Tracklist
01. The Spiral Echoes [Intro]
02. Hate Spells
03. Towards Nothingness
04. Cursed Abominations
05. Where the Shadow Awakes
06. Esoteric Struggle
07. Shadows From Hell
08. Pantheon of Suffering
09. Tower of Endless Nights
Besetzung
High Priest C.W. – Gitarre
The Whisperer of Night – Gesang
Petros P. – Bass
George K. – Schlagzeug
Black Metal ist etzadla auch in Griechenland Krieg! Heute an diesem Freitag erscheint mit »Between Sleep and Death« das neue Album der Athener Ceremonial Worship über Eternal Death. Die 2016 von High Priest C.W. gegründete Formation ist inzwischen zu einem Quartett angewachsen und verbindet auf neun Titeln die rituelle Schwere des hellenischen Black Metal mit nordischer Kälte, hypnotischen Wiederholungen und einer Produktion, die eher nach einem feuchten Keller als nach einem klimatisierten Hochglanzstudio klingt. Wer bei griechischem Black Metal ausschließlich an Rotting Christ, Varathron oder Necromantia denkt, bekommt hier eine deutlich rauere Auslegung serviert. Statt großer Melodiebögen herrschen kantige Riffs, stoische Rhythmen und eine Atmosphäre, die sich langsam um die Hörerschaft schließt. Das ist nicht immer abwechslungsreich, besitzt aber jene unangenehme Beharrlichkeit, die zu einem Album zwischen Schlaf, Albtraum und Tod verdammt gut passt.
EIN ALBTRAUM IM RETROGEWAND
Bevor der erste Ton erklingt, fällt bereits das Artwork auf. Das kommt genial retro rüber und ist einfach mal etwas anderes. Statt des nächsten schwarz-weißen Waldes, einer verfallenen Ruine oder vier kaum erkennbarer Gestalten im Nebel setzt »Between Sleep and Death« auf eine farbige, bewusst altmodisch wirkende Illustration. Das Cover könnte ebenso gut auf einem vergessenen Horrorroman, einem okkulten Fantasybuch oder einer obskuren Metalplatte aus den Achtzigern zu finden sein.
Gerade deshalb bleibt es hängen. Das Motiv vermittelt nicht einfach nur Dunkelheit, sondern eine eigenartige Mischung aus Traum, Gefahr und längst vergangener Zeit. Die Gestaltung passt hervorragend zum Albumtitel und zu einer Musik, die zwischen wacher Wahrnehmung und fiebrigem Dämmerzustand pendelt. In einem Genre, dessen visuelle Gestaltung inzwischen häufig denselben Friedhof zum hundertsten Mal umrundet, ist dieser Griff zur farbigen Retroästhetik ausgesprochen willkommen.
Auch innerhalb der Bandgeschichte markiert das Album einen neuen Abschnitt. Ceremonial Worship wurde ursprünglich als Soloprojekt von High Priest C.W. gegründet. Nach mehreren EPs, der 2021 veröffentlichten Split mit Omenfilth sowie den beiden 2022 erschienenen Langspielern »Ode to Dionyssus« und »Seven Gateways to Eternal Misanthropy« wurde die Besetzung 2025 neu aufgestellt.
The Whisperer of Night, der bereits auf der EP »Esoteron« zu hören war, kehrte als Sänger zurück. Mit Petros P. am Bass und George K. am Schlagzeug wurde aus dem bisherigen Projekt eine vollständige Band. Diese Veränderung ist hörbar. Das Material wirkt geschlossener, körperlicher und an mehreren Stellen beinahe martialisch, ohne dabei die eigentümliche Handschrift von High Priest C.W. zu verlieren.
DIE SPIRALE ÖFFNET SICH
»The Spiral Echoes [Intro]« zieht die Hörerschaft zunächst in einen knapp vierminütigen Zwischenraum. Das Intro ist keine überflüssige Geräuschkulisse, die lediglich Zeit schinden soll. Es öffnet das Tor zu jener Traumwelt, in der sich das gesamte Album bewegt. Dunkle Flächen und unheilvolle Töne bauen langsam Spannung auf, bevor »Hate Spells« den eigentlichen Angriff beginnt.
Der erste vollständige Song legt bereits einen Großteil der musikalischen Grundregeln fest. Scharfkantige Gitarren treffen auf einen stoischen Rhythmus, während The Whisperer of Night seine Stimme wie einen Fluch über das Arrangement legt. Sein Gesang ist kein tiefer Todesgrunzer und auch kein kreischender Dauerton ohne Kontur. Das Organ klingt wund, heiser und verbraucht. An einigen Stellen erinnert diese Art des Vortrags an frühen schwedischen Black und Death Metal.
