Band: KYRIOS 🇺🇸
Titel: Blood Constellation
Label: Caligari Records
VÖ: 07.08.2026
Format: Cassette / Digital
Genre: Black Metal / Death Metal / Dungeon Synth / Dissonant Metal

Tracklist

01. Devour Thine Own Son
02. A Highborn Sacrifice
03. Astrophage
04. Gifts Of Khaos Gods

Besetzung

Hypatian – Gitarre, Bass, Keyboards
Satan’s Sword – Schlagzeug, Keyboards
GK Defenestrator – Gesang

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Andere Bands brauchen zehn Minuten, bis sie mit dem Intro fertig sind. KYRIOS benötigen ungefähr dieselbe Zeit, um ein paar Sterne zu verschlucken, ein keltisches Opferritual abzuhalten und anschließend wieder im kosmischen Nichts zu verschwinden. Gerade einmal 10:24 Minuten dauert »Blood Constellation«, die zweite EP der New Yorker Formation – doch gemütlich im Sessel zurücklehnen sollte man sich deshalb besser nicht. Zwischen Dungeon Synth, dissonantem Black Metal, technisch verschrobenem Death Metal und einer Atmosphäre, als wäre eine uralte Gruft versehentlich in ein schwarzes Loch geschossen worden, passiert hier in kürzester Zeit erstaunlich viel.

Sechs Jahre liegen zwischen »Saturnal Chambers« und diesem zweiten Lebenszeichen. Dabei besitzt »Blood Constellation« auch eine ausgesprochen persönliche Ebene: Die Veröffentlichung ist dem verstorbenen Trevor Strnad gewidmet, und laut Band beziehungsweise Label war es der ehemalige The Black Dahlia Murder-Frontmann, der der EP ihren Titel gab. Das macht aus dem Material jedoch keine sentimentale Gedenkveranstaltung. KYRIOS blicken vielmehr weiterhin dorthin, wo Mythologie, kosmischer Horror und musikalische Verrenkung gemeinsam in den Abgrund starren.

Albumstream:

ZEHN MINUTEN BIS ZUM ENDE DER STERNE

Dass KYRIOS aus New York kommen, hört man dem Material nicht unbedingt anhand irgendeines typischen lokalen Sounds an. Vielmehr gehört die Band zu jener Sorte Extrem-Metal-Formation, bei der Genregrenzen lediglich grobe Wegweiser darstellen. Black Metal liefert Frost, Atmosphäre und Raserei, Death Metal das Gewicht und die harmonischen Verrenkungen, während die Keyboards einen Dungeon-Synth-Nebel über die gesamte Szenerie legen.

Wer sich in der dissonanten Welt von Gorguts oder Ulcerate wohlfühlt, dürfte hier schnell Bekanntes entdecken. Auch Freunde von Imperial Triumphant, Deathspell Omega oder der sperrigeren Seite von Mayhem können problemlos andocken. KYRIOS sind allerdings keine Kopie einer dieser Bands. Vor allem der bewusst etwas eigenwillige, weniger luxuriös ausproduzierte Klang gibt dem Material einen Charakter, der eher nach unbekannter kosmischer Übertragung als nach modernem Hochglanz-Extreme-Metal klingt.

Aufgebaut auf einem soliden Fundament aus Bass und Gitarre entwickelt die Band eine Musik, die sich ständig zu verformen scheint. Akkorde stehen schief im Raum, Melodien werden nur kurz greifbar, ehe sie wieder auseinandergerissen werden, und Satan’s Sword versteht sein Schlagzeug weniger als bloßen Motor denn als Steuerzentrale für die zahlreichen Richtungswechsel. Das Resultat ist technisch, ohne nach Instrumentenmesse zu klingen, und atmosphärisch, ohne sich minutenlang im Nebel zu verlieren.

