Band: Saprovore 🇮🇹
Titel: Numinous Abditory Deflagration
Label: I, Voidhanger Records
VÖ: 07.08.2026
Format: CD / Digital
Genre: Industrial Black Metal / Blackened Death Metal / Avantgarde Metal

Tracklist

01. Transverberation
02. Suturing Emptiness
03. Sibilantum
04. Chalice Of Spectral Residue
05. Eidolic Transfiguration
06. Threnody Pt.I (Hushed-Born)
07. Threnody Pt.II (Exequial Dirge)
08. Aethermourn
09. Anfractuous Void Bloom
10. Abysmal Rupture Of The Anamnestic Firmament

Besetzung

Saprovore – Komposition, Gesang, sämtliche Instrumente, Aufnahme, Mix und Mastering

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Uiiii eine Mischung aus Industrial- und Black Metal? Klingt zunächst, als hätten sich eine durchgedrehte Fabrikhalle und ein norwegischer Wald nach Mitternacht zu einer ausgesprochen ungesunden Zusammenarbeit verabredet. Tatsächlich verbindet das italienische Soloprojekt Saprovore auf »Numinous Abditory Deflagration« peitschende Drumcomputer, dissonante Gitarren, verzerrte Schreie, finstere Synthesizer und Spuren von Death Metal zu einer klaustrophobischen Reise durch kosmische Leere, spirituelle Verwesung und metaphysische Abgründe. Das Ergebnis klingt wie eine schwarze Messe, die nicht in einer alten Kapelle, sondern im Maschinenraum eines sterbenden Raumschiffs abgehalten wird. Zugänglich ist das ganz sicher nicht, doch wer sich auf dieses eigensinnige Klangexperiment einlässt, bekommt eine Platte geboten, die ebenso faszinieren wie zermürben kann.

Albumplaylist:

ZWEI ALBEN IN EINEM KREATIVEN FIEBER

Hinter Saprovore steht ein italienischer Musiker, der auch als Hauptkomponist sowie Sänger und Gitarrist von Strigiform tätig ist. Deren Debüt »Aconite« erschien 2025. Mit seinem Soloprojekt lässt er den ohnehin ungewöhnlichen Black Metal dieser Band weit hinter sich und taucht noch tiefer in Industrial, elektronische Klangverformung und psychotische Dissonanzen ein.

»Numinous Abditory Deflagration« ist bereits das zweite vollständige Saprovore-Album des Jahres 2026. Nur wenige Monate zuvor erschien »Unuttered Aporetic Omen« über die eigene Bandcamp-Seite. Beide Werke entstanden innerhalb von weniger als zwei Monaten in einem geradezu manischen Kreativschub. Das erklärt die rohe Unmittelbarkeit, aber auch einige der Schwächen des neuen Materials.

Nach eigener Aussage verfolgte Saprovore diesmal einen bewussteren und stärker ausgearbeiteten Ansatz. Jedes Instrument soll innerhalb des Gesamtbildes eine klarere Aufgabe übernehmen, während die symphonischen Elemente stärker hervortreten. Dieser Vorsatz lässt sich durchaus hören. Die Musik wirkt nicht sauber oder leicht durchschaubar, aber kontrollierter als eine zufällig zusammengeschobene Geräuschcollage.

Inhaltlich kreist das Album um kosmische Leere, Seele, Wesen und das zwiespältige Verhältnis des Menschen zum Spirituellen und Erhabenen. Schon der sperrige Titel weist in diese Richtung: Etwas Verborgenes und Numinoses, also Ehrfurchtgebietendes oder geistig Unerklärbares, gerät in eine explosive Verbrennung. Auf musikalischer Ebene bedeutet das, dass sakral wirkende Synthesizer von industriellen Rhythmen und schwarzer Raserei aufgefressen werden.

WENN DIE MASCHINE DAS FLEISCH DURCHBOHRT

»Transverberation« eröffnet die Platte ohne längere Vorwarnung. Ein mechanisch stampfender Rhythmus trifft auf dissonante Gitarren und Synthesizer, die weniger nach einem warmen Orchester als nach einer beschädigten Kirchenorgel im luftleeren Raum klingen. Die Drums rasen mit industrieller Präzision, während verzerrte Schreie und Growls tief im Klangbild lauern.

Der Titel bezeichnet ursprünglich eine mystische Erfahrung, bei der das Herz oder die Seele sinnbildlich von einem göttlichen Pfeil durchbohrt wird. Saprovore verwandelt diese Vorstellung in einen gewaltsamen inneren Vorgang. Geistige Erleuchtung fühlt sich hier nicht tröstlich an, sondern wie eine Verbrennung, die von innen durch Fleisch und Bewusstsein dringt.