High Priest C.W. setzt nicht auf eine schnelle Folge möglichst vieler Riffs. Stattdessen werden einzelne Figuren lange wiederholt und nur schrittweise verändert. Dadurch entsteht ein Sog, der weniger über Überraschungen als über Beharrlichkeit funktioniert. Die Gitarren scheinen um denselben Mittelpunkt zu kreisen, während Bass und Schlagzeug den Kreis immer enger ziehen.
Das hat eine hypnotische Wirkung. Gleichzeitig zeigt sich hier bereits die größte Schwäche des Albums. Wer von einem Song alle dreißig Sekunden einen neuen Übergang, ein Solo oder einen deutlichen Tempowechsel erwartet, wird mit »Hate Spells« seine Schwierigkeiten haben. Ceremonial Worship wollen nicht ständig unterhalten. Sie wollen eine Stimmung so lange festhalten, bis sich der Hörer ihr entweder ergibt oder entnervt aussteigt.
AUF DEM WEG INS NICHTS
»Towards Nothingness« verbindet die griechische Herkunft der Band besonders deutlich mit der Kälte der skandinavischen Schule. Die Gitarren besitzen jene erhabene Dunkelheit, für die hellenischer Black Metal bekannt ist, werden jedoch wesentlich roher und spröder gespielt. Zwischen den Riffs blitzen melancholische Melodien auf, die dem Song Tiefe geben, ohne ihn in melodischen Black Metal zu verwandeln.
Die Komposition erinnert stellenweise an die eigensinnige Seite alter Thou Art Lord oder Vorphalack, während einige melodische Wendungen auch in Richtung früher Emperor blicken. Daraus entsteht jedoch keine bloße Ansammlung fremder Einflüsse. Ceremonial Worship nehmen diese Bestandteile auseinander und setzen sie in ihrer eigenen, deutlich ruppigeren Ordnung wieder zusammen.
Petros P. ist dabei wichtiger, als es der zunächst dünn wirkende Klang vermuten lässt. Sein Bass folgt nicht einfach nur den Gitarren, sondern verleiht dem Material ein körperliches Gewicht. Gerade in den langsameren Passagen verhindert er, dass die Kompositionen vollständig in atmosphärischem Nebel verschwinden. Man hört nicht jederzeit jede einzelne Note, spürt aber, dass unter den Gitarren etwas arbeitet.
Mit »Cursed Abominations« wird die Stimmung finsterer und unmittelbarer. Die verschlungenen Riffs erinnern an die unheilvolle Seite von Necromantia, ohne deren Klang einfach zu kopieren. Die Gitarren winden sich durch die Strophen, während das Schlagzeug den Song mit erstaunlich geradlinigen Schlägen zusammenhält.
Hier funktioniert die Wiederholungsstrategie besonders gut. Kleine Veränderungen in Betonung und Gitarrenführung reichen aus, um das zentrale Motiv am Leben zu erhalten. Der Song wirkt wie eine Beschwörung, bei der jede Wiederholung denselben Satz ausspricht, ihn aber mit größerer Überzeugung in den Boden hämmert.
WENN DER SCHATTEN ERWACHT
»Where the Shadow Awakes« gehört zu den beweglicheren Nummern des Albums. Zwischen dem schwarzmetallischen Grundgerüst tauchen kurze Thrash-Metal-Spuren auf. Die Anschläge werden härter, der Rhythmus direkter und für einen Moment klingt es, als wolle die Band ihren eigenen Ritualkreis verlassen, um schlicht die Köpfe abzuschrauben.
Diese Ausbrüche bringen Abwechslung, fügen sich jedoch nicht vollständig in den restlichen Song ein. An einigen Stellen wirken die Wechsel eher angesetzt als natürlich entwickelt. Trotzdem ist es richtig, dass Ceremonial Worship hier etwas riskieren. Ohne solche Abweichungen würde die konsequente Wiederholung der vorherigen Stücke langsam in Gleichförmigkeit umschlagen.
George K. spielt das Schlagzeug schnörkellos und mit beinahe militärischer Härte. Seine Arbeit besteht nicht aus technischen Kunststücken, sondern aus kontrolliertem Druck. Manche Schläge wirken bewusst mechanisch und der Klang der Trommeln bleibt stellenweise erstaunlich flach. Das kann zunächst steril erscheinen, verstärkt aber auch den Eindruck einer unaufhaltsamen Prozession.