DUNGEON SYNTH ÖFFNET DIE LUFTSCHLEUSE

Mit »Devour Thine Own Son« beginnen KYRIOS zunächst überhaupt nicht metallisch. Glockenartige Klänge, flächige Synthesizer und eine leicht entrückte Atmosphäre eröffnen die EP wie den Vorspann eines vergessenen Dark-Fantasy-Films, dessen Filmrolle anschließend auf einer verlassenen Raumstation gefunden wurde. Der Dungeon-Synth-Anteil funktioniert dabei nicht als lustiges Retro-Gimmick, sondern bereitet den eigentlichen Bruch vor.

Denn nach gut einer Minute ist Schluss mit schweben. »A Highborn Sacrifice« kracht in die Szenerie und zeigt sofort, wie viel strukturierter KYRIOS ihre eigenwillige Mischung inzwischen beherrschen. Die Gitarren arbeiten mit verschobenen Akkorden, dissonanten Linien und kurzen melodischen Lichtblitzen, während darunter Bass und Schlagzeug dafür sorgen, dass das Gebilde trotz aller Verrenkungen nicht vollständig auseinanderfällt.

Gerade diese Balance ist eine der großen Stärken der EP. Das Material klingt chaotisch, ist aber nicht chaotisch gespielt. Hinter den krummen Übergängen und abrupten Bewegungen steckt eine deutlich erkennbare kompositorische Kontrolle. Man kann sich vorstellen, wie Gorguts einen Black-Metal-Song auseinandernehmen, die Einzelteile falsch herum wieder zusammensetzen und anschließend jemanden mit einem alten Synthesizer die Beleuchtung übernehmen lassen.

EIN OPFERRITUAL MIT SCHIEFEN GITARREN

Inhaltlich beschäftigt sich »A Highborn Sacrifice« mit einem archaisch beziehungsweise keltisch geprägten Opferritual. Taranis, Esus und Teutates tauchen im Text auf, ebenso Feuer, Ertränken, Blut und der Lindow Moss. Statt dieses Thema mit erwartbaren Folk-Metal-Melodien auszustatten, setzen KYRIOS auf Unsicherheit und Beklemmung. Das Ritual wird nicht romantisiert, sondern klingt gefährlich, fiebrig und fremdartig.

GK Defenestrator übernimmt dabei eine keineswegs einfache Aufgabe. Seine Vocals stehen nicht groß und dominant über dem Mix, sondern sitzen vergleichsweise weit hinten im Gesamtbild. Dadurch werden Schreie, Growls und heiseres Keifen eher zu einem weiteren Bestandteil der Atmosphäre. Manchmal muss man bewusst hinhören, um dem Gesang zu folgen, doch genau diese Distanz verleiht ihm etwas Geisterhaftes.

Das kann man allerdings auch kritisch sehen. Wer im Death Metal gerne einen Frontmann unmittelbar vor der Nase stehen hat, könnte sich etwas mehr Präsenz wünschen. Gerade in den dichtesten Passagen verschwindet die Stimme beinahe zwischen Gitarren, Schlagzeug und Keyboards. Für die Atmosphäre funktioniert diese Entscheidung hervorragend, für die unmittelbare Durchschlagskraft nicht immer.

Musikalisch überzeugt »A Highborn Sacrifice« dafür mit einer erstaunlichen Menge an Bewegung. Das Stück wechselt zwischen schleppender Schwere, nervöser Beschleunigung und regelrechten Ausbrüchen, ohne nach willkürlich zusammengeklebten Einzelteilen zu klingen. Technische Leadgitarren tauchen auf, verschwinden wieder und überlassen das Feld erneut der dissonanten Wand. Nach dreieinhalb Minuten hat man das Gefühl, deutlich länger unterwegs gewesen zu sein – hier ausnahmsweise als Kompliment gemeint.

ASTROPHAGE FRISST DAS LICHT

Noch stärker fällt »Astrophage« aus. Schon der Titel klingt nach etwas, das man besser nicht in der Nähe unseres Sonnensystems entdecken möchte, und genau diese Vorstellung setzt das Stück musikalisch um. Die Gitarren werden technischer, verwinkelter und aggressiver, während sich das Schlagzeug durch schnelle Wechsel arbeitet und immer wieder neue Impulse in die Komposition schleudert.