Musikalisch gehört der Opener zu den stärksten Stücken des Albums. Die Synthesizer besitzen eine klare melodische Funktion, das Schlagzeug hält den Song mit maschineller Härte zusammen und die Gitarren erzeugen beständigen Druck. Trotz des überladenen Sounddesigns bleibt erkennbar, wohin sich die Komposition bewegt. Diese Orientierung geht im späteren Verlauf nicht immer so deutlich hervor.

»Suturing Emptiness« setzt den eingeschlagenen Weg fort, wirkt aber stärker in sich gekehrt. Leere, Trauer und ein unzugänglicher innerer Ort bestimmen die Atmosphäre. Der Song klingt, als würde jemand versuchen, ein kosmisches Loch mit schwarzem Draht zu vernähen, obwohl längst klar ist, dass es sich nicht schließen lässt.

Aufgebaut auf einem soliden Fundament aus verzerrter Gitarre, synthetischem Bassdruck und programmierten Rhythmen entsteht eine nahezu undurchlässige Klangwand. Die Synthesizer schweben darüber wie giftiger Nebel, während der Gesang tief in Hall und Verzerrung versinkt. Das ist wirkungsvoll, lässt dem Hörer aber kaum Luft zum Atmen.

ZWISCHEN SCHLANGENZUNGE UND SPEKTRALEN RESTEN

»Sibilantum« fällt etwas roher aus. Zischende Klangfarben, rasende Tremologitarren und ein beinahe ununterbrochen arbeitender Drumcomputer erzeugen einen nervösen Sog. Der Text reiht Begriffe von Verfall, innerer Zerrüttung und nahendem Ende aneinander. Statt eine Geschichte zu erzählen, formt Saprovore kurze Bilder, die wie beschädigte Meldungen aus einem sterbenden Bewusstsein wirken.

Hier zeigt sich allerdings auch ein grundlegendes Problem des Albums. Die Stücke verwenden häufig ähnliche Mittel: lang gezogene Synthesizer, stark komprimierte Drums, dissonante Gitarren und sparsam eingesetzte, beinahe gleichförmig verzerrte Vocals. Wer nur nebenbei zuhört, kann deshalb schnell die Orientierung verlieren. Die Grenzen zwischen den Kompositionen verschwimmen, obwohl die einzelnen Klangfarben durchaus interessant sind.

»Chalice Of Spectral Residue« findet wieder einen prägnanteren Zugang. Das Stück besitzt mehr rhythmische Bewegung und erlaubt Schlagzeug und Bass in einem kurzen Zwischenteil, sich von der übrigen Klangwand abzusetzen. Dieser Moment wirkt fast körperlich, weil die Produktion für einen Augenblick nicht sämtliche Frequenzen gleichzeitig belegt.

Inhaltlich wird der Kelch zum Gefäß für die Überreste einer verlorenen oder beschädigten Existenz. Heiligung und Entweihung stehen nebeneinander, während eine erhoffte Transzendenz statisch aufgehoben bleibt. Die Seele erhebt sich nicht, sondern hinterlässt lediglich Rückstände. Das passt hervorragend zur kalten Produktionsweise, in der jedes menschliche Element durch elektronische Verzerrung gezogen wird.

»Eidolic Transfiguration« gehört ebenfalls zu den stärkeren Nummern. Die Transformation führt hier nicht zu einer höheren Lebensform, sondern zu einem geisterhaften Nichtkörper aus Staub, Schmutz und den Ablagerungen einer verletzten Seele. Die Gitarren wirken besonders schleppend und krank, während die Synthesizer eine unheilvolle Größe erzeugen.

Gerade in diesem Song funktioniert die Verbindung aus Black und Death Metal mit Industrial besonders gut. Die elektronischen Elemente begleiten die metallischen Instrumente nicht bloß, sondern bestimmen deren gesamte Wirkung. Das klingt nicht wie eine Metalband mit nachträglich eingefügtem Keyboard, sondern wie eine Maschine, die gelernt hat, Black Metal zu spielen.

EINE TOTENKLAGE AUS DEM MASCHINENRAUM

Mit »Threnody Pt.I (Hushed-Born)« öffnet sich erstmals ein größerer Freiraum. Das kurze Instrumental nimmt die Geschwindigkeit zurück und lässt eine unheimliche, ambientartige Keyboardfigur in den Vordergrund treten. Nach der dichten ersten Hälfte wirkt dieser Moment beinahe erholsam – sofern man eine verlassene Weltraumkathedrale als erholsam empfindet.

