weniger dramatisch, weil der Reiz stark in den Feinheiten von Rhythmus, Tempo und Riffstruktur liegt. Trotzdem trennt genau dieser Punkt ein sehr gutes Album von einem wirklich herausragenden.
OFIARA – EIN GRUSS AN DEN POLNISCHEN UNTERGRUND
Zum Schluss wenden sich F.A.M. mit »Ofiara« den Landsleuten von Necrophil zu. Das Cover fügt sich erstaunlich selbstverständlich in das Album ein und wirkt nicht wie irgendein Bonus, der nach Fertigstellung noch schnell auf die CD geworfen wurde.
Ohnehin besitzt »Pleasure Of Torture« eine deutliche Verbindung zur polnischen Extrem-Metal-Tradition. F.A.M. kommen nicht aus dem Nichts. Musiker der Band waren beziehungsweise sind in zahlreichen anderen Formationen aktiv, und die Geschichte reicht inzwischen über zwei Jahrzehnte zurück.
Dabei bleibt das Album angenehm frei von dem Versuch, plötzlich modern wirken zu müssen. Keine elektronischen Effekte, kein künstlich aufgeblasenes Orchester und keine Deathcore-Breakdowns, die offensichtlich nur darauf warten, als zehnsekündiger Clip in sozialen Netzwerken zu landen.
Stattdessen gibt es Death Metal und Grindcore. Schnell, roh, schwer und ohne Entschuldigung.
BRUTAL, ABER NICHT BLINDWÜTIG
Genau darin liegt die größte Stärke von »Pleasure Of Torture«. F.A.M. klingen kompromisslos, aber nicht orientierungslos. Die Band weiß ziemlich genau, welche Art von Album sie machen möchte und verschwendet keine Zeit mit Experimenten, die nicht zum eigenen Sound passen.
Dass die Platte dadurch konservativ wirkt, lässt sich allerdings ebenfalls nicht vollständig wegdiskutieren. Wirklich Neues lernt der Deathgrind auf »Pleasure Of Torture« nicht. Wer Napalm Death, Nasum, Terrorizer, Lock Up und diverse Brutal-Death-Bands seit Jahrzehnten im Regal stehen hat, wird hier keine vollkommen unbekannte Spezies entdecken.
F.A.M. gleichen diesen Mangel an Innovation durch Präzision, Energie und Glaubwürdigkeit aus. Die Riffs sitzen, das Schlagzeug walzt und rast gleichermaßen überzeugend, und Jacob besitzt genau die Stimme, die dieses Material benötigt.
Hinzu kommt die passende Länge. 29 Minuten sind für diese Art Musik nahezu ideal. Das Album sagt, was es sagen möchte, verteilt seine Schläge und verschwindet anschließend wieder. Kein unnötiges Intro, kein achtminütiges Outro und keine drei halbfertigen Bonustracks, nur damit auf dem Cover unbedingt „45 Minuten Spielzeit“ stehen kann.
FOLTER MIT HANDWERKLICHER PRÄZISION
Die beiden extremen Pole des Albums funktionieren am besten: auf der einen Seite das völlig entfesselte Grindcore-Tempo, auf der anderen die schweren Death-Metal-Passagen, in denen F.A.M. genügend Platz lassen, damit ein Riff tatsächlich Gewicht entwickeln kann.
Weniger überzeugend wird es dort, wo mehrere Songs unmittelbar hintereinander mit ähnlichen Zutaten arbeiten. Die Platte ist abwechslungsreicher, als der erste Eindruck vermuten lässt, aber eben nicht so abwechslungsreich, dass jeder einzelne Titel eine vollständig eigene Identität entwickelt.
Das ist allerdings Jammern auf einem ziemlich blutverschmierten Niveau. Denn sobald »Pleasure Of Torture« läuft, funktioniert die Platte körperlich hervorragend. Kopf und Fuß werden automatisch in Bewegung gesetzt, während die Anlage versucht, aus dem Wohnzimmer einen kleinen Club irgendwo zwischen Breslau und einem illegal betriebenen Schlachthof zu machen.
F.A.M. beweisen damit vor allem eines: Man muss extremen Metal nicht neu erfinden, wenn man die vorhandenen Werkzeuge verdammt gut bedienen kann.
FAZIT:
»Pleasure Of Torture« ist ein kurzer, brutaler und hervorragend gespielter Deathgrind-Angriff, bei dem F.A.M. zwischen Grindcore-Raserei, massivem Death Metal und kurzen slamartigen Bremsmanövern genau die richtige Menge Abwechslung finden. Die druckvolle, aber angenehm raue Produktion und die starke Rhythmusarbeit sorgen dafür, dass die knapp dreißig Minuten ordentlich einschlagen, auch wenn sich einige Songs strukturell etwas zu ähnlich sind und echte Innovationen ausbleiben. Wer Napalm Death, Nasum, Terrorizer oder Lock Up mag und einfach einen hervorragend ausgeführten Tritt ins Gesicht sucht, darf sich trotzdem ziemlich genüsslich foltern lassen.