Hier liegt der wohl deutlichste Berührungspunkt zu Bands wie Ulcerate und Gorguts. Nicht unbedingt, weil KYRIOS exakt wie diese Formationen klingen, sondern weil Riffs weniger als abgeschlossene Blöcke funktionieren. Die Instrumente scheinen vielmehr ständig aufeinander zu reagieren. Eine Bewegung zieht die nächste nach sich, Harmonien kippen weg und einzelne Leads brechen aus dem Klangkörper hervor wie Sonneneruptionen aus einer sterbenden Oberfläche.

Textlich wird die Dimension endgültig kosmisch. Verschiedene Sonnengottheiten werden angesichts einer alles verschlingenden Macht bedeutungslos. Helios, Ra und Huitzilopochtli können nichts mehr ausrichten, während Licht und schließlich Leben selbst verschwinden. Aus menschlicher Mythologie wird kosmische Bedeutungslosigkeit – ein Thema, das perfekt zu diesem nervösen und gleichzeitig gewaltigen Stück passt.

Besonders gut funktioniert die Rhythmusarbeit. Satan’s Sword verlässt sich nicht ausschließlich auf Blastbeats, sondern nutzt Tempowechsel und Übergänge, um das Stück permanent in Bewegung zu halten. Dadurch bekommt »Astrophage« trotz aller Raserei eine fast körperliche Dynamik. Das ist keine vierminütige Hochgeschwindigkeitsgerade, sondern eine Achterbahn, deren Konstrukteur offenbar irgendwann beschlossen hat, auf Schwerkraft zu verzichten.

DIE KLANGBÜHNE IM SCHWARZEN LOCH

Die Klangbühne im Hörraum ist dicht, dunkel und bewusst etwas rau gehalten. Hypatian hat den Mix nicht steril poliert, sondern den Gitarren genügend Körnung gelassen, damit die dissonanten Akkorde auch körperlich reiben. Gleichzeitig bleiben die Keyboards hörbar und verschwinden nicht vollständig hinter dem metallischen Fundament. Das ist wichtig, weil gerade sie den räumlichen Charakter der EP definieren.

Der Bass besitzt genügend Substanz, um die Kompositionen von unten zu stabilisieren, ohne sich permanent in den Vordergrund zu drängen. Das Schlagzeug klingt direkt und lebendig, wobei insbesondere die Beckenarbeit zahlreiche Details liefert. Im Mastering hält Satan’s Sword diese unterschiedlichen Ebenen zusammen, ohne die Aufnahme übermäßig glattzubügeln.

Interessant ist vor allem der Kontrast zwischen den beiden Dungeon-Synth-Passagen und den Metal-Stücken. Sobald die Gitarren einsetzen, zieht sich der Raum zusammen. Plötzlich wirkt alles dichter und klaustrophobischer. Öffnen sich anschließend wieder die Synthesizer, entsteht erneut diese eigenartige Weite. »Blood Constellation« spielt deshalb nicht nur mit Lautstärke, sondern tatsächlich mit räumlicher Wahrnehmung.

Perfekt ist die Produktion dennoch nicht. Die zurückgesetzten Vocals wurden bereits erwähnt, und in besonders turbulenten Momenten konkurrieren zahlreiche Details gleichzeitig um Aufmerksamkeit. Einzelne Gitarrenfiguren muss man sich regelrecht aus dem Gesamtbild herausziehen. Andererseits dürfte genau das für einen Teil der Zielgruppe zum Vergnügen gehören: Diese EP möchte entdeckt und nicht beim ersten Durchgang vollständig entschlüsselt werden.

DAS ENDE KOMMT VIEL ZU FRÜH

Mit »Gifts Of Khaos Gods« verlassen KYRIOS die metallische Raserei wieder und führen zurück in den Synthesizernebel. Das Instrumental verbindet dunkle elektronische Flächen mit metallischen Texturen und wirkt wie der Abspann nach einer Katastrophe. Wo »Devour Thine Own Son« die Tür öffnete, schließt dieses Stück sie wieder.