Mit »Esoteric Struggle« wird das Tempo erneut gestrafft. Der Song ist kompakter als die ersten Stücke und verzichtet auf lange Umwege. Die Gitarren setzen ein zentrales Motiv, der Bass schiebt von unten und der Gesang klingt, als würde jemand mit letzter Kraft gegen eine unsichtbare Macht anbrüllen.
Gerade diese Kürze tut dem Album gut. Das hypnotische Element bleibt erhalten, wird aber in eine Form gezwungen, die schneller auf den Punkt kommt. »Esoteric Struggle« besitzt nicht die stärkste Einzelmelodie der Platte, erfüllt innerhalb des Ablaufs jedoch eine wichtige Aufgabe: Der Song verhindert, dass das Album in seiner eigenen Atmosphäre einschläft.
SCHATTEN AUS DER HÖLLE
»Shadows From Hell« ist eine der kürzesten Nummern und arbeitet erneut mit einem stark wiederholten Gitarrenmotiv. Die Musik klingt weniger wie ein ausformulierter Bericht als wie ein Gedanke, der sich nicht mehr aus dem Kopf vertreiben lässt. Der Gesang taucht aus dem Hintergrund auf, greift nach dem Riff und verschwindet wieder in der rauen Produktion.
Was auf dem Papier schlicht erscheint, entwickelt durch das Zusammenspiel der Musiker eine beachtliche Spannung. Petros P. hält den Untergrund in Bewegung, während George K. das Tempo nicht unnötig beschleunigt. Die Band versteht, dass Härte nicht ausschließlich aus Geschwindigkeit entsteht. Manchmal genügt es, einen einzigen Rhythmus lange genug durchzuziehen, bis er bedrohlich wird.
»Pantheon of Suffering« trägt bereits im Titel die Verbindung aus griechischer Bildsprache und menschlichem Leid. Musikalisch gehört das Stück zu den stärksten Momenten der zweiten Albumhälfte. Die Gitarren wirken feierlich und beschädigt zugleich. Eine beinahe majestätische Melodie erhebt sich kurz über den Lärm, wird jedoch sofort wieder von rauen Akkorden und dem gequälten Gesang verschluckt.
Hier kommt die besondere Verbindung der beiden hellenischen Black-Metal-Wellen am überzeugendsten zur Geltung. Die rituelle Schwere der frühen griechischen Szene trifft auf die kältere und aggressivere Ausrichtung von Bands wie Kawir, Legion of Doom oder Nocternity. Der Song klingt traditionsbewusst, aber nicht wie eine historische Vorführung.
Den Abschluss bildet »Tower of Endless Nights«. Statt eines großen Finales mit künstlich aufgeblasener Dramatik bleibt die Band ihrem eingeschlagenen Weg treu. Die Gitarren kreisen erneut, das Schlagzeug marschiert und The Whisperer of Night klingt, als würde seine Stimme langsam von den Mauern des titelgebenden Turms verschluckt.
Der Song endet ohne versöhnliche Auflösung. Das passt. Ein Album namens »Between Sleep and Death« benötigt kein Licht am Ende des Ganges. Es soll den Hörer in jenem Zustand zurücklassen, den es zuvor aufgebaut hat: halb wach, halb gefangen und keineswegs sicher, ob die gehörten Geräusche tatsächlich schon verstummt sind.
ROH, ABER NICHT KONTROLLOS
Die Produktion ist schmutzig, fern und ausgesprochen altmodisch. Trotzdem handelt es sich nicht um eine zufällig schlecht klingende Aufnahme. Die Gitarren dürfen schneiden, der Gesang wird nicht künstlich geglättet und das Schlagzeug besitzt jene trockene Härte, die zum martialischen Auftreten der Band passt.
Besonders in den schnelleren Abschnitten entsteht der Eindruck, vier Musiker stünden gemeinsam in einem kleinen Raum und würden den Zuhörer direkt an die Wand spielen. Gleichzeitig bleibt genug Kontrolle erhalten, damit die zentralen Riffs nicht vollständig in Rauschen und Becken verschwinden. Das Album klingt roh, aber nicht unfertig.
