Band: Destroy My Brains 🇨🇦
Titel: WILT
Label: Independent / Self-Released
VÖ: 14.08.2026
Format: CD / Digital
Genre: Sludge Metal / Doom Metal / Stoner Metal

Tracklist

01. OCI (Obsessive Compulsive Imploder)
02. Burn The Virgin
03. Decontribute
04. Avulsion
05. Downgrade
06. Spill
07. WILT

Besetzung

Jarret Beach – Gitarre, Gesang
Jadan Paluck – Schlagzeug, Samples
Chase Shorter – Gitarre
Rob Hayman – Bass

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Meine Fresse, ist das zähflüssig – und zwar im besten Sludge-Sinne! Destroy My Brains schleppen auf ihrem fünften Studioalbum »WILT« keine filigranen Luftschlösser aus dem Verstärker, sondern kippen knapp eine Stunde lang tonnenschwere Riffs, Doom, Sludge, Hardcore-Wut und gelegentliche Death-Metal-Ausbrüche mitten in den Hörraum. Hinter der musikalischen Abrissbirne steckt dabei weit mehr als stumpfes Gebolze: Missbrauch, Sucht, psychischer Zerfall, Selbstzerstörung und der Versuch, die Folgen alter Traumata irgendwie zu verarbeiten, bilden den roten Faden einer Platte, die unangenehm sein will und auch unangenehm ist. Das Ergebnis ist wuchtig, aufrichtig und stellenweise richtig stark – allerdings auch ein Album, das seine guten Ideen manchmal länger spazieren führt, als ihnen guttut.

Albumplaylist:

AM ENDE VERWELKT ALLES

Hinter »WILT« steckt eine nette, wenn auch reichlich düstere Langzeitidee. Bereits »Worthless«, »InsignifiCan’t«, »Lifeless« und »Tormented« wurden so benannt, dass ihre Anfangsbuchstaben zusammen W-I-L-T ergeben. Das neue Album setzt nun den Schlusspunkt unter diesen über Jahre aufgebauten Zyklus und macht aus dem Begriff gleichzeitig sein finales Kapitel.

Die musikalische DNA hat sich deswegen nicht plötzlich vollkommen verändert. Wer Destroy My Brains bisher verfolgt hat, findet weiterhin jenen enorm schweren Doom- und Sludge-Unterbau, der unweigerlich Erinnerungen an Crowbar, Eyehategod, Acid Bath oder Buzzov•en hervorruft. Gleichzeitig steckt auf »WILT« deutlich mehr Bewegung, als der erste Eindruck vermuten lässt. Hardcore-Ausbrüche, Death-Metal-Schärfe, vereinzelte Blastbeats, psychedelisch verschobene Momente und beinahe progressive Songstrukturen sorgen dafür, dass sich dieses Monstrum eben nicht ausschließlich im Zeitlupentempo durch den Morast bewegt.

Mit »OCI (Obsessive Compulsive Imploder)« wird gar nicht erst lange angeklopft. Das Ding tritt die Tür ein. Ein verzerrter Auftakt kippt in massive Gitarrenwände, während Jadan Paluck hinter dem Schlagzeug ziemlich eindrucksvoll demonstriert, dass Sludge nicht automatisch bedeuten muss, jeden Schlag mit der Geschwindigkeit eines tektonischen Plattenwechsels auszuführen.

Gerade Paluck entwickelt sich schnell zu einer der wichtigsten Figuren des Albums. Seine Drums drücken, treiben und stolpern kontrolliert durch die Arrangements, setzen unerwartete Akzente und bringen immer wieder Bewegung in die ansonsten tonnenschwere Materie. Stellenweise arbeiten die Doublebass-Figuren derart vehement gegen das restliche Klangbild, dass man kurz überprüfen möchte, ob der Subwoofer noch dort steht, wo er vor Beginn des Albums stand.

BETONRIFFS MIT OFFENEN WUNDEN

Aufgebaut auf einem soliden Fundament aus Bass und Gitarren entfaltet »Burn The Virgin« anschließend die epischere Seite der Band. Über zehn Minuten nimmt sich die Nummer Zeit, Spannung aufzubauen, Riffs auszuwalzen und immer neue Schichten aufeinanderzustapeln. Gerade die Gitarren von Jarret Beach und Chase Shorter zeigen hier, wie effektiv Destroy My Brains mit simplen Mitteln arbeiten können.

Denn technisch überladen wird hier gar nichts. Vielmehr geht es um Gewicht. Ein gutes Riff muss nicht mit 183 Noten pro Sekunde erklären, wie gut sein Gitarrist spielen kann. Manchmal muss es einfach so klingen, als würde gerade ein Kühlschrank aus Beton die Treppe hinunterfallen. In solchen Momenten sind Destroy My Brains verdammt effektiv.

