Tracklist
01. The Rabid Dead – 06:52
02. Flesh Catafalque & The Covenant Semen – 02:56
03. From Vein Into Chalice – 10:24
Besetzung
A. Thanatos – Gitarre, Gesang
TLG – Bass
V. Scorn – Schlagzeug
Totenmesse, Todesmasse oder einfach der passende Name für drei Russen, die ihre Verstärker wie geöffnete Höllenschlünde behandeln? THANATOMASS lassen solche Feinheiten lieber von anderen klären und schleudern mit »The Rabid Dead« rund 20 Minuten bestialischen Black/Death Metal aus Moskau herüber. Drei Jahre nach dem Album »Hades« gibt es weder eine freundliche Begrüßung noch einen vorsichtigen Spannungsaufbau: Drei Stücke verbinden War-Metal-Wucht, thrashende Raserei, höllisches Gebrüll und überraschend aufmerksame Riffarbeit zu einer Mini-LP, die deutlich kontrollierter ist, als ihr erster Eindruck vermuten lässt.
DREI STÜCKE, KEINE GEFANGENEN
Seit ihrer ersten Veröffentlichung arbeiten THANATOMASS an einer Musik, die häufig als bestialischer Black/Death Metal oder War Metal einsortiert wird. Das trifft die äußere Gewalt, beschreibt aber nur einen Teil des Materials. Hinter Blastbeats, sägenden Pick Scrapes und A. Thanatos’ unmenschlichem Grollen steckt ein Trio, das seine Riffs nicht bloß als Lärmquelle betrachtet. Gerade auf »The Rabid Dead« sind die Gitarrenfiguren ungewöhnlich deutlich zu erkennen.
Das dürfte innerhalb dieser Spielart beinahe als Luxus gelten. Wo andere Formationen ihre Kompositionen absichtlich in Hall, Übersteuerung und völligem Klangnebel versenken, lassen THANATOMASS Bass, Schlagzeug und Gitarre ausreichend Luft für Konturen. Sauber oder gar poliert klingt die Mini-LP deshalb noch lange nicht. Die Produktion bleibt roh und aggressiv, doch sie zwingt den Hörer nicht dazu, jedes Riff erst unter mehreren Schichten Geröll auszugraben.
Fans von Archgoat, Teitanblood, Revenge oder Black Witchery finden hier schnell vertraute Brutalität. Gleichzeitig steckt in den hastigen Thrash-Ausbrüchen noch immer etwas vom gefährlichen Überschwang alter Sarcófago und früher Sepultura. Der Unterschied liegt in der Disziplin: THANATOMASS randalieren, ohne die Orientierung zu verlieren.
DIE TOLLWÜTIGEN TOTEN STEHEN AUF
Der Titelsong benötigt keinen Anlauf. V. Scorn eröffnet das Stück am Schlagzeug, kurz darauf schiebt sich die Gitarre mit einem schweren Stoß in die Szenerie. Dann bricht das Tempo auf, Blastbeats treiben nach vorne und der Gesang klingt, als würde jemand einen Gruftdeckel von innen anschreien. Schon in den ersten Minuten wechseln THANATOMASS zwischen rasender Attacke, stampfender Schwere und kratzenden Gitarrengeräuschen.
Bemerkenswert ist, wie viele Ideen in diesen knapp sieben Minuten untergebracht werden. Die Band verlässt sich nicht auf einen einzigen Kriegsmarsch und dreht ihn anschließend immer lauter. Riffs brechen ab, neue Figuren setzen ein, Soli schießen wie unkontrollierte Funken über die Rhythmussektion. Trotzdem besitzt das Stück einen nachvollziehbaren Verlauf. Die Übergänge wirken gewaltsam, aber nicht zufällig.