Der zweite Teil, »Threnody Pt.II (Exequial Dirge)«, führt die Totenklage in erheblich schwererer Form weiter. Verlorene Seelen, ausgelöschte Erinnerungen und versteinerte Schreie bilden den lyrischen Hintergrund. Die Musik zieht das Tempo wieder an, behält aber einen zeremoniellen Charakter. Die programmierten Drums schlagen wie eine automatisierte Prozession, während die Synthesizer ein digitales Requiem anstimmen.

Diese Zweiteilung sorgt für einen dringend benötigten dynamischen Kontrast. Die Platte zeigt hier, dass ihr Konzept nicht ausschließlich über maximale Verdichtung funktionieren muss. Gerade die leiseren und reduzierteren Passagen verstärken das Grauen, weil sie der Atmosphäre genügend Platz lassen, um sich zu entfalten.

»Aethermourn« vertieft diesen Ansatz. Das Stück beschäftigt sich mit Einsamkeit, inneren Kathedralen und der Vorstellung, ganze Welten aus dem eigenen Bewusstsein heraus zu erschaffen. Musikalisch ist es stärker von Ambient und psychedelischen Klangflächen geprägt. Die Melancholie tritt klarer hervor, ohne die kosmische Kälte des Albums zu durchbrechen.

Leider bleibt dieser Moment vergleichsweise kurz. Etwas mehr Raum für solche Stücke hätte der Dramaturgie gutgetan. Die elektronischen Flächen besitzen genügend Ausdruckskraft, um auch ohne ununterbrochene Raserei Spannung zu erzeugen. Sobald Saprovore den Lärm zurücknimmt, werden jene Details hörbar, die innerhalb der großen Klangwand gelegentlich verloren gehen.

DIE LEERE BEGINNT ZU BLÜHEN

»Anfractuous Void Bloom« beschreibt eine verschlungene Blüte des Nichts. Der Text arbeitet mit Begriffen aus Biologie, Geometrie und metaphysischer Spekulation. Prozesse des Erstarrens, Verzweigens und Wachsens werden zu einem Kreislauf verbunden, in dem die Leere keine passive Abwesenheit mehr darstellt, sondern sich wie ein lebender Organismus ausbreitet.

Die Musik setzt dazu erneut auf hektische Drumcomputer, flirrende Synthesizer und Gitarren, die weniger traditionelle Riffs als verzerrte Bewegungsmuster erzeugen. Das Stück ist kurz und konzentriert, wirkt jedoch wie eine Zusammenfassung vieler bereits bekannter Ideen. Für sich genommen funktioniert es, innerhalb des Albums verstärkt es allerdings den Eindruck, dass sich die verwendeten Bausteine zu häufig wiederholen.

Das Finale trägt den wenig handlichen Titel »Abysmal Rupture Of The Anamnestic Firmament«. Dahinter verbirgt sich eine gewaltige, beinahe apokalyptische Vorstellung: Der Himmel als Träger von Erinnerung wird aufgerissen, während sich eine unaufhaltsame Schwärze ausdehnt und die spirituelle Ordnung des Kosmos zerstört.

Hier fährt Saprovore noch einmal alles auf. Symphonische Flächen, Industrial-Rhythmen, dissonante Gitarren und verzerrte Stimmen verschmelzen zu einem finsteren Schlussbild. Das Stück entwickelt mehr Größe als einige der vorangegangenen Nummern und gehört gemeinsam mit »Transverberation«, »Chalice Of Spectral Residue« und »Eidolic Transfiguration« zu den Höhepunkten.

Einen versöhnlichen Abschluss darf man selbstverständlich nicht erwarten. Die Platte endet, als hätte sich der Riss im Firmament endgültig geöffnet und den gesamten Klangkosmos verschluckt. Zurück bleibt keine Erkenntnis, sondern nur eine digitale Schwärze, in der die letzten Schreie langsam verhallen.

KLANGDESIGN ZWISCHEN FASZINATION UND ÜBERLASTUNG

Die Klangbühne im Hörraum ist extrem dicht, stark komprimiert und bewusst unnatürlich. Das Schlagzeug klingt nicht wie ein akustisches Instrument, sondern wie eine industrielle Anlage, die mit überhöhter Geschwindigkeit Metallteile gegeneinanderschlägt. Die Gitarren sitzen häufig hinter den Synthesizern, während der Gesang wie ein gequältes Signal aus einer beschädigten Übertragungsanlage wirkt.