Aber bereits hier zeigt sich eine der Schwächen von »WILT«: Die Band trennt sich nur sehr ungern von ihren Ideen. Wo sieben oder acht Minuten vollkommen ausreichen würden, werden noch ein Intro, eine weitere Wiederholung und ein zusätzlicher Spannungsbogen angehängt. Das erzeugt einerseits jene monumentale Wirkung, von der Doom und Sludge leben, andererseits verliert manches Riff durch die ständige Wiederholung irgendwann seine ursprüngliche Schlagkraft.

»Decontribute« funktioniert diesbezüglich deutlich besser. Inhaltlich geht es tief hinein in Abhängigkeit, Selbstzerstörung und den völligen Verlust von Kontrolle über das eigene Leben. Die Band romantisiert diesen Absturz nicht, sondern zeichnet ihn als hässlichen, destruktiven Prozess. Musikalisch treffen schleppende Gitarren auf härtere Groove-Passagen, während Rob Haymans Bass immer wieder angenehm deutlich aus dem Untergrund nach vorne drückt.

Das ist ohnehin eine Qualität dieses Albums: Der Bass darf Bass sein. Er wird nicht irgendwo unter drei Gitarrenspuren verbuddelt, sondern arbeitet hörbar am Gesamtgewicht der Platte mit. Gerade »Decontribute« und später »Downgrade« profitieren enorm davon.

WENN DER SLUDGE PLÖTZLICH DIE ZÄHNE ZEIGT

Mit »Avulsion« schlagen Destroy My Brains anschließend eine aggressivere Schneise. Doom und Sludge bleiben das Grundgerüst, doch das Schlagzeug drückt die Musik immer wieder in Richtung Extreme Metal. Das Resultat besitzt eine beinahe körperliche Gewalt: Gitarren schieben, Bass und Kick treten von unten und Jarret Beach keift darüber, als hätte ihm gerade jemand persönlich den letzten Rest Hoffnung aus dem Körper geprügelt.

Sein Gesang dürfte allerdings der Punkt sein, an dem sich die Geister am deutlichsten scheiden. Beach besitzt keine warme, voluminöse Doom-Stimme und auch keinen klassischen Death-Metal-Growl. Stattdessen herrscht ein hohes, heiseres, bisweilen beinahe hysterisches Schreien vor.

Das funktioniert hervorragend, wenn die Musik ebenfalls kurz vor dem Kollaps steht. Über längere Strecken kann dieser Vortrag allerdings ermüden, weil Dynamik und Klangfarbe der Vocals begrenzt bleiben. Die emotionale Glaubwürdigkeit steht außer Frage – ein bisschen mehr Variation hätte der Platte trotzdem gutgetan.

Dann kommt »Downgrade«.

Und plötzlich sitzt alles deutlich kompakter.

Die Nummer benötigt keine zehn Minuten, um ihre Wirkung zu entfalten, sondern marschiert mit einem herrlich schmutzigen Bass, punkiger Direktheit und einem Riff los, das sich ziemlich schnell in der Hirnrinde festfrisst. Inhaltlich erzählt das Stück von Manipulation, Drogenabhängigkeit und einem Menschen, der einen anderen gezielt mit in den Abgrund zieht. Entsprechend unangenehm klingt die gesamte Nummer.

Gerade diese vergleichsweise kompakte Struktur macht »Downgrade« zu einem der stärksten Stücke des Albums. Hier wird deutlich, wie gut Destroy My Brains sein können, wenn sie ihren Sound verdichten und einem starken Riff nicht zwangsläufig einen zehnminütigen Anbau verpassen.

DIE KLANGBÜHNE STEHT UNTER DRUCK

Produktionstechnisch besitzt »WILT« Licht und Schatten. Die Klangbühne im Hörraum ist breit genug, um Gitarren und Bass voneinander unterscheiden zu können, gleichzeitig aber bewusst massiv und dicht gehalten. Hier soll nichts luftig schweben. Diese Platte möchte drücken.

Der Bass besitzt ordentlich Körper, die Gitarren liefern eine fette, tief gestimmte Wand und insbesondere die Toms haben einen angenehm physischen Charakter. Wenn die Band einen Groove findet und alle Instrumente gemeinsam nach vorne schieben, entwickelt das Album eine enorme Wucht.

Problematischer ist die Gewichtung des Schlagzeugs. Vor allem die Kick sitzt stellenweise derart weit vorne, dass sie Gitarren und Bass regelrecht aus dem Weg tritt. Bei »OCI« funktioniert dieser brachiale Ansatz noch ziemlich gut, über die gesamte Spielzeit wird er allerdings anstrengend. Manchmal möchte man den Gitarren einfach fünf Zentimeter mehr Platz im Mix spendieren.