Lediglich das Schlagzeug hätte stellenweise mehr Tiefe vertragen. Die gleichförmige Abbildung der Trommeln lässt einige Übergänge mechanischer erscheinen, als sie vermutlich gespielt wurden. Auch der Bass könnte an mehreren Stellen deutlicher hervortreten. Seine Linien geben den Songs Gewicht, werden im Mix jedoch häufig von den Gitarren verdeckt.
Die wichtigste tontechnische Entscheidung betrifft den Gesang. The Whisperer of Night steht nicht sauber und deutlich vor der Band, sondern ist Teil des allgemeinen Klangnebels. Dadurch gehen einzelne Worte unter, doch seine Stimme wirkt umso stärker wie ein weiteres Instrument. Er erzählt keine Geschichte von außen, sondern klingt, als wäre er selbst in dieser Musik eingeschlossen.
HYPNOSE ODER STILLSTAND?
Die größte Stärke von »Between Sleep and Death« ist zugleich sein größtes Problem. Ceremonial Worship vertrauen vollständig auf Atmosphäre, Wiederholung und langsam aufgebaute Spannung. Wenn dieses Konzept funktioniert, besitzen die Songs eine beinahe körperliche Wirkung. Die Riffs graben sich ein und die Musik entwickelt jenen tranceartigen Sog, den viele technisch anspruchsvollere Produktionen niemals erreichen.
Allerdings ähneln sich mehrere Stücke in Aufbau und Dynamik deutlich. Zentrale Gitarrenfiguren werden lange wiederholt, während Schlagzeug und Bass nur behutsam auf Veränderungen reagieren. Das passt zum rituellen Charakter, führt über die gesamte Spielzeit aber zu Ermüdungserscheinungen. Besonders in der Albummitte hätte ein deutlicher Tempowechsel, ein unerwarteter Bruch oder eine stärker ausgearbeitete Melodie zusätzliche Spannung erzeugen können.
Das bedeutet nicht, dass die Songs schlecht geschrieben wären. Die Band verfolgt ihre Idee lediglich so konsequent, dass sie manche Hörer damit verlieren wird. Wer sich auf Wiederholungen einlassen kann und Black Metal nicht als Sammlung möglichst vieler Riffs versteht, findet hier zahlreiche starke Momente. Wer ständig nach dem nächsten Höhepunkt sucht, dürfte hingegen feststellen, dass dieser Turm ziemlich viele gleich aussehende Stufen besitzt.
Positiv bleibt, dass Ceremonial Worship nicht versuchen, die großen Namen ihrer Heimat nachzustellen. Die Griechen kennen die Geschichte ihrer Szene, greifen jedoch bevorzugt nach deren weniger offensichtlichen Seiten. Daraus entsteht ein Album, das klar als hellenischer Black Metal erkennbar bleibt und trotzdem eine eigene, unangenehm abstrakte Wirkung entfaltet.
FAZIT:
»Between Sleep and Death« ist ein rohes und eigenwilliges Black-Metal-Album, das seine Wirkung nicht durch große Überraschungen, sondern durch Beharrlichkeit entfaltet. High Priest C.W. führt die Gitarren mit kalten, verschlungenen und teilweise erstaunlich majestätischen Riffs an, während Petros P. und George K. für ein stoisches, beinahe martialisches Fundament sorgen. Über diesem Untergrund klingt The Whisperer of Night nicht wie ein gewöhnlicher Sänger, sondern wie eine gequälte Stimme aus einem halb vergessenen Albtraum. Besonders »Hate Spells«, »Towards Nothingness«, »Cursed Abominations« und »Pantheon of Suffering« zeigen, wie überzeugend die Band griechische Black-Metal-Tradition, skandinavische Kälte und hypnotische Wiederholungen verbinden kann. Gleichzeitig hätte das Album von mehr dynamischen Veränderungen und einer größeren strukturellen Vielfalt profitiert. Einige Riffs werden so lange umkreist, dass aus Hypnose gelegentlich Stillstand wird. Die rohe Produktion unterstützt die Atmosphäre, könnte Schlagzeug und Bass jedoch räumlicher und deutlicher abbilden. Dafür kommt das Artwork genial retro rüber und ist einfach mal etwas anderes – ein farbiger Blickfang, der zwischen den üblichen schwarz-weißen Genreverbrechen sofort auffällt. Ceremonial Worship erfinden den hellenischen Black Metal nicht neu, liefern aber ein ehrliches, finsteres und charakterstarkes Album für Hörer ab, die sich lieber langsam in eine Spirale ziehen lassen, als an der Oberfläche nach dem nächsten Refrain zu suchen.