A. Thanatos bewegt sich zwischen tiefem Brüllen und schärferem Keifen. Seine Stimme steht nicht elegant über dem Instrumentarium, sondern rammt sich als zusätzliche Klangschicht hinein. TLG sorgt am Bass dafür, dass die Gitarrenwechsel nicht an Gewicht verlieren. Besonders in den langsameren Passagen schiebt sich das Instrument mit einer dunklen Masse nach vorne, ehe V. Scorn wieder das Tempo anzieht.
Der Titelsong bündelt damit fast alles, was diese EP auszeichnet. Er ist wuchtig, fiebrig und dichter komponiert als viele komplette War-Metal-Veröffentlichungen. Dass man die Riffs tatsächlich verfolgen kann, nimmt ihm nichts von seiner Bosheit. Im Gegenteil: Ein erkennbares Messer ist schließlich nicht automatisch weniger scharf.
DER FLEISCHKATAFALK RAST DURCH DIE WAND
Mit »Flesh Catafalque & The Covenant Semen« folgt das kürzeste und unmittelbarste Stück. Nicht einmal drei Minuten bleiben der Band, und entsprechend wenig Zeit wird mit Atmosphäre verschwendet. Das Schlagzeug hämmert, die Gitarre kippt zwischen Black-Metal-Raserei und thrashendem Angriff, während erneut jene hohen Pick Scrapes durch den Mix schneiden, die an Revenge erinnern.
Die Kürze tut dem Stück grundsätzlich gut. Nach dem umfangreichen Auftakt funktioniert es wie eine Adrenalinspritze, bevor die zweite Vinylseite vollständig dem langen Finale gehört. Allerdings ist »Flesh Catafalque & The Covenant Semen« auch der schwächste Teil der Veröffentlichung. Einige Riffwechsel sitzen weniger zwingend, und in der Mitte wirkt die Komposition eher zusammengedrängt als wirklich verdichtet.
Gerade weil die Produktion so viel freilegt, fällt auf, wenn eine Figur nicht ganz natürlich in die nächste greift. Das ist bei dieser Musik kein dramatischer Makel – schließlich soll hier kein fein ausgeleuchteter Progressive Metal entstehen. Dennoch besitzt der Song nicht dieselbe innere Spannung wie der Titeltrack und schon gar nicht die Entwicklung des abschließenden Zehnminüters.
Was bleibt, ist ein kurzer, brutaler Schlag in die Magengrube. Als Verbindung zwischen den beiden großen Stücken erfüllt er seine Aufgabe. Allein betrachtet erscheint er eher wie ein besonders wilder Ausschnitt aus einer längeren Attacke als wie die stärkste Komposition der EP.
VON DER ADER IN DEN KELCH
»From Vein Into Chalice« nimmt die komplette zweite Hälfte von »The Rabid Dead« ein. Zehn Minuten sind für bestialischen Black/Death Metal gefährliches Terrain: Ohne erkennbare Entwicklung verwandelt sich selbst die heftigste Raserei irgendwann in ein gleichförmiges Rauschen. THANATOMASS umgehen dieses Problem mit mehreren Tempowechseln und einem Aufbau, der seine Spannung schrittweise erhöht.
Der Song wechselt zwischen groovender Schwere, fast grindcoreartiger Beschleunigung und abrupt gesetzten Riffblöcken. Langsame Passagen schaffen keine Erholung, sondern wirken wie das kurze Zurückziehen eines Hammers. Einzelne Figuren springen hart gegeneinander, doch diesmal trägt gerade diese Unruhe zur Dramaturgie bei. Je länger das Stück dauert, desto bedrohlicher zieht sich das Material zusammen.
In der zweiten Hälfte taucht sogar eine kurze epische Passage auf. Natürlich wird daraus keine pathetische Heldengeschichte; dafür klingt die Umgebung viel zu vergiftet. Doch die Band erlaubt sich einen Moment von Größe und Weite, bevor sie den Hörer wieder zwischen Schlagzeug, Bass und Gitarren zerreibt. Eine gesprochene Stimme gegen Ende verstärkt den rituellen Charakter, ohne in ein langes Outro auszuarten.