Auch die Produktion wirkt nicht über sämtliche sieben Stücke hundertprozentig homogen. »Spill« erscheint rauer und ungeschliffener als einige vorherige Nummern. Für Sludge ist das natürlich kein Kapitalverbrechen – sterile Hochglanzproduktion wäre bei diesem Material sogar kontraproduktiv –, trotzdem dürfte ein etwas ausgewogeneres Mastering die Wirkung der Instrumente noch steigern.

56 MINUTEN ABWÄRTSSPIRALE

Mit »Spill« taucht die Platte endgültig in ihre persönlichsten und unangenehmsten Regionen ein. Missbrauch, Angst und die langfristigen Folgen davon stehen im Zentrum. Musikalisch nimmt sich das Stück erneut fast zehn Minuten Zeit und setzt eher auf Atmosphäre und stetige Eskalation als auf unmittelbare Eingängigkeit.

Das funktioniert emotional, aber auch hier stellt sich irgendwann die Frage, ob jede Passage tatsächlich ihre volle Länge benötigt. »WILT« ist mit knapp 56 Minuten kein absurd langes Album, fühlt sich durch die vielen ausladenden Kompositionen allerdings länger an.

Der abschließende Titeltrack bringt schließlich alles zusammen. »WILT« verarbeitet die Auswirkungen früher Verletzungen auf das spätere Leben und kreist um die Angst, selbst genau jene zerstörerischen Verhaltensmuster weiterzutragen, unter denen man zuvor gelitten hat. Das ist schwere Kost und weit entfernt von irgendeinem oberflächlichen „Alles ist scheiße“-Nihilismus.

Musikalisch wird daraus noch einmal ein gewaltiger Sludge-Brocken. Zähe Gitarren wechseln mit härteren Ausbrüchen, das Schlagzeug stemmt sich mit aller Kraft gegen die Langsamkeit und der Bass hält die komplette Konstruktion zusammen. Über fast zwölf Minuten wächst der Song zu einem passenden Schlusspunkt dieses Zyklus.

Aber auch hier gilt: Etwas Straffung hätte nicht geschadet.

Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zwischen einem sehr guten und einem herausragenden Destroy My Brains-Album. Die Band besitzt Riffs, Atmosphäre, eine fantastische Rhythmusgruppe und genügend emotionale Substanz. Was ihr manchmal fehlt, ist jemand im Proberaum, der irgendwann den Finger hebt und sagt: „Jungs, das war jetzt geil – und deshalb wiederholen wir es nicht noch viermal.“

ZERSTÖRTE HIRNE, STARKE RIFFS

Trotz dieser Kritik sollte man »WILT« keinesfalls auf seine Überlängen reduzieren. Das Album besitzt Persönlichkeit. Man nimmt Destroy My Brains jede Sekunde ab, dass hinter diesen Stücken keine kalkulierte Genreübung steckt.

Hier wird nichts auf „authentisch“ getrimmt. Das Material klingt verletzt, wütend, frustriert und stellenweise regelrecht ausgebrannt. Genau dadurch entsteht jene emotionale Schwere, die gute Sludge-Platten von bloßen Sammlungen tief gestimmter Gitarren unterscheidet.

Besonders Jadan Paluck und Rob Hayman sorgen mit Schlagzeug und Bass für ein mächtiges rhythmisches Rückgrat, während Jarret Beach und Chase Shorter genügend Riffs aus den Verstärkern schieben, um mehrere Abrissunternehmen mit Arbeit zu versorgen. Highlights wie »OCI (Obsessive Compulsive Imploder)«, »Decontribute« und besonders »Downgrade« zeigen, wie stark diese Kombination werden kann.

Das Artwork von Naufal Awly fügt sich dabei hervorragend in den Klangkosmos ein. Verfall, Kreatur, Tod und eine beinahe sumpfige Hässlichkeit passen zu einer Platte, die sich thematisch und musikalisch permanent durch die dunkelsten Ecken menschlicher Selbstzerstörung bewegt.

FAZIT:

»WILT« ist ein schweres, ehrliches und riffstarkes Sludge-Monster, auf dem Destroy My Brains besonders mit ihrer hervorragenden Rhythmusgruppe, massiven Gitarren und kompromissloser emotionaler Intensität überzeugen. Die stellenweise überlangen Arrangements, Jarret Beachs auf Dauer recht einförmiger Schreigesang und ein Mix mit einer bisweilen übermächtigen Kick verhindern allerdings den ganz großen Wurf. Wer auf Crowbar, Eyehategod, Acid Bath oder Buzzov•en steht und 56 Minuten musikalischen Betonmischer verträgt, sollte dieses hässliche Viech trotzdem definitiv aus dem kanadischen Untergrund ziehen.

Destroy My Brains – Downgrade

Internet

Destroy My Brains - WILT - Album Review

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