Konzeptionell ist diese Klammer hervorragend. Zwei Dungeon-Synth-Stücke umschließen zwei Black/Death-Metal-Kompositionen und machen aus den vier Tracks tatsächlich eine kleine zusammenhängende Einheit. Das Problem liegt woanders: Kaum hat man sich richtig in diesem Universum eingerichtet, ist die verdammte EP schon vorbei.

10:24 Minuten sind wirklich verdammt wenig. Zieht man Intro und Outro ab, bleiben etwas mehr als sieben Minuten eigentliche Metal-Musik. Das ist zwar konzentriert und frei von Füllmaterial, lässt aber zwangsläufig den Wunsch nach mehr entstehen. Gerade »A Highborn Sacrifice« und »Astrophage« zeigen eine musikalische Sprache, die genügend Potenzial für deutlich längere Kompositionen besitzt.

Und hier liegt der größte Kritikpunkt von »Blood Constellation«: Nicht einzelne Ideen sind zu lang, sondern die gesamte Veröffentlichung ist zu kurz. Kaum entwickelt die Band ihre eigene Welt vollständig, zieht sie bereits den Stecker. Das spricht einerseits für die Qualität des Materials – andererseits muss eine EP sich eben auch daran messen lassen, wie vollständig sie ihre Ideen ausformuliert.

MEHR ORDNUNG IM KOSMISCHEN CHAOS

Verglichen mit dem 2020 erschienenen »Saturnal Chambers« wirkt die neue EP zielgerichteter. KYRIOS haben ihre Eigenheiten nicht entsorgt, sondern besser sortiert. Die dissonanten Akkorde, progressiven Verrenkungen, Black-Metal-Atmosphäre und Synthesizer stehen nicht mehr einfach gleichzeitig im Raum, sondern erfüllen deutlich definiertere Aufgaben innerhalb der Kompositionen.

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass »Blood Constellation« plötzlich zugänglich wäre. Wer klassische Strophe-Refrain-Strukturen, sofort erkennbare Hauptriffs oder gemütliche Melodiebögen erwartet, sollte besser woanders suchen. Diese Musik arbeitet mit Reibung. Sie will Aufmerksamkeit, belohnt diese allerdings auch mit erstaunlich vielen Details.

Besonders überzeugend ist dabei, dass die Band ihre technischen Fähigkeiten nicht zum Selbstzweck ausstellt. Die krummen Riffs und Leads dienen der Atmosphäre. Man bekommt nie den Eindruck, hier müsse noch schnell eine komplizierte Figur eingebaut werden, nur damit jeder weiß, wie gut die Beteiligten ihre Instrumente beherrschen. Technischer Anspruch und kompositorische Funktion arbeiten weitgehend gemeinsam.

Und genau deshalb wäre ein vollständiges Album inzwischen hochinteressant. Die Frage ist nicht mehr, ob KYRIOS genügend Ideen besitzen, sondern wie sich diese auf 30 oder 40 Minuten entwickeln würden. »Blood Constellation« beantwortet diese Frage leider noch nicht. Es schickt lediglich eine ziemlich überzeugende Nachricht aus dem All und bricht anschließend die Verbindung ab.

FAZIT:

»Blood Constellation« verbindet dissonanten Black und Death Metal mit Dungeon Synth zu einem eigenwilligen, technisch starken und erstaunlich geschlossenen kosmischen Ritual. Besonders »A Highborn Sacrifice« und das hervorragende »Astrophage« zeigen, wie viel Potenzial in KYRIOS steckt, während die raue Produktion und die zurückgenommenen Vocals perfekt zur fremdartigen Atmosphäre passen. Der einzige wirklich gewichtige Kritikpunkt: Nach 10:24 Minuten ist der Sternenfraß schon wieder vorbei – und diesmal wären ein paar zusätzliche Lichtjahre definitiv willkommen gewesen.

KYRIOS – Devour Thine Own Son

Internet

KYRIOS - Blood Constellation - EP Review

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