Diese Produktion ist zweifellos Teil des Konzepts. Ein warmer, transparenter Metalsound würde der kosmischen Maschinenwelt von »Numinous Abditory Deflagration« einen Großteil ihrer Wirkung nehmen. Trotzdem kann die permanente Verdichtung ermüden. Wenn nahezu jeder Bereich des Klangbilds von Hall, Verzerrung und Kompression überzogen wird, verlieren einzelne Höhepunkte an Durchschlagskraft.

Besonders der Drumcomputer wird die Meinungen spalten. Seine unnachgiebige Präzision passt hervorragend zur Industrial-Seite des Albums, wirkt auf Dauer aber starr. Etwas mehr Variation bei Klang, Anschlag und Dynamik hätte manchen Stücken zusätzlichen Charakter verliehen. Gerade weil die Rhythmen häufig sehr ähnlich gemischt sind, verschwimmen die Grenzen zwischen den Songs.

Die Produktion besitzt dennoch einen starken Wiedererkennungswert. Saprovore beweist sich nicht allein als Komponist, sondern ebenso als Sound Designer. Gitarren, Stimmen, Synthesizer und künstliche Rhythmen werden nicht separat präsentiert, sondern zu einer einzigen deformierten Kreatur verbunden. Man mag diese Kreatur hässlich finden, mit einer beliebigen anderen Produktion verwechseln wird man sie kaum.

Auch das Artwork von EvM passt zu dieser Vision. Das Layout stammt von Francesco Gemelli, das Logo von STRX Art. Die auf 200 Exemplare limitierte CD erscheint als sechsseitiges Digipak und enthält die Texte. Bei einer Veröffentlichung, deren Inhalte derart stark auf abstrakten Begriffen und kosmisch-spirituellen Bildern beruhen, ist das Booklet tatsächlich hilfreich.

EINE PLATTE, DIE SICH NICHT BELIEBT MACHEN WILL

Die extrem gegensätzlichen Reaktionen auf dieses Album sind nachvollziehbar. Wer in den wiederkehrenden Rhythmen, Synthesizern und Verzerrungen eine hypnotische Methode erkennt, wird von der geschlossenen Atmosphäre regelrecht eingesogen. Wer klar unterscheidbare Songs, griffige Riffs und dynamische Spannungsbögen erwartet, dürfte die Platte dagegen schnell als monoton und überladen empfinden.

Beide Sichtweisen besitzen ihre Berechtigung. Numinous Abditory Deflagration ist weder ein misslungenes Geräuschexperiment noch das uneingeschränkte Meisterwerk, das manche begeisterte Stimmen darin erkennen. Es handelt sich um ein mutiges, eigenständiges Werk mit starken Momenten, dessen kompromisslose Ästhetik gleichzeitig zur größten Stärke und deutlichsten Schwäche wird.

Vor allem die zweite Hälfte profitiert von den atmosphärischen Unterbrechungen. »Threnody Pt.I (Hushed-Born)« und »Aethermourn« schaffen jene Kontraste, die in der ersten Hälfte gelegentlich fehlen. Hätte Saprovore häufiger mit solchen Freiräumen gearbeitet, wären die anschließenden Explosionen noch mächtiger ausgefallen.

So bleibt eine Veröffentlichung, die bewusst an den Nerven sägt und sicher nicht für jeden Durchlauf geeignet ist. Wer jedoch Gnaw Their Tongues, Jute Gyte, die experimentelleren Werke von Blut Aus Nord oder Thantifaxath schätzt, sollte sich in diesen Maschinenraum wagen.

FAZIT:

»Numinous Abditory Deflagration« ist ein eigenwilliger, beklemmender Zusammenprall aus Industrial Black Metal, Death Metal, dissonanten Gitarren und kosmisch aufgeladenem Sounddesign. Die dichte Atmosphäre, starke Stücke wie »Transverberation« und das mächtige Finale überzeugen, während die ähnlich gebauten Songs, der starre Drumcomputer und die permanent komprimierte Produktion auf Dauer ermüden können. Kein leichtes Album und sicher keine Liebe auf den ersten Takt, aber ein faszinierender Blick in eine metaphysische Fabrikhalle, deren Maschinen garantiert nicht nach den geltenden Sicherheitsbestimmungen betrieben werden.

Saprovore – Eidolic Transfiguration

Internet

Saprovore - Numinous Abditory Deflagration - Album Review

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