Hier zeigen THANATOMASS am deutlichsten, dass ihr Chaos eine Methode besitzt. Das Trio reiht nicht einfach zehn Minuten lang extreme Passagen aneinander, sondern steuert auf einen Höhepunkt zu. »From Vein Into Chalice« ist zugleich das abwechslungsreichste und am besten zusammengesetzte Stück der EP. Wer wissen möchte, wohin sich die Band nach »Hades« entwickeln könnte, findet hier die überzeugendste Antwort.
MEHR KONTUR IM KLANGGEWITTER
Aufgenommen wurde das Material bereits 2025 im CDM, S. Lazar übernahm das Engineering. Die Klangbühne im Hörraum bleibt eng, heiß und absichtlich unfreundlich. Das Schlagzeug sitzt vergleichsweise präsent im Zentrum, der Bass stabilisiert die unteren Frequenzen und die Gitarre schneidet mit deutlich mehr Kontur durch das Gesamtbild als auf manch früherer Aufnahme der Band.
Dieser Gewinn an Transparenz hat zwei Seiten. Einerseits lässt sich nun besser hören, wie durchdacht viele Riffs und Stop-and-go-Bewegungen tatsächlich sind. Andererseits verliert die Musik ein kleines Stück jener undurchdringlichen Bedrohung, die entsteht, wenn Gitarren nur noch als Schatten im Lärm erkennbar bleiben. THANATOMASS klingen dadurch weniger nebulös, aber keineswegs zahm.
Entscheidend ist, dass die Produktion nicht in modernes Hochglanzgewitter kippt. Becken scheppern, Gitarren kratzen und die Vocals behalten ihre monströse Tiefe. Das Trio nutzt die verbesserte Trennung nicht für sterile Präzision, sondern um den Angriff härter zu zeichnen. Wenn V. Scorn aus einem schweren Takt in die nächste Raserei springt, bleibt der körperliche Stoß erhalten.
KEINE REVOLUTION, ABER EIN STARKES LEBENSZEICHEN
Grundsätzlich erfinden THANATOMASS ihren Stil auf »The Rabid Dead« nicht neu. Wer nach »Hades« eine überraschende Wendung erwartet, bekommt stattdessen eine konzentrierte Fortsetzung. Bestialischer Black/Death Metal, Thrash-Energie und War-Metal-Rhythmik bleiben die tragenden Säulen. Neu ist vor allem, wie kontrolliert und klar einzelne Elemente ineinandergreifen.
Das reicht für eine EP mit eigenem Wert. Der Titeltrack packt ungewöhnlich viele Ideen in sieben Minuten, und »From Vein Into Chalice« beweist, dass die Band auch lange Formen beherrscht. Nur das kurze Mittelstück fällt kompositorisch etwas ab. Bei drei Songs besitzt dieser Unterschied zwangsläufig größeres Gewicht, als er auf einem vollständigen Album hätte.
Auch die Spielzeit bleibt ein zweischneidiges Schwert. 20 Minuten sind kurz genug, damit die extreme Klangsprache nicht abstumpft. Gleichzeitig ist Schluss, sobald das Trio im Finale seine interessanteste Seite vollständig geöffnet hat. »The Rabid Dead« wirkt deshalb weniger wie ein abgeschlossenes neues Kapitel als wie ein ausgesprochen überzeugender Zwischenangriff.
FAZIT:
»The Rabid Dead« liefert 20 Minuten konzentrierten Black/Death-Terror, dessen deutlichere Produktion die überraschend starke Riffarbeit von THANATOMASS endlich angemessen freilegt. Das etwas überladene Mittelstück verhindert die Höchstwertung, doch Titeltrack und insbesondere »From Vein Into Chalice« zeigen das Moskauer Trio in imponierender Form.






